Lavdije Zidi, Lehrerin, Bildung, Schule, Integration, Sprache
Lavdije Zidi © privat, Zeichnung: MiG

PISA-Ritual

Soziale Gerechtigkeit durch Bildung

Die PISA-Werte sinken, benachteiligte Jugendliche verlieren weiter an Boden. Gleichzeitig bleibt eine zentrale Erkenntnisquelle zu wenig genutzt: das Klassenzimmer. Es ist Zeit für einen Kurswechsel.

Von Sonntag, 04.10.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 01.10.2026, 9:45 Uhr Lesedauer: 8 Minuten  |  

Das Recht auf Bildung ist ein Menschenrecht. Dieser Satz verpflichtet. Er verpflichtet Schule, Politik, Gesellschaft und alle Erwachsenen, die Verantwortung für Kinder und Jugendliche tragen. Er verpflichtet dazu, Bildungsungleichheit nicht länger wie einen bedauerlichen Nebeneffekt hinzunehmen. Sie ist Ausdruck von Bedingungen, die wir gestalten und somit auch verändern können.

Seit einem Vierteljahrhundert liefert PISA Deutschland Diagnosen über sein Bildungssystem. Auch die aktuellen Ergebnisse fallen ernüchternd aus: In Mathematik und Lesekompetenz liegen die deutschen Ergebnisse 2025 unter denen von 2022; in allen drei klassischen PISA-Bereichen – Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften – wurden langfristig betrachtet die niedrigsten Werte gemessen, die Deutschland bislang bei PISA erreicht hat. Besonders problematisch bleibt die soziale Ungleichheit: Zwischen 2015 und 2025 verschlechterten sich die Leistungen sozioökonomisch benachteiligter Schülerinnen und Schüler, während die Leistungen der begünstigten Gruppe stabil blieben.

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Die Suche nach Ursachen ist uns vertraut. Bereits die Überschriften der aktuellen Debatte zeigen die Spannweite: Die WELT erklärt die Zeit bildungspolitischer „Schönfärberei“ für beendet. Die Allgemeine Zeitung fragt unter der Überschrift „Je früher, desto besser“, was gegen die Bildungskrise helfen kann. Bei BR24 wird darüber diskutiert, ob Eltern stärker in die Pflicht genommen werden sollten. Der Beitrag berichtet, dass Bundesministerin Karin Prien auf eine aus ihrer Sicht zu geringe Bedeutung von Bildung in Teilen der Elternschaft verwies; Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte, man könne Bildung und Erziehung nicht „an den Staat outsourcen“. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband widerspricht einer Verlagerung der Verantwortung auf die Elternhäuser und verweist auf strukturelle Probleme des Schulsystems.

„Wo bleibt in der aktuellen Bildungsdebatte das Wissen aus dem Klassenzimmer?“

All diese Debatten haben ihre Berechtigung. Allerdings fehlt aus meiner Sicht eine grundlegende Perspektive: Wo bleibt in der aktuellen Bildungsdebatte das Wissen aus dem Klassenzimmer?

Ich bin Lehrerin – und mich fragt niemand. Die Schülerinnen und Schüler, deren Leistungen regelmäßig gemessen werden und über deren Bildungschancen Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft diskutieren, sitzen mir jeden Tag ab acht Uhr im Klassenzimmer gegenüber.

Ich arbeite mit denen, um die es hier geht an denselben Fragen. Warum sprechen in der Öffentlichkeit zumeist Personen über die Bildungssituation in Deutschland, die in der Schule gar nicht arbeiten? Sie wissen wenig über die tatsächlichen gegenwärtigen Bedingungen von Erziehung und Bildung in der Schule und prägen beispielsweise nur durch ihren Namen maßgeblich die öffentliche Meinung?

„Ich bin Lehrerin – und mich fragt niemand.“

Warum sprechen alle über uns anstatt mit uns? Wie ist es zu erklären, dass andere besser darüber Bescheid wissen, wodurch Schüler und Schülerinnen in der Schule scheitern oder nicht scheitern als wir Lehrkräfte, die jeden Tag ab acht Uhr mit 15-Jährigen einen Klassenraum teilen?

Demokratie endet dort, wo ich als Lehrerin nicht mitsprechen darf.

Seit 25 Jahren wird untersucht, warum Bildungschancen in Deutschland ungleich verteilt sind. Forschungsverbände analysieren Bildungsbenachteiligung, Programme sollen Schulen verändern, Experten und Expertinnen beraten über Reformen. Aber das professionelle Wissen von Lehrkräften, die eine akademische Ausbildung haben, wird in der Bildungsdebatte nicht integriert.

„Das Klassenzimmer ist nicht nur Lernort. Das Klassenzimmer ist Erkenntnisquelle.“

Dabei ist das Klassenzimmer nicht nur Lernort. Das Klassenzimmer ist Erkenntnisquelle.

