
Überforderung
Schule beginnt morgens um acht Uhr. Kindheit nicht.
Aggression, Rückzug oder scheinbare Gleichgültigkeit werden schnell als Fehlverhalten bewertet. Häufig erzählen sie jedoch von Angst, Überlastung, Ausgrenzung oder fehlender Zugehörigkeit.
Von Esma Coşgun Dienstag, 11.08.2026, 18:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 11.08.2026, 16:20 Uhr Lesedauer: 6 Minuten |
Kinder legen ihre Sorgen nicht vor der Schultür ab. Sie nehmen im Klassenzimmer Platz – gemeinsam mit ihnen. Wenn sie das Schulgebäude betreten, bringen sie weit mehr mit als ihren Schulranzen: schlaflose Nächte, Streit zu Hause, Ängste, Unsicherheit und manchmal eine Verantwortung, die viel zu schwer auf ihren Schultern liegt.
Manche haben morgens nicht gefrühstückt. Manche konnten nicht schlafen, weil es zu Hause laut oder angespannt war. Manche kümmern sich um jüngere Geschwister oder machen sich mehr Gedanken um ihre Eltern, als ein Kind es eigentlich sollte. Andere übernehmen früh Aufgaben, die weit über das hinausgehen, was ihrem Alter entspricht.
Im Schulalltag werden solche Belastungen auf unterschiedliche Weise sichtbar. Sie begleiten den Mathematikunterricht, Klassenarbeiten und die Pausen auf dem Schulhof. Manchmal zeigen sie sich laut, manchmal ganz still. Sie können hinter einem Kind stehen, das ständig dazwischenruft, ebenso wie hinter einer Jugendlichen, die sich zurückzieht und scheinbar kein Interesse mehr zeigt.
Verhalten erscheint dabei schnell als das eigentliche Problem. Doch häufig ist es zunächst Ausdruck einer Belastung. Hinter Aggression kann Angst stehen, hinter Gleichgültigkeit Überforderung und hinter Rückzug die Erfahrung, ohnehin nicht verstanden zu werden. Mitunter spiegeln sich darin auch Ausgrenzungserfahrungen, fehlende Zugehörigkeit oder das Gefühl wider, unterschiedlichen Erwartungen gleichzeitig entsprechen zu müssen.
„Was Kinder vor der ersten Schulstunde erleben, verschwindet nicht mit dem Klingeln.“
Als Psychologin an einer Schule in Berlin erlebe ich, wie schnell Verhalten bewertet wird – und wie viel schwerer es manchmal ist, nach seiner Bedeutung zu fragen. Dabei erzählt Verhalten oft eine Geschichte, lange bevor Kinder die Worte dafür finden.
Lernen beginnt nicht mit dem Lehrplan. Lernen beginnt mit Sicherheit. Sicherheit ist keine Randbedingung von Bildung – sie ist ihre Voraussetzung. Ein Kind, das innerlich ständig wachsam sein muss, kann sich nur schwer auf einen Text, eine Rechenaufgabe oder eine Prüfung konzentrieren. Wer mit familiären Konflikten, Verlustängsten oder existenziellen Sorgen beschäftigt ist, verfügt nicht ohne Weiteres über die innere Ruhe, neue Inhalte aufzunehmen.
Vielleicht liegt genau hier eines der größten Missverständnisse unserer Bildungsdebatte. Wir sprechen viel darüber, wie Kinder besser lernen können. Deutlich seltener fragen wir, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Lernen überhaupt möglich wird.
Im Schulalltag werden deshalb längst nicht nur Lernfortschritte sichtbar. Ebenso treten dort gesellschaftliche Belastungen zutage. Lehrkräfte, Schulsozialarbeit, Sonderpädagogik und Psychologie begegnen täglich den Folgen von Armut, familiären Krisen, psychischen Belastungen, Ausgrenzung und überlasteten Unterstützungssystemen.
„Bei manchen Kindern mit Migrationsgeschichte greifen mehrere Herausforderungen ineinander.“
Diese Belastungen treffen Kinder nicht alle in gleicher Weise. Bei manchen Kindern mit Migrationsgeschichte greifen mehrere Herausforderungen ineinander. Zu sozialer Ungleichheit können Diskriminierungserfahrungen, die früh übernommene Verantwortung für das Übersetzen und Vermitteln oder Unsicherheiten der Familie im Umgang mit einem noch wenig vertrauten Bildungs- und Hilfesystem hinzukommen. Nicht die Migration an sich erschwert das Lernen. Entscheidend sind die Bedingungen, unter denen Kinder und ihre Familien leben, Zugehörigkeit erfahren und Unterstützung finden.
