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„Die Lücken“ von Shida Bazyar © Kiepenheuer & Witsch

Rezension

Shida Bazyar und die Kunst des kollektiven Wegsehens

Shida Bazyar hat mit ihrem Roman Die Lücken den Deutschen Buchpreis 2026 gewonnen. Sie erzählt von jüdischen Familien, die aus einer Kleinstadt verschwinden, und von Bewohnern, die ihre Mitverantwortung verdrängen. Jahrzehnte später: Wiederholt sich die Geschichte? Ein hochaktueller Roman.

Von Sonntag, 11.10.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Samstag, 10.10.2026, 18:15 Uhr Lesedauer: 8 Minuten  |  

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Die Ich-Erzählerin ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Als Geist kehrt sie nach Heimesbach zurück, wo sie als Kind einer geflüchteten Familie einige Jahre gelebt hatte. Nun kann sie zwischen verschiedenen Zeiten wandern und in die Gedanken der Bewohner blicken. Oft verschwindet ihre Stimme fast vollständig hinter den vielen anderen Stimmen. Man verliert dabei leicht aus dem Blick, wer eigentlich erzählt.

Sie führt uns in die 1920er-Jahre, als jüdische Familien noch zum alltäglichen Leben der kleinen Gemeinde Heimesbach gehörten. Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus wurden diese Menschen zunehmend ausgegrenzt und enteignet. Die übrigen Bewohner fanden allerdings genügend Gründe, um ihre eigenen Entscheidungen zu rechtfertigen. Wirtschaftliche Interessen, persönliche Vorteile und gesellschaftliche Anpassung wurden zu Argumenten, mit denen sie ihr Gewissen beruhigen konnten. Sie entrümpelten gewissermaßen ihr eigenes Gewissen, indem sie alles beiseiteschoben, was nicht zu ihrem moralischen Selbstbild passte, genauso wie sie es mit den Häusern derjenigen taten, die den Ort verlassen mussten.

Nach dem Krieg verschwanden diese unbequemen Teile der Vergangenheit nicht. Sie wurden vielmehr wie alte Gegenstände in den Keller geräumt, wo sie niemand mehr sehen wollte, die aber weiterhin vorhanden waren. Die ehemaligen Täter und Mitläufer lebten in denselben Häusern und Straßen weiter, während die Erinnerung an ihre Entscheidungen zunehmend aus dem familiären und gesellschaftlichen Bewusstsein verschwand. Die bürgerliche Gemütlichkeit konnte wiederhergestellt werden, ohne dass man sich mit den Widersprüchen der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen musste.

„Derselbe Ort, aus dem einst jüdische Bewohner vertrieben worden waren, konnte Jahrzehnte später anderen Menschen Zuflucht bieten. Zugleich wurden die Neuankömmlinge erneut als Fremde wahrgenommen.“

In den 1980er- und 1990er-Jahren kamen neue Familien nach Heimesbach, darunter Geflüchtete aus dem Iran, wie die Familien Sharifi und Karimpour. Auch die Familie der Erzählerin gehört zu den Neuankömmlingen. Sie fanden sich in derselben Gemeinde wieder, teilweise in denselben Gebäuden und neben Menschen, deren Vergangenheit ihnen weitgehend unbekannt blieb. Dabei begegneten sie nicht nur Vorurteilen und Ausgrenzung, sondern auch Hilfsbereitschaft und echten Freundschaften.

Derselbe Ort, aus dem einst jüdische Bewohner vertrieben worden waren, konnte Jahrzehnte später anderen Menschen Zuflucht bieten. Zugleich wurden die Neuankömmlinge erneut als Fremde wahrgenommen. Die Menschen und ihre Lebensumstände hatten sich verändert, doch bestimmte Vorstellungen von Zugehörigkeit und Fremdheit blieben bestehen oder tauchten in neuen Formen wieder auf. Unter der aufgeräumten Oberfläche der Gemütlichkeit liegen weiterhin die unbequemen Geschichten, die man längst entsorgt zu haben glaubte.

