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Parwana Amiri im Geflüchteten-Camp Ritsona (Griechenland) © Judith Büthe

Reportage aus dem Ritsona-Camp

Amiri: „Je höher eure Mauern, desto lauter mein Protest!“

Das Ritsona-Camp in Griechenland ist gesichert mit Mauern, Stacheldraht, Einlasskontrollen und Überwachungstechnik. Das Leben darin zeigte Aktivistin Parwana Amiri dem MiGAZIN. Entstanden ist eine aufwühlende Foto-Reportage. Die Afghanin lebt selbst im Camp und kämpft für die Rechte der Menschen, die dort oft viele Jahre ausharren müssen.

Von Dienstag, 08.03.2022, 5:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 08.03.2022, 9:13 Uhr Lesedauer: 28 Minuten  |  

Mit der Verschärfung der Flüchtlingspolitik in Griechenland, hat die Regierung begonnen, bereits existierende Camps und neue Lager mit Mauern, Stacheldraht, Einlasskontrollen und Überwachungstechnik aufzurüsten – so auch das Camp Ritsona, in dem Parwana Amiri, 17 Jahre aus Afghanistan, lebt.

„Ich kann nicht akzeptieren, dass sie uns wegsperren, als hätten wir etwas verbrochen!“ Ihre Stimme klingt klar und entschlossen. „Das nehmen wir nicht so hin. Wir lassen es nicht zu, dass man uns hinter einer Mauer unserem Schicksal überlässt.“ Im vergangenen Jahr bereits wurde mit den Bauarbeiten begonnen. Seither ist das Lager rundum durch eine Mauer von der Außenwelt abgeschottet. Parwana Amiri ärgert sich sichtlich über den Umgang mit den Bewohner:innen: „Keiner hat uns informiert!“, sagt sie. Sie sei eines Morgens vom Lärm der Planierraupen und Schwertransporter aufgewacht und habe zu ihrem Entsetzen feststellen müssen, dass sie direkt vor ihrem Fenster eine meterhohe Betonmauer errichten. „Genau das ist es, was uns das Gefühl vermittelt, wir hätten keine Rechte.“

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Amiri ist Autorin, Bloggerin, politische Aktivistin – und sie ist vor allem eins: Laut, wenn es darum geht, für Freiheitsrechte einzustehen. Seit ihrer Ankunft in Griechenland 2019 ist die Afghanin in verschiedenen Gruppen organisiert, hält Vorträge, wird zu Podiumsdiskussionen eingeladen, wenn es um das Thema Rechte für Menschen mit Fluchtgeschichte geht. Die verschärften Maßnahmen, die direkten Einfluss auf sie und die anderen Bewohner:innen des Camps haben, will sie nicht dulden.

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Parwana Amiri im Geflüchteten-Camp Ritsona (Griechenland) © Judith Büthe

„Was hier passiert, dürfen wir nicht hinnehmen!“

Die Beine übereinander geschlagen, den Kopf auf ihre linke Hand aufgestützt, sitzt sie in einer der kleinen Holzhütten, die sich auf dem Hauptweg des Camps aneinanderreihen. Gemüse und Obst, Wasser, Hygieneartikel, Backwaren und Heißgetränke werden hier von den Bewohnern des Lagers zum Kauf angeboten.

Es ist früh am Morgen. Nur wenige Personen sind bislang auf den Straßen zu sehen. Bis auf ein paar Straßenhunde, die an der Schnellstraße vor dem Eingang des Lagers vorbeifahrende Autos anbellen, herrscht absolute Stille. „Das ändert sich in ein paar Stunden“, erklärt sie und schmunzelt dabei, während sie ihren Becher Kakao vor sich abstellt. „Es ist noch zu früh, um etwas vom Leben hier mitzubekommen. Die Tage beginnen später, dafür dauern sie auch länger.“ Ihr Gesicht wirkt freundlich und aufgeschlossen. Es ist Januar 2022 – ein sonniger Tag, nach anhaltendem Regen in den vergangenen Wochen. Amiri sitzt an einem schmalen Holztisch, rundherum verschiedenste Stühle. Auf dem Tisch ein Wachstischtuch, darüber eine Häkeldecke. Sie legt Notizbuch, Kugelschreiber und Handy darauf ab und versucht in wenigen Worten zusammenzufassen, worum es ihr hier und heute geht. „Ich möchte, dass wir Menschen mit Fluchtgeschichte endlich auf Augenhöhe Beachtung finden – dass man uns nicht hinter Zäunen unserem Schicksal überlässt und unsere Rechte vorenthält. Was hier passiert, dürfen wir nicht hinnehmen!“

Die junge Afghanin aus der Provinz Herat lebt seit mehr als zwei Jahren mit ihrer Familie in Ritsona, Griechenlands größten Lager für Menschen mit Fluchtgeschichte. Sie trägt eine Jeans – die Hosenbeine einmal umgeschlagen, dazu ein Sweatshirt und eine schwarze, gesteppte Weste. Ihr Kopftuch sticht leuchtend gelb hervor. „Die Situation in den Lagern war immer schon eine Katastrophe, aber jetzt, mit der Schließung und Abschottung, wird alles noch schlimmer“, sagt Amiri, die dabei aus der aufgestellten Luke der Hütte hinausschaut. „Wenn wir jetzt verstummen, haben wir verloren“, sie hält kurz inne und setzt erneut an: „Wenn wir uns nicht gegen die Entscheidung der Regierung stellen, so mit uns umzugehen, dann wird sich nichts für uns ändern!“ Sie nimmt ihren Kugelschreiber zur Hand, macht sich auf die Schnelle Notizen und steht dann auf. Sie verabschiedet sich freundlich, legt passend Kleingeld auf die Ladentheke und verlässt das improvisierte Café in Richtung ihrer Unterkunft. Links und rechts vom Weg drängen sich selbst gezimmerte Hütten. Sie ist wachsam, scannt mit ihren Blicken die Umgebung, um sicherzugehen, dass keine Security-Kräfte auf sie aufmerksam werden.

