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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Januar, Februar, Schmerz, April

Eimerchen, Schäufelchen, Empörung: Während Politik und Öffentlichkeit Kleinkriege aufführen, wächst die AfD. Die AfD muss ihre Themen kaum noch selbst setzen. Die Pointe ist bitter.

Von Montag, 05.10.2026, 11:07 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 05.10.2026, 11:07 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Es war schon „wild“, wie die jungen Leute sagen. Friedrich Schmerz hält nach den Wahlschlappen der letzten Wochen und seinen Umfragewerten, die derzeit irgendwo zwischen verschimmeltem Brot und einer Gallenkolik rangieren, an seinen Reformplänen fest und nährt damit jenen Eindruck, der die AfD so stark macht: „Die da oben machen doch eh was sie wollen!“

Die andere Selbsttäuschung der AfD-Wähler, dass der Ausländer an allem schuld sei, nährte währenddessen Boris Rhein aus der hessischen CDU, die traditionell am rechten Rand des Sagbaren zu finden ist. Der Ministerpräsident findet nämlich, dass jetzt, da endgültig allen klar sein müsste, dass man der AfD mit immer neuem Rassismus offensichtlich keine Stimmen abjagen kann, die rassistische Stadtbild-Debatte unbedingt noch einmal neu aufgelegt werden müsse.

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Die Union will auf diese Weise wohl auch dem letzten Bürger klarmachen, dass sie einfach keine braunen Menschen in der Stadt sehen will – und dass sie damit halt offensichtlich keine Nazis meint. Weil das womöglich noch nicht klar genug war, stellte Rhein anschließend ebenfalls klar, dass ihm Steuererhöhungen auf Tabak und Alkohol ganz und gar nicht in die Tüte kommen: Betrunkene, pöbelnde Weiße – das muss nämlich absolut klar sein – gehören zum deutschen Stadtbild und stören deshalb auch nicht. Dasselbe gilt natürlich auch für sich auf den Straßen stauende Verbrenner, zu deren Wohl der Steuerzahler Milliarden an die Mineralölkonzerne überweist, während das Deutschlandticket mal wieder verteuert wird – aber das benutzt ja eh nur das schmutzige Ausländerpack.

„Die AfD wird weiter kopiert, akzeptiert und es wird koaliert.“

Auch wild war die Erkenntnis, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft noch zu Kampagnen gegen Antisemitismus in der Lage ist, wenn ein paar Schwachköpfe in der Berliner Linken Zeug von sich gegeben haben, das manch einer Antisemitismus nennt. Das ist gut zu wissen, zumal zuletzt die offen antisemitische, antiislamische, rassistische, sexistische, faschistische AfD in zwei Landtagen stärkste Kraft wurde, ohne dass die, die jetzt disqualifizierenden Antisemitismus in der Linken erkannten, daran groß etwas auszusetzen fanden – ganz im Gegenteil, die AfD wird weiter kopiert, akzeptiert und es wird koaliert. Boris Rhein – mal wieder – will die AfD sogar mit der Leitung von Ausschüssen im Bundestag und in Landtagen befasst sehen. Rassisten, Faschisten, Sexisten, Rechtsextreme, Nazis (a.k.a. AfD-Wähler) werden umschmeichelt, man will sie mit für sie maßgeschneiderten politischen Forderungen für die eigene Partei gewinnen.

Und da wundert sich so mancher, dass „die Mitte ausdünnt“.

Für alle zum Mitschreiben:

Wenn ein reaktionärer Gewalttäter betrunken auf seinem motorisierten Trump-Hocker mit seiner Beta-Cuck-Selbsthilfegruppe lautstark durch die Innenstadt brumm-brummt, dann muss man „seine Ängste ernst nehmen“; wenn eine Person of Color vor Bürgerkrieg, Vergewaltigung und Tod flieht, dann nicht. Wenn die CDU Clan-Mitglieder in den Bundestag einlädt, dann ist alles tutti, wenn diese ungefragt bei einer Wahlpartei der Linken auftauchen, dann geht hingegen das Abendland unter.

Die Linke ist linksextrem und disqualifiziert sich für Regierungsarbeit, weil die Eralp mal Mitglied der Roten Hilfe war – aber die SPD ist Mitte, weil Ex-Kanzler Schröder und Ex-Innenminister Schily Szene-Anwälte der Terrorklitsche RAF waren, ebenso wie der Berliner Grüne Ströbele.

Und wenn Union und SPD vor den Landtagswahlen noch schnell Milliarden für Spritrabatte raushauen, dann gibt es daran wenig zu kritisieren, wenn aber ein frühvergreistes Milchgesicht einen dösigen Strandkorb für seinen Balkon kauft, dann ist das ein großer Skandal.

„Presse auf Sandkastenniveau führt notwendigerweise zu Politik auf Sandkastenniveau.“

Sorry, aber das ist mit politischen Kampagnen allein nicht mehr zu erklären, das ist schlicht und einfach Sandkastenniveau. Presse auf Sandkastenniveau führt aber notwendigerweise zu Politik auf Sandkastenniveau – schließlich ist die Presseöffentlichkeit das Forum unserer Zeit, auf dem Politik verhandelt wird.

Politik auf Sandkastenniveau wiederum, das ist eben auch Politik auf AfD-Niveau.

Erst wenn Parteien und Presse dies begreifen, statt über Eimerchen zu streiten und sich gegenseitig eins mit dem Schäufelchen überzubraten, und wieder Politik und Pressearbeit mit Substanz machen, sobald nicht mehr der Eindruck erweckt wird, Migration sei das einzige Problem unserer Zeit – und begonnen wird, über Wohnraum, über Rente, über Wehrdienst, über Sozialreformen, über die sich ständig weiter öffnende Schere zwischen arm und reich, über den Klimawandel, den Umbau unserer Wirtschaft und überhaupt über ein Land ehrlich miteinander zu streiten, in dem alle „gut und gerne leben“ – und eben nicht nur eine wohlhabende Elite und die paar spinnerten Stiefellecker, denen es reicht, dass es anderen noch schlechter geht – erst dann können sich die derzeitigen Trends wieder drehen.

„Selbst denen wird irgendwann klar werden, dass dann alle verlieren.“

Denn letztendlich sind emotional geführte, aber sachlich fundierte Debatten die beste Werbung für die Demokratie und für politische Parteien; nur so werden sie in den Themen wieder ernst genommen und aus jenen Wählern, die aus Protest wählen, können wieder solche werden, die über Themen abstimmen.

Es mag sein, dass es dafür bereits zu spät ist, weil gerade die beiden früheren Volksparteien mit ihrer Kindergartenkoalition bereits so viel Vertrauen verspielt haben, dass die AfD mittlerweile in bestimmten Sachthemen eine größere Glaubwürdigkeit als sie besitzen. Aber es nicht zu versuchen bedeutet, sich so lange mit den Schippchen auf den Dez zu kloppen, bis die Erzieher den mehrfach sitzengebliebenen Schulhof-Bully zum Babysitter ernennen.

Manchen mag das früher aufgehen als Boris Rhein oder Friedrich Schmerz, aber selbst denen wird irgendwann klar werden, dass dann alle verlieren. Hoffentlich passiert das noch rechtzeitig. (mig) Meinung

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