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Erdin Kadunić © privat, Zeichnung: MiG

Islam in Deutschland

Der erschöpfte Muslim – hat genug vom „Dialog“

Der Dialog sollte Brücken bauen. Für viele Muslime fühlt er sich inzwischen wie eine endlose Prüfung an: Wer dazugehört, muss sich trotzdem erklären – bei jeder neuen Islamdebatte von vorn.

Von Montag, 27.04.2026, 11:47 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 27.04.2026, 11:47 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Seit Jahrzehnten hören Muslime in Deutschland dieselbe Aufforderung: „Ihr müsst mehr Dialog führen.“ Mehr erklären. Mehr öffnen. Mehr distanzieren. Mehr Brücken bauen. Also taten sie genau das. Moscheen organisierten Tage der offenen Tür. Imame nahmen an Podiumsdiskussionen teil. Muslimische Akademiker schrieben Bücher über Verständigung. Gemeinden luden Schulklassen ein, organisierten interreligiöse Begegnungen, Friedensgebete und Gesprächskreise. Muslimische Vertreter saßen in Integrationsräten, diskutierten in Stiftungen und arbeiteten sich an dem Versprechen ab, dass Aufklärung irgendwann zu gesellschaftlicher Akzeptanz führen würde.

Und heute, im Jahr 2026?

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Wir führen immer noch dieselben Debatten wie in den 1990er Jahren. Dieselben Reflexe. Dieselben Verdächtigungen. Dieselben Generalisierungen.

Der jüngste Vorstoß von Friedrich Merz zeigt das exemplarisch. Wieder geht es um das Frauenbild im Islam. Wieder wird Islam mit Gewalt, Integrationsdefiziten und gesellschaftlicher Gefahr verknüpft. Wieder entsteht eine nationale Debatte darüber, ob Muslime eigentlich Teil dieser Gesellschaft oder ein dauerhaftes Problem seien, das verwaltet werden müsse.

Und das eigentlich Erschütternde daran ist nicht einmal die Aussage selbst. Erschütternd ist vielmehr, dass nach Jahrzehnten des Dialogs offensichtlich kaum etwas geblieben ist. Muslime haben sich jahrzehntelang integriert, beteiligt und erklärt — und stehen gesellschaftlich trotzdem oft noch unter kollektivem Verdacht. Als müsse jede Generation muslimischer Bürger erneut beweisen, dass sie zivilisiert genug für Deutschland sei.

Was ist also der Ertrag dieses sogenannten Dialogs?

„Der interreligiöse Dialog in Deutschland ist in vielen Bereichen gescheitert.“

Vielleicht muss man inzwischen ehrlicher werden: Der interreligiöse Dialog in Deutschland ist in vielen Bereichen gescheitert. Nicht weil Menschen wie Benjamin Idriz oder andere engagierte Akteure keine ehrliche Arbeit leisten würden. Im Gegenteil. Sie investieren seit Jahren enorme Energie in Verständigung, Bildungsarbeit und Begegnung. Doch ihre Arbeit prallt oft an einer Öffentlichkeit ab, die Konflikte mehr liebt als Verständigung.

Denn die deutsche Debattenlandschaft funktioniert nach einer simplen Logik: Derjenige, der differenziert argumentiert, verliert gegen denjenigen, der Angst produziert. In Talkshows sitzen seit Jahren dieselben professionellen Polarisierer. Menschen, deren gesamtes Geschäftsmodell auf kultureller Spannung basiert. Sie leben politisch, medial oder wirtschaftlich davon, dass der Islam als permanenter Krisenfaktor erscheint. Der empörte Satz bringt mehr Reichweite als die nüchterne Realität.

Der „Islamkritiker“ verkauft Bücher. Der alarmistische Politiker gewinnt Stimmen. Der Provokateur bekommt Sendezeit. Der muslimische Gemeindevorsitzende, der seit zwanzig Jahren still Jugendarbeit macht, interessiert dagegen kaum jemanden.