„Wenn ein älterer Mensch diese Welt verlässt, finden wir in seinem Nachlass oft weder Pornohefte noch Relikte aus der NS-Zeit. Die Familie sorgt dafür, dass solche Dinge schon vorher beseitigt werden.“

Man erinnert sich nur ungern an die kleinen Details, die die eigene Geschichte in ein weniger angenehmes Licht rücken. Doch was im Keller liegt, ist nicht verschwunden. Irgendwann findet es jemand wieder. Eine Szene im Buch ist dabei besonders aufschlussreich. Wenn ein älterer Mensch diese Welt verlässt, finden wir in seinem Nachlass oft weder Pornohefte noch Relikte aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Familie sorgt dafür, dass solche unbequemen Dinge schon vorher beseitigt werden. Ähnlich funktioniert auch das kollektive Gedächtnis. Um die gesellschaftliche Gemütlichkeit zu bewahren, wird der Dreck regelmäßig aus der Wohnung gekehrt. Doch egal, wie gründlich man schrubbt, umbaut und entrümpelt, die Widersprüche der eigenen Geschichte hinterlassen Spuren.

Der Roman endet nicht mit einer klassischen Auflösung, bei der alle Familiengeschichten abgeschlossen und die historischen Verbrechen aufgeklärt werden. Im Epilog verlässt Bazyar die fiktive Welt von Heimesbach und stellt eine Verbindung zum realen Ort Hermeskeil im Hunsrück her, in dem sie selbst aufgewachsen ist. Sie verweist auf tatsächliche historische Spuren, darunter den jüdischen Friedhof, das nahe gelegene Konzentrationslager Hinzert und eine Ortschronik, in der die Verfolgung und Vertreibung jüdischer Bewohner beschönigt werden. Die fiktive Geschichte von Heimesbach führt uns damit zurück in die tatsächliche deutsche Vergangenheit.

„Es geht hier nicht ausschließlich um ein einzelnes historisches Geschehen, sondern um ein gesellschaftliches Muster, das sich über Generationen hinweg wiederholen kann.“

Der Roman endet gewissermaßen damit, dass die vermeintlich entrümpelte Geschichte wieder sichtbar wird. Was aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden ist, hat weiterhin materielle Spuren hinterlassen. Die Gebäude stehen noch, die Grundstücke existieren weiter, und die Menschen leben mit den Folgen historischer Entscheidungen.

Rechte Kritiker, die von einer Überdrüssigkeit gegenüber der deutschen Vergangenheit oder einem sogenannten „Schuldkult“ sprechen, könnten dem Roman vorwerfen, dass er wieder einmal den Finger in eine alte historische Wunde legt. Dabei wird übersehen, dass es hier nicht ausschließlich um ein einzelnes historisches Geschehen geht, sondern um ein gesellschaftliches Muster, das sich über Generationen hinweg wiederholen kann.

„Wir finden immer neue Worte für das, was wir nicht sehen wollen. Schließlich möchten wir uns auch morgen noch für anständige Menschen halten.“

Das Leiden anderer Menschen zu sehen, ist unbequem. Es erschüttert unseren Glauben an eine gerechte Welt, in der guten Menschen Gutes und schlechten Menschen Schlechtes widerfährt. Um dieses Weltbild aufrechtzuerhalten, neigen wir dazu, das Leiden der Opfer zu rationalisieren und ihnen selbst eine gewisse Verantwortung für ihr Schicksal zuzuschreiben. Das eigene Gewissen lässt sich leichter beruhigen, wenn man den Opfern eine Mitschuld an ihrem Schicksal geben kann.

In den Rückblicken auf Heimesbach zeigt Bazyar diesen Mechanismus. Jüdische Geschäfte wurden geschlossen und Familien verschwanden aus dem Ort. Doch statt die Verfolgung beim Namen zu nennen, suchten die Bewohner nach Erklärungen, die ihr Gewissen beruhigten. Wir finden immer neue Worte für das, was wir nicht sehen wollen. Schließlich möchten wir uns auch morgen noch für anständige Menschen halten. Aus Verfolgung wurde eine wirtschaftliche Notwendigkeit, aus Vertreibung ein scheinbar gewöhnlicher Wegzug. Selbst die damit verbundene Gewalt wurde sprachlich beschönigt, indem man lediglich von einem schweren Alltag sprach.

