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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Wargames

Im Krieg stirbt bekanntlich zuallererst die Wahrheit und Kriegspropaganda machen immer nur die anderen, die Lügner, die Bösen, die Aggressoren, wir - widdewiddewitt - nie, niemals.

Von Dienstag, 08.03.2022, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 07.03.2022, 11:58 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |  

Seit Jahrzehnten gruseln sich die Deutschen vor der russischen Propaganda, die nie besonders intelligent oder besonders effektiv war, und die jetzt bei ihrer ersten größeren Herausforderung innerhalb kürzester Zeit in sich zusammenbricht. Dabei ist es doch gar nicht so schwer: die westlichen Medien machen doch vorbildhaft vor, wie Propaganda funktioniert: Jeden Abend bitterlichst weinende Frauen und Kinder auf der Flucht, zerstörte Häuser, fehlende oder rationierte Lebensmittel; kaum ein ukrainischer Mann, schon gar kein Soldat, ist zu sehen. Jede Stunde dafür russische Panzer und Raketen, drohend ein riesiger Konvoi, Explosionen und Brände, und natürlich sesselfurzende Kommandanten im Kreml.

Psychologen raten schon dazu, sich Auszeiten von der Kriegsberichterstattung zu gönnen, um sich nicht in der Panik zu verlieren – ich rate dazu, sich Auszeiten von der deutschen Kriegsberichterstattung zu nehmen, weil sie die eigene Intelligenz beleidigt, und um nicht angesichts dessen noch aus Trotz zum Kreml-Fan zu werden. Fast könnte man nämlich meinen, in der Ukraine lebten außer dem heldenhaften Präsidenten gar keine Männer, als sei auf der anderen Seite der Russe schon von Geburt an nur schlecht – dabei weiß jeder mit einem gesunden Verstand das als Lüge zu erkennen.

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Und das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Natürlich ist Russland eindeutig der Aggressor in einem widerlichen Angriffskrieg, der natürlich direkt auf die Zivilbevölkerung zielt. Aber in dieser versteckt sich immerhin auch die feindliche Armee – bei befreundeten Kämpfern redet man dabei von Partisanentaktik, bei gegnerischen Kräften grundsätzlich immer und ausschließlich nur davon, der Feind würde die Zivilbevölkerung feige als menschliche Schutzschilde nutzen – tun die Russen übrigens gerade auch.

„Immerhin waren die letzten drei Jahrzehnte nicht von einer Russland-Westerweiterung, sondern eben von einer NATO-Osterweiterung geprägt. „

An meiner Meinung, dass es wohl nicht zu diesem Krieg gekommen wäre, wenn der Westen nicht wochenlang herumlamentiert hätte, wenn Konsequenzen klar benannt und rote Linien klar gezogen worden wären, haben auch die letzten zwei Wochen wenig gerüttelt: Hätte die NATO eine Aufnahme der Ukraine ausgeschlossen, um den weiterhin ja durchaus legitimen Sicherheitsinteressen Russlands entgegenzukommen – immerhin waren die letzten drei Jahrzehnte nicht von einer Russland-Westerweiterung, sondern eben von einer NATO-Osterweiterung geprägt – dabei aber gleichzeitig klar gemacht, dass es die NATO mit den Sicherheitsinteressen der Ukraine tatsächlich ernst meint – und dazu eine militärische Beistandserklärung abgegeben – würden heute wohl keine Panzer durch das Land rollen. Zumindest wäre jetzt noch Zeit, dieses Bekenntnis für Schweden und Finnland abzugeben, die ja ebenfalls nicht Teil der NATO sind.

Da es der NATO allerdings nie darum ging, die Ukraine oder irgendwen anderes zu verteidigen – das könnte sie auch heute noch machen, die USA haben in den letzten 20 Jahren Kriege aus geringeren Gründen geführt – hat sie das nicht gemacht. Tatsächlich ging es eben um nicht mehr als darum, US-amerikanische Waffen auf ukrainischem Territorium möglichst nahe an die russische Grenze heranzustationieren. Auch daran ändern die russischen Panzer vor Kiev nichts.

