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Polizeieinsatz auf dem Schulhof © KI-generiertes Symbolfoto

Zweierlei Maß

An Deutschland scheitern

Brandenburgs Innenminister Redmann sieht in der Gewalt migrantischer Jugendlicher ein Zeichen gescheiterter Integration. Bei rechtsextremen Jugendlichen findet er andere Erklärungen. Das wirft Fragen auf.

Von Sonntag, 25.10.2026, 16:07 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 25.10.2026, 16:07 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

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Jugendliche schlagen einen Schüler zusammen, treten auf ihn ein, auch als er bereits am Boden liegt. Die Bilder aus Frankfurt (Oder) sind erschütternd. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) hat dafür bereits eine Erklärung: „Generell ist es ein Zeichen von fehlgeschlagener Integration, wenn jugendliche Migranten in dieser Weise straffällig werden“, sagte er. Denn die Tatverdächtigen haben deutsche, polnische, russische und syrische Staatsangehörigkeiten.

Bemerkenswert ist weniger die Schnelligkeit seiner Diagnose als der Maßstab, den Redmann anlegt. Denn derselbe Minister kennt durchaus andere Erklärungen, wenn Jugendliche schwere Gewalttaten begehen.

Beispiel: Im Oktober 2024 setzten zwei damals 15-jährige Neonazis ein Kulturzentrum im brandenburgischen Altdöbern in Brand. Menschen, die sich im Gebäude aufhielten, entgingen nur durch Zufall einer Verletzung. Im August 2026 wurden Mitglieder der rechtsextremen Terrorgruppe „Letzte Verteidigungswelle“ wegen dieser und weiterer Straftaten zu Jugendstrafen verurteilt.

Redmann sprach von Radikalisierung junger Menschen im Internet und verwies auf familiäre Verbindungen zur Neonazi-Szene. Redmann sprach nicht von gescheiterter Integration in die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik. Nein, bei jungen Rechtsextremisten richtet sich der Blick auf das Umfeld, auf Netzwerke, auf gesellschaftliche Einflüsse. Niemals wird ihre Zugehörigkeit zu Deutschland infrage gestellt.

„Bei jungen Migranten gerät ihre Zugehörigkeit zur Gesellschaft unter Verdacht.“

Die Politik beschäftigt sich dann mit den gesellschaftlichen Ursachen ihrer Radikalisierung und der Frage, wie sich solche Entwicklungen verhindern lassen. Denn diese Jugendlichen sind – so der Grundgedanke – selbst Opfer, die bedauerlicherweise in die Fänge von Rechtsextremisten geraten sind. Die Debatte dreht sich um die suggestive Frage: „Was haben wir bloß falsch gemacht – und was können wir tun?“

Bei Jugendlichen mit Migrationsgeschichte hingegen gerät ihre Zugehörigkeit zur Gesellschaft unter Verdacht. So, als wäre Gewalt etwas Fremdes, das mit Deutschland nichts zu tun habe.

Sprache, Religion, Eltern – Redmanns einfache Antworten

Und Redmann setzt bei den Jugendlichen mit Migrationsgeschichte noch einen drauf und sieht Gemeinsamkeiten: dieselbe Religion, ähnliche Wertvorstellungen, dieselbe Sprache hätten sie gehabt. Wobei sich bei den Tatverdächtigen aus Frankfurt (Oder) – deutsch, polnisch, russisch, syrisch – die Frage aufdrängt, ob ihre gemeinsame Sprache nicht gerade Deutsch sein könnte.

Und selbst wenn sie eine andere sprächen: Was wäre damit erklärt? Auch Neonazis teilen Sprache, Weltbilder und Überzeugungen. Niemand käme auf die Idee, die deutsche Sprache für ihre Gewalttaten verantwortlich zu machen.

Doch Redmann sucht weiter nach möglichen Erklärungen: Manche Eltern sprächen kaum Deutsch, ihre Kinder dagegen schon. Dadurch verschöben sich die Machtverhältnisse in den Familien. Wer habe dann noch das Sagen?

„Redman macht aus Deutschkenntnissen ein Zeichen gescheiterter Integration.“

Bemerkenswert: Redman macht aus besseren Deutschkenntnissen der Kinder ein Zeichen gescheiterter Integration. Ursachenforschung ist das nicht. Redmanns Aussagen lenken den Blick stattdessen auf vermeintliche Defizite migrantischer Familien. Ausgerechnet das naheliegendste Umfeld bleibt dabei weitgehend außen vor: Deutschland.

Wer hier geboren wird oder aufwächst, besucht deutsche Schulen, bewegt sich in deutschen Jugendkulturen, wird von seinem gesellschaftlichen Umfeld geprägt. Auch von dessen Problemen.

Natürlich gibt es Probleme mit Jugendgewalt, auch unter migrantischen Jugendlichen. Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist ausländische Jugendliche überproportional häufig als Tatverdächtige aus. Die Forschung verweist unter anderem auf Armut, Gewalterfahrungen, soziale Ausgrenzung und das persönliche Umfeld. Die Forschung zeigt zudem: Werden Menschen aus vergleichbaren sozialen Verhältnissen betrachtet – egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund – verschwinden die statistischen Unterschiede. Die Frage ist also nicht, ob es ein Problem gibt. Sondern warum Redmann daraus ein Integrationsproblem macht, sobald die Täter migrantisch sind.

Aus Jugendgewalt wird „Migrantengewalt“

Wohin eine solche Unterscheidung führen kann, zeigte sich in Frankfurt (Oder) bereits wenige Tage vor Redmanns Äußerungen. Die AfD rief zu einer Kundgebung gegen „Migrantengewalt“ auf. Rund 500 Menschen kamen. Am Rande der Veranstaltung skandierten Jugendliche „Deutschland den Deutschen“ und „Ausländer raus“. Die Polizei leitete Ermittlungen wegen mehrerer mutmaßlich rassistischer Vorfälle ein.

Bemerkenswert: Redmanns CDU warf der AfD Stimmungsmache vor. Doch auch seine „Diagnose“ stellt die Zugehörigkeit migrantischer Jugendlicher infrage, statt ihre Entwicklung selbstverständlich als Teil der deutschen Gesellschaft zu betrachten.

„Ein Jugendlicher, der in Deutschland aufwächst, kann auch an Deutschland scheitern.“

Darin liegt das eigentliche Problem. Integration setzt eine Gesellschaft voraus, die Zugehörigkeit ermöglicht. Wenn ihnen bei Fehlverhalten stets ihre Herkunft vorgehalten wird, bleibt ihre Zugehörigkeit unter Vorbehalt – endlos.

So kann ein Jugendlicher, der in Deutschland aufwächst, auch an Deutschland scheitern. Wer dieses Scheitern bei deutschen Jugendlichen als gesellschaftliches Problem begreift, bei migrantischen Jugendlichen aber zum Integrationsversagen erklärt, trägt selbst dazu bei, dass diese Jugendlichen weiterhin als Fremde wahrgenommen und ausgegrenzt werden.

Das wiederum erschwert ihre Integration – und ihr vermeintliches Scheitern wird anschließend als Beweis dafür angeführt, dass sie nicht dazugehören. So entsteht ein Teufelskreis. Wer ihn durchbrechen will, muss ihn zunächst erkennen. Der CDU-Minister trägt nicht dazu bei. Meinung

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