
Systemfrage
Erst die Wirtschaft, dann das Leben?
Wenn Politik das Soziale erst nach Wachstum, Wettbewerb und schwarzen Zahlen erlaubt, klingt das vernünftig. Doch die Rechnung ist falsch: Ohne Teilhabe bricht genau jene Grundlage weg, auf der Wirtschaft steht.
Von Joachim Glaubitz Mittwoch, 06.05.2026, 11:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 06.05.2026, 11:23 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
Es klingt so vernünftig: Erst müsse die Wirtschaft genug erwirtschaften, dann könne man sich den Sozialstaat leisten. Erst Wachstum, dann Pflege. Erst Wettbewerbsfähigkeit, dann Jugendhilfe. Erst schwarze Zahlen, dann Inklusion. So heißt es z. B. im aktuellen Koalitionsvertrag von Grünen und CDU in Baden-Württemberg:
„Wirtschaftlicher Erfolg ist das Fundament für das Wohl der Menschen im Land. Nur so haben wir auch zukünftig die Mittel, um gute Bildung, leistungsfähige Infrastruktur, verlässliche Gesundheitsversorgung, Umweltschutz, eine vielfältige Kulturlandschaft und gute soziale Angebote zu finanzieren.“
Das klingt plausibel. Fast selbstverständlich. Und genau deshalb ist diese Vorstellung politisch so mächtig: Das Soziale erscheint darin nicht als Grundlage gesellschaftlichen Lebens, sondern als etwas, das man sich leisten kann — oder eben nicht.
Doch stimmt diese Reihenfolge überhaupt? Vielleicht ist wirtschaftlicher Erfolg gar nicht die Voraussetzung des Sozialen — sondern das Soziale die Voraussetzung wirtschaftlichen Erfolgs?
Denn der Sozialstaat ist nicht der Nachtisch nach dem wirtschaftlichen Hauptgang. Er ist eine der Voraussetzungen dafür, dass Wirtschaft überhaupt funktionieren kann.
„Menschen kommen nicht arbeitsfähig auf die Welt. Sie werden geboren, gepflegt, erzogen, getröstet, gebildet, begleitet. Sie werden gesund gepflegt, wenn sie krank sind.“
Menschen kommen nicht arbeitsfähig auf die Welt. Sie werden geboren, gepflegt, erzogen, getröstet, gebildet, begleitet. Sie werden gesund gepflegt, wenn sie krank sind. Sie brauchen Kitas, Schulen, Beratungsstellen, bezahlbare Wohnungen, Pflege, Jugendhilfe, Eingliederungshilfe. All das nennt man soziale Reproduktion: jene oft unsichtbare Arbeit, die Menschen jeden Tag und über Generationen hinweg am Leben hält — und damit auch die Arbeitskraft hervorbringt, auf die der Kapitalismus angewiesen ist.
Nancy Fraser beschreibt genau diesen Widerspruch: Der Kapitalismus lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht herstellen kann — und die er trotzdem immer wieder verschlingt. Er braucht Fürsorge, Solidarität, Bildung, Gesundheit, stabile Beziehungen. Aber sobald diese Dinge Geld kosten, erklärt er sie zum Problem.
Aktuell wird das wieder brutal sichtbar. Ein internes Arbeitspapier von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden enthält laut Paritätischem mehr als 70 Kürzungsvorschläge im Sozialbereich, mit einem bezifferten Volumen von mindestens 8,6 Milliarden Euro. Der Paritätische spricht von einem drohenden „Kahlschlag im Sozialen“.
„Ausgerechnet dort, wo Gesellschaft zusammengehalten wird, soll gespart werden. Bei Kindern. Bei Alleinerziehenden. Bei Menschen mit Behinderung. Bei denen, die Unterstützung brauchen.“
Ausgerechnet dort, wo Gesellschaft zusammengehalten wird, soll gespart werden. Bei Kindern. Bei Alleinerziehenden. Bei Menschen mit Behinderung. Bei denen, die Unterstützung brauchen, damit Teilhabe überhaupt möglich ist.
Man nennt das Haushaltsdisziplin. In Wahrheit ist es Selbstzerstörung.
Denn wer Jugendhilfe kürzt, produziert nicht weniger Kosten — sondern tiefere Brüche. Wer Pflege überlastet, spart nicht — er verschiebt die Last in private Haushalte und wer soziale Dienste kaputtspart, untergräbt Vertrauen, Stabilität und letztlich die demokratische Substanz.
Der Kapitalismus tut gerne so, als entstehe Wert allein in Fabriken, Büros, Logistikzentren und digitalen Plattformen. Aber vor jeder Schicht, vor jedem Meeting, vor jeder Produktivität steht jemand, der ein Kind versorgt, einen alten Menschen pflegt, eine Krise auffängt, ein Gespräch führt, ein Leben stabilisiert.