„In Berlin redet man von einer Zeitenwende, mit der all der Schund, der in einer Demokratie sonst nicht zu machen wäre, schnell durchs Parlament gedrückt werden soll, bevor der Bürger wieder aus seiner Hypnose aufwacht.“

Stattdessen schachern die Staaten des Westens nun jämmerlich um mögliche Sanktionen, die bitte nicht allzu sehr weh tun sollen; in Berlin redet man zudem von einer Zeitenwende, mit der all der Schund, der in einer Demokratie sonst nicht zu machen wäre, schnell durchs Parlament gedrückt werden soll, bevor der Bürger wieder aus seiner Hypnose aufwacht – als ob es dem siebtgrößten Wehretat der Welt ausgerechnet an Geld mangele und nicht etwa an Führung.

Lindner hat dazu außerdem schon klar gemacht, dass es nach der massiven Finanzspritze für die neue Bundes-Wehrmacht keine Steuererhöhungen geben wird. Er hätte auch sagen können: Wir als Ampel-Koalition werden natürlich nicht diejenigen mehrbelasten, die schon zu viel haben, sondern wir werden denen wegnehmen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Hat er aber natürlich nicht. Denn dann hätten die Wähler ja verstanden, was er meint.

Zur vollständigen Wahrheit gehört auch: In der Ukraine gibt es nicht nur deshalb keine Nazis, weil der Präsident ein russisch-sprechender Jude ist. Seit Jahren gibt es Berichte über marodierende Nazi-Milizen, die von der Regierung geduldet aus der westlichen Ukraine in die russisch-bevölkerten Gebiete ausziehen, um dort Russen zu ermorden; auch in deutschen Medien war das gelegentlich zu hören. Natürlich nur, bis der Krieg begann und die Behauptung einer Entnazifizierung plötzlich zu dessen Rechtfertigung herangezogen wurde – und schon deshalb natürlich nicht mehr stimmen konnte, ja geradezu absurd war. Außerdem hätten die Nazis ja gar keine richtigen Russen getötet, sondern nur russischsprachige Ukrainer, denen Putin russische Pässe geschenkt hat. Ja nee, is klar, das macht es natürlich viel weniger schlimm. Die flüchten dann ja nicht zu uns, sondern nach Russland.

„Die bundesdeutsche Polizei muss vereinzelten Medienberichten zufolge übrigens aktuell hart daran arbeiten, deutsche Neonazis davon abzuhalten, in die Ukraine auszuziehen, um dort Russen zu töten. Nicht immer mit Erfolg.“

Die bundesdeutsche Polizei muss vereinzelten Medienberichten zufolge übrigens aktuell hart daran arbeiten, deutsche Neonazis davon abzuhalten, in die Ukraine auszuziehen, um dort Russen zu töten. Nicht immer mit Erfolg. Aber Neonazis sind ja auch keine Nazis – das steckt schließlich schon im Namen. Alles also völlig absurd. Putin lebt in einer Traumwelt.

Kleiner fun fact am Rande: Als Bush den Irak völkerrechtswidrig überfallen hat und die Iraker hat ermorden lassen – richtig, da war der Aufschrei auch geringer, aber das ist gerade nicht der Punkt – hatte Wladimir Putin erklärt, wenn er in den Irak einmarschiert wäre mit der Behauptung angeblicher Massenvernichtungswaffen, dann er hätte er auch welche gefunden. Wie wird die Reaktion weltweit wohl sein, wenn er Massengräber von durch Neonazimilizen erschossener Russen findet?

