Dawood Erfan, Afghanistan, Menschenrechte, Flucht, Flüchtling, Iran, Politikwissenschaften
Dawood Erfan © Zeichnung: MiG

Bewusster Paria

Zwischen Terror und Generalverdacht

Zwanzig Jahre lang standen Demokratie, Freiheit und Menschenrechte im Zentrum der westlichen Afghanistan-Politik. Heute erleben Geflüchtete das Ende dieses Versprechens nun aus der Ferne – verbunden mit Flucht, Verlust und Ernüchterung.

Von Dienstag, 15.09.2026, 12:18 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 15.09.2026, 12:18 Uhr Lesedauer: 27 Minuten  |  

Um ehrlich zu sein, möchten viele von uns, anders als Hannah Arendt, vor allem als „Flüchtlinge“ bezeichnet werden und nicht einfach als Ausländer. Für uns ist die Bezeichnung Flüchtling weiterhin zutreffend. Wir sind tatsächlich Menschen, die aufgrund einer Handlung oder einer politischen Überzeugung gezwungen waren, Schutz zu suchen.

Die rechtliche Definition des Flüchtlings hat sich seit Hannah Arendts Zeit kaum verändert. Der gesellschaftliche Blick auf Flucht und Flüchtlinge hingegen hat sich gewandelt. Manche Menschen in der Aufnahmegesellschaft sehen Flucht nicht als einen Weg, Schutz vor der Willkür von Diktatoren und repressiven religiösen oder nichtreligiösen Regimen zu finden. Sie betrachten sie vielmehr als Gelegenheit für Menschen, aus der Armut der sogenannten Dritten Welt in den Wohlstand der Ersten Welt zu ziehen.

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Wie Arendt waren auch wir in den ersten Tagen unserer Flucht optimistisch. Welche andere Wahl als Optimismus bleibt einem Vertriebenen? Wir haben viel Schmerz und Leid erfahren. Wir waren ein schutzloses Volk, das niemandem etwas zuleide tat. Doch das zaristische Russland und Großbritannien machten aus unserem Land einen Pufferstaat. Ein Gefängnis, in dem wir zwei Jahrhunderte lang gezwungen waren, auf vieles zu verzichten, was nach Erneuerung roch. Kaum hatten wir begonnen, uns wiederzufinden, brach der Kalte Krieg über uns herein.

Zehn Jahre lang standen wir im Mittelpunkt der Weltnachrichten. Unser Land galt als der Sumpf, in dem sich der sowjetische Bär verfangen hatte, und die westliche Welt verlieh uns für unseren Mut Ehrenmedaillen. Doch als die Sowjets gedemütigt nach Hause zurückkehrten und der Westen seinen Sieg verkündete, ließ man uns auf dem Schlachtfeld zurück. Der Bürgerkrieg verwüstete unser Leben.

„Welche andere Wahl als Optimismus bleibt einem Vertriebenen?“

Noch bluteten die Wunden des Bürgerkriegs, als sich der internationale Terrorismus in unserem Land einnistete. Erst nach den Anschlägen auf die Zwillingstürme in den USA am 11. September 2001 erinnerte sich die Welt wieder daran, dass ein Volk vom internationalen Terrorismus gefangen gehalten wurde und gerettet werden musste. Die USA kamen gemeinsam mit vielen anderen Ländern, um uns zu befreien. In den Straßen unserer Städte und Dörfer feierten wir. Wir glaubten, die freie Welt habe uns in ihre Arme geschlossen.

Doch welch ein Irrtum.

Zwanzig Jahre lang blieben unsere Straßen, Moscheen, schiitischen Gebetshäuser, Krankenhäuser, Schulen, Sportplätze und selbst Entbindungsstationen nicht von Selbstmordanschlägen verschont. Immer wieder erfüllte der Geruch verbrannten Fleisches Plätze und Straßen. Nach zwanzig Jahren übergab uns die freie Welt schließlich mit gefesselten Händen derselben Gruppe, die heute das ‚Islamische Emirat Afghanistan‘ beherrscht, während im Land zugleich mehr als zwanzig weitere internationale und regionale terroristische Organisationen aktiv sind.

„Wir waren zum Optimismus verurteilt.“

Dies war nicht allein die Niederlage Afghanistans. Es war das Scheitern eines Teils jenes Versprechens, das Afghanistan im Namen von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten gegeben worden war. Die Taliban bedeuteten nicht einfach die Rückkehr einer bewaffneten Gruppe an die Macht. Ihre Rückkehr war ein bitteres Zeichen für das Scheitern eines Projekts, für das die internationale Gemeinschaft zwanzig Jahre lang enorme Mittel aufgewendet hatte. Am Ende ließ sie die Menschen Afghanistans jener Kraft gegenüber allein, deren erneute Machtübernahme verhindert werden sollte.

Ja, wir waren optimistisch. Doch treffender wäre es zu sagen: Wir waren zum Optimismus verurteilt. Welche andere Wahl als Hoffnung bleibt einem Vertriebenen? Selbst nachdem die Geschichte ihm mehrmals seine Hoffnung genommen hat, bleibt ein Flüchtling gezwungen, weiter zu hoffen. Hoffnung ist für einen Vertriebenen kein Luxus. Manchmal ist sie das Einzige, was ihm ermöglicht weiterzumachen.