Verschärfte Lebensbedingungen im Camp Ritsona

Das Camp Ritsona – etwa eine Autostunde von Athen entfernt, liegt inmitten eines Industriegebiets der gleichnamigen Gemeinde. Rund 3.000 Menschen warten hier auf eine Entscheidung der Regierung, von der abhängt, wie ihr weiteres Leben verlaufen wird. Hunderte weiße Container stehen eng an eng auf dem ehemaligen Militärgelände. Eingeteilt in verschiedene Bereiche, die die Bewohner:innen nach ihrer Nationalität trennen. Diese, zunächst provisorische Lösung, wird inzwischen sechs Jahre als dauerhafte Unterbringung tausender Geflüchteter genutzt. Schutzsuchende aus Afghanistan, Syrien, Irak und verschiedenen afrikanischen Ländern, darunter Kongo, Kamerun und Somalia, leben hier auf engstem Raum zusammen.

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Container und Zelte im Geflüchteten-Camp Ritsona (Griechenland) © Judith Büthe

Die Entwicklung der griechischen Lager – hin zu sogenannten ‚geschlossenen Camps‘, ist auch hier sicht- und spürbar. Am Eingang parken mehrere Polizeiwagen. Polizisten laufen vor dem Gelände auf und ab. Sicherheitspersonal ist im Großaufgebot präsent. Strikte Ein- und Ausgangskontrollen gehören zum Alltag. Journalist:innen und Besucher:innen sind seither unerwünscht.

„Sie wollen uns erklären, dass sie diese Vorkehrungen für uns treffen – zu unserem Schutz“, sagt die Menschenrechtsaktivistin, während sie zwei kleinen Kindern zuwinkt, die bis unter die Arme bepackt, mit blauen Plastiktüten, an ihr vorbeilaufen. „Sie kommen von der Lebensmittelausgabe. Die ist am Eingang gleich rechts“, erklärt Amiri. Sie stellt die EU in Sachen Flüchtlingspolitik infrage: „Wenn sie merken, dass sie mit ihrer Abschreckungspolitik nichts erreicht, warum fangen sie nicht endlich an umzudenken? Die Vorschriften, Gesetze – das ist alles von Menschen gemacht. Dann kann es doch auch von Menschen geändert werden?“

Sie läuft an einem Spielplatz vorbei. Bunte Spielgeräte aus Metall – Wippen und Schaukeln, stehen dicht an dicht – rundherum hoher Maschendrahtzaun. Dahinter befinden sich die Wohneinheiten der kurdischen und afrikanischen Geflüchteten. Eine gleicht der anderen: Weiße Container mit je zwei Fenstern – Europaletten vor den Eingangstüren, daneben Kinderwagen, Planen, provisorische Regale für Schuhe. „Die Frage ist nicht, ob man etwas ändern kann, vielmehr, ob eine Veränderung gewollt ist“, merkt sie an. „Will man uns als gleichwertige Menschen betrachten und unsere Lebensbedingungen verbessern? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für diese ‚Krise‘, wie sie es nennen, eine Lösung geben wird – ohne echte Veränderung, ohne ein Umdenken.“

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Eine Familie im Geflüchteten-Camp Ritsona (Griechenland) © Judith Büthe

EU-Mittelverwendung: Zweifel in den eigenen Reihen

Abgeordnete der Grünen und Linken Fraktion stellen hierzu im Mai 2021 eine Anfrage an das EU-Parlament. Sie weisen darauf hin, dass die Mauer um das Camp Ritsona u. a. mit Mitteln des Programms der Kommission zur „Unterstützung der griechischen Behörden bei der Verwaltung des nationalen Systems für die Aufnahme von Asylsuchenden und schutzbedürftigen Migranten“ errichtet wurde. Ziel dieses Programms sei es laut Abgeordneten eigentlich, hiermit „Bildungsmaßnahmen und Kontakte mit den Einheimischen im Rahmen des Integrationsprozesses zu fördern“.

In seiner Antwort bestätigt das Parlament die Mittelverwendung, verweist aber darauf, dass für die Durchführung des von der EU finanzierten Soforthilfeprojekts die Internationale Organisation für Migration (IOM) zuständig sei. Drei weitere Camps sollen neben dem Lager Ritsona hierdurch instandgesetzt werden – für einen „verbesserten Schutz der Bewohner und Mitarbeiter“. Weiter heißt es, wurde für die Durchführung des Gesamtprojekts ein Betrag von rund 180 Millionen Euro vertraglich vereinbart, wovon etwa 9 Millionen Euro für die „Instandhaltung der Lager“ eingesetzt werde. Auf die verwiesenen Ziele des Programms („Bildungsmaßnahmen und die Förderung von Kontakten mit den Einheimischen im Rahmen des Integrationsprozesses“) geht das Parlament in seiner Antwort nicht ein.

