MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Danke, dass Sie gekommen sind, sich mit Ihrem Fleiß und Ihrer Kraft für unser Land eingesetzt haben, und danke, dass Sie geblieben sind.

Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister, Anlässlich „50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen“, 28.03.11, Hannover

Leos Wochenrückblick

Wulffs Heimspiel in Dresden. Griechenland in drei Fallen.

Viel Wulff und wenig Sarrazin beim Evangelischen Kirchentag in Dresden. Außerdem: Geht Griechenland vor die Hunde?

VONLeo Brux

 Wulffs Heimspiel in Dresden. Griechenland in drei Fallen.
Leo Brux, 1950 in München geboren, ist u. a. Integrationskurs-Lehrer bei der InitiativGruppe – Interkulturelle Begegnung und Bildung e.V., einem großen Träger der Integrationsarbeit in München. Migrations- und Integrationsfragen beschäftigen ihn seit den frühen 70er Jahren sowohl praktisch als auch theoretisch, privat und beruflich. Für die InitiativGruppe schreibt er einen Migrationsblog.

DATUM6. Juni 2011

KOMMENTARE45

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , , , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Viel Wulff und kein Sarrazin beim Evangelischen Kirchentag in Dresden

(Quelle: zwei Artikel des Tagesspiegel)

Bundespräsident Christian Wulff war gern gesehener und gehörter Gast beim Evangelischen Kirchentag in Dresden. Der Islam gehöre zu Deutschland – Wulff erklärt, er habe diesen Satz bewusst gesagt,

um den Muslimen, die bei uns leben, ein Zeichen zu geben.

Er habe dazu 200 zustimmende Briefe erhalten – und 4200 ablehnende …
Margot Käßmann unterstützt ihn:

„Menschen muslimischen Glaubens gehören zu Deutschland und damit eben auch der Islam. Was sind das für hämische, menschenverachtende Pamphlete, die sich profilieren auf Kosten anderer? Wie fühlt sich ein türkischer Taxifahrer, dessen Tochter studiert, wenn ihm erklärt wird, er sei ‚Kopftuchmädchenproduzent‘?“

Wulff sieht beide Seiten – die Probleme und die Fortschritte – zusammen:

„Wir kommen voran, nicht schnell genug, aber wir kommen voran“, sagte er am Donnerstag bei einer Diskussionsrunde auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden. „Wir brauchen Offenheit gegenüber Fremden.“ Sie seien eine Bereicherung für die Gesellschaft, wenn sie sich an die Verfassung hielten. „Das Grundgesetz gilt für alle, egal welcher Religion sie angehören.“ Versäumnisse habe es zum Beispiel bei der Sprachförderung oder im Bildungssystem gegeben, auch sei die Arbeitslosigkeit unter jungen Migranten höher.

Auf der anderen Seite habe auch die Türkei ihre Hausaufgaben zu machen:

Die Türkei kritisierte Wulff allerdings wegen der Benachteiligung von Christen. „Es ist unzureichend, wie es mit den Rechten der Christen dort fortkommt.“ Die Türkei müsse die Ausbildung theologischen Nachwuchses ermöglichen. „Wenn wir hier Imame ausbilden, dann muss es eine Selbstverständlichkeit sein, dass dort auch christliche Theologen ausgebildet werden.“ Christliche Kirchen haben in der Türkei keinen Rechtsstatus, die Ausbildung von Priestern ist verboten. Seit Jahrzehnten müssen sie um ihr Eigentum kämpfen.

Der Tagesspiegel resümiert die Podiumsdiskussion:

Die Religion, der Islam, wird nicht mehr für schuldig erklärt, wenn Integration misslingt. Es geht viel mehr um soziale und wirtschaftliche Probleme, um Identität und um das Grundgesetz, an das sich „natürlich alle halten müssen“, wie Wulff sagt. So dürfe es auch nicht sein, „dass Kinder unter ihren erziehungsunfähigen Eltern Schaden nehmen“. Schulschwänzen müsse Konsequenzen haben. Das Publikum hört geduldig zu, applaudiert allen auf dem Podium gleichermaßen. Und am Ende fragt der Moderator: „Könnte es vielleicht sein, dass die Kopftuchmädchen unsere Zukunft sind?“ Weil sie fleißig seien und gewissenhaft. Und immer mehr von ihnen den Mut haben, eigene Wege zu gehen.

