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Debatte

Muslime sollen sich distanzieren! Ja! Aber wer genau?

Die Muslime sollen sich vom IS-Terror distanzieren, wird seit Wochen von allen Seiten gefordert. Selten ist diese Forderung differenziert, der Adressat nicht genau beschrieben. Deshalb die Frage: Wer ist mit „die Muslime“ gemeint?

Von Serap Güler Donnerstag, 25.09.2014, 8:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 25.09.2014, 23:30 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |   Drucken

Seit Wochen herrscht ein bestialischer Terror im Nahen Osten. Andersgläubige und jene, die sich diesem Terror nicht anschließen, werden, wenn sie Glück haben „nur“ vertrieben; wer Pech hat, wird vor laufender Kamera enthauptet. Dank moderner Medien erreichen uns diese Bilder in Sekundenschnelle, die uns nicht nur das Blut in den Adern erfrieren lassen, sondern auch unsere Ohnmacht vor Augen führen. Grausamer gehts kaum.

Name und Ziel dieser Terroristen sind bekannt: Sie nennen sich IS, was für „Islamischer Staat“ steht und gleichzeitig ihr Programm ist: die Errichtung eines Kalifats.

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Tausende Kilometer weiter westlich hört man an diesen Tagen vor allem eine Forderung: Die Muslime sollen sich von diesem Terror distanzieren. Die Muslime, weil diese Terrororganisation nun mal den Namen „Islam“ in sich trägt und sich bei ihren Taten auf eben diese Religion bezieht. Selten ist diese Forderung differenziert, der Adressat nicht genau beschrieben. Deshalb ist die Frage berechtigt: Wer ist mit „die Muslime“ gemeint?

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Meint man die islamischen Staaten?
Kurzem gab eine gemeinsame Stellungnahme zehn arabischer Länder (Saudi-Arabien, Irak, Bahrain, Ägypten, Jordanien, Kuwait, Libanon, Oman, Katar, Vereinigte Arabischen Emirate), die darin erklärten, sich an die „Internationale Allianz gegen die IS“, die von den USA ins Leben gerufen wurde, anzuschließen.

Meint man führende Islamgelehrte?
Auch ihre Stimmen konnte man vernehmen: Die Großmuftis aus Indonesien, Saudi-Arabien oder Ägypten, verurteilten die Schandtaten dieser Terrororganisation aufs Schärfste.

Meint man islamische Wissenschaftler?
Die Direktoren der Zentren für islamische Theologie in Deutschland haben sich in einer gemeinsamen Erklärung von der „Ideologie des Hasses und der Gewalt der Terrorarmee IS“ mehr als deutlich distanziert.

Meint man die großen islamischen Verbände in Deutschland?
Nicht zuletzt haben auch diese schon vor Wochen davor gewarnt, den Islam für Hass und Gewalt zu instrumentalisieren und vor einer Woche auch als Koordinationsrat der Muslime (KRM). Sie erteilten im Rahmen eines bundesweiten Aktionstages Extremismus jeglicher Couleur eine Absage.

Man hört diese Stimmen, aber die Forderung hört nicht auf. Immer noch heißt es „die Muslime müssen sich distanzieren“. Deshalb ist die Frage, wen man eigentlich meint, auch berechtigt. Zur Klarstellung: Es ist wichtig, dass sich Staatsmänner und führende Namen aus der islamischen Welt von diesen Gräueltaten distanzieren. Das erwarte auch ich, vor allem als Muslima. Auch ist es richtig, dass sich der KRM davon distanziert. Ebenfalls notwendig ist es, wenn sich Imame in den Gemeinden von diesem Terror distanzieren oder jene Muslime, die eine öffentliche Rolle bekleiden. Jedoch, auch das muss gesagt werden: Die Aussage „Das alles hat nichts mit dem Islam zu tun“, ist leider auch die falscheste Art der Distanzierung.

„Deshalb noch mal die Frage: Warum um Himmels Willen sollten sich „die Muslime“ distanzieren? Wenn ich nur an meinen Vater denke, stelle ich mir diese Frage umso häufiger.“

Bedauerlicherweise hat es eben doch etwas mit dem Islam zu tun, wenn in seinem Namen dieser Terror ausgeübt wird. Hier muss es vielmehr um eine Richtigstellung und Aufklärung gehen, wenn man von Distanz spricht. „Missbrauch“ und „Instrumentalisierung“ sind die Schlagworte, oder die Erklärung der Islamwissenschaftler: „Die Deutungshoheit über den Islam darf nicht Extremisten und Gewalttätern überlassen werden.“ Die „Nichts-miteinander-zu-tun“-Rhetorik hilft hier am wenigsten. Darüber müssen sich die führenden muslimischen Namen, Organisationen und Verbände im Klaren sein, wenn sie sich distanzieren. Und vor allem: Sie müssen und sollen sich nicht distanzieren, um der westlichen Welt wegen, oder um das angeschlagene Image zu polieren. Nein, zuallererst müssen sie sich aus rein präventiven Gründen distanzieren, damit vor allem junge, orientierungslose Muslime unterscheiden können zwischen Terror und Religion. Das ist und bleibt die erste Aufgabe der muslimischen Gemeinden.

