
Studie legt soziale Auslese offen
Deutschland sortiert Kinder nach Herkunft
Eine neue Auswertung des ifo Instituts zeigt: Bildungschancen in Deutschland hängen massiv vom Elternhaus ab. Kinder mit Migrationsgeschichte sind im Schnitt benachteiligt – doch der entscheidende Faktor ist häufig nicht die geografische, sondern die soziale Herkunft.
Von Birol Kocaman Dienstag, 28.04.2026, 12:56 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 28.04.2026, 12:56 Uhr Lesedauer: 6 Minuten |
Nicht Kinder mit Migrationsgeschichte haben ein Bildungsproblem, sondern Deutschland hat ein Herkunftsproblem. Wer aus einer armen, wenig privilegierten Familie kommt, hat deutlich schlechtere Chancen. Migration verschärft diese Lage oft, erklärt sie aber nicht allein. Das ist der zentrale Befund des neuen „Chancenmonitors“ des ifo Instituts und der Organisation „Ein Herz für Kinder“, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.
Die Studie untersucht, wie stark der Besuch eines Gymnasiums vom familiären Hintergrund abhängt. Grundlage ist der Mikrozensus 2022, eine der größten regelmäßigen Haushaltsbefragungen in Deutschland. Ausgewertet wurden Daten von 67.851 Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren.
Und die Zahlen sind deutlich. Im Durchschnitt besuchen 40,1 Prozent der Kinder und Jugendlichen ein Gymnasium. Doch dieser Durchschnitt verdeckt gewaltige Unterschiede. „Die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, liegt bei 16,9 %, wenn ein Kind mit Eltern ohne Abitur aus dem untersten Einkommensviertel ohne Migrationshintergrund aufwächst. Im Gegensatz dazu liegt sie bei 80,3 %, wenn das Kind mit Eltern mit Abitur aus dem obersten Einkommensviertel“, heißt es in der Studie.
Chance auf Gymnasium kann sich durch Elternhaus verfünffachen
Das heißt: Die Chance auf das Gymnasium kann sich je nach Elternhaus fast verfünffachen. Nicht Begabung, Fleiß oder Neugier entscheiden allein, sondern sehr stark auch die Frage, in welches Zuhause ein Kind hineingeboren wird.
Besonders stark wirken laut Studie zwei Faktoren: Bildung und Einkommen der Eltern. Hat kein Elternteil Abitur, besuchen nur 25,3 Prozent der Kinder ein Gymnasium. Haben beide Elternteile Abitur, sind es 72,6 Prozent. Ähnlich groß ist der Abstand beim Geld: Im untersten Einkommensviertel liegt die Gymnasialquote bei 24,6 Prozent, im obersten Einkommensviertel bei 64,9 Prozent.
Damit zeigt die Studie erneut, wie früh sich soziale Ungleichheit in Bildungsbiografien einschreibt. Wer zu Hause Eltern hat, die das Schulsystem kennen, über Geld, Zeit, Wohnraum, Bücher, Nachhilfe oder Netzwerke verfügen, startet mit einem Vorsprung. Wer all das nicht hat, muss sich vieles erkämpfen, was für andere selbstverständlich ist.
Kinder mit Migrationsgeschichte besuchen seltener Gymnasium
Für Kinder mit Migrationsgeschichte ergibt sich ein differenziertes Bild. Im Durchschnitt besuchen 35,9 Prozent von ihnen ein Gymnasium. Bei Kindern ohne Migrationsgeschichte sind es 42,8 Prozent. Auf den ersten Blick ist das ein klarer Nachteil. Doch die Studie zeigt zugleich: Dieser Abstand schrumpft deutlich, wenn Bildung und Einkommen der Eltern vergleichbar sind.
In manchen Gruppen kehrt sich das Bild sogar um. Bei Kindern aus Familien ohne elterliches Abitur und mit einem Haushaltseinkommen unter 2.750 Euro liegt die Gymnasialquote bei gemeinsam erziehenden Eltern mit Migrationsgeschichte bei 17,8 Prozent. Ohne Migrationsgeschichte sind es 16,9 Prozent. Auch ganz oben auf der sozialen Skala gibt es keinen Nachteil: Bei zwei Elternteilen mit Abitur und einem Haushaltseinkommen von über 6.000 Euro besuchen 80,3 Prozent der Kinder mit Migrationsgeschichte ein Gymnasium – gegenüber 79,2 Prozent ohne Migrationsgeschichte.
Bequeme Erzählung widerlegt
Das ist ein wichtiger Befund. Er widerspricht der bequemen Erzählung, Bildungsungleichheit lasse sich vor allem kulturell erklären. Die Daten sprechen eine andere Sprache: Migration ist relevant, aber sie wirkt häufig über soziale Lage, Bildungsabschlüsse der Eltern, Einkommen und die Stellung der Familie in der Gesellschaft.
Hier liegt auch der politische Kern der Studie. Denn wenn Kinder mit Migrationsgeschichte seltener aufs Gymnasium gehen, dann nicht deshalb, weil ihre Familien „anders“ sind. Oft leben diese Familien häufiger in prekären Verhältnissen, ihre Bildungsabschlüsse werden schlechter anerkannt, sie haben weniger Zugang zu Netzwerken oder erleben Hürden im Bildungssystem. Wer allein auf Migration schaut, übersieht die soziale Mechanik dahinter.