Öffentlichkeit unerwünscht

Den aktuellen Zustand findet Parwana Amiri nur schwer auszuhalten. „Für meine Freunde habe ich bislang immer einen Weg in das Lager gefunden. Auch, wenn das nicht gerne gesehen wurde“, sagt sie und verdreht die Augen. „Durch die Schließung der Camps wollen sie NGOs und Journalist:innen fernhalten. Sie wollen absolute Kontrolle!“ Eine ihrer Freundinnen habe im vergangenen Jahr bei einem der zuständigen Ministerien angefragt, warum Kontakte nach außen mit solchen Zutrittsbeschränkungen unterbunden werden. Der Mitarbeiter, so Amiri, habe die Gegenfrage gestellt, ob sie ‚tatsächlich glaube, dass Leute aus dem Camp Freunde in der Bevölkerung hätten‘. „Diese Aussage ist mir im Gedächtnis geblieben“, fährt sie fort. „Solche Äußerungen bekommen Gewicht, wenn man eh schon das Gefühl hat, in einer Parallelwelt zu leben.“

Sie zeigt auf den vorletzten Container in der Reihe am Ende des Geländes rechts und erklärt, dass sie hier mit ihrer Familie wohnt. Gegenüber, eine selbstgebaute Hütte, in der sie und ihre Schwestern als Lehrerinnen einer selbstorganisierten Schule, Kinder und Jugendliche unterrichten. Daneben ein kleiner Anbau aus Holzpfählen, umspannt mit Planen und Folien als Windschutz – daneben eine kleine Feuerstelle, rundherum Stühle. An der Vorderseite des Containers der Amiri’s – wie an vielen anderen Unterkünften auch: Vorbauten aus Holz und Lkw-Plane, die als zusätzlicher Stauraum genutzt werden. Die junge Frau verabschiedet sich für einen Moment und verschwindet im Inneren. Zwei Kinder aus der Nachbarschaft sitzen gegenüber an der Kochstelle und scheinen auf jemanden zu warten. Einer von ihnen hält einen Fußball auf dem Schoß, auf den er sich abstützt. Der jüngere von ihnen ist mit dem Versuch beschäftigt, den Reißverschluss seiner Jacke zu reparieren. Als sich die Tür kurze Zeit später wieder öffnet, springen die Beiden auf und rennen auf die junge Frau zu. Sie begrüßen einander herzlich, unterhalten sich kurz und laufen dann weiter.

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Kind spielt im Geflüchteten-Camp Ritsona (Griechenland) © Judith Büthe

Amiri hat sich zwischenzeitlich umgezogen. Sie trägt eine dunkle Stoffhose, einen hellen Strickpullover und eine weiße Kapuzenjacke. Um ihren Hals hängt eine silberfarbene Kette mit einem Schmetterlings-Anhänger. Notizblock und Stift hält sie unverändert in Händen. Ohne den Anschein zu erwecken, in das Thema zurückfinden zu müssen, setzt sie an, wo sie zuvor aufgehört hat: „Die Kontrollen sind strenger als früher in Ritsona. Für Leute von außerhalb ist es nicht mehr möglich, das Camp zu betreten – eigentlich“, sie sucht Blickkontakt, schmunzelt ein wenig. Sie geht auf eine Anhöhe zu – links von ihr die Betonmauer, die das gesamte Lager umschließt, zu ihrer rechten ein kleines Steinhaus. Der Vorplatz des Hauses, an dem Amiri stehenbleibt, ist mit Kieselsteinen ausgelegt. „Das ist unsere Moschee“, sagt sie. „Die haben wir selbst gebaut.“ Beschaffenheit, Bauart und Farbe heben sich vom Rest des Lagers ab. Die Container unterscheiden sich untereinander lediglich durch die mit Textmarker darauf vermerkten Zahlen- und Buchstabenkombinationen.

Sie lässt die Wohneinheiten hinter sich, läuft vorbei an Kindern, die auf einem betonierten Platz mit einem Ball spielen. Neben Ansammlungen von Müll und alten Möbelstücken liegen Straßenhunde auf ausrangierten Matratzen. „Die sind alle entspannt. Sie bekommen von uns regelmäßig Fressen“, erklärt sie. Es ist noch immer recht still im Lager, nur vereinzelt hört man in der Ferne Menschen miteinander reden. Die Sonne steht tief. Die Mauer wirft einen langen Schatten über den Hügel. Amiri wirkt nachdenklich. Sie geht den matschigen Weg entlang und scheint sichtlich verärgert über den Zustand ihrer Schuhe. Sie bleibt stehen und zeigt in Richtung Boden. „Hier kommt keine Sonne mehr hin. Es trocknet einfach nichts mehr weg. Heute habe ich auch noch die Schuhe meiner Schwester an.“

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Mädchen und junge Frauen im im Geflüchteten-Camp Ritsona (Griechenland) © Judith Büthe

Zwischen Containern und Beton

Dass es sich bei dem Gelände um einen ehemaligen Militärstützpunkt handelt, wird spätestens jetzt sichtbar. Amiri bleibt stehen, neben ihr ein alter beton-grauer Wachturm – ungenutzt und sichtlich in die Jahre gekommen. Die neuerrichtete Mauer wirkt, mit einer Höhe von etwa drei Metern, gewaltig. Die junge Frau schaut hinunter auf die Dächer der Container, die sich dicht an dicht reihen: „Irgendwie hat man von hier oben eine gewisse Distanz zum Geschehen und man kann frei sprechen, weil die Security hier nicht hinkommt.“ Wirklich geheuer scheint ihr die Situation trotzdem nicht. Immer wieder lässt sie ihren Blick von rechts nach links schweifen. „Die Regierung sagt, sie haben die Mauer zu unserem Schutz gebaut.“ Sie hält kurz inne. „Schutz vor wem?“, fragt sie spöttisch.

