
Kien Nghi Ha im Gespräch
Sexy und hip: Wie K-Pop das westliche Männerideal auf den Kopf stellt
Lange prägten koloniale Stereotype das westliche Bild ostasiatischer Männer. Heute feiern Millionen Fans K-Pop-Idole als Schönheitsideale. Kulturwissenschaftler Kien Nghi Ha erklärt im Gespräch, warum dieser Wandel bedeutsam ist, aber Rassismus nicht automatisch überwindet.
Von Vit Lê Donnerstag, 08.10.2026, 16:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 08.10.2026, 16:30 Uhr Lesedauer: 15 Minuten |
Vit Lê: Asiatische Männer galten im Westen lange als „unmännlich“. Wie ist dieses Bild historisch entstanden?
Kien Nghi Ha: Nach Indien wurde auch Südost- und Ostasien ab den 18. Jahrhundert zunehmend der kolonialen Herrschaft europäischer Nationen unterworfen. Neben Spanien, Portugal, Frankreich, den Niederlanden und auch Preußen war vor allem das britische Empire darin involviert. Später gesellten sich die USA und das westlich inspirierte Japan als Imperialmächte dazu. China, das noch von Marco Polo mythisch verklärt und als „Land der Wunder“ exotisiert wurde, wurde in diesem Prozess – neben den indischen Subkontinent – schon aufgrund seiner Größe verstärkt als das unterlegene asiatisch „Andere“ konstruiert und negativiert. Das heißt die Abwertung und Unterwerfung asiatischer Konkurrenten im Kampf um globale Ressourcen und Machtansprüche ging mit der Degradierung ihrer Kultur und ihrer als minderwertig erachteten Körperlichkeit einher. Das hatte zudem den angenehmen Vorteil, dass im Umkehrschluss der weiße Mann zur Leitnorm wurde und Normalität für sich beanspruchte und so automatisch aufgewertet wurde. Je durchdringender und gewaltiger dieser Anspruch in Form der westlichen Kolonialisierung wurde, desto stärker wurde China als „kranker Mann Asiens“ erniedrigt.
Inwiefern hängen diese Zuschreibungen asiatischer Männlichkeit mit kolonialen Machtverhältnissen und westlichen Männlichkeitsnormen zusammen?
Kien Nghi Ha, Fellow am Center for Korean Studies der Universität Tübingen, ist promovierter Kultur- und Politikwissenschaftler mit dem Forschungsschwerpunkt Postcolonial Asian German Studies. Er erhielt mehrfach Stipendien und Förderungen für seine kuratorische Arbeit und Forschungen zu postkolonialer Kritik, Rassismus und der asiatischen Diaspora und gewann den Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien. 2025 ehrte ihn das Goethe Institut als einen von 20 herausragenden vietnamesischen Deutschen. Er ist Autor und (Mit-)Herausgeber von 15 Büchern, darunter Hype um Hybridität (transcript 2005), Unrein und vermischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolonialen „Rassenbastarde“ (transcript 2010), Asiatische Deutsche Extended (Assoziation A 2012/2021) und Asiatische Präsenzen in der Kolonialmetropole Berlin (Assoziation A 2024). Derzeit editiert er Anti-Asian Racism in Transatlantic Perspectives (transcript 2026) und arbeitet als Mitherausgeber des Handbuchs Rassismus. Ein transdisziplinäres Kompendium (Springer VS, Major Reference Works, 2026) für die neue Buchreihe RACISM/SOCIETY. Transdisziplinäre Perspektiven. Instagram: dr_nghiha.
