
RKI-Gesundheitsstudie
Wer Diskriminierung erlebt, geht seltener zum Arzt
Eine Untersuchung mit mehr als 6.000 Befragten zeigt: Nicht nur Sprachprobleme, sondern auch Diskriminierungserfahrungen führen zum Verzicht den Arztbesuch. Die Forschenden empfehlen leichter zugängliche Angebote und qualifizierte Sprachmittlung.
Montag, 02.11.2026, 14:34 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 02.11.2026, 14:34 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Fast jeder sechste Befragte einer bundesweiten Untersuchung des Robert Koch-Instituts (RKI) hat nach eigenen Angaben innerhalb eines Jahres auf eine benötigte medizinische Untersuchung oder Behandlung verzichtet, weil Informationen oder Sprachmittlung fehlten. Weitere neun Prozent berichteten, sich notwendige medizinische Leistungen oder verschriebene Medikamente nicht leisten zu können. Besonders auffällig: Neben Sprachproblemen hängen auch Diskriminierungserfahrungen mit diesen Versorgungshürden zusammen.
Das geht aus einer im Oktober 2026 in der Fachzeitschrift „BMC Health Services Research“ veröffentlichten RKI-Studie hervor. Dafür werteten die Forschenden Daten einer Befragung von 6.038 Erwachsenen aus den Jahren 2021 und 2022 aus. Die Teilnehmenden besaßen die kroatische, italienische, polnische, syrische oder türkische Staatsangehörigkeit, teilweise neben der deutschen.
Untersucht wurde unter anderem, ob Menschen eine benötigte Behandlung nicht in Anspruch genommen hatten, weil sie nicht wussten, an wen sie sich wenden sollten, oder weil erforderliche Sprachmittlung nicht angeboten wurde. Daneben erfassten die Forschenden finanzielle Hindernisse und Erfahrungen mit gesellschaftlicher Diskriminierung.
Diskriminierung bleibt unabhängig von Sprachkenntnissen bedeutsam
Dass mangelnde Deutschkenntnisse den Zugang zum Gesundheitssystem erschweren können, bestätigt die Untersuchung. Unter den Befragten mit geringen oder sehr geringen Deutschkenntnissen berichteten 31,5 Prozent von kommunikativen Versorgungshürden. Fehlende Sprachmittlung oder Schwierigkeiten, sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden, können dazu beitragen, dass notwendige Behandlungen ausbleiben.
Doch die Forschenden fanden einen weiteren Zusammenhang: Unter den Befragten, die rassistische Diskriminierungserfahrungen angaben, berichteten 21,9 Prozent von solchen Hindernissen. Bei Personen ohne entsprechende Diskriminierungserfahrungen waren es 10,4 Prozent. Der Unterschied blieb auch bestehen, nachdem die Wissenschaftler andere mögliche Einflussfaktoren berücksichtigt hatten, darunter Deutschkenntnisse, Alter, Geschlecht und Bildung.
Die Studienautoren diskutieren mehrere mögliche Erklärungen. So könnten Diskriminierungserfahrungen das Vertrauen in Institutionen und medizinisches Personal beeinträchtigen. Betroffene könnten deshalb medizinische Kontakte eher vermeiden oder zusätzliche Schwierigkeiten haben, bestehende Hindernisse zu überwinden.
Auch finanzielle Hürden hängen mit Diskriminierung zusammen
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den finanziellen Hindernissen. Neun Prozent der Befragten mit auswertbaren Angaben berichteten, benötigte medizinische Leistungen oder verschriebene Arzneimittel aus Kostengründen nicht in Anspruch genommen zu haben.
Besonders häufig nannten solche Schwierigkeiten Menschen, die Diskriminierung aufgrund ihrer sozialen Lage erlebt hatten. In dieser Gruppe lag der Anteil bei 18,7 Prozent, gegenüber 7,1 Prozent bei Personen ohne entsprechende Erfahrungen. Auch nach Berücksichtigung weiterer Faktoren blieb der statistische Zusammenhang bestehen.
Bereits andere Untersuchungen haben auf Probleme im Gesundheitswesen hingewiesen. Forschende des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf untersuchten in einer 2025 veröffentlichten Studie die Erfahrungen von 3.246 Erwachsenen in Arztpraxen und Krankenhäusern. Dabei zeigte sich: Menschen, die häufiger von zwischenmenschlicher Diskriminierung während der medizinischen Versorgung berichteten, gaben auch häufiger an, notwendige Arztbesuche aufgeschoben oder ganz darauf verzichtet zu haben.
Forscher: Diskriminierende Abläufe in den Blick nehmen
Die RKI-Forscher empfehlen unter anderem qualifizierte Dolmetsch- und Sprachmittlungsangebote, Fortbildungen gegen Diskriminierung und leichter zugängliche medizinische Leistungen.
Noch weiter gehen die Handlungsempfehlungen des Forschungsprojekts „Rassismen in der Gesundheitsversorgung“, den Forscher an der Hochschule Fulda, der Universität Witten/Herdecke und die Alice Salomon Hochschule Berlin formuliert haben. Sie betonen, dass rassistische Benachteiligung nicht allein durch das Verhalten einzelner Beschäftigter entstehen müsse. Auch Abläufe, Zuständigkeiten und Strukturen medizinischer Einrichtungen könnten dazu beitragen. (mig) Aktuell Gesellschaft
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