Kadir Özdemir, Migazin, Integration, Migration, Migranten, Soziologie
A. Kadir Özdemir © privat, Zeichnung: MiG

Plädoyer

Migrationserbe statt „Migrationshintergrund“

Ähnlich wie Gender ist „Migrationshintergrund“ ein machtvolles gesellschaftliches Konstrukt und Stressfaktor im Hamsterrad der Integrationsdebatten. Dieser Begriff ist längst zu einem Ausdruck des Ausschlusses geworden. Ein Plädoyer für das Migrationserbe.

Von Montag, 13.07.2020, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 22.09.2020, 15:13 Uhr Lesedauer: 8 Minuten  |   Drucken

In diesem Beitrag möchte ich ein Plädoyer für die Verabschiedung von dem Begriff „Menschen mit Migrationshintergrund“ halten. Diesen Begriff habe ich selbst lange Zeit in meinen Seminaren und Workshops genutzt und vor zwei Jahren beschlossen, ihn zu streichen. Am liebsten ersatzlos. Denn dieser Begriff spielt eine wesentliche Rolle in unserer Selbst- und Fremdwahrnehmung. Grundsätzlich können identitätsstiftende Bezeichnungen Zugehörigkeit schaffen, Anerkennung geben oder auch zur Abwertung und Ausgrenzung eingesetzt werden. Im privaten Kontext können wir Übergriffigkeiten auf einer persönlichen Ebene klären, im öffentlichen Diskurs hingegen haben die so Benannten kaum Mitspracherecht.

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Das Konstrukt des Migrationshintergrunds tauchte zum ersten Mal vor 20 Jahren auf und hat sich seitdem in der Alltagssprache, Wissenschaft und bei amtlichen Statistiken etabliert. Die Mehrheit der so benannten Menschen sind längst deutsche Staatsbürger:innen – 42 Prozent sogar seit ihrer Geburt – dennoch wird ihre Zugehörigkeit zu Deutschland mit Fragezeichen versehen oder ganz in Klammern gesetzt, da sich im Hintergrund scheinbar etwas Anderes verbirgt.

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Ähnlich wie Gender ist „Migrationshintergrund“ ein machtvolles gesellschaftliches Konstrukt und Stressfaktor im Hamsterrad der Integrationsdebatten. Dieser Begriff ist längst zu einem Ausdruck des Ausschlusses, des (häufig negativen) Sonderfalls geworden und wird dazu genutzt, um gegenwärtige Machtansprüche und gewünschte Rollenverteilungen in unserer Gesellschaft zu festigen. Gerade wenn es um Problemfelder geht und nach Verantwortlichen gesucht wird, werden die so Benannten stets wie der weiße Hase aus dem Zylinder gezogen.

„Die vehement geführten Diskussionen zu „Integration“, Kopftuch, Islam, Terror, Flucht und die zahlreichen Narrative der Überfremdung, der Überforderung, des Andersseins, vor allem aber das unveränderte Verständnis von Deutschland als eine weißdeutsche Gemeinschaft führten dazu, dass das neue Konstrukt inzwischen mehr schadet als Nutzen bringt.“

In ihren Anfängen hätte die Bezeichnung „Migrationshintergrund“ den juristisch definierten Begriff des „Ausländers“ ersetzen und zur neutralen oder positiven Beschreibung bestimmter gesellschaftlicher Erfahrungen dienen können. Die vehement geführten Diskussionen zu „Integration“, Kopftuch, Islam, Terror, Flucht und die zahlreichen Narrative der Überfremdung, der Überforderung, des Andersseins, vor allem aber das unveränderte Verständnis von Deutschland als eine weißdeutsche Gemeinschaft führten dazu, dass das neue Konstrukt inzwischen mehr schadet als Nutzen bringt.

Im Sprachgebrauch der 1990er waren wir zwar auf den ersten Blick stets „Ausländer“ oder „Ausländerin“, konnten aber eine Diskussion mit anerkennendem Nicken des Gegenübers beenden, wenn wir einen deutschen Personalausweis vorzeigten. Zu diesem Zeitpunkt galt die Einbürgerung als die Krone der Integrationszwangsarbeit. Während also Zugehörigkeit mittels Staatsangehörigkeit präzise erfüllt werden konnte, wird mit dem diffusen Begriff „Migrationshintergrund“ nicht klar, wann ein Ende der Integrationszwangsarbeit in Aussicht ist. Laut Definition haben diejenigen mit ausländischer Staatsangehörigkeit ebenso einen Migrationshintergrund wie jene, deren Großeltern nach 1949 nach Deutschland eingewandert sind und nie etwas Anderes als ihr bayerisches Dorf kennengelernt haben. Es gibt so schnell kein Entkommen.

In den 1990er-Jahren transportierte zudem der Begriff „Ausländer“ die politischen und gesellschaftlichen Otheringsprozesse, die Rassifizierung und Diskriminierung der Benannten deutlicher als die Bezeichnung „Menschen mit Migrationshintergrund“. Dieser Begriff suggeriert eine theoretische Zugehörigkeit und schließt zugleich wieder aus, indem sie den Eindruck erweckt, dass eine homogene und heraustrennbare Gruppe innerhalb der deutschen Gesellschaft existiert.