Neu ist diese Beschäftigung mit der bürgerlichen Doppelmoral in der deutschsprachigen Literatur keineswegs. Ein Beispiel ist Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame. Die Kleinstadt Güllen hat das Unrecht, das Alfred Ill einst Claire Zachanassian antat, weitgehend hinter sich gelassen. Als Claire zurückkehrt, werden die Bewohner nicht nur mit dieser Vergangenheit konfrontiert, sondern auch mit ihrer eigenen Bereitschaft, für wirtschaftlichen Wohlstand einen Menschen zu opfern. Sie konstruieren nach und nach eine moralische Rechtfertigung für ihre Entscheidung, bis sie sich selbst nicht mehr als Täter verstehen müssen.

Ähnliches geschieht in Max Frischs Andorra, wo ein junger Mann zum Sündenbock einer ganzen Gemeinde wird. Die Bewohner verdrehen ihre Wahrnehmung und ihre Erinnerungen, um die Welt weiterhin als moralisch geordnet betrachten zu können. In ihren nachträglichen Rechtfertigungen wollen sie sich nicht als Täter erkennen und stellen sich lieber selbst als Opfer der Umstände dar. Die Menschen beseitigen nicht ihre Schuld, sondern konstruieren eine Version ihrer Geschichte, in der sie selbst möglichst unschuldig erscheinen.

„Das Problem ab 1933 war nicht, was unsere Feinde gemacht haben, sondern was unsere Freunde gemacht haben.“

Shida Bazyar zitierte am Ende ihrer Dankesrede zum Deutschen Buchpreis Hannah Arendt: „Das Problem ab 1933 war nicht, was unsere Feinde gemacht haben, sondern was unsere Freunde gemacht haben.“

Das Zitat erinnert uns daran, wie schnell Nachbarn, Freunde und Mitschüler zu Menschen werden können, die sich an der Ausgrenzung anderer beteiligen oder sie schweigend hinnehmen. Es zeigt auch, wie leicht sich alte Denkmuster hinter neuen Euphemismen verbergen können.

Denken wir nur an die heutigen Debatten über das Stadtbild und die Vorstellung, wie eine schöne, ordentliche und möglichst ungestörte Stadt auszusehen hat. Würden bestimmte Menschen tatsächlich aus dieser Stadt verdrängt, könnte man sich nachträglich einreden, es seien ohnehin nur Dönerbuden und Friseursalons gewesen, keine richtigen, ehrlichen Geschäfte, die zudem das ästhetische Bild der Stadt gestört hätten.

„Niemand ist allein durch seine politische Haltung oder sein bisheriges Verhalten davor gefeit, sich an Ausgrenzung zu beteiligen oder schweigend zuzusehen.“

Man spricht von „Remigration“, einem beschönigenden Begriff, der dort, wo die zwangsweise Vertreibung von Menschen gemeint ist, als Euphemismus für Deportation dient. Würde man sich nicht einreden, diese Menschen seien einfach nach Hause gegangen, als wären sie nur zu lange gebliebene Gäste gewesen und keine vollwertigen Mitglieder unserer Gesellschaft? Mit den Parallelen zur Gegenwart macht Bazyar deutlich, wie schnell Menschen zu Tätern oder stillen Mitläufern werden können, wenn die gesellschaftliche Stimmung kippt. Ob links oder rechts, ob Landsmann oder jemand, der die Neuankömmlinge zuvor noch herzlich willkommen geheißen hat. Niemand ist allein durch seine politische Haltung oder sein bisheriges Verhalten davor gefeit, sich an Ausgrenzung zu beteiligen oder schweigend zuzusehen.

Würde man Jahrzehnte später ihre Habseligkeiten auf Flohmärkten finden und sich fragen, wem sie einmal gehört haben? Haben hier vielleicht Familien aus der Türkei oder dem Iran gelebt? Würde man dann nur mit den Schultern zucken und erklären, dass man sich nicht mehr genau erinnern könne? Die wirtschaftlichen Zeiten seien damals schwierig gewesen, und die Menschen seien irgendwie weggegangen. (mig) Aktuell Rezension

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