Die Erwartungen an Schule sind in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Sie soll Wissen vermitteln, Sicherheit geben, psychische Belastungen erkennen, Konflikte auffangen und Kindern gerecht werden, deren Lebensrealitäten unterschiedlicher kaum sein könnten.
Doch auch die Anwesenheit verschiedener Fachkräfte bedeutet nicht automatisch, dass jedes Kind die Unterstützung erhält, die es braucht. Entscheidend ist, ob Kinder wissen, an wen sie sich wenden können, und ob dieser Weg ihnen tatsächlich offensteht. Unterstützung muss niedrigschwellig, verlässlich und erreichbar sein. Familien müssen wissen, welche Angebote es gibt, wozu sie dienen und wie sie genutzt werden können.
„Ich wünschte, du wärst meine Mutter.“
Manchmal verdichtet sich die Bedeutung von Schule in einem einzigen Satz: „Ich wünschte, du wärst meine Mutter.“
Dieser Satz ist mir in meiner Arbeit mehr als einmal begegnet. Manchmal fällt er beiläufig, manchmal fast scherzhaft. Und doch liegt in ihm etwas, das weit über den Schulalltag hinausweist. Er kann Ausdruck eines Wunsches nach Nähe, Verlässlichkeit und Aufmerksamkeit sein – nach einer erwachsenen Person, die zuhört, Sicherheit vermittelt und auch dann ansprechbar bleibt, wenn es schwierig wird.
Natürlich bin ich nicht die Mutter dieser Kinder. Als Psychologin habe ich eine professionelle Rolle und klare Grenzen. Dennoch bleibt ein solcher Satz hängen. Er macht sichtbar, dass manche Kinder in der Schule nicht nur Unterstützung beim Lernen suchen. Sie suchen mitunter auch Orientierung, emotionale Sicherheit oder ein Gegenüber, bei dem sie für einen Moment nicht funktionieren müssen.
Das bedeutet nicht, dass Eltern ihre Kinder nicht unterstützen wollen. Viele Familien stehen selbst unter erheblichem Druck. Finanzielle Sorgen, beengte Wohnverhältnisse, psychische Belastungen, fehlende Unterstützung oder eigene unverarbeitete Erfahrungen können dazu führen, dass Eltern trotz aller Bemühungen an ihre Grenzen geraten. Eine solche Überforderung entwickelt sich häufig über Jahre hinweg und wird oft erst im Schulalltag sichtbar – etwa wenn ein Kind nicht mehr mitkommt, sich zurückzieht, aggressiv reagiert oder regelmäßig fehlt.
Gerade darin liegt eine besondere Bedeutung von Schule: Sie kann Belastungen früh erkennen, deren Ursachen weit über das Schulgebäude hinausreichen, Gespräche ermöglichen, Eltern einbeziehen, Schutz bieten und Wege zu weiteren Hilfen eröffnen. Für manche Kinder sind ein strukturierter Schulalltag, verlässliche Beziehungen und die Erfahrung, mit ihren Sorgen gesehen zu werden, von unschätzbarem Wert.
„Schule kann Familie nicht ersetzen. Sie kann Armut nicht beseitigen, Wohnraum schaffen oder psychische Erkrankungen behandeln.“
Doch Schule kann Familie nicht ersetzen. Sie kann Armut nicht beseitigen, Wohnraum schaffen oder psychische Erkrankungen behandeln. Wenn immer mehr gesellschaftliche Aufgaben in sie verlagert werden, ohne ihr ausreichend Zeit, Personal und funktionierende Unterstützungssysteme zur Verfügung zu stellen, geraten auch diejenigen an ihre Grenzen, die Kinder täglich begleiten und unterstützen. Häufig fehlt es nicht am Engagement, sondern an den strukturellen Voraussetzungen, damit dieses Engagement dauerhaft wirken kann.
Gerade weil Schule diese Aufgaben nicht allein bewältigen kann, braucht sie eine verlässliche Zusammenarbeit mit Jugendhilfe, psychosozialer Versorgung und Familienunterstützung. Ob ein Kind Hilfe erhält, darf nicht davon abhängen, ob zufällig eine einzelne engagierte Person seine Belastung erkennt und genügend Zeit hat, sich darum zu kümmern.
Wer Bildung verbessern will, darf nicht nur auf Lehrpläne, Prüfungen und Abschlüsse schauen. Denn bevor ein Kind lernen kann, muss es die Möglichkeit haben, Kind zu sein.
Schule kann vieles auffangen. Aber sie kann nicht dauerhaft reparieren, was eine Gesellschaft außerhalb ihrer Klassenzimmer versäumt. (mig) Meinung
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