Von mir hervorgehoben.

Matthias Drobinskis Resümee in der Süddeutschen Zeitung: Es wurde eigentlich nichts Neues gesagt. Aber:

neu ist, wie das Publikum reagiert: Die Wutbürger und Islamkritiker sind weg oder schweigen. Vor vier Jahren noch fetzten sich in Köln der damalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Wolfgang Huber, und muslimische Verbandsvertreter – und das Publikum bejubelte jeden islamkritischen Satz. „Da hat die Sarrazin-Debatte paradoxerweise Gutes bewirkt“, sagt Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland – „gerade die Intellektuellen diskutieren jetzt differenzierter.“

Wenn Verschiedenheit respektiert werde, sagt der Präsident am Schluss, dann könne auch das Gemeinsame wachsen – ein Patriotismus, der auch die Zuwanderer einschließe.

Geht Griechenland vor die Hunde?

Die Berichte und Kommentare beschäftigen sich zum einen mit den Milliardensummen, die Europa bereitstellt, um den Finanzkollaps des Landes zu verhindern, und zweitens mit den zunehmenden Protestaktionen der Bevölkerung gegen den rigorosen Sparkurs der Regierung.

Wird damit klar, dass die Milliardengelder nicht an die Griechen gehen, sondern an die Banken – für den von Griechenland aus nicht mehr bezahlbaren Schuldendienst?
Wird weiter klar, dass – wenn die Dinge so weiter laufen – es zu einer Auswanderungswelle aus Griechenland kommen wird?

Den Finger in die eine Wunde – die Finanzseite der Sache – räumt Egbert Scheunemann, dem die Neue Rheinische Zeitung den Platz ein, die Sachlage ausführlich darzulegen. Drei Absätze seien daraus zitiert:

Was würde bei der unvermeidlichen Umschuldung geschehen?

Was eintreten wird, ist ein nicht systemgefährdender Schuldenschnitt (in dem Sinne, dass keine der betroffenen Banken wirklich in Gefahr kommen wird), eine Laufzeitverlängerung vorhandener Kredite und eine Senkung der Zinsen via Umschuldung hin zu zinsgünstigen Krediten der EZB oder anderer EU-Finanzinstitutionen (oder auch des IWF, der Weltbank etc.) – also das allein Vernünftige …

Es gibt jedoch ein Interesse, das

… eine Umschuldung, die völlig unvermeidlich ist (in Form, um es zu wiederholen, eines moderaten Schuldenschnitts, so moderat, dass keine der betroffenen Banken wirklich ins Trudeln käme, und in Form der Ersetzung der verbleibenden laufenden Kredite durch zinsgünstige Kredite mit langen Laufzeiten, gewährt von der EZB oder dem IWF), so lange wie möglich aufschieben möchte, um den für die europäischen Banken (und damit auch für seine) hochprofitablen derzeitigen Zustand solange wie möglich aufrechtzuerhalten.

Welches Interesse? Wer bekommt die europäischen Milliarden – und verdient dabei?

Griechenland erstickt an den ins Absurde gestiegenen Zinsen, die es inzwischen für neue Kredite zahlen muss, um alte ablösen zu können – auf dem freien Kapitalmarkt inzwischen, wie schon gesagt, bis zu 25 Prozent. Was Griechenland, wie auch schon gesagt, ‚zurück‘ bezahlt, sind zwischenzeitlich fast ausschließlich akkumulierte Zinsen, also etwas, was es zuvor nie bekommen hat. Das griechische Volk blutet, um die Raffgier der Banken zu befriedigen. Das sind die einfachen, aber wahren Tatsachen.

Mit einem rigorosen Sparprogramm allein kommt Griechenland nicht aus der Krise heraus. Denn dieses lässt die Wirtschaft und damit die Steuereinnahmen weiter schrumpfen, wodurch sich die Schulden noch erhöhen.