In der langen Geschichte kolonialrassistischer Hierarchisierungen wurden ostasiatische Männer situativ mit widersprüchlichen Images konfrontiert, indem sie sowohl als schwach, weiblich und einfältig und gleichzeitig auch als hinterhältig, gierig, feige und lüstern erschienen – nicht selten mit einem bedrohlichen Trieb zur Perversion und Weltherrschaft. Weitverbreitet sind auch Diskurse der Dehumanisierung und Animalisierung: Ende des 19. Jahrhundert wurden chinesische Arbeitsmigranten in den USA entindividualisiert und mit stupid-seelenlosen Maschinen oder mit massenhaften Ameiseninvasionen verglichen. Diese Feindbilder wurden durch Zeitungen weitverbreitet und schließlich durch den „Chinese Exklusion Act“ 1882 Bestand der offiziellen US-Migrationspolitik. Diese Praxis wurde 1924 durch den „Asian Exclusion Act“ verschärft und ist in dieser Form einzigartig, da keine andere „rassische“ Gruppe grundsätzlich von Einwanderung und Einbürgerung ausgeschlossen wurde. Der staatliche Rassismus, der erst in den 1960er-Jahren abgeschafft wurde, zielte darauf ab den ehrlichen weißen Arbeiter vor der vermeintlich unfairen und unmenschlichen Konkurrenz aus Asien zu schützen. Seine Wirkungsmächtigkeit konnte in diesem Fall sogar die ansonsten als heilig geltenden Leistung- und Wettbewerbsprinzipien im Kapitalismus aushebeln. Auch in Europa waren anti-asiatische und speziell anti-chinesische Bilder der „Gelben Gefahr“ im 20. Jahrhundert fundamentaler Bestandteil der Populärkultur und des politischen Mainstreams. Man braucht nicht viel Fantasie um zu erkennen, dass diese kolonialen Bilder und Ängste auch in der Gegenwart strukturell und institutionell verankert sind. Es ist zu befürchten, dass sowohl der Umgang mit asiatischen Diasporen in westlichen Einwanderungsgesellschaften als auch die globale Geopolitik weiterhin davon beeinflusst bleibt.
Der globale Erfolg von K-Pop hat asiatische Männer plötzlich sichtbar und begehrenswert gemacht. Würden Sie das als echten Bruch von alten Stereotypen beschreiben oder eher als deren Neuverpackung?
Meiner Einschätzung nach ist es noch kein Bruch, aber eine interessante und spannende Verschiebung eingefahrener Imaginationen von „ostasiatisch“ aussehenden jungen Männern. Das hat sicherlich Auswirkungen auf ihr Ansehen und ihren Stellenwert im Westen. Die Entwicklung ist zu komplex und dynamisch für eine endgültige Diagnose, so dass ich hier nur einige vorläufige Thesen und Beobachtungen teilen kann.
Asien ist ein riesiger Kontinent und wir müssen hier differenzieren, weil es im Grunde genommen keine „Asiaten“ gibt. Wenn überhaupt werden diese Menschen durch den definierenden Blick des Westens zu asiatischen Männern gemacht. Manche Betroffene, die als kleine Minderheit in westlichen Migrationsländern leben, greifen diese Kategorie im Sinne eines postkolonialen Signifying als Selbstbezeichnung auf, um sich zu solidarisieren. Sie eignen sich den Begriff an, laden ihn mit neuen Bedeutungen auf, um sich besser gegen stereotype Zumutungen wehren zu können. Dieser Begriff ist aber in erster Linie eine westliche Projektion.
Welche Rolle spielt dabei K-Pop – und die Korean Wave insgesamt?
Vit Lê ist eine österreichische Journalistin, Moderatorin und Video-Reporterin. Sie arbeitet als Editorin für Forbes Austria und schreibt darüber hinaus für Plattformen wie brutkasten. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte umfassen Wirtschaft, Start-ups, Migration und Popkultur.
K-Pop ist Teil der umfassenden Hallyu- oder Korean-Wave, die neben Musik auch Filme, Serien, Webtoon-Comics, Kulinarik, Kosmetik, Mode, Tourismus und Unterhaltungselektronik umfasst. Als hochgradig professionalisiertes kulturindustrielles Produkt mit globaler Reichweite wird diese Populärkultur seit den 1990er-Jahren gezielt aus Südkorea exportiert. Bemerkenswert ist dabei nicht nur ihr wirtschaftlicher Erfolg, sondern auch ihre symbol- und kulturpolitischen Wirkungen: Die jahrzehntelange kulturelle Dominanz Hollywoods und westlicher Popkultur wird zunehmend von ostasiatischen Kulturindustrien, vor allem aus China, Japan und Südkorea, herausgefordert – und zwar nicht nur in den Ländern des Globalen Südens, sondern ebenso in Europa wie im US-amerikanischen Heartland.
Charakteristisch für K-Pop ist die Aneignung westlicher Pop- und Hip-Hop-Ästhetiken, die mit ostasiatischen Stilformen, Bildsprachen und Performancetraditionen verbunden und zu einem eigenständigen kulturellen Format weiterentwickelt werden. Diese kulturelle Hybridisierung ist keine bloße Nachahmung, sondern eine kreative Neuinterpretation, die weltweit erfolgreich vermarktet wird.
