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Ankunft in Deutschland, Bahnhof, Famile, Familienfoto
Die Familie Groys 1998, Ankunft in Deutschland © privat, bearb. MiG

Endlich volljährig!

18 Jahre in Deutschland

Am 4. Juni 1998 hat ein siebenjähriger Junge erstmalig das Territorium der Bundesrepublik Deutschland betreten. Seit dem sind 18 Jahre vergangen. Der Junge wurde erwachsen, auch die Republik veränderte sich. Dieser Text handelt von meinem Aufenthalt in meiner neuen Heimat.

Von Freitag, 03.06.2016, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 06.06.2016, 20:26 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Die ersten Menschen, die ich bewusst in Deutschland traf, konnten seltsamerweise alle Russisch sprechen. Willkommen in Deutschland hieß zuerst für uns willkommen im Ausländerheim. Dort hatten irgendwie alle eine gleiche bis ähnliche Geschichte. Man sagte meinen Eltern etwas Prägendes: Es ist ziemlich egal was ihr dort gewesen seid, ihr seid jetzt hier und hier sind alle gleich. Ob du in der Ukraine, Russland oder Kasachstan Lehrer, Professor oder Putzfrau warst, spielt keine Rolle. Das erinnert mich im Nachhinein an die Grundsätze der Fremdenlegion. Das hatte was Aufregendes und Gleichzeitig was Trauriges zugleich.

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Was danach für meine Eltern folgte, nennt man hierzulande Integration. Unter Integration verstand man in Deutschland erwachsene Menschen mit mehrjähriger Arbeitserfahrung in die Berlitz Sprachschule zu stecken und ihnen eben Deutsch beizubringen. In diesem Punkt hat sich die deutsche Integrationspolitik noch immer nicht verändert. Der „Sprachfetish“ ist derartig groß geblieben, dass jede Alternative dazu als ein revolutionärer Akt angesehen wird. Meine Devise war und bleibt: Sprache durch Arbeit und nicht umgekehrt. Natürlich braucht man für einige Berufe die deutsche Sprache, aber den meisten Menschen in unserem damaligen Umfeld ging es darum, überhaupt eine Arbeit zu finden. Wir waren neu in diesem Land, was eben dort in der alten Heimat war, sollte vielleicht die Enkelkinder interessieren, aber nicht den Arbeitgeber. Zwar haben viele trotzdessen ihre Abschlüsse anerkennen lassen, dennoch war diese Qualifikation für den neuen deutschen Staat und seinen Arbeitsmarkt nicht so interessant.

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Aus meinen Eltern konnte dieser Staat nicht so viel rausholen, vermutlich würde er mit mir ähnlich verfahren, wenn es nicht diesen unglaublichen Bildungsdruck in der russischen Community gebe. Dank diesem Druck bin ich kurz vor meinem Master, Stipendiat, gesellschaftlich integriert und anerkannt. Die Illusion, eines Tages ein gleichwertiger „Deutscher“ zu werden, habe ich aufgegeben. Ein Doktortitel oder ein Job im Kanzleramt werden es auch nicht ändern.

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Ich weiß, das klingt so pessimistisch, wenn nicht nihilistisch. Deutscher sei ja laut dem Grundgesetz, jeder der die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Nach 18 Jahren in Deutschland ist zumindest dieser Artikel des Grundgesetzes noch nicht gelebte Praxis. Mit dem Nachnamen Groys werde ich gefragt, ob ich nicht Grieche sei und nicht selten kriege ich Komplimente für mein gutes Deutsch. Menschen aus Bayern sollten diese Komplimente auch mal kriegen. Seit Neustem weiß man über die Ukraine doch etwas mehr als Tschernobyl und den Fußballspieler Schewschenko. Man verbindet heute die Ukraine mit Elend und Krieg.

Nein, dieser Text soll kein Rumgeheule sein, wie scheiße Deutschland ist. In meiner Heimat herrscht Krieg. Ich bin glücklich in Deutschland zu sein und hier zu leben, insbesondere in Berlin. Die Kritik zeigt doch nur, wie wichtig für mich dieses Land geworden ist. Ich denke Deutsch, ich liebe Roland Kaiser, ich schätze Casper David Friedrich und ich bin sogar Mitglied eines sehr großen deutschen Vereins, der SPD.

18 Jahre bedeutet Volljährigkeit. Ich würde mir wünschen, dass dieses Land auch erwachsener und reifer wird. Diese ganzen leeren Floskeln, wer nun zu Deutschland gehört und wer nicht, sind überflüssig. Genau so irrsinnig ist es, ständig die Menschen nur auf ihre Herkunft oder Hautfarbe oder Religion zu reduzieren. Die Welt und das menschliche Wesen sind viel bunter als die Deutschlandflagge. Ich kann mir mein Leben ohne Deutschland nicht vorstellen und ich hoffe, dass auch ich ein fester Bestandteil dieses Landes geworden bin.

Den 18. Geburtstag feiert man eigentlich ausgelassen, das würde ich auch gerne tun, nur ist mir nicht so nach feiern, wenn fast täglich Flüchtlingsheime brennen. Dort sind nämlich viele solcher siebenjährigen Jungs und Mädchen, die eine Chance bekommen sollen.

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  1. Wiebke sagt:

    Danke für Ihren Artikel. Find ich gut, wenn im MIGAZIN solche Erfahrungsberichte stehen. Und ich teile die Meinung des Autors bezüglich des Sprachfetischismus.
    Mir wäre ein Widerwille gegen die Sprache gekommen, wäre ich im Ausland, wo ich lange lebte, zu solchem Kurs gezwungen worden. Vermutlich hätte ich sie nie fließend gelernt.
    Arbeit oder meinetwegen nur Praxis wären sinnvoller anzubieten, kombiniert mit Landeskunde, das könnte nützlich sein. Denn der durchschnittliche Einheimische kann einem doch selten erklären, wie sein Land tickt, weil es ihm so selbstverständlich ist.