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Migration und Integration in Deutschland

Ich bin auch eure Kanzlerin.

Angela Merkel, an die Türken nach der Rede des türkischen Premiers Erdogan in Köln, März 2008

Der feine Unterschied

Ein „muslimisches“ Ehrenmord und ein „deutsches“ Familiendrama

In einer Pressemitteilung vom 5. Januar 2009 forderte die Staatsministerin Maria Böhmer, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Migrantenorganisationen auf, ihren Beitrag zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen zu verstärken. „Respektspersonen aus der Gemeinschaft der Zugewanderten müssen sehr deutlich machen, dass weder Religionen noch Traditionen Gewalt und Unterdrückung von Frauen rechtfertigen.“

Hintergrund dieser Aufforderung ist ein Mordfall aus Harsewinkel im Kreis Gütersloh. Nach türkischen Medienberichten soll die Frau Anfang des Jahres von ihrem Ehemann aus Eifersucht getötet worden sein. Der 26-Jährige Ehemann sei kurzzeitig nach Deutschland gekommen, um seine Frau in die Türkei zu holen. Die 18-Jährige habe dieses Ansinnen jedoch vermutlich abgelehnt und sich stattdessen von ihm trennen wollen. „Ich bin entsetzt über dieses Verbrechen“, erklärte Maria Böhmer. „Für so genannte Ehrenmorde darf es in unserem demokratischen Rechtsstaat keine mildernden Umstände geben. Die Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Religionen endet dort, wo Menschenrechte und Gleichberechtigung missachtet werden“.

Der Fall wurde auch vereinzelt von der deutschen Presse aufgegriffen. Alle Medienberichte – ob türkisch oder deutsch – haben gemeinsam, dass die Tat als Eifersuchts- oder Beziehungsdrama bezeichnet wird. Nur Frau Böhmer meint, ein „Ehrenmord“ zu erkennen.

Der Begriff „Ehrenmord“ hatte nach dem Mord an der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü im Februar 2005 Hochkonjunktur in Deutschland. Nahezu die gesamte Medienlandschaft berichtete fast täglich darüber. Nicht weil es einen Anstieg dieser Schandtaten gab, sondern weil Regierungsmitglieder – darunter auch Frau Maria Böhmer – sich fast täglich veranlasst sahen, sich darüber zu äußern. Der Begriff „Ehrenmord“ ist seit dem untrennbar mit der Herkunft des Täters verbunden. Stammt der Täter aus einem muslimischen Land, werden Fälle, die, wenn sie von einem Deutschen verübt worden wären, üblicherweise als Familiendrama bezeichnet werden, fortwährend als Ehrenmorde tituliert.

Die Konzentration auf muslimische Täter wiederum führte bei der Mehrheitsgesellschaft zu der Annahme, Ehrenmorde seien tatsächlich muslimisch religiös bedingt. So wurden muslimische Männer in den Augen der Mehrheitsgesellschaft peu à peu zu gewalttätigen Patriarchaten und deren Frauen und Töchter zu bemitleidenswerten Opfern. Gegen die Verbreitung dieses äußerst verzerrten Bildes wurde selbstverständlich mit Kritik begegnet. Selbst Armin Laschet, Nordrhein-Westfälischer Integrationsminister, räumte Mitte 2008 eine gewisse Doppelmoral in den Medien ein. Der Mord an einer Frau eines Türken werde als “Ehrenmord” bezeichnet, während der deutsche Ehemann meist aus “Eifersucht” handele.

Die Medien scheinen über die Jahre verstanden zu haben, dass die Linie zwischen einem Mord aus verletzter Ehre und Eifersucht hauchdünn ist, wenn nicht sogar derart miteinander vermengt, dass eine Unterscheidung kaum möglich ist. Letzten Endes dürften die Mordmotive, ob „Ehre“ oder „Eifersucht“, wohl kaum von großer Bedeutung sein. Viel wichtiger ist die Tat und der Taterfolg, die meist ähnlich sind: Ein Mann sticht auf eine Frau ein, die stirbt.