„Müssen wir Geflüchtete uns etwa zwischen Freiheit und Sicherheit entscheiden? Heißt das im Klartext: Wenn wir uns in der EU sicher fühlen wollen, geht das nur, wenn wir auf unsere Freiheit verzichten?“ Sie holt tief Luft. „Ich fühle mich wie in einem Gefängnis“, platzt es aus ihr heraus. Sie betont mehrfach, dass sie mit diesem Gefühl nicht alleine ist. Amiri spreche hier für alle Bewohner:innen. Die einzelnen Communitys seien allesamt verunsichert und befürchten, die Lebensumstände könnten sich weiter verschlechtern, jetzt, wo die Außenwelt keinen Einblick mehr bekommt. Sie hätten Angst davor, aus der öffentlichen Wahrnehmung endgültig zu verschwinden. „Es war mir bereits in Moria ein Anliegen, auf unsere Lebensumstände aufmerksam zu machen. Leute von außerhalb sollen sich ihr eigenes Bild machen! Wie wollen sie uns sonst verstehen?“

„Kinder nehmen sich ihr Traumata mit.“

Andrea Seelich, studierte Architektur in Prag und spezialisierte sich anschließend auf den Bereich der Strafvollzugsarchitektur. Die zuvor gewonnenen praktischen Erfahrungen in ihrer Arbeit, ergänzte sie mit einem interdisziplinären Doktorat der Kriminologie, Strafvollzugskunde sowie Architektur an der TU Wien. Seit 2000 wird sie als Architektin im Bereich des Strafvollzugs in Österreich und Tschechien beigezogen. Ihr Buch „Handbuch Strafvollzugsarchitektur“ erscheint bereits 2009 im Wissenschaftsverlag Springer in Wien. Das Thema Freiheitsentzug und seine Bedeutung für Gefängnisinsassen spielt hierbei eine zentrale Rolle.

Europas renommierteste Gefängnisarchitektin, Andrea Seelich, setzt sich in ihrer täglichen Arbeit mit der Frage der Bedeutung von Freiheitsentzug für Gefängnisinsassen, auseinander. Die Expertin rät mit Blick auf die Situation in europäischen Lagern für Geflüchtete von einem Gefängnisvergleich ab. „Es liegt nahe, dass dieses Gefühl bei den Menschen aufkommt.“ Die Architektin und Kriminologin gibt zu bedenken: „Die Unterscheidung von Schutzsuchenden und Straftäter:innen ist dann nicht mehr gegeben.“ Faktisch und rechtlich sei der Vergleich somit nicht haltbar. Sie weist darauf hin, dass Gefängnisse im Gegensatz zu Unterkünften für Geflüchtete mit ausgefertigten und erprobten Betriebskonzepten arbeiten. „Hier gibt es geregelte Abläufe, damit die Leute nicht irgendwann durchdrehen.“ Seelich hält es für dringend notwendig, entsprechende Strukturen auch in Camps zu schaffen.

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Die Mauer im im Geflüchteten-Camp Ritsona (Griechenland) © Judith Büthe

Die Lebensumstände, insbesondere für Kinder in Ritsona, betrachtet sie kritisch. „Auf sie hat das Aufwachsen hinter Mauern jetzt noch keine spürbaren Auswirkungen. Das ändert sich im Alter! Kinder nehmen sich ihr Traumata mit. Hier und heute geht es für sie um das reine Überleben.“ Aus ihrer Sicht, macht es einen Unterschied, ob Menschen in eine Unterbringung kommen, die bereits umzäunt ist oder nachträglich eine Mauer um sie gezogen wird, wie es in Ritsona der Fall ist. „Die Symbolik und Wirkkraft ist eine völlig andere.“

Griechische Lager für Geflüchtete – Notunterkünfte als Dauerlösung

Ritsona ist eines der Lager, das für einen kurzzeitigen Aufenthalt vorgesehen ist. Die Schutzsuchenden waren zum Großteil zuvor in Lagern auf den ägäischen Inseln untergebracht, so auch Parwana Amiris Familie. „Wir haben Lesbos mit einem Schlauchboot erreicht und kamen dann nach Moria.“ Das ehemalige Camp auf der griechischen Insel wurde spätestens mit dem Großbrand im September 2019 weltweit zu einem Symbol des Versagens der europäischen Flüchtlingspolitik. Zehntausende Menschen mit Fluchtgeschichte wurden hier jahrelang in Zelten untergebracht. Die Zustände wurden immer wieder von EU-Menschenrechtsbeobachter:innen und NGOs scharf kritisiert und als menschenunwürdig beschrieben.