„Der Westen lebt in seiner ganz eigenen Welt, die mit der russischen Realität nicht allzu viel zu tun hat – aber das ist ja bereits unser Narrativ für Putin.“

Zur vollständigen Wahrheit gehört übrigens ebenfalls: Wenn die Medien jeden Abend eine Hand voll Oppositionelle in den Großstädten auftreiben können, die Putin widersprechen oder von ein paar Hundert Demonstranten in St. Petersburg sprechen, die im Namen desjenigen restradikalen Kleptokraten, den der Westen zuletzt zum demokratischen Heilsbringer gegen Putin erkoren hat, dann heißt das ebenso, dass über 100 Millionen Russen hinter ihrem Präsidenten stehen, dass das Herbeifantasieren des Bröckelns der Heimatfront eben nicht mehr ist als das: pure Fantasie: Man könnte auch sagen: Der Westen lebt in seiner ganz eigenen Welt, die mit der russischen Realität nicht allzu viel zu tun hat – aber das ist ja bereits unser Narrativ für Putin.

„Im Krieg stirbt zuallerst die Wahrheit“ heißt es – für Kriegsparteien ist es üblich, dies lautstark für die Propaganda des Gegners zu erklären, für die eigene Aussagen nicht einmal selbstkritisch zu hinterfragen. Viel einfacher ist es immerhin, eine Motivation, die man zu verstehen nicht einmal versuchen will, als Geisteskrankheit zu pathologisieren.

Bleibt die Frage, ob die deutsche Medienlandschaft, die sich so eindeutig als Kriegspartei positioniert hat, die von haltlosen Unterstellungen über offensichtliche Widersprüche bis hin zu glatten Lügen so ziemlich alles ungeprüft gleichwertig neben halbwegs gesicherte Fakten unabhängiger Quellen stellt, damit am Ende der Politik die wirklich schmerzhaften Sanktionen noch wird abringen können, die jetzt notwendig wären – oder ob sie Deutschland vielleicht direkt in den Krieg hineintreiben.

„Die allabendlichen Schalten zu ukrainischen Bürgermeistern in den Hauptnachrichten jedenfalls, die behandelt werden, als lieferten sie unabhängige Informationen, sind vom journalistischen Standpunkt her nicht weniger bedenklich, als das unkommentierte Senden einer putinschen Pressekonferenz – was aber im Unterschied dazu völlig undenkbar wäre.“

Die allabendlichen Schalten zu ukrainischen Bürgermeistern in den Hauptnachrichten jedenfalls, die behandelt werden, als lieferten sie unabhängige Informationen, sind vom journalistischen Standpunkt her nicht weniger bedenklich, als das unkommentierte Senden einer putinschen Pressekonferenz – was aber im Unterschied dazu völlig undenkbar wäre. So eine wird dann schon eher in der Phoenix-Livestrecke am Nachmittag untergebracht werden, für die ein obligatorisch zerzauster Professor zur Verfügung steht, der dann etwas fahrig, ungläubig und lautstark erklärt, dass das ja nun wirklich alles Blödsinn sei – das muss dann aber auch schon als Einordnung reichen. Warum Putin sagt, was er sagt, was daran Blödsinn ist und warum – zweitrangig. Wenn man anfängt, über Blödsinn nachzudenken, könnte er sich als in sich schlüssig erweisen, selbst wenn er doch Blödsinn bliebe. Wer BILD liest und RTL schaut, kann schlüssigen Blödsinn schließlich nicht mehr als Blödsinn erkennen, sondern fügt ihn nahtlos ins eigene Weltbild ein: Die dicke Vera sucht wirklich Schwiegertöchter, Persil macht wirklich weißer als weiß und Selenskyi ist wirklich ein Nazialkoholiker.

Wir erleben eine Zeitenwende, ja. Aber eine, die wir selbst mitherbeigeführt haben und nicht bloß passiv erleben. Es ist zu befürchten, dass wir am Ende unter deren Folgen massiv leiden werden, und zwar nicht um Ukrainern zu helfen oder um Russen zu schaden, sondern, damit Alleinerziehende, Alte, Arbeitslose und Arbeitsunfähige dem Vorstand von Rheinmetall und Heckler&Koch den Drittporsche finanzieren können. Ob dann amerikanische oder russische Massenvernichtungswaffen in Kiev stehen, wird allenfalls eine Randnotiz sein. Ob und wie viele ukrainische Flüchtende wir für unsere Eselei haben aufnehmen müssen, weil sie ihre Heimat verloren, bloß eine Statistik.