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50 Kommentare
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  1. Sigrun Zastera sagt:

    Sehr geehrter Herr Ekrem Senol,
    ich habe gerade Ihren Artikel gelesen. Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich denke mal, die Interpretationen der Medien und auch die mancher Politiker sind so gewollt und auch so gewünscht.
    Schon oft habe ich den Eindruck gehabt, das man von den wirklich wichtigen Dingen ablenken will. Mir ist auch schon aufgefallen, das gerade von den „Türken“ sehr viel negatives in den Medien berichtet wird.
    Wir wissen alle, das die Türkei für die NATO ein wichtiger Partner ist (Naher Osten, Russland usw.). Doch in der EU ist sie nicht erwünscht.
    In den 60er Jahren hat man die türkischen Männer als Gastarbeiter in die BRD geholt, um die niederen Arbeiten zu erledigen, wofür sich die „Wessis“ zu fein waren. Jetzt will man sie wieder loswerden.
    Ich bin in der ehemaligen DDR geboren und aufgewachsen. Kenne also beide Systeme.
    Euch allen wünsche ich viel Kraft und viel Erfolg.
    Herzliche Grüße
    Sigrun

  2. Ekrem Senol sagt:

    @ Sigrun Zastera

    Vielen Dank für die netten Worte!

    Wir – die MiGAZIN Redaktion – stecken noch in den Kinderschuhen, werden uns aber den Naturgesetzen beugen und wachsen.

  3. Sehr geehrter Herr Senol,

    es ist schon ein starkes Stück, Frau Böhmer quasi Amtspflichtverletzung vorzuwerfen, wenn sie Morde im Nahmen der Ehre problematisiert und Schritte vorschlägt, die solchen Verbrechen – hoffentlich! – Einhalt gebieten könnten.
    Halten Sie es nicht für ein Problem, wenn Brüder (am liebsten im noch nicht strafmündigen Alter) zum Mordwerkzeug an jungen Frauen gemacht werden, die nach Ansicht ihrer Familie deren Ehre verletzt haben? Halten Sie es nicht für ein Problem, dass in solchen Fällen Gerichte unter Berücksichtigung der kulturellen Prägung eine gewisse Milde haben walten lassen? Ist darin das Verständnis bzw. die Verständigung im Sinne der Vereinbarung einer neuen Rechtsauffassung zu sehen, das Sie im Reden und Handeln von Frau Böhmer vermissen?

    Mord ist – juristisch gesehen – die Tötung eines Menschen aus niederem Beweggrund. Zu solchen niederen Beweggründen zählt u.a. Eifersucht. Ich wüsste nicht, dass es gesellschaftlich für einen Mord aus Eifersucht Verständnis gäbe. Warum also unterstellen Sie, dass ein Mord aus Eifersucht anders (verständnisvoller?) betrachtet würde als ein Mord im Namen der Ehre? Jeder Mord aus Eifersucht ist den Medien eine Meldung wert. Auch hier kann ich keine Ungleichbehandlung gegenüber Morden im Namen der Ehre erkennen.

    Theologisch gesehen ist sicher richtig, dass der Koran keinen Mord im Namen der Ehre vorsieht, d.h. dass ein solches Verbrechen nicht religiös zu rechtfertigen ist. Aber ist es wirklich ein Irrtum zu konstatieren, dass sich die Familien, in denen es zu einem Mord im Namen der Ehre gekommen ist, eben nicht nur vereinzelt auf ihren (muslimischen) Glauben berufen? Ein falsch verstandenes Glaubensverständnis gewiss, aber eben ein Phänomen, das es in diesem Land unter Christen, Anders- oder Ungläubigen in vergleichbarer Weise nicht gibt.

    Sie plädieren offenbar dafür, von „Ehrenmord“ gar nicht mehr zu sprechen – zumindest sollte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung dies Ihrer Ansicht nach nicht mehr tun, wenn ich Sie recht verstehe.
    Was schlagen Sie also vor? Den Mantel des Schweigens? Policial Correctness?