„Drei Monate lang haben wir dort bleiben müssen – im Winter. Kein Wasser, keine warmen Decken, keine Sanitäranlagen, rein gar nichts. Nur ein Zelt, das wir uns mit acht Personen geteilt haben – meine Familie und ein uns bis dahin fremder unbegleiteter Junge.“ Sie berichtet weiter: „Dann sind wir auf das Festland gekommen“, und stellt klar: „Andere haben weniger Glück und müssen Jahre auf den Inseln ausharren, bevor es für sie weitergeht.“

Eine Mauer trifft auf Widerstand

Mit Blick auf die verschärften Maßnahmen in Ritsona sagt die Aktivistin: „Wir können jetzt schweigen und abwarten, was all diese Repressalien mit uns und unserem Leben machen, oder, wir stellen uns dagegen und sind laut!“ Sie lehnt sich an die Mauer und sucht nach einem Posting, das sie in den vergangenen Monaten veröffentlicht hat. Eines der Videos zeigt eine Ansammlung von Bewohner:innen, darunter ein Großteil Kinder, die vor der Mauer am Eingang des Lagers demonstrieren. Zu lesen ist in schwarzer und roter Farbe: Build schools not walls! (Baut Schulen anstatt Mauern!). Man hört Amiri im Verlauf fragen: „Was fordern wir?“ Die Menge antwortet: „Freiheit!“ Sie fragt weiter: „Wann?“ Alle stimmen ein: „Jetzt!“ Die Demonstrierenden ballen ihre Fäuste und strecken sie in die Luft.

„Welcher Mensch in Europa“, beginnt Amiri ihre Frage mit entschlossener Stimme, „würde sich wegsperren lassen, ohne etwas verbrochen zu haben?“ Sie fügt hinzu: „Und das ist noch nicht alles. Es gibt weder eine Schule, noch Bildungsangebote. Es wird nicht auf die mentale Gesundheit von uns geachtet. Ganz davon abgesehen, sind die Essensausgaben eine absolute Katastrophe.“ Sie scheint aufgebracht, steckt ihr Handy zurück in ihre Jackentasche und macht sich Richtung Camp auf. „Ich könnte stundenlang so weitermachen, aber das ändert nichts an der Situation.“ Sie läuft im Schatten des meterhohen Betons den Berg hinunter, wirkt verschwindend klein neben der Mauer.

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Spielplatz im Geflüchteten-Camp Ritsona (Griechenland) © Judith Büthe

Unten angekommen, prüft sie, ob sich in der Nähe Sicherheitskräfte aufhalten. „Was denken die Einheimischen jetzt von uns? Welcher Eindruck entsteht bei ihnen?“ Sie ist sichtlich aufgebracht. „Ich glaube, dass die Verantwortlichen der EU wissen, was sie hier für ein Bild von uns zeichnen.“ Amiri fasst zusammen: „Wir haben alle unsere Vergangenheit. Wir haben Krieg, Verfolgung, Flucht überlebt … in der Hoffnung hier in Freiheit leben zu können und uns gleichzeitig sicher zu fühlen. Wir wollen die Sprache lernen, wir wollen die Schule besuchen, wir wollen arbeiten – Teil der Gesellschaft sein! Das wird uns schlichtweg verwehrt.“ Spürbar aufgebracht, fügt sie hinzu: „Stattdessen sitzen wir hinter einer Betonmauer und warten Monate und Jahre und nichts passiert.“ Die Situation belastet sie spürbar. „Ich habe das Gefühl, die Kontrolle über mein eigenes Leben zu verlieren.“ Die junge Frau atmet tief durch, richtet sich auf und läuft weiter.

Reduzierung auf medial verkäufliche Bilder

Dr. Marie Göbel ist Moralphilosophin. Ihre Schwerpunktgebiete sind unter anderem Philosophie der Menschenrechte, Menschenwürde sowie Ethik der Migration. Sie hat 2019 an der Universität Utrecht mit einer Arbeit zu Menschenwürde als Grund der Menschenrechte promoviert. Von 2019 bis 2021 hat sie sich im Rahmen des NoVaMigra-Forschungsprojektes intensiv mit sogenannten europäischen Werten im Rahmen der EU-Flüchtlingspolitik befasst. Sie ist Mitherausgeberin des Bandes „Cosmopolitan Norms and European Values: Ethical Perspectives on Europe’s Refugee Policy, der voraussichtlich dieses Jahr bei Routledge erscheinen wird.

Marie Göbel, Moralphilosophin mit den Schwerpunkten Menschenrechte, Menschenwürde und Ethik der Migration, sieht hier seitens der EU eine Art Selbstrechtfertigung am Werk: Geflüchtete werden durch ihre Wegsperrung in Camps in der öffentlichen Wahrnehmung tendenziell kriminalisiert und zu potenziell Illegalen, was im Umkehrschluss Camps wie Ritsona scheinbar notwendig macht. „Die öffentliche Wahrnehmung von Kriminalität und Illegalität kommt aber unter anderem durch die Beschaffenheit dieser Camps erst zustande. Als würden die Lager ihre eigene Rechtfertigung schaffen, dadurch, dass sie Mauern errichten. Das ist perfide“, sagt die Philosophin, die sich seit einigen Jahren intensiv mit diesen Themen beschäftigt.