Wir hoffen weiterhin auf die Zukunft. Wir hoffen, Teil einer Gesellschaft zu werden, die uns durch Integrationsprogramme unterstützt. Wir lernen die Sprache. Wir lernen das Leben in Deutschland kennen. Wir finden Arbeit. Wir entwickeln uns auf unteren und mittleren Ebenen weiter und gelangen mit Nadiem Amiri sogar bis in die deutsche Fußballnationalmannschaft.

„Wir wollen zeigen, dass auch wir Teil dieser Gesellschaft sind.“

Wir sind optimistisch, weil wir glauben, uns beweisen zu können. Wir wollen zeigen, dass auch wir Teil dieser Gesellschaft sind. Wir teilen ihre Trauer und ihre Freude. Wir sind stolz auf die Erfolge dieses Landes und traurig über seine schweren Tage.

Auch wir versuchen zu vergessen. Wir versuchen zu vergessen, was uns widerfahren ist und wie belastend ein Leben unter dem Zwang der Taliban sein kann. Anders als Arendt haben wir keine Konzentrationslager erlebt. Unsere Erfahrung ist mit dem Holocaust nicht vergleichbar. Dennoch haben wir erfahren, wie tiefgreifend eine repressive religiöse Herrschaft in das Leben von Menschen eingreifen und sie psychisch zermürben kann. Vierzig Jahre Krieg, Gewalt und religiöse Herrschaft haben tiefe Spuren hinterlassen und viele von uns von der übrigen Welt entfremdet.

Wir wollen vergessen, dass uns der Krieg aufgezwungen wurde. Wir wollen vergessen, dass wir weder am Anfang noch am Ende dieser Auseinandersetzung standen, sondern zum Brennstoff des Kalten Krieges gemacht wurden. Wir wollen vergessen, dass wir mit Fundamentalismus nichts zu tun hatten. Wir wollen sogar vergessen, dass bestimmte religiöse Schulen in Pakistan unser Leben in Brand setzten und uns, die Erben einer langen Geschichte von Toleranz und kultureller Größe, von Dschalal ad-Din Rumi aus Balch über Ibn Sina und al-Biruni bis zu Dschami, Behzad und Goharshad, zu Menschen gemacht haben, die heute mitunter ihre eigene Identität verleugnen.

Um ehrlich zu sein, sprechen auch wir untereinander viel über die Vergangenheit. Über das, was uns widerfahren ist, und über eine Zukunft, von der wir nicht wissen, was sie bringen wird. Heute leben wir nicht mehr in Arendts Zeit, in der wir wie sie von den Gewissheiten der Erde zu den Sternen des Himmels fliehen könnten. Die Zeiten haben sich verändert. Wir fliehen von den Gewissheiten der Erde in virtuelle Wirklichkeiten – in jene digitalen Öffentlichkeiten, deren Wandel Jürgen Habermas intensiv beschrieben hat.

„Wer Ansehen, Zuhause, Beruf oder gesellschaftliche Stellung verloren hat, zeigt auf Facebook oder TikTok womöglich ein Leben, von dem er glauben möchte, es weiterhin zu besitzen.“

In dieser virtuellen Wirklichkeit sind wir beschäftigt. Wir beschimpfen uns gegenseitig. Wir schüren ethnischen Chauvinismus und sprachliche Spannungen. Wir spielen Philosophen, werden Dichter, schreiben Geschichten, treten für die Rechte von Frauen und LGBTQ-Personen ein. Manche von uns beschönigen sogar die menschenfeindlichen Taten der Taliban im Namen ethnischer Zugehörigkeit oder religiöser Überzeugung. Manchmal veröffentlichen wir Fotos und Videos und berauschen uns geradezu an unserem vermeintlichen Glück in Europa und Amerika.

Doch hinter diesen glänzenden Inszenierungen steckt womöglich mehr als bloße Selbstdarstellung. Virtueller Neureichtum ist manchmal ein Abwehrmechanismus gegen jene Wunde, die Migration und Ausgrenzung einem Menschen zufügen. Was jemand im realen Leben verloren hat, erschafft er im virtuellen Bild neu. Wer Ansehen, Zuhause, Beruf oder gesellschaftliche Stellung verloren hat, zeigt auf Facebook oder TikTok womöglich ein Leben, von dem er glauben möchte, es weiterhin zu besitzen. Eine solche Inszenierung ist womöglich weniger ein Zeichen von Glück als ein Versuch, die Wunde des Verlusts von Anerkennung zu verbergen.

Wir leben nicht allein im virtuellen Raum. Auch in der Aufnahmegesellschaft versuchen wir, sichtbar zu werden. Wir pflegen gute Beziehungen zu unseren Unterstützern in der Aufnahmegesellschaft. Wir organisieren Konferenzen. Wir verurteilen die Politik der Taliban gegenüber Frauen. Wir veranstalten Sitzproteste und Hungerstreiks und protestieren gegen die Einreise von Taliban-Diplomaten nach Europa. Und wenn wir ehrlich sind, haben wir auch ein wenig Angst. Wer garantiert uns, dass die Taliban, die in vielen Ländern und Institutionen weiterhin mit Terrorismus und schweren Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht werden, morgen diplomatische Einrichtungen nicht dazu verwenden, Druck auf ihre kritischen Landsleute auszuüben?