Der pauschale „Migrationshintergrund“
Gleichzeitig darf Migration nicht völlig aus dem Blick geraten. Die Kategorie, die die Studie selbst als „Migrationshintergrund“ bezeichnet, ist sehr grob. Sie fasst Kinder sehr unterschiedlicher Lebenslagen zusammen: Kinder, deren Großeltern eingewandert sind, Kinder mit einem eingewanderten Elternteil, Kinder mit zwei eingewanderten Elternteilen, möglicherweise auch Kinder mit eigener Migrationserfahrung. Die Studie weist selbst aus, dass Kinder mit einem Elternteil mit Migrationsgeschichte häufiger ein Gymnasium besuchen als Kinder, bei denen beide Elternteile eine Migrationsgeschichte haben.
Daraus folgt: Wer Bildungsgerechtigkeit ernst nimmt, muss genauer hinschauen. Wie lange lebt eine Familie schon in Deutschland? Welche Sprache wird zu Hause gesprochen? Welche Erfahrungen haben Eltern mit Behörden und Schulen gemacht? Werden Empfehlungen für weiterführende Schulen wirklich fair vergeben? Gibt es Diskriminierung, niedrigere Erwartungen oder fehlende Unterstützung? Diese Fragen beantwortet der Chancenmonitor nur begrenzt.
Deutliche Unterschiede beim Geschlecht
Auch beim Geschlecht zeigt die Studie deutliche Unterschiede. Mädchen besuchen häufiger ein Gymnasium als Jungen. Die Gymnasialquote liegt bei Mädchen bei 43,5 Prozent, bei Jungen bei 36,9 Prozent. Der Abstand beträgt 6,6 Prozentpunkte. Dieser Unterschied zeigt sich fast überall: bei Kindern mit und ohne Migrationsgeschichte, in ärmeren und wohlhabenderen Haushalten, bei Alleinerziehenden und gemeinsam erziehenden Eltern.
Bei Kindern mit Migrationsgeschichte liegt der Abstand zwischen Mädchen und Jungen sogar bei 6,8 Prozentpunkten. Bei Kindern ohne Migrationsgeschichte sind es 6,4 Prozentpunkte. Migration verschärft den Geschlechterunterschied also nicht wesentlich. Jungen fallen insgesamt seltener auf die gymnasiale Spur – unabhängig davon, ob ihre Familie eine Migrationsgeschichte hat oder nicht.
Problem beginnt schon in der Kita
Die Autorinnen und Autoren leiten aus den Befunden mehrere Empfehlungen ab: bessere frühkindliche Bildung, gezielte Unterstützung benachteiligter Familien, gute Lehrkräfte an Schulen mit vielen benachteiligten Kindern, kostenlose Nachhilfeprogramme, eine spätere Aufteilung auf unterschiedliche Schulformen und Mentoring. Für Jungen empfehlen sie unter anderem mehr männliche Erzieher und Lehrkräfte, frühe Leseförderung, eine stärkere Förderung von Selbstregulation und einen kritischeren Blick auf Geschlechterstereotype.
Doch der Chancenmonitor macht auch sichtbar, was in der deutschen Bildungsdebatte oft verdrängt wird: Das Problem beginnt nicht erst beim Übergang aufs Gymnasium. Es beginnt früher – in Kitas, in Wohnvierteln, in Elternhäusern, in Behörden, in Schulen, in Erwartungen. Ein Kind aus einer wohlhabenden Akademikerfamilie muss nicht beweisen, dass es auf das Gymnasium gehört. Ein Kind aus einer armen Familie muss oft erst beweisen, dass es trotz seiner Herkunft dorthin gehört.
Das ist keine Bildungsgerechtigkeit. Das ist eine Sortiermaschine mit eingebautem Herkunftsfilter.
Mehr über das Bildungssystem als über Kinder reden
Die Studie liefert eine klare Botschaft: Deutschland verschenkt Potenzial. Nicht, weil Kinder zu wenig können. Sondern weil das Bildungssystem noch immer zu stark danach fragt, woher sie kommen, was ihre Eltern verdienen und welchen Bildungsweg ihre Familie bereits kennt. Für Kinder mit Migrationsgeschichte ist das besonders folgenreich. Sie werden in öffentlichen Debatten schnell selbst zum Problem erklärt. Die Daten aber zeigen: Das eigentliche Problem ist ein Bildungssystem, das soziale Ungleichheit nicht ausreichend ausgleicht – und sie an vielen Stellen sogar fortschreibt.
Wer daran etwas ändern will, muss weniger über Defizite von Kindern reden und mehr über Defizite des Systems. Bildungsgerechtigkeit entsteht nicht durch Sonntagsreden über Aufstieg. Sie entsteht durch frühe Förderung, faire Übergänge, gute Schulen in benachteiligten Stadtteilen, gezielte Unterstützung und den politischen Willen, Herkunft nicht länger über Zukunft entscheiden zu lassen. (mig) Aktuell Panorama
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