Die Kriminalisierung von Geflüchteten ist ihrer Ansicht nach ein zentraler Bestandteil des öffentlichen Diskurses über Migration. „Geht es um Missstände in Lagern für Geflüchtete, wird gerne der Begriff ‚menschenunwürdig‘ ins Spiel gebracht“, erklärt sie weiter. „Damit verbunden werden dann zum Beispiel Bilder von Zelten wie in Moria, von kleinen Kindern, die im Dreck spielen. Einerseits ist das natürlich richtig. Andererseits ist es irreführend, menschenunwürdige Zustände auf solche medial verkäuflichen Bilder zu reduzieren – sie sind dafür geeignet, über andere faktische Missstände hinwegzutäuschen.“ Sie ergänzt: „Auch die Unterbringung in scheinbar ‚geordneten‘ Camps, mit Containern anstelle von Zelten, kann natürlich menschenunwürdig sein.“ Vielversprechender wäre es ihres Erachtens, Verletzungen der Menschenwürde daran zu bemessen, ob Menschenrechte verletzt werden. „Es gilt festzustellen, ob zum Beispiel das Recht auf Bildung, auf physische und psychische Unversehrtheit, auf autonome Lebensführung und natürlich auch auf Asyl eingehalten wird“, so Göbel.

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Langeweile für Frauen und Männer im im Geflüchteten-Camp Ritsona (Griechenland) © Judith Büthe

„Für uns gibt es keine Freiheit“

Parwana Amiri steuert eine versteckte Sitzecke hinter den Containerreihen an. Die untergehende Sonne wirft auch hier ihren Schatten. „Leute aus dem Camp treffen sich an diesem Ort, wenn sie in Ruhe sprechen wollen. Und ab und an machen die Mitarbeiter:innen der Müllentsorgungsfirma hier ihre Pausen.“ Sie bindet sich einen ihrer Schnürsenkel zu, krempelt ihre Hosenbeine akkurat auf die gleiche Länge, bevor sie fortfährt. „Es gibt keine Entschuldigung dafür, mit großen Worten wie Freiheit, Sicherheit und Gleichberechtigung um sich zu werfen, wenn diese Dinge nicht für alle existieren! Wir gehören zu einer Gruppe von Menschen, für die es keine Freiheit gibt. Das zu begreifen, macht etwas mit mir.“ Sie hält ihren Blick am Boden, zupft an den Kordeln ihrer Kapuzenjacke. Amiri schweigt für einen Moment, rutscht dabei an den äußeren Rand der Sitzfläche und positioniert sich genau so, dass sie die letzten Sonnenstrahlen noch einfängt. Den Kopf in den Nacken gelegt, verschränkt sie ihre Arme.

Im Durchschnitt verbringen Geflüchtete in Ritsona ein bis drei Jahre, abhängig vom Verlauf ihres Verfahrens und entsprechenden Behördenentscheidungen. Amiri kennt das Problem. Seit Anfang 2020 wartet sie in Ritsona auf die Entscheidung, wie ihr weiterer Weg aussehen wird. Ihr Blick auf die Europäische Union hat sich zwischenzeitlich verändert: „Ich habe bereits nach meiner Ankunft auf Lesbos angefangen, über das Leben und die Zustände in Moria zu schreiben. Ich habe die verantwortlichen EU-Politiker:innen darin aufgefordert, endlich damit aufzuhören zu behaupten, die EU sei ein sicherer Ort, an dem alle Menschen in Freiheit leben können.“

„Ich hatte das Glück, in Afghanistan zur Schule gehen zu können. Hier vermisse ich das am meisten.“

Während Parwana Amiri ihre Gedanken scheinbar sortiert, rennt ein kleines Kind aus der Nachbarschaft auf sie zu. Die Afghanin ist den meisten Menschen im Lager durch ihre aktivistische Arbeit bekannt. Das Mädchen, schätzungsweise sechs Jahre alt, trägt eine rosafarbene Leggings mit Aufdruck, einen dunklen Pullover, hat langes braunes Haar – in ihren Händen hält sie eine Puppe. Amiri freut sich sichtlich über ihr Erscheinen. Sie streichelt ihr liebevoll über den Kopf. „Parwana, was machst du hier?“, fragt das Kind sie leise. „Ich unterhalte mich. Ich berichte über das Camp hier – über unser Leben in Ritsona“, erklärt sie „Ich muss jetzt auch weitermachen.“ Das kleine Mädchen verabschiedet sich und läuft zu ihren Freundinnen, die auf ein paar zusammengeschobenen Matratzen vor einer der Unterkünfte sitzen. „Ich hatte das Glück, in Afghanistan zur Schule gehen zu können. Das ist eines der Dinge, die ich hier am meisten vermisse.“ Sie schaut kurz in Richtung der spielenden Kinder und wirft ein: „Ein Drittel der Leute in Ritsona sind Kinder. Der Großteil von ihnen hat noch nie eine Schule besucht.“

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Kinder spielen im Geflüchteten-Camp Ritsona (Griechenland) © Judith Büthe