Zugleich haben die Griechen immer weniger Geld, immer weniger Arbeit. Noch haben viele private Ressourcen. Die werden bald aufgebraucht sein. Hunderttausende hat die nackte Not schon erreicht. Es ist kein Ende der Spirale abwärts zu erkennen. Wie schlimm kann es werden?

In dem Maße, in dem es ums nackte Überleben geht, werden Griechen auswandern. Sie dürfen gemäß Europarecht jederzeit nach Deutschland kommen, um hier zu wohnen und zu arbeiten.

Wann beginnt die Welle?

Nirgendwo habe ich bisher DIESE Frage gelesen.

Griechenland steckt aber nicht nur in der Schuldenfalle, sondern auch in der Schengenfalle.

Die Süddeutsche Zeitung (3.6.2011, Die Seite Drei) hat eine Reportage von Kai Strittmatter darüber, leider nicht frei online zugänglich.

Griechenland ist heute Ziel Nummer eins für Menschenschmuggler, seiner fast unkontrollierbaren Inselwelt wegen.

Noch 2008 zählte die EU die Hälfte aller Festnahmen von illegalen Immigranten in Griechenland. Anfang des Jahres waren es schon 90 Prozent: Neun von zehn Flüchtlingen, die nach Europa wollen, kommen über Griechenland.

Allein 2010 haben wohl 128 000 Illegale die griechische Grenze überquert.

„Und fast alle landen in Athen“, sagt Bürgermeister Giorgios Kaminis.

Flüchlinge werden an den „Schengen-Grenzen“ abgefangen, in den „Schengen-Grenzländern“ kaserniert und „behandelt“ – und der Rest von Europa kann auf Grenzkontrollen verzichten.

Einige Hunderttausend ohne (legale) Arbeit, ohne Perspektive, illegal in der Stadt lebend, massiert in bestimmten Vierteln … das geht nicht gut.

Athen ist zur unsichersten Großstadt Europas geworden. Ein Dschungel, wie ein Einwohner das nennt. Großartiges Wetter, großartige Einwohner, großartiges Essen, eine aufregend lebendige Metropole – aber die Schuldenkrise mit ihrer Folge, der Verarmung eines großen Teils der Bevölkerung, und die Schengenfalle als Dreingabe bringen die Stadt an den Rand des Abgrunds. Sechs von zehn Einwohnern geben an, sie würden gern wegziehen. Sie haben Angst. Der Bürgermeister stellt fest:

„Athen kollabiert.“

Zur Schuldenfalle und zur Schengenfalle kommt eine dritte: die Elitenfalle.

Die gesamte politische Klasse ist diskreditiert. Der Bürgermeister von Athen rechnet bei den nächsten Wahlen mit einem

Weimarer-Republik-Phänomen: Die extreme Linke und die extreme Rechte werden profitieren.

Die Eliten werden versuchen, ihr Schäfchen ins Trockene zu retten und die Krisensuppe von den kleinen Leuten auslöffeln zu lassen. Das Europa der Eliten wird sie dabei unterstützen. Die Bürger aber werden sich weiter radikalisieren – nach links und nach rechts.

Gibt es konstruktive Lösungsansätze?

In keinem Zeitungsartikel und auch online nicht finde ich ein Programm für die Gesamtkrise, ein umfassendes Konzept, eine Vision. Weder Politiker noch Journalisten scheinen ihren Blick auf so etwas zu richten.

Auf dem Syntagma-Platz im Zentrum der Stadt versammeln sich täglich tausende, protestieren gegen die Sparmaßnahmen der Regierung und die Finanzspiele der Banken und der EU – und üben sich in direkter Demokratie – anknüpfend an die antike Tradition. Ob daraus etwas entstehen kann in einer Stadt mit 5 Millionen?

1. Als Weg aus der Schuldenfalle gäbe es die Möglichkeit der Umschuldung samt einem Teilverzicht auf Rückzahlung sowie bezahlbaren Krediten für den Staat. Den Teilverzicht verhindern (vorerst) die Banken, die noch nicht genug Blut aus dem Land herausgesaugt haben. Für die Banken spart die griechische Regierung immer noch nicht genug, verhält sich die Regierung immer noch nicht neoliberal und menschenfeindlich genug.