    Familien, in denen an Mord im Namen der Ehre auch nur einen Augenblick gedacht wird, brauchen dringend Hilfe – nicht beim Töten, sondern beim Umdenken. Wenn Sie etwa den Vorschlag, Migrantenselbstorganisationen sollten hier Einfluss nehmen, ablehnen, dann erklären Sie einmal, was mit der von Migrantenselbstorganisationen immer wieder beanspruchten Brückenfunktion zwischen der sog. Aufnahmegesellschaft und den Menschen mit Zuwanderungsgeschichte gemeint sein soll, wenn nicht z.B. die Einflussnahme auf Migranten mit falschem Glaubensverständnis, das bis zum Verbrechen geht. Was ist Ihr Vorschlag? Nichts tun? Zur Tagesordnung übergehen? – Wenn Sie hier wieder den Vergleich zum „Familiendrama“ heranziehen: jeder Mord im Namen der Ehre ist selbstverständlich auch ein Familiendrama und wird so behandelt. Es bleibt offen (um mit Ihren Worten zu sprechen), warum Sie offenbar Mord aus Eifersucht oder Familiendramen im Vergleich zu Morden im Namen der Ehre für gesellschaftlich akzeptiert(er) halten. Wenn es tatsächlich einen Unterschied geben sollte, dann den, dass Morde im Namen der Ehre innerhalb von Familien hier bis vor wenigen Jahren ein nicht bekanntes Phänomen waren. Dass darauf reagiert wird im Sinne von „wehret den Anfängen“ – ist das nicht völlig normal und nur allzu verständlich? Es fällt jedoch schwer, Verständnis dafür aufzubringen, wenn in Ländern des Orients der Einfluss westlicher Konsumgesellschaften und deren moralisch verwerflichen Auswüchsen zurück gedrängt werden soll, dieses Recht Repräsentanten unseres Staates bei verwerflichen Auswüchsen traditionalistischer Kulturen auf das hiesige Gemeinwesen aber abgesprochen wird.

    Was lehrt uns das? Nahezu alle Konfliktpunkte im Kontext von Integration (wie auch anderer gesellschaftlicher Bereiche) lassen sich letztlich auf die Frage reduzieren: wer soll wie viel Macht und Einfluss haben?

    Mit freundlichem Gruß
    Kai Diekelmannj

  4. Ekrem Senol sagt:

    Sehr geehrter Herr Diekelmann,

    vorab vielen Dank für Ihre Ausführungen. Ich gehe davon aus, dass Ihre Fragen im ersten Absatz rhetorischer Natur sind. Sie haben sicher gelesen, dass ich diese Verbrechen als „Schandtaten“ bezeichne und weder eine Bewertung von Ehrenmorden noch von Tätern, deren Helfern oder Anstiftern vornehme.

    In meinem Artikel geht es lediglich um den Umgang mit der Thematik in der Öffentlichkeit. Die Medienberichterstattung über Ehrenmordfälle – nicht zuletzt begünstigt durch Äußerungen von Politikern – hat leider dazu geführt, dass die Mehrheitsgesellschaft heute denkt, es handele sich dabei ausschließlich um ein Problem unter Muslimen. Dies obwohl Ehrenmorde auch in vielen christlich geprägten Ländern ein ernsthaftes Problem darstellen. Wenn Frau Böhmer nun auch solche Fälle öffentlich als Ehrenmorde tituliert, die keine sind, wird dieser Eindruck nur unnötig verstärkt.

    Wie Sie zutreffend im dritten Absatz fesstellen, sieht der Islam kein Mord im Namen der Ehre vor. Die immer wieder auf die Religion zurückgeführten Ehrenmorde aber schüren oder bestätigen sowieso bereits bestehende Vorurteile, dass wiederum hinderlich für den Integrationsprozess ist. Im Lichte dessen ist diese Aussage Frau Böhmers äußerst kontraproduktiv und widerspricht ihren gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben. Sie hat unter anderem die Aufgabe, die Integration der Migranten zu fördern sowie die Voraussetzungen für ein möglichst spannungsfreies Zusammenleben zwischen Ausländern und Deutschen weiterzuentwickeln, Verständnis füreinander zu fördern und Fremdenfeindlichkeit entgegenzuwirken.

    Wie aber soll das alles verwirklicht werden, wenn beispielsweise ein Ahmet von seinem deutschen Nachbarn Klaus mit Argwohn betrachtet wird, nur weil er Muslim ist? Dies gilt es zu verhindern. Ihre Aufgabe ist es, Ahmet und Klaus einander näher zu bringen, deren Verständnis füreinander zu fördern.