„Ein Treppenwitz der Geschichte ist dann, dass, während weiter Menschen im Mittelmeer ersoffen, wir uns auf die Schulter klopften, weil wir den Ukrainern unkompliziert für ein paar Jahre Aufenthalt in der EU erlaubten. Auch so funktioniert im Krieg die Abkoppelung von der Realität.“

Ein Treppenwitz der Geschichte ist dann, dass die deutsche Medienmeute seit Beginn der Corona-Pandemie den Messenger-Dienst Telegram verteufelt hatten, als Ort dargestellt, in dem sich nur Nazis tummelten, in dem Querdenker den Aufstand planten, der schnellstmöglich verboten gehörte – während später sogenannte Experten in ebendiesen Medien davon fabulierten, dass Telegram doch die letzte verbleibende Quelle unabhängiger Informationen sei, ein Segen für die Ukraine und die russische Opposition – und damit für uns alle – den es unbedingt zu schützen und zu bewahren gälte; dass, während weiter Menschen im Mittelmeer ersoffen, wir uns auf die Schulter klopften, weil wir den Ukrainern unkompliziert für ein paar Jahre Aufenthalt in der EU erlaubten. Auch so funktioniert im Krieg die Abkoppelung von der Realität.

Zumindest eine alte Wahrheit hat mit diesem Krieg ihre Richtigkeit dann aber doch wieder unter Beweis gestellt, ein so seltener Anker in dieser so verwirrenden Zeit: Deutsche Waffen, deutsches Geld // morden mit in aller Welt.

Meinung
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MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)

  1. Roman sagt:

    Wow, was für eine krasse Putin-Politik-Rechtfertigung. Ich bin echt erschrocken, dass das im MiGazin veröffentlicht wird. Bei aller Relativierung, die der Autor versucht, bleibt unterm Strich eine wirklich erschreckende Pseudo-Legitimierung für Putins Vorgehen: Eigentlich sei ‚der Westen‘ Schuld, weil er rumlamentiert habe, weil die NATO Russland provoziert hätte (Selbstbestimmungsrecht und Angst der Ukrainer*innen, Pol*innen, Est*innen etc. wird ebenso ignoriert wie Putins rhetorische und faktische Expansionspolitik (Krim, Georgien, Belarus, Syrien, Militärmanöver vor Irland etc.), Nazi-Milizen in Ukraine ließen Putin letztendlich keine Wahl, Kritik an Putin werde ohnehin nur in St. Petersburg (also nicht mal in Moskau) von einigen Hundert Oppositionellen geäußert, Oppositionspolitiker seien ohnehin „rechtsradikale, Kleptokraten“. Der „Westen“ wird hier auch in ziemlich unreflektierter pauschaler Weise als pars pro toto für was eigentlich verwendet? Der Autor der Kolumne wird vermutlich rechtfertigen, dass alles sei missverstanden worden und natürlich verurteile er auch den Krieg und Putins Angriff etc. Dann muss er sich aber den Vorwurf gefallen lassen, dass man diese Kolumne ohne weiteres „missverstehen“ kann oder vllt. sogar soll?

  2. Levent Öztürk sagt:

    So ist das mit den Medien und der Berichterstatterei! In Deutschland lebende Türken müssen seit vielen Jahren kopfschüttelnd ertragen, wie deutsche Medien so über die Türkei berichten, so wie im damaligen DDR-Fernsehen unter der Moderation von Karl-Eduard von Schnitzler alias „Sudel-Ede“bei „Der Schwarze Kanal“ über die damalige BRD berichtet wurde. Es ist 100%ig 1:1 die gleiche mediale Art der Berichterstattung. Und daß im Krieg als erstes die Wahrheit stirbt, konnte man bereits dutzendefach in Kriegen, wie in Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen etc. beobachten, wo hautsächlich westliche Akteure maßgebend beteiligt waren.