Ähnlich wie Bollywood lässt sich auch die Hallyu-Welle als Ausdruck kultureller Selbstermächtigung verstehen. Anstatt sich primär an westlichen Märkten zu orientieren, entstanden ihre Produkte zunächst für die enormen asiatischen Absatzmärkte und deren expandierenden Mittelschichten mit ihren eigenen lokalen und regionalen Kulturbedürfnissen. Die steigende Kaufkraft dieser Zielgruppen ermöglichte erhebliche Investitionen in die Kulturproduktion und schuf zugleich die Grundlage für den späteren globalen Erfolg. Mit der internationalen Expansion ihrer Kulturindustrien etablieren sich Länder wie Südkorea zunehmend als eigenständige Produzenten, Trendsetter und wirtschaftlich einflussreiche Akteure im globalen Kulturkapitalismus.
Was bedeutet dieser kulturelle Erfolg für Vorstellungen von Geschlecht und „Rasse“?
„Diese kulturelle Fluidität bedeutet allerdings nicht, dass soziale Ungleichheiten und ethnische Diskriminierungen verschwinden.“
Im Kontext des spätmodernen Kapitalismus in der Gegenwartskultur erscheinen Kategorien wie Geschlecht und „Rasse“ zunehmend als ästhetische und performative Ressourcen, die flexibel kombiniert, inszeniert und vermarktet werden können. Diese kulturelle Fluidität bedeutet allerdings nicht, dass soziale Ungleichheiten und ethnische Diskriminierungen verschwinden. Vielmehr bleiben rassifizierende und geschlechtsspezifische Machtverhältnisse für die realen gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Betroffenen weiterhin von erheblicher Bedeutung, werden aber im Unterschied zur Vergangenheit nun im kulturellen Überbau zum flexiblen Konsum freigegeben.
Der weltweite Erfolg der K-Culture liegt nicht nur in ihrer kapitalintensiven und hochprofessionellen Produktionsweise oder ihrem extremen Unterhaltungswert. Ebenso bedeutsam ist, dass sie Vorstellungen einer post-rassistischen und geschlechtlich fluideren Zukunft kulturell sichtbar macht und damit insbesondere bei jüngeren Generationen auf große Resonanz stößt. Die dort präsentierten Körperbilder, Männlichkeitsentwürfe und ästhetischen Inszenierungen eröffnen Identifikationsangebote, die traditionelle Geschlechter- und Rassenvorstellungen überschreiten.
Bislang spricht diese Entwicklung vor allem jüngere Altersgruppen an. Jugendliche und junge Erwachsene zeigen sich gegenüber diesen kulturellen Formen besonders offen, während ältere Generationen ihnen häufig mit größerer Distanz begegnen. Die gesellschaftlichen Folgen dieser Entwicklung sind gegenwärtig noch schwer abzuschätzen. Vieles spricht dafür, dass sich hier gegenwärtig eine neue Mainstream-Populärkultur mit wachsender Reichweite herausbildet, deren langfristiger Einfluss auf Vorstellungen von Geschlecht, Ethnizität und globaler Popkultur erst in den kommenden Jahren deutlicher sichtbar werden.
Ein auffälliges Merkmal des K-Pop ist die androgyne Inszenierung vieler männlicher Idole. Welche gesellschaftliche Bedeutung hat diese Form von Männlichkeit?