Eine Umschuldung, die die Schulden Griechenlands hinreichend reduziert und dem Land wieder eine bezahlbare Kreditaufnahme möglich macht – das wäre also das eine.

2. Eine Umstrukturierung des griechischen Staates – eine Entmachtung der bisherigen Eliten, Sicherung von hinreichenden Steuereinnahmen, eine schlanke und effiziente Verwaltung – zusammen mit einem starken Sozialstaat – das wäre das Zweite.

3. Eine Neuorganisation der Schengenverpflichtungen – materielle und organisatorische Hilfe für Griechenland im Umgang mit den Flüchtlingen – das wäre das Dritte.

Ein solches Dreierpaket ist utopisch. Warum? Weil es voraussetzen würde, dass Eliten aus Einsicht und freiwillig im Interesse des Volkes handeln würden.

Drum gebe ich der Frau Recht, die Strittmatter in der SZ zititiert:

„Wer immer behauptet, er könne diese Probleme lösen, der ist ein Lügner.“

Machen wir uns also auf die Katastrophe gefasst.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

45 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Maimuni sagt:

    Hallo Herr Brux.
    Nochmal zu Ihrem Punkt der „gesellschaftlichen Prägung“, die uns alle Ihrer Meinung nach fest im Griff hat. Das ist interessant, es wird von vielen Linken wie ein religiöses Dogma wiederholt. Es führt in letzter Konsequenz dazu, dass der einzelne Mensch zu einem großen Teil nicht für sich selbst verantwortlich ist, „die Gesellschaft hat ihn ja so gemacht“.

    Und ja, auch hier kann ich einen gewissen Hang zum Paternalismus erkennen.
    So begründen reaktionäre Muslime auch die Vormundschaft der Männer über ihre Frauen/Töchter und dass die Frau schuld sei, wenn jmd. sie vergewaltigte. Sie habe ihn ja „dazu getrieben“, weil sie etwa unkeusch gekleidet war. Er konnte ja gar nicht anders, war demnach nicht verantwortlich.

    Das alles ist der Ausfluss eines tribalistischen Denkens und das nennt man Kollektivismus.
    Der Einzelne existiert in solchen Vorstellungen NUR als Teil einer Gemeinschaft, es wird ihm gar nicht zugemessen, wirklich frei und selbstverantwortliche Entscheidungen zu treffen.

  2. Oki sagt:

    Serdar Sie sagten:
    „Ich werd mich nicht vom Koran verabschieden.“
    Das deckt sich mit den Erfahrungen die ich mit überzeugten Muslimen gemacht habe, daher lehnen Sie auch Polygamie nicht ab, weil es eben im Koran steht und da liegt genau das Problem, denn es stehen noch viele andere schlimme Sachen im Koran, die auch nicht abgelehnt werden. Ich frage Sie nochmal und bitte um eine ehrliche Antwort.

    Serdar in Sure 4 Vers 34 sagt Allah: “…Und diejenigen, deren Widersetzlichkeit ihr beführchtet, – ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie…”
    Finden sie es richtig das Allah hier den Männer in letzter Instanz auch erlaubt Frauen zu schlagen, oder würden sie Allah widersprechen und finden das schlagen einer Frau niemals richtig ist?

    Leo Brux
    Pluralismus hat nicht notwendigerweise etwas mit multi-kulti zu tun, wie Sie offenbar glauben. Aber nach Ihrer komischen Definition von Patriotismus und Emanzipation wundere ich mich nicht mehr.
    Sie und in weiten Teilen die Grünen sind der Inbegriff für Multi-kulti Doktrin, lesen sie nochmal Ihre eigenen Worte und die Zitate grüner Spitzenpolitiker, dann wissen sie was diese Doktrin ausmacht. Sie hat auch ganz stark eine machtpolitische Dimension, denn gerade unter Migranten werden die Grünen stark gewählt. Man schafft sich durch Multi-kulti quasi seine eigene Wählerschaft und sichert damit seine Machtbasis. Kein wunder also über die Einstellung, je mehr Migranten desto besser.

    „Wenn Sie das glauben, dann heißt das: Sie wollen Deutschland auf EINE Kultur reduzieren? Auf welche denn?“
    Dieser Satz zeigt mir das Sie offensichtlich nicht glauben das es eine deutsche Kultur überhaupt gibt. Ein Schlag ins Gesicht für das was diese deutsche Kultur großartiges hevorgebracht hat über Jahrtausende.