„Der zynische Staat behandelt zwar seine rassifizierten Bürger:innen größtenteils formal gleich, empfindet sie aber nicht als gleichwertig.“

Der Versuch, diverse Gruppen mit ungleich verteilten Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen mit einem einzigen Begriff abzuhandeln, kann in der Abbildung von gesellschaftlichen Zuständen nur scheitern. Statistische Angaben, die auf diesem Konstrukt basieren, sind höchst fehleranfällig. Würde man zum Beispiel türkisch, kurdisch, arabisch, chinesisch oder spanisch markierte Personengruppen bei Studien separat betrachten, könnten die Ergebnisse teilweise extrem unterschiedlich ausfallen. Auch die Frage, ob es sich um Menschen handelt, die in erster oder zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben, wird Erkenntnisse etwa zu Wohnsituation, Arbeitswelt, Alltagsrassismus oder Bildungs- und Partizipationschancen massiv verändern. Dennoch sollen sich ein illegalisierter, kürzlich geflohener Mann und eine weißdeutsche Frau mit elsässischer Großmutter gleichermaßen im Begriff „Mensch mit Migrationshintergrund“ wiederfinden. Lässt man also in Zukunft die privilegierten Personengruppen weg, wird die Verwässerung der bisherigen Statistiken schnell deutlich werden.

In den vergangenen Jahren haben prominente Studien wie PISA und IGLU gezeigt, dass sich das deutsche Bildungssystem durch eine hohe soziale Selektivität auszeichnet und der Schulerfolg übermäßig von der Rassifizierung der Schüler:innen und der Problematisierung ihres sozio-ökonomischen Lebenssituation abhängt. Rassifizierte Kinder und Jugendliche erhalten bei gleichen schulischen Leistungen seltener eine Gymnasialempfehlung. In Ländern wie Schweden, Finnland oder Kanada haben Kinder und Jugendliche aus vergleichbaren sozio-ökonomischen Lebenssituationen höhere Bildungsabschlüsse. Die Benachteiligung der rassifizierten Kinder und Jugendliche in Deutschland setzt sich nach der Schule auf dem Arbeitsmarkt fort. Die Benachteiligung der rassifizierten Gruppen vererben sich in die zweite und dritte Generation und erschweren den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Insbesondere qualifizierte Personen mit Berufsabschluss sind häufiger arbeitslos oder prekär beschäftigt als nicht-rassifizierte Menschen.

„Aus ökonomischer Sicht ist dieses Verhalten nachvollziehbar, weil durch die so Benannten eine ganze Integrationsindustrie am Leben erhalten wird. Die Menschen sind nach der Logik der Projektlandschaft dieser Industrie zu normierende Integrationsprodukte auf dem Fließband, die nach den bestehenden Machtverhältnissen modelliert werden.“

Studien nach rassifizierten Fokusgruppen würden wesentlich deutlicher die unterschiedlichen Realitäten unter demselben Dach aufzeigen. Dafür ist es notwendig, zwischen rassifizierten und weiß-positionierten Gruppen zu unterscheiden. Ein Ansatz zur Präzisierung kann sein, analog zum US-amerikanischen „African-American“ mit Begriffen wie Schwarzen Deutschen, Türkisch-Deutschen, Kurdisch-Deutschen, Muslimisch-Deutschen, Yezidisch-Deutschen u.v.m. zu sprechen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Menschen deutsche Personalausweise besitzen; sie machen ihre Erfahrungen im Rechtsraum Deutschland. Mit dem Begriff „Migrationshintergrund“ gehen Presse, Politik und Behörden in exaktem Maße ungenau um und verstärken Othering-Prozesse. Mit der größer gedachten simplen Formel „x + Deutsch“ dagegen wird in Richtung Inklusion und Partizipation justiert.

In meiner praktischen Arbeit löst dieser Denkanstoß unterschiedliche Reaktionen aus. Während nichtweiße Teilnehmende ihre Zugehörigkeiten und deren identitätsstiftende Anteile dadurch meist widergespiegelt sehen, diese für sich abwägen, mit den Begriffen spielen, erlebe ich in mehrheitlich weißen Räumen größere Widerstände. Das hohe Gut „Deutsch“ wird verteidigt, eingeschränkt. Während auf lokaler Ebene Zugehörigkeit leichter zugestanden wird – wer in Köln lebt, ist ein Kölner – ist für einen Menschen, der seit Generationen in Deutschland lebt, nicht einmal deutsche Personalpapiere ausreichen, um dazuzugehören. Der zynische Staat behandelt zwar seine rassifizierten Bürger:innen größtenteils formal gleich, empfindet sie aber nicht als gleichwertig. Selbst viele emanzipierte Akteur:innen der Sozialen Arbeit betonen lieber Unterschiede als Gemeinsamkeiten, fordern lieber Integration als Partizipation, wollen lieber, dass eine Frau ihr Kopftuch ablegt, als dass sie diskriminierungsfrei arbeiten darf und klammern sich konsequenterweise an die Fremdbezeichnung „Menschen mit Migrationshintergrund“. Aus ökonomischer Sicht ist dieses Verhalten nachvollziehbar, weil durch die so Benannten eine ganze Integrationsindustrie am Leben erhalten wird. Die Menschen sind nach der Logik der Projektlandschaft dieser Industrie zu normierende Integrationsprodukte auf dem Fließband, die nach den bestehenden Machtverhältnissen modelliert werden.