Trotz allem vermittelt uns die Arbeitsagentur die Hoffnung, dass wir unsere Zukunft und die unserer Kinder einigermaßen absichern, wenn wir die Sprache lernen, einen Beruf erwerben und hier arbeiten. Offen gesagt haben wir dabei ein kleines Problem. Manche von uns schaffen es nicht, die Sprache zu lernen. Andere haben die Sprache gelernt, sind in ihrem Fach jedoch überqualifiziert und müssen sich nach einer anderen Tätigkeit umsehen. Was soll etwa jemand mit einer Promotion in den Geisteswissenschaften tun, wenn sein Fach hier kaum gefragt ist und seine akademische Qualifikation auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht leicht verwertbar ist?

Ein Freund von mir, der Universitätsdozent war, hat einen bemerkenswerten Weg gewählt. Nach zehn Jahren Lehrtätigkeit an Universitäten in Afghanistan macht er heute eine Ausbildung in der Pflege, um künftig kranke Menschen zu versorgen. Eine zutiefst menschliche und wirkungsvolle Tätigkeit, durch die er neue Erfahrungen sammeln wird. Sein Vorschlag war auch für mich verlockend. Doch mein Alter und meine Ischiasbeschwerden lassen eine derart körperlich schwere Arbeit nicht mehr zu.

„Für viele von uns bedeutet das Flüchtlingsein nicht einfach, kein Zuhause zu haben.“

Für viele von uns bedeutet das Flüchtlingsein nicht einfach, kein Zuhause zu haben. Manchmal verliert ein Mensch seinen Titel, seinen Beruf, sein Ansehen und sogar das Bild, das er von sich selbst hatte. Auch das Verwaltungssystem bewertet einen Menschen mitunter nicht nach dem, was er einmal war, sondern nach dem, was er heute auf dem Arbeitsmarkt anbieten kann. Als ließe sich der Wert eines Menschen anhand seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, einiger Zeugnisse, Arbeitsstunden und Eurobeträge berechnen. Doch spielt es eine Rolle, was ich studiert und welche Erfahrungen ich gesammelt habe? Wenn ich arbeiten und Teil jener Gesellschaft sein kann, die mir und meiner Familie Schutz gegeben hat, ist das bereits eine Leistung, auf die ich stolz sein möchte.

Wir sind zum Optimismus verurteilt. Doch auch unser Optimismus gerät, wie jener Arendts, irgendwann ins Wanken. Wenn die Abschiebung straffälliger und nicht straffälliger Geflüchteter aus Afghanistan in ein Herrschaftssystem, dem zahlreiche internationale Institutionen schwere Menschenrechtsverletzungen vorwerfen, als politischer Erfolg dargestellt wird, kommen Zweifel auf. Wir fragen uns, wie das, was der Westen uns zwanzig Jahre lang im Namen von Menschenrechten und Menschenwürde zugesichert hat, so leicht in Rauch aufgehen konnte.

Das Verhalten eines Menschen wirft dann seinen Schatten auf eine ganze Gruppe.

„Das Verhalten eines Menschen wirft dann seinen Schatten auf eine ganze Gruppe.“

Rechtlich ist eine Straftat eine individuelle Handlung. Strafrechtliche Verantwortung muss jene Person treffen, die die Tat begangen hat. Doch eine Gesellschaft folgt nicht immer dieser juristischen Logik. Ihr Blick auf Kriminalität geht mitunter über den Einzelnen hinaus. Das Verhalten eines Menschen wirft dann seinen Schatten auf eine ganze Gruppe. Wer aus Afghanistan kommt, fühlt sich deshalb manchmal schuldig, ob er will oder nicht.

Wenn ein Straftäter aus Afghanistan eine Tat begeht, rücken manche Medien sie stark in den Mittelpunkt. In sozialen Medien wird darüber diskutiert. Manchmal verändert sich dadurch der Blick auf jeden Menschen aus Afghanistan, unabhängig davon, wo er lebt oder welche Stellung er innehat. Ich habe dies sowohl als persönliche Erfahrung als auch als Erfahrung vieler Geflüchteter aus Afghanistan in Deutschland wahrgenommen.

Bei allem sind wir nicht ungerecht. In dieser düsteren Atmosphäre gibt es Menschen und Gruppen, die sich über solche unangemessenen Urteile stärker sorgen als wir Geflüchteten selbst. Ich habe viele deutsche Gruppen erlebt, die sich mit ganzer Kraft dafür engagieren, die Menschenwürde von Geflüchteten aus Afghanistan zu achten. Diese Menschen und Gruppen sind in Politik und Gesellschaft sichtbar und bemühen sich, Geflüchtete aus Afghanistan, unsere Rechte und unsere Menschenwürde zu verteidigen.

Man hat uns in den Selbstmord getrieben

Diesen Satz verwende ich bewusst als Metapher. Ich meine weder individuellen Suizid noch eine medizinische Statistik. Gemeint ist eine Form kollektiver Zermürbung und Selbstzerstörung. Eine Gesellschaft wird so tief verletzt, zersplittert und ihrer Erinnerung sowie ihrer Möglichkeiten zur Wiederherstellung beraubt, dass es wirkt, als vernichte sie einen Teil ihrer eigenen Existenz.