„Das Androgyne überschreitet die tradierten Grenzen binärer Geschlechterordnungen.“
Im Unterschied zu herkömmlichen Bildproduktionen, die klassische Männerbilder und -themen zelebrieren, wird im K-Pop Männlichkeit vornehmlich über die Ästhetik des Flower Boy (koreanisch kkonminam) definiert. Statt stahlharter Muskeln und Einzelkämpfertum mit kantigem Charakter wird im neuen Schönheitsideal der sanften Männlichkeit der schlanke, jugendliche wie gepflegte Körper mit glatten und weichen Gesichtszügen favorisiert. Dieser Kulturwandel wertet nicht nur den androgynen Körper auf, sondern kombiniert diese mit weiblich erscheinenden Verhaltensweisen (z.B. Empathie, soziale Intelligenz, Fürsorge), Mode mit bunter weiter Kleidung und glitzernde Pailletten und Werten wie Emotionalität, Verletztlichkeit, Innerlichkeit, Kommunikation und die Suche nach Heilung. Die Androgynisierung als begehrenswerte Form feminisierter Männlichkeit, wie sie insbesondere im K-Pop inszeniert wird, stellt ein innovatives Kulturphänomen dar, das für viele nach wie vor ungewohnt ist und zugleich grundlegende gesellschaftliche Fragen aufwirft. Das Androgyne überschreitet die tradierten Grenzen binärer Geschlechterordnungen, indem es als spezifisch „weiblich“ bzw. „männlich“ codierte Merkmale miteinander verbindet und in immer neuen Konstellationen inszeniert. Auf diese Weise werden binäre, sich ausschließende Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit infrage gestellt, die historisch als Gegensatzpaar konstruiert und sozial vermittelt wurden.
Diese Entwicklung korrespondiert mit aktuellen geschlechterpolitischen Debatten, in denen geschlechtliche Vielfalt, Transidentitäten und eine diversitätsorientierte Sexualität zunehmend gesellschaftliche Sichtbarkeit und Anerkennung erfahren. Gleichzeitig ist diese Entwicklung keineswegs unumstritten. Der gegenwärtige Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen in zahlreichen liberalen Demokratien geht vielfach mit einer autoritären Reaktivierung traditioneller Geschlechternormen einher und kann als Gegenbewegung zu den Prozessen der geschlechtlichen Pluralisierung verstanden werden. Vor diesem Hintergrund erscheint die androgyn inszenierte Männlichkeit des K-Pop nicht nur als ästhetische Innovation, sondern auch als kultureller Ausdruck eines breiteren gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses über Geschlecht, Identität und kulturelle Normalität.
Was bedeutet diese Entwicklung konkret für die Darstellung ostasiatischer Männer in der globalen Populärkultur?
„Erstmals werden ostasiatische Männer in einem weltweit erfolgreichen Kulturformat als Träger von Starglamour, symbolischem Kapital, Schönheit und sexuellem Begehren inszeniert.“
Die Aufwertung männlicher Idole im K-Pop markiert einen bemerkenswerten Wandel in der globalen Populärkultur. Erstmals werden ostasiatische Männer in einem weltweit erfolgreichen Kulturformat als Träger von Starglamour, symbolischem Kapital, Schönheit und sexuellem Begehren inszeniert. Damit wird gleichzeitig das dominante westliche Stereotyp des schwachen, feminisierten und unattraktiven Ostasiaten konterkariert.
Diese Entwicklung knüpft an frühere ostasiatische Populärkulturen wie das Hongkong-Kino und den Canto-Pop der 1980er- und 1990er-Jahre an, die ebenfalls alternative Entwürfe ostasiatischer Männer hervorbrachten und ästhetisierten. Aufgrund der damaligen Distributionsstrukturen und der analogen Medienlandschaft blieb ihre internationale Reichweite jedoch deutlich begrenzter. Erst die globalen digitalen Plattformen des 21. Jahrhunderts ermöglichten es, dass asiatische Populärkulturen in einem bisher ungekannten Ausmaß weltweit zugänglich wurden.
Diese neuen Repräsentationen stehen in einem starken Spannungsverhältnis zu den lange vorherrschenden Darstellungen asiatischer Männer in westlichen Medien. Dort erscheinen sie häufig als sozial unbeholfene, wenig durchsetzungsfähige, körperlich unterlegene Außenseiter und Nerds, die einseitig technisch fixiert sind und wie Behinderte behandelt werden. Ihnen wird keine sexuelle Attraktivität oder romantische Verführungsmacht zugesprochen. Der asiatische Nerd – schüchtern, isoliert und entmaskulinisiert – fungiert nicht selten als komische oder bemitleidenswerte Nebenfigur, die die weißen Hauptprotagonisten im Abgleich umso glänzender erscheinen lassen. Für viele asiatisch-diasporische Schauspieler bildeten diese stereotypen Rollen im Westen über Jahrzehnte hinweg den engen Rahmen ihrer Darstellungsmöglichkeiten.
Wie unterscheidet sich die Entsexualisierung ostasiatischer Männer von anderen rassifizierten Männlichkeitsbildern?