    Ein kleiner Hinweis noch von mir, was Sie und Ihre grünen Parteifreunde so alles öffentlich geäußert haben, wäre genug um in der Türkei wegen Beleidigung des Türkentum ins Gefängnis gesteckt zu werden.
    Na glauben sie immernoch das die türkische Kultur mindestens genauso gut, wenn nicht besser als die Deutsche ist?

  3. Leo Brux sagt:

    Maimuni,
    es gehört zu MEINER kulturellen Prägung, voll und ganz die Verantwortung für mich selbst in die Hand zu nehmen. Es ist ein erheblicher Vorteil, wenn man das kann. Ich danke also meinen Eltern und der Kultur, von der ich geprägt wurde, dass ich immer entschlossen anerkenne: Ich selber muss mir die Fehler zuschreiben, die mir passieren, ich selber muss mir die Konsequenzen zuschreiben, die meine Handlungen und Nichthandlungen nach sich ziehen.

    Sehen Sie, es ist die kulturelle Prägung, die mir diese – anspruchsvolle – Freiheit gibt.

    Ich hab mich ja selber nicht so gemacht. Ich bin so gemacht worden, und ab einem Punkt in meinem Leben hab ich festgestellt: Aha, so bin ich also.

    Was die Neigung von Männern angeht, den Frauen an der Vergewaltigung schuld zu geben (das findet sich ja wohl nicht nur bei Muslimen, oder? Es war früher ganz normal so unter „Christen“, zum Beispiel): Wollen Sie mir sowas in die Schuhe schieben?

    Ja, ich existiere nur als Teil einer Gemeinschaft. Ich bin nämlich als Mensch ein soziales Wesen. Ohne Gemeinschaft gäb es mich nicht. Es gäb mich biologisch nicht, es gäb nicht meine Sprache, es gäb nicht meine Kultur. Ich kann mir Kultur nicht vorstellen ohne die Gemeinschaft, die sie hervorbringt. Können Sie das?

  4. Leo Brux sagt:

    Oki,
    der kleine Hinweis auf das perverse türkische Gesetz, das Beleidigung des Türkentums strafbar macht, lässt tief blicken. Irgendwie hätten Sie sowas auch gern.
    Nur, es gibt ja wohl kein TürkenTUM, oder? Ich wüsste jedenfalls nicht, worin das bestehen soll. Es gibt nur irre Phantasien von einem TürkenTUM, das diejenigen unter den Türken hochhalten, die Ihnen, Oki, ähnlich sind.

    Da Sie aber nun sowas wie ein DeutschTUM vertreten und eine DEUTSCHE Kultur in einem sozusagen essentialistischen Sinne, würde ich doch gern wissen, worin die besteht. Und wieso Sie annehmen, dass ich ihr vielleicht fern stehen würde. Ich bin es, der leidenschaftlich gern die deutschen Klassiker liest, bei Goethe, Schiller, Kleist, Thomas Mann, Musil, Brecht, Beethoven, Mozart, Kant, Schopenhauer, Wittgenstein zu Hause bin. Sie auch? Großartige Leistungen von Menschen deutscher Kultur. Alle international bzw. global geprägt. Da ist nichts engstirnig Deutsches, nichts völkisch Deutsches drin in diesen Leistungen.

    Werden Grüne besonders von MiGrus gewählt?
    Also, rechnen wir mal. Es gibt ca. 10 Millionen MiGrus mit deutschem Pass. Rechnen wir 3 Millionen weg, weil sie zu jung sind, um wählen zu dürfen, bleiben 7 Millionen. Davon ist ein erheblicher Teil aus dem Osten, Spätaussiedler und so. Die wählen überwiegend rechts. Ein weiterer Teil wählt SPD – Deutschtürken zum Beispiel machen das häufig, obwohl sie konservativ sind, wegen der ausländerfeindlichen Töne aus der Union. Es bleibt leider nur ein kleiner Rest für die Grünen übrig. Grade die Grünen sind den MiGrus am fremdesten – weil sie am modernsten sind. Das Eintreten für Homosexuelle, die kulturelle Unbeschwertheit bezüglich dessen, was sexuell erlaubt ist, der Kosmopolitismus, die ökologische Orientierung — alles das ist den Einwanderern ja doch her fremd. Ich schätze also mal, dass die Grünen im MiGru-Bereich eher wenig punkten können.