Amiris Anliegen ist es, ihrer „Community“, wie sie sie nennt, in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Sie weiß um den Unmut der Bewohner:innen in Ritsona und schildert eindringlich die Lebensumstände, Familienkonstellationen und Fluchtgründe. Der Aktivistin widerstrebt die Trennung von Nationalitäten innerhalb des Lagers. „Sie separieren uns voneinander und grenzen uns zusätzlich von der Bevölkerung ab. Mein Gefühl dazu kann ich nicht in Worte fassen.“ Ihr Blick ist betrübt. Missstände wie diese stillschweigend hinzunehmen, widerspricht ihr. „Ein Grund mehr für mich, auf die Straße zu gehen. Wir müssen unsere Stimmen erheben, unsere Anliegen in den sozialen Medien teilen und dürfen nicht müde werden!“ Seit ihrer Ankunft in Griechenland, hat sie bereits zwei Bücher über das Leben im Camp Moria veröffentlicht, weitere Texte und Gedichte finden bei Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Ausstellungen ihren Weg in die Öffentlichkeit. Sie setzt sich für die Rechte von Geflüchteten ein, ist mit ihrer Arbeit bereits über Ländergrenzen hinweg bekannt.

Parwana Amiri sieht akuten Handlungsbedarf: Sie berichtet von traumatisierten Kindern und Erwachsen, die sich mehr und mehr aus dem täglichen Leben zurückziehen und krank werden. Es sei das Erlebte in Kombination mit der Ungewissheit, was morgen passiert, vermutet sie. „Die Menschen sind frustriert, lethargisch und werden spätestens im Camp depressiv“. Sie schaut nach unten. Das Thema scheint sie zu beschäftigen. Mit den Händen klopft sie Staub und Schmutz von ihrer Hose. „Ich kenne vielfache Erzählungen von Familien, deren Kinder den ganzen Tag im Bett liegen und nicht mal die Motivation aufbringen können, aufzustehen.“

Mindeststandard wäre ein Dach, frisches Wasser, Toilette und Heizung

In der Öffentlichkeit wird seit Jahren über die unzulängliche Unterbringung von Geflüchteten in europäischen Aufnahmelagern diskutiert. Die Strafvollzugsarchitektin, Andrea Seelich, weiß um die Schwierigkeiten in den Camps. „Die Aufnahme und Unterbringung von Geflüchteten stellt die EU noch immer vor eine riesige Aufgabe. Aus meiner Sicht ist es nicht zu verantworten, Menschen für einen längeren Zeitraum als maximal drei Monate in entsprechenden Lagern unterzubringen.“ Sie erklärt weiter: „Rational betrachtet, reichen ein Dach über dem Kopf, Zugang zu frischem Wasser, eine Toilette und die Möglichkeit zu heizen. Das ist der Mindeststandard, würde es sich um eine Übergangslösung handeln.“

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Müll im Geflüchteten-Camp Ritsona (Griechenland) © Judith Büthe

Über dies hinweg sei wichtig, die Menschen regelmäßig über ihren Verfahrensstand zu informieren. „Sie müssen außerdem vom ersten Tag an wissen, wann sie das Camp wieder verlassen können. Ohne diese Komponente geht es nicht“, so die Expertin. Zudem hält sie eine umfassende Anamnese bei der Ankunft, sowie eine medizinische Versorgung und psychologische Betreuung für zwingend notwendig. „Wenn die EU, oder in diesem konkreten Fall Griechenland, auf eine kostengünstige Variante der Unterbringung setzt, sollte ihnen – rein wirtschaftlich – daran gelegen sein, hohe Folgekosten zu vermeiden.“ Ihrer Meinung nach Bedarf es Expertenteams, die sich mit den Menschen und ihren Erlebnissen intensiv beschäftigen. „Wenn im Anschluss daran von allen Bürgermeister:innen der EU-Mitgliedsstaaten ein Angebot zur Aufnahme gemacht würde, hätten Schutzsuchende eine wirkliche Chance, schneller Teil unserer Gesellschaft zu werden. So könnte Integration funktionieren!“

„Ich habe zig Baustellen und verliere manchmal den Überblick“

Amiri geht zurück in Richtung Unterkunft. Es ist bereits früher Abend. Der Geruch von verbranntem Holz und Abwasser liegt in der Luft. Kinder spielen zwischen Containern und Mauer. Frauen stehen in kleinen Gruppen zusammen, tauschen sich aus. Es ist Bewegung im Camp – von Stille kann keine Rede mehr sein. Sicherheitspersonal in Pkws sind auf den unbefestigten Wegen zwischen den Containerreihen zu sehen. Ein kleiner Junge, auf einem zu großen Fahrrad, fährt auf Amiri zu und hält kurz vor ihr an. Sie unterhalten sich miteinander. „Ich schaue einmal an der Ecke und gebe dir dann Bescheid?“, vergewissert er sich, alles richtig verstanden zu haben. Sie nickt und lächelt. Das Kind zieht sich die Kapuze seiner Jacke über den Kopf und fährt davon. Es dauert nur einen Moment, da streckt der Junge ihr aus der Ferne seinen Daumen entgegen. Sie bedankt sich mit einer kurzen Handbewegung und läuft weiter. Sie hatte ihn gebeten, nach der Security Ausschau zu halten. Die junge Afghanin entscheidet sich dennoch für einen kleinen Umweg zu ihrer Unterkunft, anstatt den direkten Weg zu wählen.

