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„GenZ regelt“ Demo in Köln © Ina Fassbender/AFP

„Migrantische Milieus“

Gen Z sucht Zukunft, Regierung liefert Herkunft

Schulen verfallen, Wohnungen werden teurer, soziale Unterschiede wachsen. Nach den Gen-Z-Protesten diskutiert die Bundesregierung jedoch vor allem über Herkunft statt Zukunft, über wenige Krawalos statt über Zehntausende – eine Debatte, die keine Frage beantwortet.

Von Montag, 02.11.2026, 21:17 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 02.11.2026, 21:18 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

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Die Warnung kam vier Tage vor den Krawallen. Schon am 27. Oktober mahnte Daniela Broda, Vorsitzende des Deutschen Bundesjugendrings, die Anliegen der jungen Menschen dürften nicht unter die Räder geraten. „Wenn vor allem über mögliche Ausschreitungen gesprochen wird, geraten ihre politischen Anliegen aus dem Blick“, sagte sie.

Vier Tage später demonstrierten Zehntausende junge Menschen in mehr als 30 deutschen Städten. Sie verlangten bessere Schulen, bezahlbare Wohnungen, soziale Gerechtigkeit und Mitbestimmung über ihre Zukunft. Die Initiative „Gen Z regelt“ sprach von 120.000 Teilnehmenden. Die meisten protestierten friedlich.

Am Abend eskalierte die Lage vor allem in Frankfurt am Main. Geschäfte wurden geplündert, Schaufenster eingeschlagen, Polizeikräfte mit Steinen und Brandflaschen angegriffen. Nach Angaben des hessischen Innenministeriums wurden mehr als 100 Polizisten verletzt. 54 Menschen wurden festgenommen.

Ein Milieu wird gesucht

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) machte „gewaltbereite linke Gruppen und Chaoten aus dem migrantischen Milieu“ für die Ausschreitungen verantwortlich. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) schloss sich seiner Einschätzung an. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) sprach ebenfalls von mutmaßlichen Tätern aus „migrantischen Milieus“ und fragte, weshalb Integration in manchen Gruppen weniger gelinge als in anderen.

Ein erstaunlich praktischer Begriff: ungenau genug, um Millionen Menschen einzuschließen, aber eindeutig genug, um einen Verdacht zu hinterlassen.

Doch schon am Montag räumte die Bundesregierung auf Nachfrage ein, man könne keine belastbaren bundesweiten Zahlen zur Herkunft der Tatverdächtigen vorlegen. Stattdessen verwies sie auf Beobachtungen von Polizisten, Erkenntnisse von Verfassungsschutzbehörden und Bildmaterial – auf das Äußere also.

Rassistische Annahmen

Der Berliner Protestforscher Simon Teune nennt die Rede von „migrantischen Milieus“ im Gespräch mit dem „Evangelischen Pressedienst“ bewusst unscharf. Dahinter stecke die rassistische Annahme, dass Menschen mit Migrationsgeschichte zu Gewalt neigten. Teune kritisiert auch, dass Medien solche Zuschreibungen verbreiteten, ohne ausreichend nachzufragen. „Wenn ganze Teile der Bevölkerung zum Problem erklärt werden, ist das einer Demokratie unwürdig“, sagt der Wissenschaftler.

Gegenwind bekommt Dobrindt inzwischen sogar von seinem Kabinettskollegen Boris Pistorius (SPD). Der Verteidigungsminister wollte sich Dobrindts Einschätzung im ZDF nicht anschließen. „Was sind denn migrantische Gruppen?“, fragte er. Ob damit auch Menschen gemeint seien, die in dritter Generation in Deutschland lebten und deutsche Staatsangehörige seien? Das führe in die falsche Richtung.

Auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Natalie Pawlik (SPD), widerspricht. Täter seien zunächst Täter. Die Ausschreitungen pauschal migrantischen Milieus zuzuschreiben, sei zu einfach.

Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) hält dagegen. Nach Einschätzung seiner Sicherheitsbehörden waren die gewalttätigen Gruppen in Frankfurt überwiegend migrantisch geprägt. Die Festgenommenen besaßen nach seinen Angaben mehrheitlich die deutsche Staatsangehörigkeit.

Der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick beschreibt unterschiedliche Motive und Tätergruppen. Manche hätten die Halloween-Nacht für gewöhnliche Kriminalität genutzt, andere Plünderungen als politischen Protest inszeniert. Hinzu kämen gewaltbereite politische Gruppen und Versuche Rechtsextremer, Gewalt zu provozieren. Seine Analyse zeigt, wie wenig die Ereignisse mit einer einzigen Herkunftsformel zu erklären sind.

Die andere Herkunft

Dabei gibt es eine Herkunftsfrage, die für die Zukunft junger Menschen in Deutschland tatsächlich von erheblicher Bedeutung ist: ihre soziale Herkunft.

Nach den jüngsten PISA-Ergebnissen der OECD liegen sozial begünstigte 15-Jährige in Deutschland bei den naturwissenschaftlichen Leistungen 125 Punkte vor Gleichaltrigen aus benachteiligten Verhältnissen. Im OECD-Durchschnitt beträgt der Abstand 85 Punkte. Seit 2015 hat sich die Kluft hierzulande vergrößert.

Auch der Zustand der Schulen lässt sich beziffern. Laut KfW-Kommunalpanel 2026 schätzen Deutschlands Kommunen ihren aufgelaufenen Investitionsrückstand bei Schulgebäuden auf 68,9 Milliarden Euro. Das sind keine diffusen Zukunftsängste, sondern konkrete politische Baustellen.

Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Maike Finnern, hatte deshalb schon vor den Protesten die Forderungen der Jugendlichen unterstützt. Nach den Ausschreitungen beklagte sie, dass deren friedlicher Einsatz in der Debatte untergehe. Sie fordert einen Bildungsgipfel unter Beteiligung junger Menschen.

Regierung schuldet Antworten

Die Jugendlichen haben konkrete Fragen: Warum fehlt Geld für Schulen? Weshalb sollen sie Lasten tragen, über deren Verteilung sie kaum mitentscheiden dürfen? Warum bleibt ihre Generation bei Entscheidungen über die eigene Zukunft so häufig Zuschauerin?

Die Jugendlichen verlangen von der Bundesregierung Antworten. Stattdessen müssen sie sich nun vor allem gegen die Vereinnahmung ihrer Proteste durch Gewalttäter und gegen eine Debatte behaupten, die aus ihren Zukunftsfragen ein Sicherheits- und Integrationsproblem macht. Dabei beantwortet die angestoßene Debatte über „migrantische Milieus“ keine einzige Frage der Jugendlichen.

Darin steckt vermutlich der entscheidende Punkt: Eine Herkunftsdebatte verlangt keine Haushaltsentscheidung. Man kann darüber streiten, wer dazugehört, wer integriert ist, wer sich anpassen muss. Die Begriffe sind dehnbar, die politischen Bekenntnisse wohlfeil. Am Ende steht gewöhnlich die nächste, billige Integrationsforderung.

Nur ist damit keine Schule saniert, keine Wohnung bezahlbarer und kein einziges Anliegen der Jugendlichen beantwortet. Die haben ihre Forderungen längst auf den Tisch gelegt. Was fehlt, sind nicht vermeintliche Erklärungen über die Herkunft anderer, sondern politische Antworten auf ihre Zukunftsfragen. (mig) Gesellschaft Leitartikel

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