
Glosse
Merz‘ Termindiebe ermittelt
2023 meinte Friedrich Merz noch genau zu wissen, wer Deutschen die Arzttermine klaut: abgelehnte Asylbewerber. Jetzt führen neue Spuren zu Privatpatienten. Eine Erkenntnis, die beim Kanzler drei Jahre auf einen Termin gewartet hat.
Von Sedat Dursun Mittwoch, 21.10.2026, 18:09 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 21.10.2026, 20:01 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Spektakuläre Wende im Fall der verschwundenen Arzttermine! Drei Jahre nach Beginn der großen Fahndung gibt es endlich eine heiße Spur. Der damalige Hauptverdacht gegen abgelehnte Asylbewerber scheint sich endgültig in Luft aufzulösen. Stattdessen geraten nun ausgerechnet Deutsche ins Visier. Deutsche, die anderen Deutschen die Arzttermine wegschnappen. Und das auch noch völlig legal!
Der Fall begann am 27. September 2023. Friedrich Merz, damals CDU-Chef und Oppositionsführer, hatte die Lage messerscharf analysiert: „Die sitzen beim Arzt und lassen sich die Zähne neu machen, und die deutschen Bürger nebendran kriegen keine Termine.“ Gemeint waren abgelehnte Asylbewerber. Ein ungeheuerlicher Verdacht. Während der Deutsche mit Zahnschmerzen auf einen Termin wartet, lässt sich der Ausländer drinnen auf Staatskosten das Gebiss auf Hochglanz polieren.
Dumm nur, dass die Ermittlungen schon damals ins Stocken gerieten. Ausgerechnet die Zahnärzte wollten die Geschichte nicht bestätigen. Der damalige Präsident der Bundeszahnärztekammer, Christoph Benz, widersprach Merz: Es gebe keinen Zusammenhang zwischen der Behandlung von Asylsuchenden und fehlenden Zahnarztterminen. Beim Zahnarzt bekomme man in der Regel problemlos einen Termin. Über den Fall hatte auch MiGAZIN seinerzeit berichtet.
Auch das Gesetz erwies sich als wenig kooperativ mit Merz. Im Grundleistungsbezug nach dem Asylbewerberleistungsgesetz gibt es zahnärztliche Behandlungen grundsätzlich bei akuten Erkrankungen und Schmerzen. Zahnersatz nur, wenn er medizinisch nicht aufgeschoben werden kann. Weitergehende Ansprüche sind unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Von einem pauschalen Anspruch auf luxuriöse Rundumsanierungen auf Staatskosten keine Spur.
Ein bitterer Rückschlag für die Fahnder. Die vermeintlichen Beweise wollten einfach nicht zur Beschuldigung passen.
Neue Spur: Die Versicherungskarte
Doch nun kommt Bewegung in den Fall. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen seit Jahren, dass Privatversicherte häufig schneller an Facharzttermine kommen als gesetzlich Versicherte. Der Sachverständigenrat Wirtschaft hielt in seinem Frühjahrsgutachten 2026 fest: Nach den ausgewerteten Studien warten Privatpatienten nur etwa halb so lange wie Kassenpatienten.
Man stelle sich das vor: Ein deutscher Kassenpatient wartet wochenlang auf seinen Arzttermin. Ein deutscher Privatpatient kommt deutlich früher dran. Beide deutsch. Beide krank. Beide benötigen ärztliche Hilfe. Aber nur einer hat die richtige Versicherungskarte.
Ein Skandal! Deutsche bekommen schneller Arzttermine als Deutsche – und man kann keinen einzigen Asylbewerber abschieben dafür – ärgerlich. Denn die jetzt im Verdacht stehende Terminvergabe folgt einer ganz anderen Logik: Geld. Nach Angaben der Wirtschaftsweisen erhalten Arztpraxen für die gleiche Behandlung bei Privatversicherten zum Teil mehr als doppelt so hohe Honorare wie bei gesetzlich Versicherten.
Deshalb sind Privatpatienten aber keine Kriminellen. Sie nutzen ein System, das ihnen legal Vorteile verschafft. Doch anders als beim einstigen Zahnarztverdacht von Merz ist hier die bevorzugte Terminvergabe belegt.
Der Kanzler hat eine neue Erkenntnis
Und jetzt wird der Fall politisch brisant. Denn ausgerechnet Friedrich Merz hat im September 2026 eine bemerkenswerte Entdeckung gemacht: Wenn Privatversicherte schneller behandelt werden als Kassenpatienten, ist das ein Gerechtigkeitsproblem. „Wir sehen das Problem“, erklärte der Kanzler. Er teile die Einschätzung, dass die Ungleichheit als massives Problem wahrgenommen werde. Dann müsse man etwas daran ändern.
Ein erstaunlicher Fortschritt. 2023 hatte das vermeintliche Problem für Merz noch ein Asylverfahren an der Backe. 2026 sitzt es plötzlich mitten im deutschen Krankenversicherungssystem. Man könnte meinen, die Erkenntnis habe drei Jahre auf einen Termin beim Kanzler warten müssen.
Inzwischen fordern sogar Politiker von CSU und SPD, dass bei der Terminvergabe nicht länger zwischen gesetzlich und privat Versicherten unterschieden wird. Entscheidend solle die medizinische Dringlichkeit sein. Eine revolutionäre Idee: Der Kranke soll zuerst behandelt werden, weil er krank ist – und nicht der Reiche.
Fall aufgeklärt. Diebe gefasst. Fast.
Damit wäre die Geschichte eigentlich aufgeklärt. Die Verdächtigung von Asylbewerbern war haltlos, die Bevorzugung von Privatpatienten ist dokumentiert, die finanziellen Anreize sind bekannt. Sogar der Kanzler sieht Handlungsbedarf. Doch dann meldet sich sein Gesundheitsminister.
Carsten Linnemann stellte im Bundestag klar, dass Merz – schon lange vor 2023 privatversichert – keineswegs die private Krankenversicherung abschaffen wolle. Im Gegenteil: Die Union setze auf eine bessere Patientensteuerung und Reformen der Terminvermittlung, nicht auf die Abschaffung des zweigeteilten Versicherungssystems.
So führt die große Fahndung nach den Termindieben schließlich mitten in die deutsche Gesundheitspolitik. Trotz des ermittelten Problems will die Politik die Terminvergabe verbessern, ohne das Versicherungssystem aufzugeben, das diese Probleme mitbegünstigt.
Für Friedrich Merz eine missliche Lage: Die Spur, die er einst selbst gelegt hat, führt nun geradewegs ins eigene politische Haus. (mig) Meinung
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