    Eine Andersbehandlung zwischen Mord aus Eifersucht und Ehrenmord wird leider in der Tat anders behandelt. Ein Ehrenmord schafft es viel häufiger auf hiesige Titelseiten und lässt sich viel länger verkaufen als ein Mord aus Eifersucht. Diese Unterscheidung ist lediglich eine Feststellung in Bezug auf die Berichterstattung und keine Auf- oder Abwertung von mir zwischen einzelnen Mordmerkmalen.

    Die Aufforderung Frau Böhmers an Migrantenorganisationen halte ich für falsch weil keine einzige Migrantenorganisationen bekannt ist, die Ehrenmorde fördert oder sonstwie unterstützt oder im Verdacht steht, es zu tun. Auch habe ich bisher keine Pressemitteilung Frau Böhmer gelesen, in der Sie Kirchen oder gesellschaftliche Organisationen dazu aufgerufen hätte, Familiendramen zu verhindern. Wäre das überhaupt möglich?

    Der Hauptgrund für meine Ablehnung liegt aber woanders: Frau Böhmer suggeriert ein breites gesellschaftliches Problem, indem Sie Migrantenorganisationen auffordert, Ehrenmorde zu bekämpfen. Das wiederum führt dazu, dass die Mehrheitsgesellschaft meint, alle Türken oder Muslime seien Ehrenmörder aufgrund ihrer Religion oder Herkunft. Ohne eine Relativierung vornehmen zu wollen ist es sicher hilfreich, auf die Zahl der hier lebenen Muslime und auf die Anzahl von Ehrenmorden zu schauen. Wie viele Nullen nach der Komma gäbe es wohl, wollte man den Prozentualen Anteil derer ermitteln, die mit Ehrenmorden irgendwie in Berührung gekommen sind. Die Debatte aber vermittelt das Gefühl, als gäbe es eine Ziffer bereits vor dem Komma.

    Zum letzten Absatz: Sie haben vollkommen Recht. Es herrscht Streit um Macht und Einfluss, jedoch im Sinne von gleichberechtigter Teilhabemöglichkeit an allem, was ein pluralistisch und freiheitlich demokratischer Rechtsstaat zu bieten hat.

  5. Robert Groenewold sagt:

    Sehr geehrter Herr Ekrem Senol,

    der Unterschied zwischen einem „Ehrenmord“ und einem „Familiendrama“ ist ganz einfach:

    In Deutschland / im Westen dürfen junge Frauen, ein „Liebesleben in eigener Regie“ haben, dürfen sogar, wenn sie das wollen (!), vor der Ehe Sex haben, ohne dass deshalb die Familie, die Väter oder Brüder ihre „Ehre“ verlieren – im Gegensatz zu Gesellschaften des islamischen Kulturkreises. Das ganze „Namus“-Konzept wie in islamischen Gesellschaften, egal ob nun in Pakistan, der Türkei oder der arabischen Welt, welches bekanntlich bedeutet, dass die ganze „Ehre“ der Familie an der vorehelichen Keuschheit der Frau/ des Mädchens hängt, das gibt es im Westen nicht. Kein deutscher Vater oder Bruder muss sich „schämen“, wenn seine Tochter oder Schwester vor der Ehe Sex hat oder auch nur vielleicht schon mal Sex vor der Ehe hatte. Deshalb ist es ja auch selbstverständlich, dass Einwandererjungs aus dem islamischen Kulturkreis vor der Ehe „sich sexuell mit deutschen Mädchen ausprobieren“, wie es einmal Jörg Lau so schön in der „Zeit“ formuliert hat. Ich denke mal, dass wissen Sie auch. Kein Deutscher gerät unter irgendeine Art von „Druck“, wenn seine Tochter oder Schwester vor der Ehe Sex hatte. Kein deutscher Mörder seiner eigenen Schwester gilt im Gefängnis als „Held“, was bei Migranten aus dem islamischen Kulturkreis anders ist.