Unser Selbstmord ist auch nicht jener Art, auf die Arendt Bezug nimmt. Sie schreibt, Juden hätten unter den zivilisierten Völkern der Welt die niedrigste Suizidrate gehabt. Über Menschen aus Afghanistan besitzen wir keine genauen Zahlen. Doch die Realität ist: Man hat uns in den Selbstmord getrieben. Dieser Selbstmord reicht so tief, dass wir uns nicht einzeln töten mussten. Wir sind eine zersplitterte Gesellschaft. Ein großer Teil im Land wurde zu einer Form der Selbstzerstörung gezwungen. Die über die ganze Welt verstreuten Teile erleben sie auf andere Weise.

„Unser kollektiver Selbstmord besteht weniger in physischer Vernichtung als in unserem allmählichen Verschwinden aus dem kollektiven Gedächtnis der Welt.“

Unser kollektiver Selbstmord besteht weniger in physischer Vernichtung als in unserem allmählichen Verschwinden aus dem kollektiven Gedächtnis der Welt. Kaum jemanden interessiert noch, was mit den Frauen Afghanistans geschieht. Ein Freund erzählte mir, vor einigen Tagen habe man protestierenden Frauen aus Afghanistan auf einer internationalen Konferenz gesagt, nur eine von ihnen solle über das Leid der Frauen Afghanistans sprechen. Man habe dieses Leid so oft gehört, dass man sich daran gewöhnt habe und nichts Neues mehr hinzugefügt werden könne. Wenn diese Schilderung stimmt, was wäre tragischer als dies? Lässt sich das Leid von Millionen Menschen zur Gewohnheit machen?

Wenn ich sage: „Man hat uns in den Selbstmord getrieben“, meine ich nicht allein die Lage, in die uns die Taliban gebracht haben. Noch schlimmer ist die Normalisierung der Erzählung unseres Leidens. Es ist die Normalisierung der Diskriminierung, die uns widerfährt, während Vertreter der Taliban im Ausland, unberührt von all diesem Leid und Elend, sich als Sieger einer Ordnung präsentieren, die das Leben für Millionen Menschen schwer oder unmöglich gemacht hat.

An einer anderen Stelle ähnelt unsere Situation jener Arendts und unterscheidet sich zugleich von ihr. Arendt schreibt, wir seien „die ersten nichtreligiösen Juden, die verfolgt werden“. Ein kleiner Teil von uns mag säkular sein. Viele von uns sind jedoch gemäßigte Muslime, die mit Terror und Fundamentalismus nichts zu tun haben. Das einzige ‚Verbrechen‘ vieler Geflüchteter unter uns besteht darin, Frauen zu sein – Frauen, deren bloße Existenz und Selbstbestimmung die Taliban offenbar als Bedrohung begreifen. Ein Geschlecht, das die Psyche der Taliban in Brand setzt, womöglich weil Frauen Gewalt mit Sanftheit beantworten und diese kriegsversehrte und gewaltgeprägte Gesellschaft künftig in Richtung Frieden und Zusammenleben führen könnten.

„Sie fliehen aus Angst vor islamischem Fundamentalismus in Länder, in denen sie selbst Opfer von Muslimfeindlichkeit werden.“

Auf der anderen Seite begegnet uns ein weiteres Problem: Muslimfeindlichkeit. Ich glaube nicht, dass viele Geflüchtetegruppen weltweit mit einem solchen Widerspruch konfrontiert sind. Sie fliehen aus Angst vor islamischem Fundamentalismus in Länder, in denen sie selbst Opfer von Muslimfeindlichkeit werden. Wie viele Menschen in Europa Muslimfeindlichkeit schüren, spielt für die Erfahrung des einzelnen Geflüchteten keine Rolle. Seine Stadt, sein Viertel, seine Straße und sogar sein Zuhause werden zu Orten, an denen Angst ein unbeschwertes Leben verdrängt.

Doch damit endet die Geschichte nicht. An anderer Stelle wird sie zur Tragödie. Kinder geraten in einen geistigen Schwebezustand. Sie besitzen keinen festen Bezug zur Vergangenheit und finden zugleich keinen festen Platz in der Gegenwart. Sie schweben zwischen zwei Kulturen. In der Familie fällt es ihnen schwer, den familiären Traditionen zu folgen. In der Gesellschaft werden sie zugleich nicht ohne Weiteres als Teil dieser Gesellschaft und ihrer Kultur akzeptiert. Diese Identitätskrise führt schließlich zu einer Identität des „Weder-noch“. Sie findet weder in den familiären Traditionen Halt noch erhält sie in der Aufnahmegesellschaft genügend Raum zur Entfaltung.