„Deutschland verlangt von Muslimen professionelle Integrationsleistungen, verweigert ihnen aber vielerorts die strukturellen Möglichkeiten dafür.“

Hinzu kommt eine strukturelle Realität, über die kaum gesprochen wird: Muslimische Gemeinden kämpfen mit völlig ungleichen Waffen. Während Kirchen, Parteien oder große gesellschaftliche Institutionen über professionelle Apparate verfügen, basiert ein Großteil muslimischer Arbeit noch immer auf Ehrenamt. Menschen arbeiten nach ihren Schichten, am Wochenende oder nachts für Gemeindearbeit. Und gleichzeitig erwartet die Gesellschaft von ihnen perfekte Integrationsarbeit, Präventionsarbeit, Medienarbeit und Demokratieförderung. Das ist absurd. Deutschland verlangt von Muslimen professionelle Integrationsleistungen, verweigert ihnen aber vielerorts die strukturellen Möglichkeiten dafür.

Noch gravierender ist die mediale Unsichtbarkeit. In einer mediendominierten Gesellschaft besitzen Muslime kaum Einfluss auf die Räume, in denen öffentliche Wirklichkeit produziert wird. In Rundfunkräten, Mediengremien und großen redaktionellen Netzwerken sind muslimische Perspektiven kaum präsent. Das Ergebnis sieht man täglich: Über Muslime wird geredet — selten mit ihnen.

Und deshalb wiederholen sich die Debatten endlos. Viele Journalisten verfügen bis heute über erschreckend geringe Kenntnisse über islamisches Leben in Deutschland. Zwischen religiösem Konservatismus, kultureller Identität, Migrationserfahrung und politischem Islamismus wird oft kaum sauber unterschieden. Für große Teile der Öffentlichkeit bleibt „der Muslim“ eine diffuse Projektionsfigur. Für viele Muslime entsteht daraus inzwischen ein Gefühl tiefer Erniedrigung. Sie reden seit Jahrzehnten. Und trotzdem scheint ihre Existenz ständig unter Vorbehalt zu stehen.

„Warum sollten Muslime überhaupt noch mitmachen?“

Vielleicht ist deshalb die eigentliche Frage heute nicht mehr, wie Muslime den Dialog verbessern können. Vielleicht lautet die Frage inzwischen vielmehr: Warum sollten sie überhaupt noch mitmachen? Warum weiterhin an Debatten teilnehmen, deren Ergebnis oft schon vorher feststeht? Warum sich permanent erklären vor Menschen, die gar nicht verstehen wollen, sondern Bestätigung für ihre Vorurteile suchen?

Immer mehr Muslime ziehen daraus Konsequenzen. Nicht Radikalisierung. Nicht Gewalt. Sondern Rückzug. Rückzug aus einem öffentlichen Diskurs, der sie zwar ständig zum Gespräch bittet, aber selten auf Augenhöhe behandelt.

Vielleicht wäre es sinnvoller, die Kraft endlich in den Aufbau eigener starker Strukturen zu investieren: eigene Bildungsnetzwerke, professionelle Medienarbeit, wirtschaftliche Stärke, juristische Interessenvertretung und selbstbewusste Gemeinschaften, die nicht ständig um Anerkennung betteln müssen.

„Dieses Betteln hat viele mürbe gemacht.“

Denn genau dieses Betteln hat viele mürbe gemacht. Der muslimische Bürger soll integriert sein, aber bitte nicht zu sichtbar. Religiös, aber nicht „zu religiös“. Politisch loyal, aber möglichst still. Erfolgreich, aber nicht selbstbewusst. Anpassungsfähig, aber ständig erklärungspflichtig.

Und wenn trotz all dieser Anpassung im Jahr 2026 immer noch Grundsatzdebatten über die „Gefahr Islam“ geführt werden, dann darf man irgendwann die unbequeme Frage stellen: Vielleicht wollte ein Teil dieser Gesellschaft nie wirklich einen Dialog. Vielleicht wollte man nur Muslime, die schweigend dankbar sind. (mig) Meinung

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