    Ein paar Zitate und Links, um den nicht feinen, sondern gewaltigen Unterschied zwischen einem deutschen „Familiendrama“ und einem islamischen „Ehrenmord“ zu verdeutlchen:

    (…) Es handelt sich im Normalfall bei Ehrenmorden um eine „Familienangelegenheit“, bei der die gesamte Verwandtschaft involviert ist und nicht um ein Phänomen, das in der Kernfamilie stattfindet. In der Regel wird die erweiterte Familie eingeweiht über das Vergehen der Frau – gemeinsam entscheidet die gesamte Familie dann über das weitere Vorgehen und wer gegebenenfalls den Ehrenmord begehen soll. Diese Person gilt bei erfüllter Mission als „Held“. (…)
    http://37grad.zdf.de/ZDFde/inhalt/31/0,1872,2248959,00.html?dr=1

    ——-

    (…) Als sie wenige Tage später im Hof ein Feuer schürt, um Wasser zu erhitzen, nähert sich ihr Schwager, übergießt sie mit Benzin und setzt sie mit einem Streichholz in Brand bei lebendigem Leib. In den Augen der Dorfgemeinschaft ist dieser Mann ein Held. Und seine Tat ist eine Sache der Ehre.(…)
    http://www.nahost-politik.de/palaestina/ehrenmord.htm

    —–
    (…) Er geht ins Gefängnis, die Familie feiert ihn insgeheim als Helden – und die „Ehrenmorde“ können weitergehen.(…)
    http://www.zeit.de/online/2005/38/ehrenmord

    ___

    (…)

    Lehrer, Psychologen und Sozialarbeiter, die einen zunehmend einsamen Kampf gegen die Folgen einer misslingenden Integration führen, drängen darauf, dass endlich offen über die kulturellen Hintergründe der Gewalt geredet wird, der Jasmin zum Opfer fiel. Inge Sewig, die über 30 Jahre lang am Kreuzberger Robert-Koch-Gymnasium unterrichtet hat, sieht ein Hauptproblem der jungen Männer in dem »total verlogenen« Frauenbild, das in vielen traditionellen Migrantenfamilien gepflegt werde: »Der Wert eines Mädchens hängt am Jungfernhäutchen. Während kurdische, türkische und arabische Mädchen tabu sind, wird es stillschweigend hingenommen, dass die jungen Männer sich sexuell mit deutschen Mädchen ausprobieren. Kommt es dann zur Schwangerschaft, wird die ›deutsche Schlampe‹ verantwortlich gemacht, nicht der Junge, der sich nur ›die Hörner abstoßen‹ wollte.« Inge Sewig sieht diese Mentalität nicht auf dem Rückzug, sondern – im Zuge der kulturellen Selbstabschottung der Migranten – sogar noch auf dem Vormarsch.

    (…)

    http://images.zeit.de/text/2005/51/Moabit

    ______

    “Wenn meine Schwester Sex vor der Ehe hat, schlitz ich die auf, ganz klar”

    http://www.taz.de/pt/2004/01/08/a0114.1/text

    _____

    Werner Schiffauer

    „Die Gewalt der Ehre“ (vollständiger und legaler pdf-Scan des schon 1983 erschienen Buches, sehr lesenswert!):

    http://www.kuwi.euv-frankfurt-o.de/de/lehrstuhl/vs/anthro/inhaber/publikationen/publikationen_online/Die_Gewalt_der_Ehre_suhrkamp.pdf

    ______

    (…)

    In anderen Ländern wie etwa Jordanien oder Pakistan gilt die milde oder sogar ausbleibende Strafe für Ehrenmorde als Garant der Aufrechterhaltung der Sexualmoral und die gelegentlich angestrebte Gleichstellung von Ehrenmorden mit anderen Morden wird aus diesem Grunde gerade von Islamisten wütend bekämpft. Noch im Jahre 2003 lehnte das Parlament in Jordanien eine vom Senat vorgeschlagene Verschärfung der Strafen für Ehrenmord ab, weil dies “religiöse Traditionen verletze”.[20] In Pakistan wiederum wird die „abschreckende Wirkung“ betont, welche angeblich Ehrenmorde bezüglich „sexuell unmoralischen“ Verhaltens, besonders von Frauen, hätten.[21]