„Wenn Arendts Promotion in Philosophie damals wertlos geworden war, ist meine Promotion in Politikwissenschaft für mich mitunter zu einem Fluch geworden.“

Als Teil der akademischen Gemeinschaft Afghanistans verstehe ich Arendts Schilderung aus Paris zutiefst. Sie beschreibt einen Menschen, der trotz Promotion in eine erniedrigende Lage geriet, um humanitäre Unterstützung zu erhalten. Wenn Arendts Promotion in Philosophie damals wertlos geworden war, ist meine Promotion in Politikwissenschaft für mich mitunter zu einem Fluch geworden. Ich bin dieses Titels so müde, dass mir selbst die PDF-Datei über seine Anerkennung in Deutschland wie eine schwere Last erscheint.

Ich erinnere mich genau an eine Frau, die mich beraten sollte, wie ich in dieser Gesellschaft Arbeit finde. Sie sah mich merkwürdig an und sagte: „Du weißt, dass du hier in Deutschland bist? Wie kommst du darauf, dass deine Promotion hier wie die Promotion eines Deutschen behandelt werden könnte?“ Womöglich hatte sie recht. Die Anerkennung hätte womöglich lediglich meinen Lebenslauf etwas schmücken können. Bin ich, oder sind viele von uns, nicht wie jener jüdische Doktor und Bettler in Paris? Wenn man selbst das Existenzminimum eines Bürgers unter tausend spöttischen Bemerkungen entgegennehmen muss, wird man zum Luxus-Bettler, dessen einziger Unterschied zu anderen Bettlern darin besteht, mit seinem Doktortitel anzugeben.

Doch ich möchte diese Erfahrung nicht auf die gesamte deutsche Gesellschaft übertragen. Hier gibt es Menschen und Gruppen, die uns nicht erniedrigen, sondern sich darum bemühen, uns wieder ein Gefühl des eigenen Wertes zu vermitteln. Sie sorgen dafür, dass die Erfahrung von Flucht nicht zu einer reinen Geschichte der Erniedrigung wird.

„Auch wir waren einmal Doktoren, Ingenieure, Angestellte, Lehrer und zivilgesellschaftlich Engagierte.“

Auch wir waren einmal Doktoren, Ingenieure, Angestellte, Lehrer und zivilgesellschaftlich Engagierte. Wir arbeiteten. Wir hatten Autos und Häuser. Wir lebten wie andere Menschen auf der Welt. Viele von uns zahlten keine Miete, weil sie eigene Häuser, Grundstücke oder Gärten besaßen. Wir hatten gesellschaftliches Ansehen. Unsere Stimme hatte Gewicht.

Diese Vergangenheit liegt nicht lange zurück. Sie ist kein Märchen. Es ist vier Jahre her. Fünf Jahre, seit Afghanistan noch nicht den Taliban überlassen worden war. Es ist erst wenige Jahre her, dass unsere Universitäten, Medien, Behörden, Schulen, Werkstätten, Märkte und die Straßen unserer Städte vom Duft von Frauenparfüm erfüllt waren.

Noch vor wenigen Jahren mischten sich Frauenstimmen unter Autohupen, die Pfeifen der Verkehrspolizei und das Stimmengewirr der Märkte. Noch vor wenigen Jahren brachten Tänze und Lieder von Frauen auf Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, zum Nowruzfest und in der Yalda-Nacht Freude in Fernsehsendungen und Häuser. Glaubt mir, es liegt nicht lange zurück. Doch weil es sich für uns wie ein Jahrhundert anfühlt, ist davon fast ausschließlich eine Erinnerung geblieben und eine Sehnsucht, die viele Herzen erfüllt.

„Immer wenn in Deutschland über eine Straftat berichtet wird, starren sogar unsere Kinder auf den Fernseher und beten, der Täter möge nicht aus unserem Land stammen.“

Heute, fünf Jahre später, fühlen wir uns als Geflüchtete schuldig. Wir haben das Gefühl, keine guten Menschen gewesen zu sein. Wenn einige Straftäter aus unserem Herkunftsland in der Aufnahmegesellschaft Straftaten begehen, tragen selbst unsere Kinder das daraus entstehende Schuldgefühl. Immer wenn in Deutschland über eine Straftat berichtet wird, starren sogar unsere Kinder auf den Fernseher und beten, der Täter möge nicht aus unserem Land stammen.

Fatima, jenes traurige Mädchen aus meinem Land, das während eines deutschen Wahlkampfs mit Tränen in den Augen versuchte, seine eigene Unschuld angesichts des Verbrechens von Aschaffenburg zu beweisen, erzählte nicht allein von ihrem persönlichen Leid. Sie verkörperte eine kollektive Wunde. Ein Mädchen, das sagte, über sie werde wegen ihrer Identität geurteilt, noch bevor man ihr zuhöre. Fatimas Tränen waren nicht die Tränen eines einzelnen Menschen. Sie erzählten von einer kollektiven Beklemmung, die seit Jahren in den Kehlen jener Menschen sitzt, die mitunter nicht wegen dessen beurteilt werden, was sie getan haben, sondern wegen dessen, was sie sind.

In den Tagen nach der tragischen Tat von Aschaffenburg versuchten wir, der Aufnahmegesellschaft unser Mitgefühl zu zeigen. Mehr als 140 Persönlichkeiten aus Afghanistan richteten einen Brief an die deutsche Bevölkerung und erklärten ihre Anteilnahme an der Trauer der Menschen in Deutschland und der Familie der Opfer. Diese Solidaritätsbekundung fand in deutschen und persischsprachigen Medien Resonanz und erhielt positive Reaktionen. Diese Gruppe besteht weiterhin. Wir versuchen, ein anderes Bild von Geflüchteten aus Afghanistan und ihren Anliegen sichtbar zu machen.