    Was eine Multi-Kulti-Doktrin Ihrer Meinung nach ist, haben Sie mir auch noch nicht erklärt.
    Also bitte, machen Sie doch mal Ihre Hausaufgaben. Was ist Multikulti als Doktrin? Was ist DeutschTUM?

  5. Leo Brux sagt:

    An alle:
    Ich würde gern ein wenig über Griechenland debattieren. Wie wär’s DAmit?

  6. Oki sagt:

    Na Herr Brux, Sie sind doch nicht etwa auf einem Auge blind wenn es um Ihre kulturrelativistische Beurteilung von anderen Kulturen geht.
    Ich denke Sie sind sehr wohlwollend wenn es um schlechte und teilweise schreckliche Auswüchse anderer Kulturen geht, aber gleichzeitig glauben sie das 4te Reich stünde vor der Tür wenn Menschen in Deutschland, mit und ohne Migrationshintergrund, Islam oder Moslems kritisieren.

    Herr Brux was tun Sie oder die Grünen eigentlich gegen türkischen Nationalismus in Deutschland, Stichwort graue Wölfe? Was tun Grüne eigentlch um die Situation von Frauen in islamschen Familien zu verbessern? Gibt es eigentlich grüne Kampagnen die über die Probleme von Verwandtschaftsehen speziell bei Muslimen aufklären? Oder wie geht man mit Muslimen um die Scharia höher stellen als das GG?

    Das Nichts tun der Grünen in solchen Fragen ist für mich auch Ausdruck einer Multi-kulti Doktrin. Denn all das ist ja kulturelle Bereicherung, da darf man sich doch nicht einmischen oder gar Veränderung fordern, den das wäre ja rassistisch.
    Was Deutschtum ist kann ich Ihnen nicht sagen, dieses Wort habe ich nie benutzt. Sie sind schon ein komischer Kauz. Wenn einer multikulti für nicht hilfreich erachtet schließen sie sofort daraus das diese Person dann quasi ein Nazi sein muss, die Kanzlerin eigentlich auch? Wenn aber einer wie Serdar Polygamie nicht ablehnt, würden sie im Leben nicht rückschließen das er andere Aspkte der Scharia auch nicht ablehnt.

    Naja vielleicht irr ich mich auch und Serdar widerspricht Allah doch beim Thema Frauen schlagen. Ich hoffe es zumindest. Schaun wir mal, vielleicht antwortet er ja noch.

  7. Tupac sagt:

    Freiheit darf man nicht von Kultur abhängig machen, denn sonst ist es keine Freiheit, weil sie fremdbestimmt ist !!! Freiheit ist meiner Meinung nach etwas universelles im Sinne der Kant`schen Imperative, sie gelten überall und sind daher kulturunabhängig.

  8. Maimuni sagt:

    Das will ich nochmal eben beantworten, wenn ich darf. Gesellschaft und Gemeinschaft sind zwei verschiedene Dinge.
    Erstere, bspw. die Bürgergesellschaft, ist das Erbe der bürgerlichen Revolutionen seit 1789, geprägt von freien Individuen, mündigen Staatsbürgern, jeder ist großteils für sich selbst verantwortlich.

    Letztere, im Sinne bspw. von „Volksgemeinschaft“ (iSv. Faschismus), „internationale Arbeiterschaft“ (iSv. Stalinismus) oder auch „islamische Ummah“ (iSv. politischem Islam), sind paternalistisch strukturierte Gemeinwesen. Hier gibt es keine „Bürger“, sondern Genossen, Kameraden, Geschwister u.ä. Allen ist, bei aller ideologischer Verschiedenheit, die Unfreiheit und das Stammesdenken gemein.