Früher war Sorgearbeit im familiären Gefüge organisiert. Der Kapitalismus hat dieses Gefüge aufgebrochen, indem er Menschen massenhaft in die Lohnarbeit zog und damit die bisherigen Strukturen der Fürsorge zerstörte.
„Der Sozialstaat ist kein Geschenk. Er ist erkämpfte Zivilisation — errungen im Widerstand, erstritten auf der Straße, erkämpft von Generationen der arbeitenden Klasse.“
Erst durch die Kämpfe der Arbeiter:innenbewegung, durch Streiks, Organisierung und soziale Auseinandersetzungen entstanden Sozialversicherungen, öffentliche Infrastruktur und soziale Rechte. Der Sozialstaat ist kein Geschenk. Er ist erkämpfte Zivilisation — errungen im Widerstand, erstritten auf der Straße, erkämpft von Generationen der arbeitenden Klasse.
Heute wird diese Zivilisation wieder zur Verhandlungsmasse gemacht. Wer zahlen kann, kauft sich Betreuung, Pflege, Entlastung. Wer nicht zahlen kann, trägt die Last selbst — zusätzlich zur Lohnarbeit.
Und genau hier spitzt sich die Krise zu: Immer mehr Menschen, insbesondere Frauen, stehen unter einer doppelten Belastung. Sie sollen gleichzeitig voll erwerbstätig sein und die weggekürzte Sorgearbeit auffangen. Sie werden in die Produktion integriert —, ohne dass die Reproduktion entsprechend abgesichert wird. Das Ergebnis ist Erschöpfung, Zeitnot, Überforderung.
Deshalb geht es nicht um ein paar Haushaltspositionen. Es geht um die Frage, welche Tätigkeiten wir als wertvoll anerkennen. Pflege ist wertvoll. Kindererziehung ist wertvoll. Beratung ist wertvoll. Inklusion ist wertvoll. Bildung ist wertvoll.
Und zwar nicht nur, weil sie „Arbeitskräfte hervorbringen“. Nicht nur, weil sie den Kapitalismus am Laufen halten. Sondern weil sie ein eigenständiges menschliches Ziel haben: ein gutes Leben, soziale Beziehungen, Würde, Entwicklung, Teilhabe.
Genau darin liegt ihre politische Sprengkraft.
Denn diese Bereiche sind mehr als bloße „Voraussetzungen“ der Wirtschaft. Sie tragen ein eigenes Versprechen in sich — eines, das sich nicht in Profitlogik übersetzen lässt. Ein anderes Verständnis von Gesellschaft: nicht Konkurrenz, sondern Sorge. Nicht Verwertung, sondern Würde.
Und damit drängt sich eine unbequeme Erkenntnis auf: Vielleicht geht es nicht mehr darum, diesen Widerspruch innerhalb des Kapitalismus zu lösen. Vielleicht ist es kein Betriebsunfall, sondern ein strukturelles Problem. Ein System, das auf unbegrenzte Akkumulation ausgerichtet ist, wird immer wieder genau das zerstören, was es zum Funktionieren braucht.
„Deshalb müssen die Kämpfe zusammengeführt werden. Denn es sind keine getrennten Konflikte. Es ist ein gemeinsamer.“
Deshalb müssen die Kämpfe zusammengeführt werden: Pflegekräfte, Erzieherinnen, Sozialarbeiter, Menschen mit Behinderung, Alleinerziehende, Mieterinitiativen, Gewerkschaften, Migrantinnen, Armutsbetroffene.
Es sind keine getrennten Konflikte. Es ist ein gemeinsamer.
Ein Konflikt zwischen einem System, das Leben verwertet — und den Bedingungen, die Leben überhaupt erst möglich machen.
Der Sozialstaat ist kein Luxus, den man sich leistet, wenn die Kasse voll ist. Er ist die Infrastruktur des Menschlichen.
Wer ihn abbaut, spart nicht.