Auch Wörter können ins Exil schicken

„Manchmal sind Wörter giftig.“

Eine weitere Erfahrung verbindet uns mit Arendt: die Wirkung von Wörtern. Manchmal sind Wörter giftig. Sie verbreiten Gift und säen Hass, wenn sie zur Erniedrigung einer Gruppe von Menschen verwendet werden. „Boches“, ein abwertender französischer Ausdruck für Deutsche, verletzte Arendt. Ähnlich verletzt uns mitunter das Wort „Ausländer“, wenn es abwertend gegen uns gerichtet wird.

Nicht das Wort „Ausländer“ selbst besitzt zwangsläufig eine herabsetzende Bedeutung. Tonfall, Situation und die dahinterstehende Haltung verwandeln ein gewöhnliches Wort jedoch in ein Mittel der Distanzierung und Ausgrenzung. Mit dem Wort „Ausländer“ wird eine Grenze zwischen „uns“ und „ihnen“ gezogen, noch bevor der Mensch selbst gesehen wird. Das Problem liegt somit nicht allein im Wort. Es liegt in der Macht hinter dem Wort, die einen Menschen auf ein Etikett reduziert.

Mir selbst war diese Seite des Wortes lange nicht bewusst. Eines Tages machte mich eine deutsche Frau darauf aufmerksam, dass „Ausländer“ je nach Kontext und Art der Verwendung ausgrenzend und herabsetzend wirken kann, besonders dann, wenn rechtsextreme Diskurse das Wort verwenden, um das „Fremdsein“ hervorzuheben und eine Grenze zwischen Eigenem und Anderem zu ziehen. Sie empfahl mir, Menschen, die auf der Suche nach Sicherheit nach Deutschland gekommen sind, stattdessen als ‚Flüchtlinge‘ zu bezeichnen.

Unsere Geschichte endet auch hier nicht. Manche Geflüchtete, die erst vor Kurzem nach Deutschland gekommen sind, werden von anderen Geflüchteten herablassend betrachtet, die bereits seit Jahren hier leben. Manche iranische Geflüchtete machen Geflüchtete aus Afghanistan für Kriminalität verantwortlich. Auch einige unserer Landsleute aus Afghanistan, die einige Jahre früher nach Deutschland gekommen sind, haben das Gefühl, wir nähmen ihnen ihren Platz weg. Hier wird mir bewusst, dass Flucht einen Menschen nicht von menschlichen Schwächen und Konkurrenz befreit. Wir bleiben dieselben Menschen, die wir vor dem Überschreiten der Grenze waren.

Ich weiß nicht, ob eines Tages jemand die Geschichte der Geflüchteten aus Afghanistan schreiben wird. Doch wie Herr Cohn in Arendts Essay versucht auch der Flüchtling aus Afghanistan, sich selbst zu beweisen. Herr Cohn wollte in jedem Land zeigen, welch ernsthafter und loyaler Patriot er sei. Bei uns erscheint dieses Bemühen in anderer Form. Wir versuchen zu beweisen, dass wir nicht alle Verbrecher sind und dass eine Straftat die Tat eines Einzelnen ist.

Aber ist eine Straftat wirklich eine individuelle Tat? Ja. Rechtsgrundsätze bestätigen und betonen die persönliche strafrechtliche Verantwortung. Doch was ist mit der Gesellschaft? Ihr Blick auf Kriminalität folgt keineswegs immer einer juristischen Logik. Manchmal wird daraus eine pauschale Kriminalisierung. Selbst Kinder aus Afghanistan versuchen aus Angst, als kriminell angesehen zu werden, ihre Identität zu verbergen.

„Wir müssen zuerst beweisen, dass wir keine geborenen Verbrecher sind.“

Genauer gesagt befinden wir uns nicht einmal in derselben Lage wie Herr Cohn, der seinen deutschen Patriotismus beweisen wollte. Wir müssen zuerst beweisen, dass wir keine geborenen Verbrecher sind.

Anders als Arendt wissen ich und womöglich viele von uns, dass wir heimatlos sind, selbst wenn wir es nicht zeigen möchten. Ich selbst bezeichne mich überall als heimatlos, auch wenn viele meiner Landsleute dieser Aussage womöglich widersprechen. Heimat ist für mich weder eine Geografie noch ein Territorium und nicht einmal allein ein Gefühl der Zugehörigkeit. Heimat ist für mich ein Ort, den ein Mensch nicht aufgeben muss, weil das Leben dort unerträglich geworden ist. Wenn wir unser Herkunftsland freiwillig verlassen und uns für ein Leben an einem anderen Ort entscheiden, beginnt die Heimatlosigkeit.

„Unser Schmerz besteht im Leben zwischen zwei Heimatlosigkeiten: von dort vertrieben, hier gestrandet.“

Doch unser Schmerz geht über Arendts Erfahrung hinaus. Unser Schmerz besteht im Leben zwischen zwei Heimatlosigkeiten. Wir schweben zwischen zwei Formen der Heimatlosigkeit: von dort vertrieben, hier gestrandet.

