
Fragile Zugehörigkeit
Für einen zweiten Tag der Deutschen Einheit
Ein deutscher Pass schafft einen rechtlichen Status. Doch wer als deutsch wahrgenommen wird, entscheidet sich oft im Alltag. Dort zeigt sich, wie brüchig das Versprechen gleicher Zugehörigkeit ist.
Von Lea Gajić Donnerstag, 01.10.2026, 10:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 01.10.2026, 10:25 Uhr Lesedauer: 7 Minuten |
Ich bin seit Mai 2024 offiziell Deutsche. Zumindest auf dem Papier. Wenn mich jemand fragt, ob ich Deutsche bin, sage ich nie „Ja“. Ich erzähle, dass meine Eltern aus Kroatien und Bosnien kommen. Dass ich hier geboren bin. Dass ich hier zur Schule gegangen bin, hier studiere und seit fünf Jahren als Journalistin arbeite.
Mein deutscher Pass hat mein Leben nicht plötzlich verändert. Er hat aber etwas sichtbar gemacht, worüber ich vorher kaum nachgedacht hatte: Was genau bedeutet es eigentlich, deutsch zu sein?
Am 3. Oktober feiern wir die Deutsche Einheit. In der politischen Erzählung geht es dabei vor allem um Ost und West, um Mauerfall, Wiedervereinigung und das Zusammenwachsen zweier deutscher Staaten. Das ist die Geschichte dieses Feiertags. Aber Deutschland von 2026 ist längst ein anderes Land als Deutschland von 1990.
2025 lebten hier 21,8 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Das entspricht mehr als einem Viertel der Bevölkerung. In Großstädten liegt der Anteil noch deutlich höher. Deutschland ist also längst eine Einwanderungsgesellschaft. Und trotzdem wird deutsche Einheit erstaunlich selten aus dieser Perspektive erzählt. Vielleicht brauchen wir deshalb einen zweiten Tag der Deutschen Einheit. Einen Tag, an dem wir uns fragen, ob wir eigentlich wirklich einig darüber sind, wer zu diesem Land gehört.
„Was bedeutet Staatsbürgerschaft eigentlich, wenn sie immer wieder zum Gegenstand politischer Debatten wird?“
Denn mein Problem mit dem 3. Oktober ist nicht, dass wir die Wiedervereinigung feiern. Mein Problem ist, dass die Erzählung von Einheit dort häufig endet. Was ist mit den Menschen, die zwar einen deutschen Pass haben, aber trotzdem gefragt werden, wo sie „wirklich“ herkommen? Was ist mit denjenigen, deren Deutschsein an ihrem Namen, ihrer Hautfarbe oder Familiengeschichte festgemacht wird? Was ist mit Menschen, deren Aufenthaltsstatus jahrzehntelang unsicher bleibt? Und was bedeutet Staatsbürgerschaft eigentlich, wenn sie für manche Menschen als selbstverständliche Zugehörigkeit gilt und für andere immer wieder zum Gegenstand politischer Debatten wird?
Das sind keine abstrakten Fragen. Ich habe in der Grundschule erlebt, wie meine Mobberinnen „Geh mal zurück in dein Land“ in den Schnee auf Autoscheiben schrieben. Ich wurde in einem Wohnheim abgelehnt, weil man dort angeblich keine „Menschen wie mich“ haben wollte. Eine Lehrerin sagte mir, aus mir könne ohnehin keine Journalistin werden, weil Menschen mit meinem Hintergrund diesen Beruf nicht machten. Das alles prägt, auch wenn man irgendwann einen deutschen Pass bekommt.
Und genau deshalb interessiert mich die Frage, was passiert, wenn Staatsangehörigkeit nicht einfach als Schutz und Zugehörigkeit verstanden wird, sondern plötzlich mit politischen Anforderungen verbunden wird.
