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Kiflemariam Gebre Wold © privat, bearb. MiG

Mehrheitslogik am Küchentisch

Wie Migranten Abwertung weitergeben

Wer selbst um Anerkennung kämpfen musste, kann die Maßstäbe der Mehrheitsgesellschaft gegen Neuankommende richten. So entstehen interne Hierarchien, Konkurrenz um Zugehörigkeit und eine Solidarität, die gerade gegenüber Geflüchteten und Armen brüchig wird.

Von Mittwoch, 12.08.2026, 18:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 10.08.2026, 16:50 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Zugehörigkeit wird in unseren Communities oft nicht nur gesucht, sondern verwaltet: nach Maßstäben, die eigentlich von außen kommen. Es beginnt selten mit Parteiprogrammen. Meist beginnt es dort, wo wir uns sicher fühlen: in der Küche, im Café nach dem Gebet, zwischen zwei Sprachnachrichten, die eigentlich nur „Hast du Zeit?“ sagen sollten. Dann fällt der Satz, halb beiläufig, halb wie eine Prüfung: „Früher waren die ganz anders.“ Und gleich hinterher, als wäre das schon Erfahrung: „Die wollen sich doch gar nicht anpassen.“

Der Moment, in dem wir „wir“ sagen – und trotzdem sortieren

Hier wirkt eine stille Weitergabe: Wir übernehmen die Logik der Mehrheitsgesellschaft – und verwandeln Abwertung in eine innergemeinschaftliche Ordnung. Aus Schutzbedürftigen wird ein Ärgernis. Aus Armut ein Charakterfehler. Und wir nennen das dann „wir waren damals nicht so“.

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Das ist keine bloße Rede im Privaten. Es ist Politik in Jogginghose.

„Wer verstehen will, wie humanitäre Werte so reibungslos ausgehöhlt werden, muss nicht nur auf die Mehrheitsgesellschaft schauen.“

Viele von uns, die zur Diaspora gehören, schauen ungern in diesen Abgrund. Nicht, weil wir zu naiv wären – sondern weil wir wissen, wie gefährlich er ist. Solidarität bricht selten spektakulär. Sie bricht im Tonfall, in einem Nicken, in einem „Ja, aber…“, das plötzlich zur Eintrittskarte wird. Wer verstehen will, wie humanitäre Werte so reibungslos ausgehöhlt werden, muss deshalb nicht nur auf die Mehrheitsgesellschaft schauen. Wir müssen auch dort hinschauen, wo ihre Maßstäbe weiterleben: mitten in unseren Communities.

Ein System, das „Integration“ als Bewährung verkauft

Deutschland hat Einwanderung selten als Zugehörigkeit organisiert, sondern als Sortierung: nicht „Wer bist du?“, sondern „Wofür bist du gut?“ Die erste Generation der „Gastarbeiter“ wurde gebraucht, aber nicht gewollt. Arbeitskraft ja, Rechte später. Dankbarkeit sofort, Gleichstellung irgendwann.

nicht in Statistiken verlieren: Angriffe auf Asylheime, die NSU-Mordserie und das Massaker von Hanau sind Teil unserer Erfahrungen. Solche Gewalterfahrungen wirken bis in den Alltag hinein. Sie prägen mit, wer sich sicher fühlt, wer schweigt und wer glaubt, sich ständig erklären zu müssen.

Neue Etiketten kamen, neue Herkunftsdebatten, neue Integrationskurse, neue Abschiebemodalitäten – doch das Prinzip blieb: Wer als nützlich gilt, darf bleiben; wer stört, soll sich zumindest erklären.

„Wer jahrelang nur auf Bewährung leben darf, beginnt irgendwann, Bewährungsregeln zu verteidigen.“

Und wir haben diese Ordnung nicht nur erlitten, wir haben sie gelernt. Wer jahrelang nur auf Bewährung leben darf, beginnt irgendwann, Bewährungsregeln zu verteidigen – auch gegen die, die nachkommen. Dann klingt „Integration“ plötzlich nicht mehr wie ein Recht auf gemeinsame Regeln, sondern wie eine Leistungsschau: Wer spricht besser, wer stört weniger, wer macht weniger Probleme. So entsteht ein innerer Wettbewerb um Anerkennung.

Was wie Missgunst aussieht, ist oft Statusangst. „Wir haben uns hochgearbeitet, Steuern gezahlt, dieses Land mitaufgebaut – die Neuen dürfen uns das Erreichte nicht kaputtmachen.“

Und dann passiert das Bitterste: Anpassung bedeutet nicht mehr, Würde einzufordern, sondern Verachtung zu übernehmen. Die schlimmste Form von Anpassung ist, die Abwertung, die man selbst erfahren hat, weiterzutragen – um zu zeigen, dass man zur „richtigen“ Seite gehört.

Rechte Politik braucht keine Einheit – sie braucht Trennlinien

„Rechte Politik lebt nicht davon, dass sie ‚alle Migranten‘ gleichzeitig hasst. Sie lebt davon, dass sie uns gegeneinander sortiert.“

Rechte Politik lebt nicht davon, dass sie „alle Migranten“ gleichzeitig hasst. Sie lebt davon, dass sie uns gegeneinander sortiert. Sie streicht ein paar Namen an, als Beweisstücke: Seht ihr, die sagen doch selbst, man müsse sich „anpassen“. Und sie zeigt mit dem Finger auf die, die sich am wenigsten wehren können: Geflüchtete, Arme, sichtbar Fremde – Menschen ohne Lobby und ohne Sprachmacht. Wir machen es ihnen zu leicht, wenn wir diese Sortierung vorwegnehmen.

Wenn wir das Vokabular der Mehrheitsgesellschaft in unsere Räume holen – „die Fleißigen“ gegen „die Unangepassten“, „die Integrierten“ gegen „die, die nur nehmen“ – dann klingt es nicht nach Hass. Aber es liefert die Trennlinie gleich mit. Das ist keine „harte Wahrheit“. Das ist ein Angebot an Rechte: Hier, bedient euch – wir liefern euch die Unterscheidungen, sauber etikettiert.

Solidarität, die nicht Folklore bleibt

Rassismus wird nicht in der Diaspora erfunden; die Mehrheitsgesellschaft bleibt die alleinige Urheberin. Aber wenn wir schweigen, übernehmen wir ihre Deutung mit. Wer die Tür hinter sich schließt, bleibt trotzdem im Vorzimmer: geduldet, nicht gleichgestellt; eingeladen, aber unter Bedingungen.

„Eine diasporische Ethik der Zukunft zeigt sich nicht im romantischen „Wir“-Gefühl, sondern im konkreten Nachdenken über unsere eigenen Hierarchien.“

Darum braucht es Solidarität, ohne Folklore. Eine diasporische Ethik der Zukunft zeigt sich nicht im romantischen „Wir“-Gefühl, sondern im konkreten Nachdenken über unsere eigenen Hierarchien: über interne Rangordnungen, über die Messlatte der Nützlichkeit, über den Gedanken, Zugehörigkeit sei etwas, das man anderen abziehen kann.

Welche Wörter übernehmen wir, ohne es zu merken? Welche Unterscheidungen erklären wir zu schnell zur „harten Wahrheit“? Und wie würde ein gemeinsamer Begriff von Zugehörigkeit aussehen – mit gleichen Regeln, wechselseitigen Ansprüchen und gleicher Würde? (mig) Meinung

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