
Nach dem CSD-Anschlag
Wenn aus einem Täter Millionen werden
Der digitale Informationsstrom belohnt Zuspitzung und Empörung. Der Berliner CSD-Anschlag zeigt, wie schnell aus einem Täter ganze Gruppen werden und aus Trauer politische Munition.
Von Joachim Glaubitz Donnerstag, 30.07.2026, 12:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 29.07.2026, 22:18 Uhr Lesedauer: 6 Minuten |
Vor einiger Zeit sagte eine Schülerin in einem meiner Workshops einen Satz, an den ich seitdem immer wieder denken muss: Wenn sie einen Fleck aus einem Kleidungsstück entfernen wolle, erzählte sie, schaue sie bei Instagram nach. Dort finde sie zehn Reels mit zehn verschiedenen Ratschlägen. Jeder Tipp werde mit derselben Selbstsicherheit präsentiert. Reib Salz darauf. Nimm Spülmittel. Auf keinen Fall Spülmittel. Wasch es heiß. Bloß nicht heiß waschen. Am Ende habe sie zehn Menschen dabei zugesehen, wie sie behaupteten, die richtige Antwort zu kennen – und wisse weniger als zuvor.
Dann fragte sie: „Wenn ich schon bei einem Fleck nicht weiß, was stimmt – wie soll ich dann bei so schwierigen Themen wie Flucht und Asyl wissen, was wahr ist?“
Die Krise unserer Öffentlichkeit lässt sich kaum treffender beschreiben.
Noch nie standen uns so viele Informationen zur Verfügung. Noch nie konnten Nachrichten, Statistiken, Videos und Meinungen so schnell abgerufen werden. Und doch scheint es immer schwieriger zu werden, aus ihnen ein verlässliches Bild der Wirklichkeit zu gewinnen.
Wir leiden nicht an einem Mangel an Informationen. Wir leiden an einem Überfluss an Informationen und einem Mangel an Zusammenhängen.
Wahrheit braucht Zeit
Information und Wahrheit sind nicht dasselbe. Informationen sind flüchtig. Sie blitzen auf, lösen eine Reaktion aus und werden vom nächsten Bild, der nächsten Meldung, der nächsten Empörung verdrängt. Wahrheit dagegen braucht Zeit. Sie entsteht nicht aus der bloßen Addition von Meldungen, sondern aus Zusammenhängen, Begründungen und der Bereitschaft, den eigenen ersten Eindruck noch einmal zu überprüfen.
„Was unsere Aufmerksamkeit festhält, ist selten die vorsichtigste Einordnung. Es ist das, was überrascht, erschreckt oder empört.“
Doch genau diese Zeit fehlt im digitalen Informationsstrom. Was unsere Aufmerksamkeit festhält, ist selten die vorsichtigste Einordnung. Es ist das, was überrascht, erschreckt oder empört. Der Feed fragt nicht, ob eine Information wahr ist. Er misst, ob sie funktioniert. Und funktionieren heißt: Wird sie angeklickt, geteilt, kommentiert? Hält sie uns auf der Plattform? Unter diesen Bedingungen erhalten nicht automatisch die zutreffendsten Aussagen die größte Sichtbarkeit, sondern häufig diejenigen, die unsere bereits vorhandenen Überzeugungen bestätigen oder unsere stärksten Gefühle ansprechen.
Kaum ein gesellschaftliches Thema zeigt das deutlicher als die Debatte über Flucht, Migration und Kriminalität.
Noch bevor die Verletzten versorgt waren
Am Abend des Berliner Christopher Street Days fuhr ein Mann mit einem Fahrzeug in eine Menschenmenge. Eine Frau wurde getötet, Dutzende Menschen wurden verletzt. Die Ermittlungsbehörden gehen nach aktuellem Stand von einem islamistisch motivierten Terroranschlag aus. Die Tat darf weder verharmlost noch durch wohlfeile Erklärungen aus der Welt geschafft werden.
Islamismus ist eine reale Gefahr. Queerfeindlichkeit ist eine reale Gefahr. Menschen, die feiern wollten, wurden angegriffen und eine Frau kam nicht nach Hause. Jede politische Einordnung muss mit diesem Schmerz beginnen.
„Noch bevor die Verletzten versorgt, die gesicherten Informationen veröffentlicht waren, wurden sie zum Rohstoff für Weltbilder.“
Doch noch bevor die Verletzten versorgt, die Abläufe rekonstruiert und die ersten gesicherten Informationen veröffentlicht waren, wurden sie zum Rohstoff für Weltbilder.
Der Tatverdächtige besaß die deutsche Staatsangehörigkeit. Trotzdem wurde die Tat in Teilen der Öffentlichkeit sofort in eine Erzählung über Flucht, Zuwanderung und angeblich unkontrollierte Grenzen verwandelt. Begriffe wie „Islamist“, „Muslim“, „Migrant“, „Ausländer“ und „Flüchtling“ flossen ineinander, als bezeichneten sie dasselbe.