    (…)

    http://de.wikipedia.org/wiki/Ehrenmord

    ______

    (…)

    Die Ehre des Mannes und seiner Verwandten definiert sich unter anderem über die sexuelle Integrität der Frauen in der Familie, insbesondere über ihre sexuelle Enthaltsamkeit. Die Frau darf gewisse Regeln zum Schutz ihrer Keuschheit nicht verletzen. Die Ehre der zukünftigen Ehefrau und ihrer Familie kann nur bewahrt werden, indem sie jungfräulich in die Ehe geht. Die Ehre des Mannes ist aber auch bei der Überschreitung der Grenzen seines Besitzes, der Felder und des Hauses, sowie bei verbalen oder physischen Angriffen auf die Angehörigen seiner agnatischen Gruppe in Gefahr.

    (…)

    http://de.wikipedia.org/wiki/Namus

    ____

    Die türkische Ehre, auf die sich ein Mörder beruft, hat nichts mit der deutschen Ehre zu tun, die einem zuteil wird, wenn man das Bundesverdienstkreuz erhält, hohen Besuch empfängt oder ein Versprechen gibt. Das leicht altertümlich klingende deutsche Wort drückt ein besonders positives, vornehmes, erhebendes Gefühl aus. In der Regel wird die Ehre verdient: Man ehrt einen Wissenschaftler für seine Forschung oder eine Politikerin für ihre Bemühungen um den Frieden.

    In der türkisch-islamischen Kultur dagegen wird die namus nicht verdient, sondern verteidigt. Auch Seyran Ateş, eine der profiliertesten deutschen Frauenrechtlerinnen aus der Türkei, weist in ihrem Buch Der Multikulti-Irrtum auf die völlig unterschiedliche Bedeutung hin: „Wer in einem türkischen Zusammenhang namus hört, assoziiert damit zum überwiegenden Teil nicht etwas Positives, sondern eine Last, etwas, was es zu behüten gilt und wofür man bereit ist, sein Leben zu geben, etwas, was man ganz schnell verlieren kann und damit dann auch seine Existenzberechtigung.“ Denn wer seine Ehre nicht verteidigt, wird zum namussuz adam, zum ehrlosen Mann. Das ist „das Schlimmste“, was einem Türken passieren kann.

    Die türkische Frau dagegen wird – vor allem, wenn sie jung ist – nicht als eigenständiges Wesen gesehen. Ihre Funktion ist, die Ehre der gesamten Familie zu tragen, inklusive Tanten und Onkel. Daher haben sämtliche Clan-Angehörigen das Recht (und die Pflicht), sich im Namen der Ehrverteidigung konstant in das Leben der Frau einzumischen. So wird die Ehre zu einem Instrument der totalen Kontrolle. Sie fördert Überwachung und Denunziation.

    Denn die Ehre des Clans, die die Frau trägt, besteht aus ihrer sexuellen Enthaltsamkeit. Sie muss vor der Ehe Jungfrau sein und nach der Hochzeit treu. Das hört sich zunächst einmal lediglich konservativ an. Doch ein einziges Wort, ein einziger Blick kann die Ehre beschmutzen. Das bedeutet: Ein Vater kann seine Tochter einsperren, weil sie ihr Haare offen trägt oder sich nicht an die allgemeinen Regeln der Familie hält. Ein Ehemann kann seine Frau verprügeln, wenn sie ihm Widerworte gibt oder weil sie den Kassierer im Supermarkt seiner Meinung nach zu lange angeschaut hat. Ein Bruder kann seine Schwester erschießen, weil er glaubt, dass sie zu westlich lebt oder schlicht, weil sie kein Kopftuch tragen will.

    (…)

    http://www.ehrenmord.de/faq/wasehre.php

    ______________________

    So, ich hoffe, jetzt ist der Unterschied zwischen einem „Ehrenmord“ und einem „Familiendrama“ klar.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Robert Groenewold

  6. ??? Haben Sie den Beitrag von Herrn Senol wirklich gelesen?

  7. Ekrem Senol sagt:

    @ Robert Groenewold

    Sie haben sich anscheinend vom Titel meines Textes verleiten lassen. Im Kern geht es aber um etwas ganz anderes: Die Aussage Frau Böhmers und die Aufforderung an Migrantenorganisationen.