Deutschland diskutiert darüber, welche Voraussetzungen Menschen erfüllen müssen, um Deutsche zu werden und zu bleiben. Bei der Einbürgerung geht es längst nicht mehr nur um Sprache, Aufenthaltsdauer oder Straffreiheit. Es geht auch um politische Loyalität, um das Existenzrecht Israels und Antisemitismus und darum, welche Haltung jemand zu bestimmten politischen Fragen haben muss. Die Einbürgerung ist damit zu einem politischen Symbol geworden.
Dass ein demokratischer Staat Anforderungen an den Erwerb seiner Staatsangehörigkeit stellt, ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Die entscheidende Frage beginnt dort, wo aus Verfassungstreue eine immer weitergehende politische Erwartung wird. Wo endet das notwendige Bekenntnis zu den Grundprinzipien dieses Staates und wo beginnt eine Prüfung dessen, was jemand politisch denken oder sagen darf?
„Wer einmal eingebürgert ist, sollte nicht das Gefühl haben müssen, sein Deutschsein sei eine Art Probezeit.“
Denn wer einmal eingebürgert ist, sollte nicht das Gefühl haben müssen, sein Deutschsein sei eine Art Probezeit.
Gerade bei Menschen mit Migrationsgeschichte entsteht sonst ein merkwürdiger Widerspruch. Der Staat sagt ihnen, sie seien Deutsche. Teile der Gesellschaft sagen ihnen gleichzeitig, sie seien es nicht ganz. Und die Politik diskutiert immer wieder darüber, unter welchen Bedingungen Zugehörigkeit erworben, bestätigt oder wieder infrage gestellt werden kann.
Das ist schwer mit dem Versprechen von Gleichheit zusammenzubringen. Artikel 3 des Grundgesetzes beginnt mit einem Satz, der eigentlich ziemlich eindeutig ist: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Niemand darf wegen seiner Abstammung, seiner Heimat oder Herkunft benachteiligt oder bevorzugt werden. Das Problem ist also nicht, dass wir keine Grundlage hätten. Das Problem ist, wie selbstverständlich wir diese Grundlage tatsächlich anwenden.
„Wer in Deutschland geboren wurde, hier lebt und einen deutschen Pass besitzt, sollte nicht beweisen müssen, dass er hierhergehört.“
Wer in Deutschland geboren wurde, hier lebt und einen deutschen Pass besitzt, sollte nicht bei jeder politischen Debatte erneut beweisen müssen, dass er hierhergehört. Und trotzdem passiert genau das immer wieder.
Ein Fall, der diese Frage auf eine fast absurde Weise sichtbar macht, ist die Familie Liebl aus Siegen. Die Geschichte beginnt im deutschen Kolonialreich. 1908 heiratete der deutsche Arzt und Kolonialbeamte Friedrich Karl Georg Liebl im damaligen deutschen Schutzgebiet Togo die Togolesin Edith Kokoé Ajavon nach traditionellem Recht. Jahrzehnte später bekamen Nachfahren dieser Verbindung deutsche Pässe. 2021 wurden die Dokumente wieder eingezogen. Die Gerichte sahen die damalige Eheschließung nicht als ausreichende Grundlage dafür an, die deutsche Staatsangehörigkeit über die folgenden Generationen weiterzugeben. Die Familie wurde damit staatsangehörigkeitsrechtlich zu Ausländern beziehungsweise Staatenlosen. Der Fall ist juristisch kompliziert. Genau deshalb ist er interessant. Denn hinter den heutigen Entscheidungen steht eine koloniale Rechtsgeschichte, in der Beziehungen zwischen deutschen Männern und afrikanischen Frauen rechtlich erschwert und sogenannte „Mischehen“ von der deutschen Kolonialverwaltung zunehmend abgelehnt wurden. Eine Kleine Anfrage im Bundestag fragte deshalb 2026 ausdrücklich danach, welche Rolle diese koloniale Politik bei der damaligen rechtlichen Behandlung solcher Ehen spielte und ob Nachkommen heute noch durch diese Rechtsgeschichte benachteiligt werden.