    Ich will damit nur sagen, dass wir den den bevormundenden, politisch-sozialen Islam viel besser „verstehen“ würden, wenn wir uns diese Bild vom selbstverantwortungslosen Menschen, das er vermittelt, vor Augen führen.
    Das ist ja auch der Sinn hinter der Verschleierung. Es wird, in Iran und Saudi-Arabien u.v.m. dem Mann höchstrichterlich die Verantwortung für sexuelle Gewalt abgesprochen.

    Ok, das wollte ich einfach mal loswerden, ich als Frau fürchte mich vor dem islamistischen Totatalitarismus. im Gegensatz zu Ihnen ? Demnächst was zu Hellas.

  9. Leo Brux sagt:

    Oki,
    was tun SIE – außer zu keifen?

    ICH arbeite seit Jahrzehnten praktisch in der InitiativGruppe als Lehrkraft und auch in anderen Funktionen – WIR tun praktisch was. Wir haben zum Beispiel ein Frauenprojekt, das auf die speziellen Probleme von Frauen aus muslimischen Familien zugeschnittene Angebote macht – und die Rolle und die Möglichkeiten der Frauen stärkt – und schon tausenden von Frauen geholfen hat. Wir haben eine Fülle weiterer Angebote. Und was glauben Sie, was manchmal abgeht in unseren Integrationskursen, wenn wir über Emanzipationsfragen und dergleichen sprechen? Was glauben Sie denn, dass die Lehrkräfte oder auch ich persönlich da für eine Kultur vertreten? Etwa in der Frage der Gleichberechtigung der Frauen, in der Frage der körperlichen Gewalt, in der Frage der Homosexualität, in der Frage, ob man Eltern und Autoritäten kritisieren darf, in der Frage, ob es Kleidervorschriften geben kann, in der Frage der sexuellen Freizügigkeit. Wo steht da wohl jemand, der ein engagierter Alt68er ist?

    SPD, Grüne, FDP und CSU sorgen durch die Bewilligung von Etatmitteln dafür, dass wir unsere Integrationsarbeit machen können. Da können Sie keiner dieser Parteien vorwerfen, sie würde nichts tun – dank ihnen haben wir die materiellen Voraussetzungen, um etwas tun zu können. Die Stadträte, EU-, Landtags- und Bundestagsabgeordneten können ja nicht selber diese konkrete Arbeit mit den Migranten machen. Ihre Aufgabe ist es, diese Arbeit möglich zu machen.

    Was ich schon gerne wissen würde, Oki, wäre, was Sie für so unbedingt Deutsch halten – außer unserer Sprache und unserer Geschichte?

  10. Leo Brux sagt:

    Tupac,
    Freiheit gibt es immer nur innerhalb einer Kultur und durch diese Kultur und als ein Teil der Kultur. Freiheit selber ist ein Kulturphänomen.

    Vom Kant’schen kategorischen Imperativ scheinen Sie nur Gerüchte gehört zu haben. Der sagt nämlich nur ganz abstrakt: Handle so, dass die Maxime deines Willens stets zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.

    Das, so sagt Kant, ist die universale Logik der Ethik – für alle Kulturen und Gesellschaften gültig.

    Und worin bestehen Ihrer Meinung nach die „Kant’schen Imperative“?

    Jedenfalls können wir uns jetzt darüber streiten, wie diese universale Logik auf die Ethik der Antike anzuwenden wäre. Zum Beispiel. Da war es 1000 Jahre lang (unter Griechen und Römern) unumstritten, dass der pater familias nach der Geburt seines Kindes darüber entscheiden durfte, ob es leben sollte oder nicht. Oft hat der Vater entschieden, es solle nicht leben. – Mord, nach unserer Ethik, nicht wahr?
    Aber nun versetzen Sie sich in diese 1000 Jahre antiker Geschichte! Da hätten die Ethiker gesagt: Es ist ethisch, dass der Vater diese Entscheidung frei treffen darf, und es wäre unmoralisch, ihm diese Entscheidung vorzuenthalten. Und hatten wir beide ihnen Kants kategorischen Imperativ vorgesetzt, hätten sie gesagt: Genau! Das Vaterrecht über das Leben des Kindes ist ein universal gültiges Gesetz! Gültig für alle zivilisierten Menschen!

    Sie sind dran, Tupac!


Seite 1/512345»

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...