„Sie haben diesen „Migrationshintergrund“ von ihren Eltern und zum größer werdenden Teil von den Großeltern geerbt. Die Entscheidung, dieses Narrativ anzunehmen oder abzulehnen, wird dieser Gruppe nicht selbst überlassen.“

Heute leben in Deutschland knapp 21 Millionen Bürger:innen, die unter dem Begriff „Menschen mit Migrationshintergrund“ zusammengefasst werden. Selbst die Tatsache, dass die Mehrheit der so Benannten über keine eigene Migrationserfahrung verfügt, kein Vorleben in einem vermeintlichen Herkunftsland hat und Deutschland ihre einzige Heimat ist, irritiert nur kurz. Sie haben diesen „Migrationshintergrund“ von ihren Eltern und zum größer werdenden Teil von den Großeltern geerbt. Die Entscheidung, dieses Narrativ anzunehmen oder abzulehnen, wird dieser Gruppe nicht selbst überlassen.

Wenn man unbedingt einen Ausdruck braucht, der als Dachbegriff für größere Allianzen dienen soll, dann schlage ich die Bezeichnung Migrationserbe vor. Anders als der inzwischen verbrauchte und wenig aussagekräftige „Migrationshintergrund“ entsteht mit der Vorstellung des Migrationserbes ein neues Framing. Ein „Erbe“ macht deutlich, dass selbst ein:e Einwander:in der ersten Stunde einen Raum voller vorbelasteter Debatten und Etikettierungen betritt. Unweigerlich werden sie mit den Narrativen über Arbeitsmigrant:innen der 1950er bis hin zu den aktuellen Debatten über Flucht und Islam geprägt und müssen sich dazu verhalten. Sie kommen als Individuen und sind prompt Teile eines Kollektivs. Und jedes Mal, wenn jemand aus diesem Kollektiv etwas Unerwünschtes anstellt, müssen alle Mitglieder des Kollektivs sich lautstark davon distanzieren. Migrationserbe dagegen eröffnet den Raum für diese aktiv betriebenen und passiv registrierten Narrative sowohl auf der Seite der so Benannten als auch der weiß-positionierten im System. Es zeigt deutlicher die Gemachtheit, die Hinterlassenschaft früherer Debatten, das Werk und die Tradition anderer, die mit ihren Debatten über Migration, über (gemachte) Differenzen einen Schneeball zu einer Lawine grollt haben.

Migrationserbe setze ich seit zwei Jahren sowohl für meine Antidiskriminierungs- als auch Empowermentarbeit ein. Sie schafft vielfach eine heilsame Distanz, um über sich nachzudenken, die Etappen der Fremdzuschreibungen zu analysieren, über Generationsbrücken zu laufen und Gefühlserbschaften zu hinterfragen und schließlich sich selbst zu positionieren. Es ist klar, dass kein Begriff von Dauer ist: PoC nicht, Migrationserbe nicht, auch „Deutsch“ nicht. Migrationserbe als ein Gedankenkonstrukt wird sich mit der Weiterentwicklung seiner semantisch-politischen Ansprüche ebenfalls umwälzen. Bis dahin unterstützt sie mich bei meiner Arbeit, um zu irritieren und die Relativität von gesellschaftlichen Begriffen zu gelebten Realitäten zu hinterfragen. Denn Sprache als unser zentralstes kommunikatives Instrument hat eine enorme Bedeutung für unsere Deutungsrahmen. Insbesondere Multiplikator:innen aus Kultur, Medien und Politik können aktiv Einfluss drauf nehmen, wie wir über uns lesen und über uns reden. Im Kontext struktureller Rassismen, denen wir täglich ausgesetzt sind, verstärken kategorische Fremdzuschreibungen wie das fragwürdige „Migrationshintergrund“ bereits vorliegende (rassistische) Denkmuster und reproduzieren diese gleichzeitig. Dabei können selbst kleine Veränderungen wie Migrationserbe neue Konnotationsketten auslösen.

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  1. Samira sagt:

    Ich danke dem Autor für seinen wichtigen Denkanstoß. Auch ich bedauere immer wieder, dass rassifizierte Deutsche, die ein nicht-weißes Eltern- oder großelternteil haben, oft unter Diskriminierungen leiden, obwohl sie ohne das migrierende Elternteil aufgewachsen sind und somit gar keine andere Herkunftskultur als die deutsche kennen, während Menschen, die vielleicht selbst erst eingewandert sind, aber als weiß gelesen werden, „unter dem Radar“ fliegen können. Oder wieso an PoC-Deutsche die gleichen „Integrationsanforderungen“ gestellt werden wie an Menschen, die gestern erst einegreist sind.