Bei ihrer Familie angekommen, zieht sie die Schuhe aus und stellt sie neben den Eingang. Amiri schließt die Tür leise hinter sich und legt ihre Sachen ab. Sie setzt sich auf den Boden, verschränkt die Beine zu einem Schneidersitz und blättert in ihren Unterlagen. Sichtlich erschöpft vom Tag, schaut sie in ihre E-Mails. Die Müdigkeit scheint sie nicht davon abzuhalten, weiterzumachen. Ihre Mutter reicht ihre einen Tee, stellt einen kleinen Teller mit getrockneten Feigen neben ihr ab. „Trink’ doch erstmal etwas“, sagt ihre Mutter mit sanfter Stimme. „Es steht noch Essen für dich auf dem Herd. Nimm’ es dir, sobald du fertig bist mit deiner Arbeit.“ Amiri bedankt sich, reibt sich die Augen und versucht wieder ins Thema zu finden. „Ich brauche noch einen Moment, um mich wieder konzentrieren zu können“, sagt sie gähnend und streckt sich dabei. „Ich habe zig Baustellen und verliere manchmal den Überblick. Ich versuche, allen Projekten gleichzeitig gerecht zu werden.“

Sieben Personen auf 25 Quadratmetern

Nur wenige Schritte entfernt, steht ihre Mutter am Waschbecken der Küchenzeile. Eine kleine Frau mittleren Alters, dunkel gekleidet, mit offenen und sympathischen Gesichtszügen. Sie legt das gespülte Geschirr vorsichtig auf ein dafür ausgebreitetes Handtuch auf den Boden. Ihre Schwestern betreten den Raum, verschwinden für einen Moment in einem der Zimmer und verlassen kurz darauf die Unterkunft. Wenig später kommt einer ihrer Brüder zur Tür herein, grüßt freundlich, tauscht ein paar Sätze mit der Mutter aus und verlässt den Container wieder. „Wenn man drumherum keine Ruhe hat, muss man sie im Kopf finden – anders geht das nicht“, sagt die Aktivistin mit einem zarten Lächeln und wirkt nachdenklich dabei.

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Parwana Amiri im Geflüchteten-Camp Ritsona (Griechenland) © Judith Büthe

Insgesamt leben hier sieben Personen auf rund 25 Quadratmetern. Der Wohn- und Essraum ist das Zentrum des Familienlebens: Küchenzeile, kleiner Abstelltisch, Bett mit kleinem Beistelltisch aus Holz – zwei große sich überlappende Teppiche auf dem Boden. Es gibt zwei weitere, kleine Räume mit schwarzen Stockbetten, einem Kleiderschrank, vielen Büchern, Blöcken und Zeichnungen. Über das Gestell eines der Betten sind Kleiderstücke ausgebreitet. Angrenzend an den Wohnraum befindet sich noch eine kleine Nasszelle – weiter nichts.

„Ich bin mir sicher, dass sie uns komplett abschotten werden.“

In der Ecke über dem kleinen Beistelltisch im Wohnraum hängen farbenfrohe Bilder von Frauen, Zeichnungen ihrer Schwestern. Amiris Vater betritt den Raum, lächelt freundlich. Er legt eine Tüte mit Fladenbrot ab, begrüßt seine Frau, bevor er sich zu seiner Tochter umdreht. „Hast du alles geschafft, was du dir für heute vorgenommen hast?“, erkundigt er sich. Die junge Frau fasst in wenigen Worten zusammen, was sie am Tag erlebt hat. Ihr Vater schaut zufrieden und freut sich sichtlich über das Update seiner Tochter. Sie verabschieden sich voneinander, er winkt noch kurz zum Abschied, bevor die Tür hinter ihm zufällt.

„Ich glaube, Ritsona ist noch nicht ganz von der Außenwelt abgeschlossen, weil die Verantwortlichen hier langsam in der Umsetzung ihrer Pläne sind“, sagt Amiri und scheint den Einstieg in die Thematik wiedergefunden zu haben. „Ich bin mir sicher, dass sie am Ende das tun werden, was sie von Anfang an vorhatten – uns komplett abzuschotten.“ Sie hält einen Moment inne, bevor sie zusammenfasst: „Ich halte Vorträge, veröffentliche Texte, gebe Interviews, um die Menschen zu informieren. All die Gespräche, Demonstrationen und Öffentlichkeitsarbeit, damit am Ende eine Mauer um uns gezogen wird. Das macht mich nachdenklich und fühlt sich auch ein Stück weit wie Versagen an.“ Angelehnt an den kleinen Beistelltisch, der neben dem Bett steht, fällt es ihr erkennbar schwer, ihre Augen offenzuhalten.

Abschließend fügt sie hinzu: „Was auch kommt, wird mich nicht davon abhalten, weiterzumachen! Je höher sie ihre Mauern ziehen, desto lauter wird mein Protest!“ Sie wirkt zuversichtlich: „In ein paar Jahren stehe ich vielleicht da, wo heute besagte Politiker:innen stehen und ergreife das Wort für unsere Community. Dann mache ich Politik, dafür muss ich keine Politikerin sein!“ Amiri hat eine klare Vorstellung von ihrer Zukunft: Sie möchte ein eigenbestimmtes Leben führen. Sie will Politikwissenschaften, Ökonomie und Philosophie studieren, auch wenn sie zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht weiß, wann diese Zukunft für sie beginnt.

Leitartikel Panorama
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