Das tun sie nicht.
„Nicht jeder Muslim ist Islamist. Nicht jeder Mensch mit Migrationsgeschichte ist Ausländer. Nicht jeder Ausländer ist geflüchtet.“
Nicht jeder Muslim ist Islamist. Nicht jeder Mensch mit Migrationsgeschichte ist Ausländer. Nicht jeder Ausländer ist geflüchtet. Und eine deutsche Staatsangehörigkeit verschwindet nicht deshalb, weil der Name eines Menschen in den Ohren anderer nicht deutsch klingt.
Doch unsere Gesellschaft lebt nicht von Unterscheidungen. Sie lebt von Wiedererkennbarkeit. Ein Ereignis wird umso leichter verbreitet, je müheloser es sich in ein vorhandenes Feindbild einfügen lässt. immer wieder verschwindet der Einzelne und übrig bleibt „der Migrant“.
Die Trauer bekommt kaum Zeit. Schon wird sie in politische Munition verwandelt.
Die Gewalt der Gruppenzuschreibung
Die Kritische Theorie nennt dieses Denken „Identitätsdenken“: Der einzelne Mensch wird vollständig mit einer Kategorie gleichgesetzt.
Ein Mensch hat eine Herkunft, aber er ist nicht seine Herkunft. Er kann Muslim oder geflüchtet sein, ohne darin aufzugehen und wenn er eine Straftat begeht, trägt er selbst die Verantwortung – nicht seine Familie, seine Nachbarschaft oder eine vermeintliche kulturelle Gemeinschaft.
Gewaltvoll werden Kategorien dort, wo aus einem Täter „die Syrer“, aus einem Islamisten „die Muslime“ und aus einer Straftat ein Urteil über Migration wird. Dann verschwinden all jene aus dem Bild, die arbeiten, lernen, sich engagieren oder vor Gewalt geflohen sind.
„Eine Gesellschaft muss Menschen vor Gewalt schützen. Der Generalverdacht gegen Millionen Unbeteiligte schafft jedoch keine Sicherheit. „
Eine Gesellschaft muss Menschen vor Gewalt schützen. Der Generalverdacht gegen Millionen Unbeteiligte schafft jedoch keine Sicherheit. Deshalb müssen wir über misslungene Integration, patriarchale Gewaltvorstellungen und islamistische Ideologien ebenso sprechen wie über Armut, Ausgrenzung, Traumatisierung, Rassismus und die Praxis von Polizei und Sicherheitsbehörden.
Wahrheit liegt nicht in einem Balken, einem Clip oder einer einzelnen Zahl. Sie liegt im Zusammenhang.
Was den Fleck wirklich entfernt
Die Schülerin mit ihren zehn Instagram-Reels wollte lediglich wissen, wie sie einen Fleck entfernen kann. Doch sie stellte damit eine der wichtigsten demokratischen Fragen unserer Zeit:
Wie erkennen wir Wahrheit in einer Welt, in der jede Behauptung mit derselben Selbstsicherheit auf unserem Bildschirm erscheint?
Die Antwort kann nicht darin bestehen, sich aus allem zurückzuziehen und nichts mehr zu glauben. Sie liegt auch nicht darin, unangenehme Tatsachen zu verdrängen. Sie beginnt mit einer langsameren Form des Sehens.
„In der Debatte über Flucht und Kriminalität ruinieren falsche Gewissheiten das Leben von Menschen. Sie stellen Millionen unter Verdacht.“
Was weiß ich tatsächlich – und was glaube ich nur zu wissen? Welche Begriffe werden miteinander vermischt? Wird hier über einen einzelnen Menschen gesprochen oder bereits über eine ganze Gruppe? Welche Bilder und Gefühle löst die Darstellung in mir aus? Was fehlt, damit aus der Meldung ein Zusammenhang wird? Und wem schadet es, wenn ich meinen ersten Eindruck vorschnell für die ganze Wahrheit halte?
Bei einem Fleck kann ein falscher Tipp ein Kleidungsstück ruinieren.
In der Debatte über Flucht und Kriminalität ruinieren falsche Gewissheiten das Leben von Menschen. Sie stellen Millionen unter Verdacht. Sie verwandeln Nachbarn in Fremde und Trauer in Hass. Sie geben uns das beruhigende Gefühl, die Schuldigen erkannt zu haben, während die wirklichen Ursachen von Gewalt unangetastet bleiben.
Wir müssen der Versuchung widerstehen, aus jedem Bild sofort ein Weltbild zu machen – langsam genug werden, um zu unterscheiden, und genau genug hinsehen, damit hinter den Zuschreibungen wieder Menschen erkennbar werden. (mig) Meinung
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