Die Familie hatte deutsche Pässe. Sie lebte in Deutschland. Die Kinder gingen hier zur Schule. Und trotzdem wurde ihre deutsche Staatsangehörigkeit Jahrzehnte später zum Gegenstand eines Rechtsstreits über eine Ehe aus dem Jahr 1908. Genau an solchen Fällen wird sichtbar, dass Staatsangehörigkeit nicht immer so endgültig und selbstverständlich ist, wie sie auf einem deutschen Pass aussieht.
Das gilt auch für die Frage, wem der Staat Schutz und Unterstützung zukommen lässt. Ein Beispiel dafür ist die Melde- und Informationsstelle Antiziganismus, MIA. Sie dokumentiert bundesweit antiziganistische Vorfälle, unterstützt Betroffene und macht ein Dunkelfeld sichtbar, das ohne solche Strukturen kaum erfasst würde. 2024 sollten ihre Gelder um 98 Prozent gekürzt werden, erst nach massiven Protesten wurde MIA in das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ aufgenommen und erhielt so ihre Gelder. Gleichzeitig ist die Finanzierung über 2026 hinaus nicht gesichert.
„Sind Schutzstrukturen für Menschen, die Diskriminierung erfahren, dauerhaft und verlässlich organisiert?“
Es geht dabei nicht darum, verschiedene Formen von Diskriminierung gegeneinander aufzurechnen. Genau das wäre der falsche Maßstab. Es geht um die Frage, ob Schutzstrukturen für Menschen, die Diskriminierung erfahren, dauerhaft und verlässlich organisiert sind.
Und genau hier müsste ein moderner Begriff von deutscher Einheit anfangen. Nicht nur bei der Frage, ob Ostdeutsche und Westdeutsche inzwischen ausreichend zusammengewachsen sind. Sondern auch bei der Frage, ob Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte tatsächlich als gleichwertige Mitglieder dieser Gesellschaft behandelt werden.
Ich will dabei niemandem seine Identität vorschreiben. Wenn jemand mit Migrationsgeschichte zu mir sagt: „Ich fühle mich durch und durch deutsch“, dann ist das genauso legitim wie wenn jemand sagt: „Ich fühle mich nicht vollständig deutsch.“ Auch mein eigenes Verhältnis zu Deutschland muss nicht zum Maßstab für andere werden.
„Ich werde mich wahrscheinlich nie zu hundert Prozent deutsch fühlen.“
Vielleicht ist genau das der Punkt. Ein Land, das von Einheit spricht, muss unterschiedliche Formen von Zugehörigkeit aushalten können.
Ich werde mich wahrscheinlich nie zu hundert Prozent deutsch fühlen. Dafür habe ich zu oft erlebt, dass andere Menschen mir dieses Gefühl abgesprochen haben. Gleichzeitig bin ich hier geboren. Ich bin hier sozialisiert. Ich arbeite hier. Ich habe hier meine Sprache, meine Freundschaften, meinen Alltag und meine politischen Auseinandersetzungen.
Was davon soll weniger deutsch sein?
Vielleicht sollten wir am 3. Oktober deshalb nicht nur darüber sprechen, was Deutschland vor 36 Jahren zusammengeführt hat. Sondern auch darüber, was Deutschland heute noch trennt. Und vielleicht brauchen wir dafür tatsächlich einen zweiten Tag der Deutschen Einheit. Einen Tag, an dem nicht gefragt wird, ob dein Stammbaum deutsch genug ist. Nicht, ob dein Name deutsch genug klingt. Nicht, ob du aussiehst wie das Bild, das jemand von einem Deutschen im Kopf hat. Sondern einen Tag, an dem wir uns fragen, ob dieses Land sein Versprechen von Gleichheit tatsächlich für alle einlöst.
Denn die deutsche Einheit ist nicht fertig. Vielleicht hat sie gerade erst angefangen. (mig) Meinung
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