„Diese Form der Entmaskulinisierung und Entsexualisierung stellt eine spezifische Ausprägung des anti-asiatischen Rassismus dar.“
Im Unterschied zu anderen rassifizierten Männlichkeitsbildern – etwa dem leidenschaftlichen „Latin Lover“ oder dem hypersexualisierten Schwarzen – wurden und werden asiatische Männer in westlichen Imaginationen nicht als Wesen mit einer eigenen Sexualität angesehen. Statt einer exzessiven Sexualisierung, die ambivalent zwischen Begehren und Bedrohung changiert, werden sie meist gänzlich entsexualisiert oder nur mit Formen eines krankhaften oder unerfüllten Liebeslebens assoziiert. Von individuellen Ausnahmen abgesehen erscheinen ostasiatische Männer weder als begehrenswerte Objekte noch als autonome Subjekte mit einer selbstbestimmten Libido, wodurch sie im Westen weitgehend außerhalb der politischen Ökonomie des sexuellen Begehrens verortet werden. Diese Form der Entmaskulinisierung und Entsexualisierung stellt eine spezifische Ausprägung des anti-asiatischen Rassismus dar. Sie verweist zugleich darauf, dass rassistische Machtverhältnisse nicht entlang einer einfachen Schwarz-Weiß-Dichotomie verlaufen, sondern durch unterschiedliche, historisch gewachsene Hierarchien, widersprüchliche Zuschreibungen und komplexe Modi der Abwertung strukturiert sind.
Welche Bedeutung hat diese Entwicklung für traditionelle Geschlechternormen in ostasiatischen Gesellschaften?
Die Aufwertung feminisierter Männlichkeit – und vereinzelt auch maskulinisierter Weiblichkeit – in Verbindung mit ostasiatischen Körper- und Schönheitsidealen stellt ein bemerkenswertes Kulturphänomen dar. Sie fordert nicht nur westlich rassifizierte Hierarchien und stereotype Vorstellungen asiatischer Männlichkeit heraus, sondern hinterfragt zugleich traditionelle, vielfach patriarchal geprägte Geschlechternormen in ostasiatischen Gesellschaften, die unter anderem durch konfuzianistische Traditionen beeinflusst wurden. Insofern eröffnet diese global ausstrahlende Entwicklung neue Perspektiven auf das Verhältnis von Geschlecht, Ethnizität und kulturelle Normen. Ob es sich dabei um einen langfristigen kulturellen Wandel oder eher um eine vorübergehende Modekonjunktur handelt, steht zur Zeit noch nicht fest und hängt von der weiteren Entwicklung ab.
Wie hängen solche Vorstellungen von Attraktivität mit der Frage zusammen, wer in Deutschland und Österreich als zugehörig gilt?
„Ostasiatisch markierte Österreicher und Deutsche sind heutzutage häufig nicht mehr in China, Japan, Korea oder Vietnam geboren, sondern zunehmend heimische Eigengewächse.“
Die Abwesenheit sexueller Subjekthaftigkeit außerhalb bzw. auf den untersten Stufen des körperlich Begehrenswerten wird durch die rassistische Ausweisung aus der nationalen Identität in diesen Ländern verstärkt, die das Fremdartige und Unvereinbare betont. Ostasiatisch markierte Österreicher und Deutsche sind heutzutage häufig nicht mehr in China, Japan, Korea oder Vietnam geboren, sondern zunehmend heimische Eigengewächse. Das rassistische Bild, dass darin einen Widerspruch sieht und diese Menschen als unzugehörig ausschließt, ist weiterhin stark ausgeprägt. Daher erfahren die davon Betroffenen immer noch wenig gesellschaftliche Anerkennung.
Welche Rolle spielen dabei soziale Herkunft und Klasse?
Männer aus armen Familien ohne hohe formale Bildung sind von sozialer Stigmatisierung betroffen. Ich verrate sicherlich kein Geheimnis, wenn ich sage, dass Heirat und Familiengründung auch immer Klassenfragen sind.
Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen kultureller Bewunderung und rassifizierender Fetischisierung?