Auch Integration ist für uns keine einfache Geschichte. Anders als Arendt, die vollständig in der Gesellschaft aufgehen möchte, verstehen wir Integration nicht einfach als Anpassung an das Land, in dem wir Zuflucht gefunden haben, und an Menschen, deren Sprache wir ein wenig sprechen. Wir wollen uns nicht allem und jedem anpassen. Zugleich belastet uns eine verborgene Angst: die Angst, Integration könnte uns unsere familiären Werte nehmen. Werte, die überall Teil unserer Identität bleiben, unabhängig davon, ob sie uns Schwierigkeiten bereiten oder nicht.

Dies ist eine der größten Prüfungen unseres Lebens in einem anderen Land. Sich von Werten zu lösen, die sich über Jahrzehnte in unserem Denken angesammelt und den Rang unveränderlicher Heiligtümer angenommen haben, ist zwar nicht unmöglich, aber äußerst schwer.

„Echte Integration bedeutet womöglich weder, die Vergangenheit zu vergessen, noch sich ihr vollständig zu unterwerfen.“

Echte Integration bedeutet womöglich weder, die Vergangenheit zu vergessen, noch sich ihr vollständig zu unterwerfen. Es geht vielmehr darum, einen Weg zu finden, in einer neuen Gesellschaft zu leben und zugleich die eigene Vergangenheit als Teil der eigenen Geschichte zu bewahren, ohne sie anderen aufzuzwingen.

Beim Patriotismus stimme ich Arendt jedoch vollkommen zu: „Wenn Patriotismus eine Frage der Routine oder Übung wäre, müssten wir die patriotischsten Menschen der Welt sein.“

Wir halten uns für leidenschaftliche Patrioten. Wir glauben, kein Land der Welt besitze unseren Mut, unser Verständnis und Wissen, unsere Gastfreundschaft, unseren Respekt und unsere Herzlichkeit.

Und trotzdem verabscheuen viele von uns das Leben in jenem Land, dessen Patriotismus wir so laut beschwören. Manche von uns leben seit Jahrzehnten in Deutschland und besitzen einen deutschen Pass, loben aber in sozialen Medien das gute Wetter, die guten Früchte und die vermeintlich gute Sicherheit unter den Taliban. Bei Reisen dorthin geben sie Medien Interviews und preisen das größte Freiluftgefängnis der Welt mit merkwürdigen Bezeichnungen.

Unser Patriotismus geht mitunter noch weiter. Manche von uns besuchen Taliban-Vertreter in Konsulaten, die aus unserer Sicht die Menschen Afghanistans nicht vertreten. Sie lassen sich mit ihnen fotografieren und verkünden stolz ihren Patriotismus unter deren Herrschaft.

„Dieser Widerspruch gehört womöglich zu den schmerzhaftesten: ein Land zu lieben und zugleich jene Ordnung abzulehnen, die das Leben dort unmöglich gemacht hat.“

Dieser Widerspruch gehört womöglich zu den schmerzhaftesten unseres Lebens: ein Land zu lieben und zugleich jene Ordnung abzulehnen, die das Leben dort unmöglich gemacht hat.

An einer weiteren Stelle lässt sich besonders stark an Arendt anknüpfen: bei Bernard Lazares sozialer Unterscheidung zwischen dem „Parvenü“ und dem „bewussten Paria“.

Hier repräsentiert die Mehrheit jenes Bild, das die Gesellschaft vom Migranten aus Afghanistan wahrnimmt. Die Minderheit der bewussten Parias, die sich mitunter als freiwillig Exilierte bezeichnet, bleibt in der Menge der Parvenüs allein.

Das Dasein als Parvenü unter Afghanistan-Geflüchteten zeigt sich mitunter in der Torheit sozialer Medien, in törichten Inszenierungen von Straßenkämpfen und Schwarzarbeit. Für den unermüdlichen Einsatz des bewussten Parias bleibt kaum Raum. Dabei kämpft dieser Mensch in Sprachkursen, Schulen, Universitäten, am Arbeitsplatz, auf Fußballplätzen und in anderen öffentlichen Räumen um seinen Platz.

Neben jedem lauten Bild existieren Tausende stille Leben, die niemand sieht. Eine Mutter lernt die Sprache. Ein Kind bemüht sich in der Schule. Ein junger Mensch absolviert eine Ausbildung. Ein ehemaliger Hochschullehrer fängt wieder bei null an. Ein Mensch versucht jeden Tag zu zeigen, dass er jener Gesellschaft, in der er Schutz gefunden hat, weiterhin etwas geben kann.

„Es soll nicht immer über uns gesprochen werden. Wir müssen selbst sprechen.“

An dieser Stelle gewinnt der Begriff des bewussten Parias für uns Bedeutung. Es soll nicht immer über uns gesprochen werden. Wir müssen selbst sprechen. Wir sollen nicht bloß Gegenstand von Migrationspolitik sein. Wir müssen über uns selbst, die Aufnahmegesellschaft, Heimat, Krieg, Diskriminierung, Integration und Zukunft sprechen.