Deshalb frage ich mich: Warum wird wissenschaftliches Wissen über Schule und professionelles Wissen aus Schule häufig noch immer getrennt voneinander produziert? Können wir uns das leisten?

Wissenschaft produziert Wissen über Schule, Politik gestaltet Rahmenbedingungen für Schule, Verwaltung organisiert Schule. – Aber: Schule findet im Klassenzimmer statt.

Dort treffen Lehrplan und Lebenswirklichkeit aufeinander. Dort zeigt sich, ob ein Jugendlicher eine Aufgabe nicht versteht oder ob er längst aufgehört hat zu glauben, dass er sie verstehen kann. Dort erleben wir Lehrkräfte jeden Tag, welche Bedingungen Lehren und Lernen erleichtern und welche sie behindern.

„Wir sollten auch Erkenntnisse aus dem Klassenzimmer zurück in Forschung, Schulentwicklung und Bildungsdebatte transportieren.“

Dieses Erfahrungswissen ersetzt keine Wissenschaft. Aber: Eine Bildungsdebatte, die systematisch gewonnenes Wissen aus der Forschung nicht mit professionellem Erfahrungswissen aus dem Klassenzimmer verbindet, lässt entscheidende Erkenntnisse aus der Realität außer Acht.

Deshalb ist aus meiner Sicht eine engere Verzahnung von Forschung, Unterrichtspraxis und den Perspektiven der Jugendlichen von zentraler Bedeutung, um Bildungsarmut differenzierter zu verstehen. Es ist nicht nur wichtig, Wissen in das Klassenzimmer zu transferieren. Wir sollten auch Erkenntnisse aus dem Klassenzimmer zurück in Forschung, Schulentwicklung und Bildungsdebatte transportieren.

Ich beschäftige mich seit Jahren mit Demokratiebildung in Verbindung mit Resonanzpädagogik. Diese Synergie habe ich 2022 gemeinsam mit dem Schweizer Erwachsenenbildner Yvo Wüest in einem Beitrag der Heidelberg School of Education vertieft, in dem wir die Bedeutung resonanzpädagogischer Ansätze für Demokratiebildungsprozesse und transkulturelle Kommunikation diskutieren.

Dabei hat meine eigene Biografie meinen Blick auf Bildungsungleichheit geschärft. Meine berufliche Erfahrung hat daraus eine pädagogische Frage gemacht.

Seit zwölf Jahren arbeite ich mit 15-Jährigen in einem Raum, deren Bildungschancen regelmäßig Gegenstand von Studien sind. Ich erlebe, wann Jugendliche sich nicht mehr auf Lernen einlassen und sich zurückziehen. Ich sehe, unter welchen Bedingungen sie morgens in die Schule kommen und dort einen erheblichen Teil ihres Tages verbringen.

Ich sehe aber auch, was geschehen kann, wenn sich etwas verändert. Jugendliche beginnen, sich auf einen Lerngegenstand einzulassen. Sie arbeiten mit, stellen Fragen, übernehmen Verantwortung und beginnen wieder, an die eigenen Fähigkeiten zu glauben. In meiner Unterrichtspraxis habe ich solche Entwicklungen wiederholt beobachtet.

Warum untersuchen wir also nicht ebenso konsequent die Bedingungen, unter denen genau diese Entwicklung gelingt?

Wirksames Lernen setzt wirksames Lehren voraus

Von Kindern und Jugendlichen erwarten wir Leistung unter Bedingungen, die wir Erwachsene gestalten. Von Lehrkräften wird guter Unterricht unter Bedingungen erwartet, die sie selbst häufig nur begrenzt mitgestalten können. Doch Unterricht ist relational. Deshalb genügt es nicht, ausschließlich nach den Bedürfnissen der Lernenden zu fragen. Eine gute Schule muss ebenso berücksichtigen, unter welchen Bedingungen auch Lehrkräfte ihre professionelle Kompetenz wirksam einsetzen können.

„Wenn wir verstehen wollen, warum Lernen scheitert oder gelingt, müssen wir beide Seiten betrachten.“

Wenn wir verstehen wollen, warum Lernen scheitert oder gelingt, müssen wir beide Seiten betrachten.

Vom Bildungsverlust zum Bildungsgewinn

Wir beschäftigen uns intensiv mit Bildungsverlust: mit fehlenden Kompetenzen, schlechten Ergebnissen und nicht ausgeschöpften Bildungschancen. Was wäre, wenn wir ebenso konsequent den Bildungsgewinn untersuchten? Möglicherweise brauchen wir neben der Diagnose des Bildungsverlusts eine systematische Suche nach Bildungsgewinn.