Wie Asiatinnen beim heteronormativen Sex werden auch Asians im homosexuellen Bereich durch den dominanten weißen Blick in der Regel als Bottoms definiert. In dieser Struktur wird ihre feminin wirkende Attraktivität in klassischer Weise mit einer submissiven, dienenden und passiven Rolle verknüpft, die zur Befriedigung des dominanten Mannes angeeignet und ausgebeutet werden kann. An dieser Stelle sehen wir keinen Bruch, sondern im Sinne von Michel Foucault eine expansive Kontinuität des westlich-imperialen Sexualitätsdispositivs. Oft sind diese Konsumpraktiken mit der Rechtfertigung verbunden, dass man natürlich den Menschen sieht und diese nicht verobjektiviert. Die Gefahr der Selbsttäuschung ist auf beiden Seiten hoch, da kein Mensch außerhalb der gesellschaftlichen Macht- und kulturellen Ordnungssysteme mit ihren strukturellen Mustern und unbewussten Erwartungen steht. Das Dispositiv ist immanent in uns und bildet die verschiebbare Grenze, so dass wir innerhalb des Dispositivs zwischen Bereichen mit unterschiedlich starken Ausprägungen navigieren und unser Begehren situativ mit uns selbst sowie mit anderen aushandeln und daher häufig zu nicht vorhersagbaren Ergebnissen kommen.
„An die Stelle älterer Abwertungen treten neue Erwartungen.“
Die sexuelle und kulturelle Aufwertung des asiatischen Mannes hat weitreichende und vielschichtige Konsequenzen. Im Verhältnis zum oder zur weißen Partner/in kann dadurch eine Neuaushandlung von Geschlechterrollen und gesellschaftlich zugeschriebenen Wertigkeiten anstoßen werden. Da rassifizierte Geschlechterrollenerwartungen in westlichen Gesellschaften strukturell anders organisiert sind als beispielsweise in Ostasien, fallen auch die daraus entstehenden Dynamiken unterschiedlich aus. Von dieser Neubewertung sind jedoch nicht nur Beziehungen mit weißen Partner:innen betroffen. Auch in Mixed-Beziehungen mit anders rassifizierten Partner:innen können sich Rollenverständnisse und Machtverhältnisse situativ verschieben und neu konfigurieren.
Wie bereits die Stereotype des Latin Lovers oder des hypersexualisierten Schwarzen zeigen, birgt auch das zunehmende Begehren gegenüber dem sanften, androgynen und emotional zugänglichen asiatischen Mann die Gefahr, neue stereotype Vorstellungen hervorzubringen. An die Stelle älterer Abwertungen treten neue Erwartungen, die eng mit Konsumfantasien und spezifischen Ansprüchen an asiatischer Attraktivität und Identität verknüpft sind.
Von diesen Zumutungen sind nicht nur jene betroffen, die ihnen nicht entsprechen. Vielmehr besteht die Gefahr, dass sich das neue Stereotyp zu einem normativen Leitbild verfestigt, an der sich asiatische Männer orientieren und messen müssen, um als authentisch und wertvoll zu gelten. Dadurch entsteht ein Anpassungsdruck, der zur Selbstoptimierung anhält und individuelle Abweichungen sanktioniert. Als Folge können psychische Belastungen, Erfahrungen des Scheiterns, Selbstverletzungen sowie langfristige Traumatisierungen auftreten.
Kann „positive“ Sichtbarkeit (z.B. Begehren und Anerkennung) auch eine Form von Rassismus sein?
Ja, denn das vermeintlich positive Othering, also die Praxis der Fremdzuschreibung marginalisierter Menschen, steht häufig in Verbindung mit unbewussten Exotismen und kulturellen Klischees. Im schlimmsten Fall verdeckt sie Aneignungs- und Ausbeutungsverhältnisse, die aber als Weltoffenheit und Wertschätzung verkauft werden. Daher wäre es wichtig, von der Frage des Begehrens zur Frage der Gleichberechtigung zu kommen: Wenn Communities of Color im Gewand des multikulturellen Straßenfestes im Hintergrund für das leibliche Wohl der Mehrheitsgesellschaft sorgen sollen, während weiße Honoratioren große Sonntagsreden schwingen und tolle Visionen ausmalen, dann erinnert diese Aufgaben- und Arbeitsteilung mehr an koloniale Traditionen im Herrenhaus. So stelle ich mir zumindest nicht den Aufbruch in die gleichberechtigte und demokratische Einwanderungsgesellschaft vor. (mig) Aktuell Interview
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