Er zerstört die Grundlage. Meinung
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Es ist im Kleinen, so wie im Grossen: um helfen zu können, benötigt man die Grundlage dafür. Man kann nichts davon abgeben, was man nicht hat. Sicherlich ist es richtig und wichtig, jemanden der Hilfe benötigt, zu helfen und eine Möglichkeit zu eröffnen, einmal selbst ein auskömmliches Leben zu bestreiten. Uns sicherlich gibt es auch Menschen, die Hilfe dauerhaft benötigen, weil sie aufgrund von Erkrankungen oder Behinderungen nicht in der Lage sind, für sich selbst aufzukommen. ABER: es gibt auch massenhaft Menschen, die unser Sozialsystem als einen persönlichen Freiraum ansehen, denn man muss nicht arbeiten um leben zu können. Die Gemeinschaft stellt diese Grundlagen für alle zur Verfügung. Es ist nur die Frage, ob es notwendig ist,, diese Grundlagen in der bisherigen Art und Weise zur Verfügung zu stellen. Ein abgelehnter Asylbewerber bzw. einer, der schlechte Chancen auf Asyl hat, benötigt keinen Integrations- und Sprachkurs, der mehrere Tsd. Euro kostet, denn er soll unser Land wieder verlassen. Alleinerziehende müssen nicht 15 Jahre zuhause bleiben und das Kind versorgen und jünge Menschen mit Anfang 20 müssen kein Bürgergeld beziehen, weil sie sich nicht für einen Beruf entscheiden können oder immer noch keinen Schulabschluss haben, obwohl ihnen diese Möglichkeit zur Verfügung steht. Hinzu kommen die vielen, die in unser Land gekommen sind, oft mit grossen Familien, und seit Jahren von öffentlichen Geldern leben, weil nur mangelhafte Sprachkenntnisse vorhanden sind, der Vater ungelernter Arbeiter ist, der max. Mindestlohn erhalten könnte und sich die Mutter traditionell um die Kinder kümmert. Es sind mittlerweile Millionen, die nie etwas zu unserer Gemeinschaft beigetragen haben, aber ihre Vorzüge geniessen und keinen Grund sehen, das zu ändern, warum auch, man muss ja nicht. Ein starker Sozialstaat muss denjenigen unterstützen, der es selbst nicht kann, wohlgemerkt nicht kann, nicht nicht will! Und…die angeführte Sorgearbeit haben früher die Frauen der Familie erledigt, ohne Bezahlung, ohne die Möglichkeit diese zu verweigern und waren obendrein noch abhängig von ihren Männern. In diese Zeiten wollen die allermeisten Frauen nicht zurück!
Herzlichen Dank für Ihre Einschätzung und Rückmeldung.
Der Ausgangspunkt „man kann nur verteilen, was man hat“ stimmt grundsätzlich – aber genau hier setzt der Artikel an: Er behauptet nicht, dass Wirtschaft unwichtig sei, sondern dass soziale Grundlagen überhaupt erst die Voraussetzung dafür sind, dass wirtschaftliche Leistung entstehen kann.
Wer keine Bildung erhält, krank ist oder gesellschaftlich ausgeschlossen bleibt, kann auch nur eingeschränkt am Arbeitsleben teilnehmen. In diesem Sinne ist Soziales nicht einfach ein Kostenfaktor, den man sich irgendwann leisten können muss, sondern eine Investition in gesellschaftliche und wirtschaftliche Stabilität.
Die anschließend genannten Beispiele zu Bürgergeld, Migration oder Fehlanreizen sind zudem nur bedingt das, worum es im Artikel geht. Natürlich gibt es Missbrauch und Menschen, die Leistungen ausnutzen. Die Darstellung, „massenhaft“ Menschen würden den Sozialstaat als bequemen Dauerzustand wählen, verzerrt jedoch die Realität. Die meisten Menschen arbeiten, wollen arbeiten oder befinden sich in schwierigen Lebenssituationen, die den Weg in stabile Beschäftigung erschweren – etwa fehlende Qualifikation, gesundheitliche Probleme, mangelnde Kinderbetreuung oder sprachliche Hürden.
Gerade beim Thema Migration zeigt sich eigentlich das Argument des Artikels: Wenn Sprachförderung, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe nicht ausreichend funktionieren, entsteht genau die Abhängigkeit, die anschließend kritisiert wird. Das spricht jedoch nicht gegen soziale Investitionen, sondern eher dafür, sie sinnvoll und frühzeitig umzusetzen.
Auch der Punkt zu Frauen wird im Kommentar meines Erachtens missverstanden. Der Artikel fordert gerade nicht die Rückkehr zu unbezahlter Sorgearbeit. Er macht vielmehr deutlich, dass Care-Arbeit überhaupt erst die Grundlage dafür ist, dass Wirtschaft funktionieren kann – und deshalb gesellschaftlich anerkannt und abgesichert werden sollte.
Und genau an diesem Punkt geht der Artikel noch weiter: Er stellt nicht nur die Reihenfolge „erst Wirtschaft, dann Soziales“ infrage, sondern wirft auch die grundsätzliche Frage auf, ob ein Wirtschaftssystem, das permanent auf Wachstum, Konkurrenz und Kostensenkung angewiesen ist, seine eigenen sozialen Voraussetzungen auf Dauer nicht selbst untergräbt. Wenn Pflege, Bildung, Gesundheit oder familiäre Sorgearbeit ständig unter ökonomischen Druck geraten, dann lebt das System letztlich von Grundlagen, die es gleichzeitig abbaut.
Letztlich geht es also nicht um ein schlichtes „Wirtschaft oder Soziales“, sondern um die Frage, welche Art von Wirtschaft gesellschaftlich tragfähig ist – und ob ein System dauerhaft funktionieren kann, das die sozialen Bedingungen, von denen es abhängt, zunehmend verschleißt.