Doch wenn mit „die Muslime, die sich distanzieren sollen“ auch ganz „normale Bürger“, also „einfache Muslime“ gemeint sind, geht die Forderung zu weit. Die meisten in Deutschland lebenden Muslime können sich genauso wenig wie die Mehrheitsgesellschaft – und dabei gehören sie bereits zu dieser – mit diesem Terror in irgendeiner Weise identifizieren. Sie finden diese Bilder genauso schrecklich, wie Christen, Juden, Jesiden, Atheisten oder Andersgläubige. Das was im Namen ihrer Religion ausgeübt wird, ist für sie genauso erschütternd. Sie fühlen sich genauso unwohl, wenn sie Bilder einer „Scharia-Polizei“ oder gar die Patrouille selbst sehen. Warum also sollten sie sich von den fanatischen Banden in Syrien und dem Irak distanzieren? Sie praktizieren den Islam, weil sie zur Moschee gehen, beten, fasten, nach Mekka pilgern, ihre Religion achten und fallen höchstens durch ein Kopftuch auf, aber sie predigen nicht, sind nicht damit beauftragt, ihre Religion zu erklären oder aufzuklären. Viele von ihnen kamen als Kinder, oder wurden hier geboren, hier sozialisiert, sie sind ein Teil dieser Gesellschaft – und genau deshalb ist diese Debatte auch eine andere als die um den Gazakrieg, wo es zu antisemitischen Ausfällen auf Großdemonstrationen kam. Dort wurde unter dem Deckmantel der Solidarität mit den Palästinensern lauthals der Hass auf Israel oder Juden ausgerufen. Mit Kritik, die natürlich auch erlaubt sein muss und ist, hatte das nichts mehr zu tun. Gegen Antisemitismus müssen wir uns als Gesamtgesellschaft stellen. Die Distanzierung davon hätte gar nicht breit genug sein können. Teil von einer Gesellschaft, eines Landes zu sein, bedeutet auch immer, die Geschichte des Landes zu kennen und Verantwortung zu übernehmen. Ein etwaiger Vergleich ist daher fehl am Platz.

Deshalb noch mal die Frage: Warum um Himmels Willen sollten sich „die Muslime“ distanzieren?

Wenn ich nur an meinen Vater denke, stelle ich mir diese Frage umso häufiger. Mein Vater ist ein sehr gläubiger Mann. Zweimal schon hat er eine Wallfahrt nach Mekka gemacht, betet fünf mal am Tag und trotz aller Warnungen lässt er sich auch mit seinen 75 Jahren und angeschlagenem Gesundheitszustand nicht davon abbringen, zu fasten. Fast 40 Jahre hat er unter Tage gearbeitet, ohne für einen einzigen Tag einen Krankenschein einzureichen. Außer bei Verkehrskontrollen hatte er nie etwas mit der Polizei zu tun, wenn er wählen könnte, wäre er der Bürger aus dem Bilderbuch. Wenn ich jetzt meinem Vater sagen müsste, er möge sich bitte von der IS distanzieren, würde er mich verwundert anschauen und mich fragen, was er denn mit diesen Monstern gemein hätte. Was soll ich ihm da antworten?

Die Antwort gab vor langer Zeit eine andere Muslima. Eine „einfache“ Frau, die gerade mal Lesen und Schreiben kann und im Gegensatz zu vielen „Bildungsbürgern“ mit ihrem geringen Bildungsstand immer in der Lage war, zu differenzieren. Die Rede ist von Mevlüde Genç, die bei dem fremdenfeindlich motivierten Brandanschlag in Solingen fünf ihrer Liebsten verloren hat und sich danach hinstellen und sagen konnte: „Ich verurteile nicht die Deutschen, denn das waren nicht ‚die‘ Deutschen. Das waren Einzeltäter. Ja, diese verurteile ich.“ Mevlüde Genç ist nicht nur eine weise Frau, sie hat mit dieser Haltung vor allem Menschlichkeit bewiesen. An ihr können sich gerade jene, die an diesen Tagen ganz eifrig Distanzierungsforderungen an „die Muslime“ stellen ein Beispiel nehmen.

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