
Schutzlücken
Jüdisches Leben in Deutschland: Studie zeigt Angst und Alltag
Drei Jahre nach dem Hamas-Terror hat sich der Alltag vieler Juden in Deutschland verändert. Eine Studie dokumentiert Angst und Ausgrenzung – und zeigt, wie unterschiedlich jüdische Menschen auf Israels Krieg im Gazastreifen blicken. Antidiskriminierungsbeauftragte Ataman fordert Konsequenzen.
Donnerstag, 08.10.2026, 17:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 08.10.2026, 17:24 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Ein jüdischer Vater in Deutschland weiß nicht, in welche Kita er seine Kinder schicken soll. In einer jüdischen Einrichtung fürchtet er mögliche Anschläge, in einer öffentlichen antisemitische Anfeindungen. Seine Frau hat Angst, beim Verlassen einer jüdischen Kita verfolgt zu werden. Die Familie steht vor einer Entscheidung, bei der keine der beiden Möglichkeiten Sicherheit verspricht.
Der Fall ist Teil einer bundesweiten Studie über die Auswirkungen des Hamas-Terrorangriffs vom 7. Oktober 2023 auf jüdische und israelische Menschen in Deutschland. Drei Jahre nach dem Massaker, bei dem rund 1.200 Menschen in Israel getötet und etwa 250 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt wurden, beschreibt die in Berlin vorgestellte Untersuchung eine „neue antisemitische Normalität“. Ausgrenzung und Diskriminierung gehörten für viele Betroffene inzwischen zum Alltag – in Schulen, am Arbeitsplatz und selbst im Freundeskreis.
Für die von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes geförderte Studie wurden zwischen Februar 2024 und März 2026 insgesamt 118 Menschen befragt. Die Untersuchung des Kompetenzzentrums antisemitismuskritische Bildung und Forschung in Kooperation mit der Universität Tübingen ist nicht repräsentativ, dokumentiert aber wiederkehrende Erfahrungen mit antisemitischer Ausgrenzung und deren Folgen.
Wenn selbst Freunde schweigen
Besonders schmerzhaft empfanden viele Befragte die Reaktionen ihres persönlichen Umfelds unmittelbar nach dem Terrorangriff. Eine jüdische Frau Mitte 20 berichtet, sie habe am 7. Oktober lange geweint, ihre Freunde aber dennoch wie geplant zu ihrem Geburtstag empfangen. Obwohl die Gäste von dem Anschlag und ihrer jüdischen Herkunft wussten, fragte sie bis auf eine Person niemand, wie es ihr ging.
Andere schildern, wie Bekannte die Gewalt relativierten, rechtfertigten oder unmittelbar auf die israelische Politik verwiesen. Statt Anteilnahme erlebten sie Schuldzuweisungen. Die Forschenden beschreiben einen Vertrauensverlust, der weit über einzelne Gespräche hinausreiche.
Die Folgen zeigen sich auch außerhalb des persönlichen Umfelds. Manche Befragte vermeiden es, in öffentlichen Verkehrsmitteln Hebräisch zu sprechen oder hebräische Nachrichten auf dem Handy zu lesen. Andere berichten von beruflichen Benachteiligungen, ausgebliebenen Aufträgen und sozialem Rückzug. Auch Kinder und Jugendliche lernen demnach früh, ihre jüdische Identität aus Angst vor Anfeindungen zurückzuhalten.
Die Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, zeigte sich besonders über die Folgen für Kinder besorgt. Diese lernten, „“.
Zwischen Israelkritik und Rechtfertigungsdruck
Ein wiederkehrendes Problem ist der Studie zufolge, dass jüdische Menschen für die Politik Israels verantwortlich gemacht werden. Unabhängig von ihrer eigenen Haltung würden sie als Vertreter des israelischen Staates behandelt und müssten sich für Entscheidungen seiner Regierung rechtfertigen.
Dabei zeichnet die Untersuchung ein wesentlich vielfältigeres Bild. Viele Befragte äußern Kritik an der israelischen Regierung, beklagen das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung und die Zerstörungen im Gazastreifen oder fordern ein Ende des Krieges. Einige betonen ausdrücklich, dass Mitgefühl mit den israelischen Opfern des Hamas-Terrors und Solidarität mit den Menschen in Gaza kein Widerspruch seien.
Eine in Israel aufgewachsene Interviewpartnerin, die sich selbst als antizionistisch bezeichnet, setzt sich für das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser ein. Sie fordert ein Ende des Krieges und der Blockade des Gazastreifens. Darin sieht sie auch einen Weg zur Befreiung der israelischen Geiseln.
Wie schwierig solche Positionen geworden sind, zeigen weitere Aussagen. Eine Befragte berichtet, andere Israelis hätten sie als Verräterin bezeichnet, weil sie Mitgefühl mit palästinensischen Zivilisten gezeigt habe. Wieder andere halten sich mit ihrer Kritik an Israel im nichtjüdischen Umfeld zurück. Sie befürchten, dass ihre Äußerungen zur pauschalen Verurteilung Israels benutzt werden könnten.
Die Studie macht damit ein Spannungsverhältnis sichtbar: Jüdische Menschen erleben antisemitische Anfeindungen im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt und geraten zugleich unter Druck, sich politisch eindeutig zu positionieren. Ihre eigenen Ansichten sind jedoch oft wesentlich differenzierter, als es die öffentliche Debatte vermuten lässt.
Ataman warnt vor einseitigen Schuldzuweisungen
Ataman forderte angesichts der Ergebnisse einen besseren gesetzlichen Schutz vor Diskriminierung. Wer offen jüdisch sei oder aus Israel komme, riskiere Nachteile bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, im Restaurant oder in Bildungseinrichtungen. Besonders an Schulen und Hochschulen sieht sie erhebliche Schutzlücken.
Die Bundesbeauftragte verlangt deshalb, Diskriminierung aufgrund der Staatsangehörigkeit ausdrücklich in das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz aufzunehmen. Die Studienautorinnen empfehlen darüber hinaus einen besseren Schutz vor Benachteiligungen wegen der Muttersprache sowie verbindliche Beschwerde- und Schutzmöglichkeiten.
Zugleich warnte Ataman vor „Debatten, die Antisemitismus nur in bestimmten Gruppen verorten“. Jüdinnen und Juden hätten nichts davon, wenn auf andere mit Fingern gezeigt werde. Die Studie dokumentiert Ausgrenzung in ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen. Das Problem allein bestimmten Bevölkerungsgruppen zuzuschreiben, würde den Erfahrungen der Befragten nicht gerecht. (mig) Aktuell Gesellschaft
Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.
MiGGLIED WERDEN- 25 Prüfungen, 25 Absagen Afghanen-Kurs unter Verdacht: Ignoriert Dobrindt Karlsruhe?
- „Kahlschlag“ Ministerium will unabhängige Asylberatung stark kürzen
- Return Hubs EU beschließt Abschiebezentren außerhalb Europas
- Praxischeck Mehrheit der Afghanen auf Abschiebeliste keine Straftäter
- EU-Außengrenze Ceuta Spanien räumt Flüchtlingslager und spricht von…
- PISA-Ritual Soziale Gerechtigkeit durch Bildung