Wir Afghanistan-Geflüchteten haben eine Erfahrung gemacht, die einer alten Weisheit widerspricht: Man kommt im Leben nicht zweimal am selben Ort an. Wir hingegen haben uns daran gewöhnt, immer wieder neue Wege auszuprobieren, um erneut irgendwo anzukommen.

Wir sind nicht zweimal irgendwo angekommen. Wir haben uns daran gewöhnt, immer wieder unterschiedliche Möglichkeiten auszuprobieren, um erneut irgendwo anzukommen. In Deutschland gibt es zahlreiche Wege: Ausbildung, Weiterbildung, duales Studium sowie Selbststudium.

Öffnen diese Möglichkeiten nicht Wege, unterschiedliche Richtungen auszuprobieren? Wir besitzen mehrere Chancen. Wir sollten sie wertschätzen und unterschiedliche Wege erproben, um Arbeit zu finden und eine Zukunft aufzubauen. Darin liegt womöglich ein wichtiger Unterschied zum traditionellen Bild des Flüchtlings.

„Wir sind nicht einfach Menschen, die etwas verloren haben. Wir sind Menschen, die immer wieder gezwungen wurden, von vorn anzufangen.“

Wir sind nicht einfach Menschen, die etwas verloren haben. Wir sind Menschen, die immer wieder gezwungen wurden, von vorn anzufangen.

Doch letztlich ist unser Schmerz trotz vieler Ähnlichkeiten nicht derselbe wie Arendts. Arendt erlebte Heimatlosigkeit. Auch wir haben Heimatlosigkeit erfahren. Doch die Erfahrung der Flucht aus Afghanistan trägt einen weiteren Schmerz in sich: das Leben zwischen zwei Heimatlosigkeiten. Einen Schmerz, den Arendt so nicht erlebt hat.

Menschen aus Afghanistan gehören seit fünfzig Jahren zu den am stärksten von Vertreibung betroffenen Bevölkerungen der Welt. Das gilt in ihrem eigenen Land, wo sie in der eigenen Heimat zu Fremden wurden, ebenso wie außerhalb Afghanistans.

Wie gut haben wir Berge, Wälder, Meere und Ozeane kennengelernt. Durch die Leichen derer, die auf dem Weg von Afghanistan nach Europa zurückblieben. Durch ausgemergelte Körper und gebrochene Seelen, die auf Europas Straßen ihre Heimatlosigkeit beklagen.

„Wir wurden von dort vertrieben und sind hier noch nicht vollständig angekommen.“

Wir wurden von dort vertrieben und sind hier noch nicht vollständig angekommen. Wir stehen zwischen einer Vergangenheit, zu der wir nicht zurückkehren können, und einer Zukunft, die uns noch nicht vollständig gehört.

Womöglich betrachte ich Heimat gerade deshalb nicht mehr als bloße Geografie. Heimat ist für mich ein Ort, den ein Mensch nicht aufgeben muss, weil das Leben dort unerträglich geworden ist. Ein Ort, an dem man ohne Angst lebt, ohne sich selbst verleugnen zu müssen, um akzeptiert zu werden, und ohne die eigene Vergangenheit abstreifen zu müssen, um bleiben zu dürfen.

Womöglich haben wir unsere Heimat noch nicht gefunden. Womöglich wissen wir selbst noch nicht, wo unsere künftige Heimat liegen wird.

Eines aber wissen wir: Wir sind Flüchtlinge. Und ein Flüchtling bleibt, unabhängig davon, wie weit er sich von seiner Heimat entfernt hat, unterwegs, solange er keinen Ort zum Leben und Zugehören gefunden hat.

Wenn eines Tages jemand unsere Geschichte schreibt, wird er womöglich nicht schreiben, wir seien einfach Menschen gewesen, die aus Afghanistan geflohen sind. Er wird womöglich schreiben, wir seien Menschen gewesen, die immer wieder Heimat, Zuhause, Beruf, gesellschaftliches Ansehen, Identität und Hoffnung verloren und jedes Mal erneut irgendwo angefangen haben.

„Unsere Geschichte ist womöglich nicht allein eine Geschichte der Flucht. Sie ist eine Geschichte des Versuchs, wieder als Mensch zu leben.“

Unsere Geschichte ist womöglich nicht allein eine Geschichte der Flucht. Sie ist eine Geschichte des Versuchs, wieder als Mensch zu leben.

Und womöglich liegt darin letztlich jene Einsicht, die Arendt uns vermittelt hat: Ein Flüchtling ist nicht bloß Gegenstand des Mitleids anderer. Er kann selbst sprechen. Er kann sich selbst definieren. Und er kann aus einer Lage, die andere für ihn geschaffen haben, eine kollektive Stimme entwickeln.

Wir sind noch unterwegs. Nicht allein von Afghanistan nach Europa, sondern von einer Heimatlosigkeit hin zu einer Heimat, von der wir noch nicht wissen, wo sie liegt.

Das ist unsere Geschichte. Die Geschichte der Afghanistan-Geflüchteten. Menschen zwischen zwei Heimatlosigkeiten.

Der Text wurde mithilfe von KI aus dem Persischen ins Deutsche übersetzt und anschließend von Dr. Kefajat Hamidi und Dr. Daniel Grabić redaktionell bearbeitet und lektoriert.

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