    Wenn aber Ehrenmord von einem Familiendrama – wie Sie es so schön ausführen – eindeutig unterschieden werden kann – was ich bezweifle – müssten Sie mir doch Recht geben hinsichtlich meiner Kritik an Frau Böhmer. Die Folgen solcher Aussagen habe ich versucht hier darzulegen: http://www.migazin.de/2009/02/23/familiendrama-vs-ehrenmord-in-der-deutschen-presselandschaft/

  8. Peter Huggeburg sagt:

    Herr Robert Groenewold ,
    Ehrenmorde haben keine Existenzgrundlage im Islam, sondern sind im Laufe der Zeit irgendwie zur „Bauerntradition“ „vollkommen“.
    Abgesehen davon, ist es, menschlich gesehen, so wichtig, ob es ein „Ehrenmord“, „Familiendrama“ oder was auch immer ist, wenn dabei ein oder mehrere Personen umgebracht werden?

  9. Peter Huggeburg sagt:

    Das Konzept von „Ehre” und „Schande” ist im Bereich der nahöstlichen Tradition und des Volksislam anzusiedeln … http://www.orientdienst.de/muslime/minikurs/ehre_schande.shtml

    [Bitte keine copy/paste Kommentare. In solchen Fällen reicht der Link zum jeweiligen Artikel aus. Vielen Dank! Die Moderation]

  10. Ragtimer sagt:

    Sehr geehrter Herr Senol

    Glauben Sie wirklich, ein Deutscher, der aus einem verletzen persönlichen „Ehrgefühl“ heraus ein Familienmitglied ermordet, kann dadurch sein Ansehen bei Bekannten und Verwandten aufpolieren? Sicher nicht. Genau das aber und nichts anderes ist das Motiv eines Ehrenmordes bei Angehörigen des islamischen Kulturkreises: Sicherstellen, dass der Familie wieder Respekt entgegengebracht wird.

    Sie werden nicht erleben, dass in einer deutschen Familie ein „Männerrat“ zusammentritt, der bei Tee und Gebäck den Tod einer Tochter beschließt, weil diese ein selbstbestimmtes Leben führen will.

    Recht haben Sie mit Ihrer Kritik an der Art, jeden Eifersuchtsmord eines Muslimen an einem weiblichen Familienmitglied als „Ehrenmord“ zu bezeichnen. Der von Ihnen erwähnte Mord in Harsewinkel war in der Tat kein Ehrenmord. Der an Hatun Sürücü hingegen sehr wohl!

    Natürlich kann man sich fragen, ob es der getöteten Frau nicht herzlich egal sein kann, ob es einen Eifersuchtsmord oder einem Ehrenmord zum Opfer fiel. Dennoch halte ich die Unterscheidung für notwendig, um nicht vergessen zu machen, dass eine Zivilisation, die Morde an weiblichen Familienmitgliedern grundsätzlich verabscheut, einer Kultur vorzuziehen ist, die so etwas unter Umständen gutheißt, honoriert oder gar erwartet.

    ZITAT:
    Täter, die einen Ehrenmord begehen, weiß Mollenhauer, werden nicht geächtet: »In der Hierarchie der türkischen Gefängnisse sind die ›Ehrenhüter‹ ganz oben. Und in unseren Haftanstalten werden sie wie Helden gefeiert. Die Familie kümmert sich sehr um sie und pflegt ihr Andenken.

    QUELLE:
    http://www.zeit.de/2005/09/Hatin_S_9fr_9fc_9f_09?page=3

    Sie stellen es so hin, als sei die Unterscheidung Familiendrama/Ehrenmord ein Kunstrukt deutscher Medien mit dem Ziel, Muslime zu diskreditieren. Ihr Motiv mag ehrenwert und „antirassistisch“ gemeint sein. Aber die Leidtragenden von derartigem Kulturrealtivismus sind letztlich die unterdrückten muslimischen Frauen und Mädchen, die m.E. dringend darauf angewiesen sind, in den Medien einen Anwalt zu finden, der auf ihr Schicksal aufmerksam macht. Vielleicht denken Sie mal drüber nach.


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