Mit Bildungsverlust meine ich dabei mehr als sinkende Testwerte. Bildungsverlust entsteht dort, wo Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten eines jungen Menschen aufgrund seiner Bedingungen nicht zur Entfaltung kommen.

Bildungsgewinn beginnt umgekehrt dort, wo junge Menschen Wissen und Kompetenzen erwerben, Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit erfahren und dadurch ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern.

„Wer Bildungsarmut verstehen will, muss fragen, welche Bedingungen Institutionen schaffen können, damit Herkunft nicht über Zukunft entscheidet.“

PISA selbst liefert einen interessanten Hinweis: Rund neun Prozent der sozioökonomisch benachteiligten Jugendlichen in Deutschland gehören trotzdem zum leistungsstärksten Viertel ihres Landes. Die OECD bezeichnet sie als schulisch resilient.

Den Begriff der Resilienz sehe ich sehr kritisch. Dennoch interessiert mich genau dieser Punkt: Was erleben Jugendliche in der Schule, wenn Entwicklung trotz schwieriger Ausgangsbedingungen gelingt? Welche Rolle spielen Unterrichtsgestaltung, Zugehörigkeit und Gesundheit?

Dabei geht es gerade nicht darum, strukturelle Ungleichheit zu individualisieren. Im Gegenteil. Wer Bildungsarmut verstehen will, muss fragen, welche Bedingungen Institutionen schaffen können, damit Herkunft nicht über Zukunft entscheidet.

Wer lernt, gewinnt – ein Manifest für jedes Kind (zweite Fassung)

Kinder sind Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaft. Bildung ist ein Kinderrecht. Gelingendes Lernen braucht mehr als Methoden, Prüfungen und Lehrpläne.

„Junge Menschen brauchen Bedingungen, unter denen sie sich persönlich angesprochen, zugehörig und wirksam erleben können.“

Junge Menschen brauchen Bedingungen, unter denen sie sich persönlich angesprochen, zugehörig und wirksam erleben können. Kinder und Jugendliche brauchen Schutz vor körperlicher Gewalt sowie vor Missachtung und Vernachlässigung als Formen geistiger Gewalt. Sie brauchen Erwachsene, die sich für ihre Perspektiven interessieren. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen zuhören.

Kinder und Jugendliche brauchen schulische Erziehung und Bildung, in denen sie erfahren können, dass sie ein wichtiger Teil einer Gemeinschaft sein können und zwar als Teil einer Gemeinschaft innerhalb des Klassenzimmers, als Teil einer Gemeinschaft innerhalb der Schulgemeinschaft und als Teil einer Gesellschaft innerhalb der Bildungsrepublik.

Die Koordinaten des neuen Bildungssystems heißen Gesundheit und Wohlbefinden

Die grundlgegende Bedingung der Möglichkeit für gesellschaftliche Teilhabe besteht für mich in der Umlenkung des Schülerblicks auf die Institution Schule von „Schule ist anstrengend“ hin zu „Ich fühle mich in der Schule wohl, denn ich kann hier etwas bewirken.“

„Stress, Ausgrenzung und Armut bleiben nicht vor der Schultür. Sie kommen mit ins Klassenzimmer.“

Stress, Ausgrenzung und Armut bleiben nicht vor der Schultür. Sie kommen mit ins Klassenzimmer. Deshalb müssen auch Gesundheit und Wohlbefinden als zentrale Bedingungen von Bildung ernst genommen werden.

Wenn Bildungswege scheitern, dürfen wir dieses Scheitern nicht allein dem einzelnen Kind und seiner Familie zuschreiben.

Wir müssen uns fragen: Was lässt junge Menschen in der Schule wachsen? Was stärkt in der Schule ihre Selbstwirksamkeit? Was schafft in der Schule Zugehörigkeit?

Das sind keine Fragen neben dem Unterricht. Es sind Fragen des Unterrichts.

Wir messen mit PISA seit 25 Jahren, wo unser Bildungssystem steht. Das ist notwendig.

„Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, unseren Bildungskompass zu erweitern.“

Vielleicht ist jetzt aber die Zeit gekommen, unseren Bildungskompass um eine zusätzliche Perspektive zu erweitern: weg von der ausschließlichen Diagnose des Bildungsverlusts – hin zur systematischen Erforschung der Bedingungen von Gewinn durch Erziehung und Bildung.

Dafür brauchen wir Wissenschaft. Wir brauchen politische und institutionelle Veränderungen. Wir brauchen die Perspektive der Schülerinnen und Schüler. Und wir brauchen das Wissen derjenigen, die jeden Tag erleben, was geschieht, wenn all diese Ebenen im Klassenzimmer aufeinandertreffen. Denn: Das Klassenzimmer ist nicht nur Lernort. Es ist Erkenntnisquelle. (mig) Meinung

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