
Merz’-Erzählung widerlegt
Studie: Flüchtlinge stoßen auf Hürden bei Arztbesuchen
Eine repräsentative DIW-Studie widerspricht Friedrich Merz’ Erzählung von Geflüchteten, die sich beim Arzt „die Zähne neu machen“ ließen. Viele Betroffene berichten nicht von Vorteilen, sondern von Wartezeiten, Kosten, weiten Wegen – und massiver Unterversorgung.
Donnerstag, 28.05.2026, 15:09 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 28.05.2026, 15:10 Uhr Lesedauer: 2 Minuten |
Als Friedrich Merz 2023 behauptete, Deutsche bekämen keine Arzttermine mehr, weil Geflüchtete sich beim Arzt „die Zähne neu machen“ ließen, war das eine steile politische Erzählung. Der Satz des Bundeskanzlers klingt in der migrationspolitischen Debatte bis heute nach. Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeichnet nun ein deutlich anderes Bild.
Wer nach Deutschland flüchtet, stößt demnach vor allem in den ersten Jahren nach der Ankunft auf erhebliche Hürden beim Zugang zur Gesundheitsversorgung. Neben langen Wartezeiten erschwerten auch finanzielle Belastungen und teils große Entfernungen eine rasche Behandlung. Zudem fällt es vielen Geflüchteten schwer, sich im deutschen Gesundheitssystem zu orientieren.
Auch aus ökonomischer Sicht, sei diese Unterversorgung problematisch, sagt die Autorin der DIW-Studie, Louise Biddle. Ihr Argument: Werde die medizinische Versorgung in den ersten Jahren nach der Ankunft verzögert, „verschlechter das ihre Gesundheit und führt langfristig zu höheren Kosten im Gesundheitssystem“. An der Befragung nahmen 2023 und 2024 bundesweit mehr als 11.000 Geflüchtete teil, die zwischen 2013 und 2022 eingereist waren.
Orientierung fällt schwer
Jeder dritte Teilnehmer der repräsentativen Befragung (33,1 Prozent) findet es den Angaben zufolge schwierig oder sehr schwierig herauszufinden, wo man bei gesundheitlichen Problemen im konkreten Fall professionelle Hilfe erhält.
Die Geschwindigkeit, mit der Menschen in Deutschland die richtige medizinische Behandlung erhalten, variiert mit Blick auf die gesamte Bevölkerung stark je nach Versorgungsbereich. Bei Hausärzten ist die Situation vergleichsweise gut. Bei Fachärzten gestaltet sich die Situation deutlich schwieriger. Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Facharzttermin beträgt inzwischen 42 Tage – 2019 waren es noch 33 Tage.
Langes Warten auf den Arzttermin
Von den Geflüchteten aus der Ukraine berichteten laut Studie rund 40 Prozent von langen Wartezeiten bei der Suche nach medizinischer Behandlung. Weite Wege sind demnach vor allem eine Hürde für nicht-ukrainische Geflüchtete, die nach 2021 eingereist sind. Von ihnen gaben 14 Prozent an, Entfernungen verzögerten ihre Versorgung. Das trifft vor allem auf Geflüchtete zu, die in Gemeinschaftsunterkünften in ländlichen Regionen und schlechter Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr leben.
Für Asylsuchende gilt nach ihrer Ankunft in Deutschland zunächst das Asylbewerberleistungsgesetz. Gesundheitsleistungen beschränken sich bei ihnen auf die Behandlungen von akuten Erkrankungen, Schmerzzuständen sowie medizinisch gebotene Vorsorgeuntersuchungen, Schwangerschaftsbehandlungen und Impfungen. Weitere Behandlungen hängen vom Ermessen der Ärzte und Sozialämter ab.
Flüchtlinge aus der Ukraine unterliegen derzeit nicht dem Asylbewerberleistungsgesetz. Sie erhalten Sozialleistungen und haben Anspruch auf eine Gesundheitsversorgung, die den von Menschen mit regulärem Aufenthalt entspricht. Das Kabinett hat zwar im November beschlossen, dass Geflüchtete aus der Ukraine, die nach dem 1. April 2025 eingereist sind, künftig wieder die geringeren Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten sollen. Allerdings steht eine Beratung über das Vorhaben im Bundestag noch aus. (dpa/mig) Aktuell Panorama
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