
Nebenan
Das Pendel schlägt zurück
Die Politik redet gern über die Zukunft junger Menschen. Nur entscheiden sollen offenbar weiterhin die Alten. Die Proteste von Frankreich bis Indien zeigen, dass sie sich damit nicht mehr abfinden.
Von Sven Bensmann Montag, 02.11.2026, 11:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 02.11.2026, 11:22 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
Gesellschaftliche Entwicklungen werden gern in Form einer Pendelbewegung verbildlicht: Mal wächst der Respekt vor anderen Menschen und deren Lebensentwürfen, versuchen wir, eine Welt zu bauen, in der auch unsere Kinder noch leben können – und dann wieder machen wir illegal die Grenzen für Kriegsflüchtige dicht, bauen neue Verbrenner, schüren Panik vor nicht–binären Personen.
Dieses Bild ist verführerisch, aber es verbirgt die Wahrheit: Kein Friedrich Merz, keine Gas–Kathi, kein Bernd Höcke – und natürlich auch nicht die Bolsonaros, Modris, Kims, Putins oder Trumps dieser Welt – können den Fortschritt dauerhaft aufhalten. Am Ende gilt eben doch: Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Oder halt zumindest: Zwei Schritte vorwärts, einer zurück.
Putin wird nicht ewig leben und das von ihm erbaute Imperium mit ihm zusammenbrechen; Trumps Kulturkampf-Junta wird wohl an diesem Dienstag seine Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat verlieren. Wie in Russland wird auch in den USA niemand sein Erbe antreten können, weil allein Trump MAGA ist.
Während Bolsonaro sr. seine gerechte Strafe im Knast absitzt, ist sein Sohn, der angetreten war, um seinen Vater zu begnadigen, aus dem Land geflohen. In Indien muss der hindunationalistische Modri sich einer Kakerlaken-Revolte stellen, die nicht zuletzt auch einer gandhiistischen Idee eines Indiens für Hindus und Muslime gleichermaßen erwächst.
„Noch scheinen die Proteste mickrig – aber die Saat ist längt gelegt.“
Große Protestbewegungen – insbesondere der Jugend – finden wir derzeit in Spanien, Portugal, Italien, in Belgien, Albanien und in Finnland, im Senegal, in Chile, Kolumbien, in Tansania, Kamerun und im Senegal.
In Frankreich brennen die Straßen, während sich die Banlieus mit den Rich Kids der Eliteschulen verbünden. Ihnen schwant, dass, wenn sie jetzt nicht handeln, der elitäre Schnösel Macron mit dem noch größeren Übel des Rassisment Nationale ersetzt werden könnte. In Serbien sind die Studenten bereits an ihrem Ziel, den Autokraten Vucic aus dem Amt zu jagen, und einer heterogenen Gruppe politischer Aktivisten aus allen Schichten, Milieus, Regionen des Landes eine Parlamentsmehrheit zu schaffen, die nun im Verein mit der Studentenbewegung Serbien in einen liberalen Rechtsstaat verwandeln soll. Ausgang: offen. Aber Hauptsache, man hat es zumindest versucht.
Man stelle sich das einmal für Deutschland vor: Klimawissenschaftler, Heizungsinstallateure und VWL’er entscheiden über die zukünftigen Heizungen, nicht eine Fossil-Lobbyistin und ihr Kanzler, der zwar keine Ahnung hat, dafür aber Windmühlen hässlich findet.
Zumindest eine GenZ, die regeln will, weil sie ihre Zukunft durch die reaktionären Kräfte um CDU/CSU und AfD massiv gefährdet sieht, gibt es aber auch schon in Deutschland. Noch scheinen die Proteste mickrig – doch das kann sich schnell ändern, denn die Saat ist längt gelegt.
„Ab wann wird sich die Gewalt der Proteste nicht mehr bloß gegen Sachen richten?“
Der Glaube daran, der Kapitalismus sei die Lösung und nicht die Wurzel all unserer Probleme, scheint jedenfalls mittlerweile gering: Die Folgen der Auswüchse einer herrschenden Klasse, die Milliarden auf dem Nacken der Menschen und des Planeten scheffelt, während der Rest kaum die Miete stemmen kann, die sich auf privaten Inseln trifft, um Minderjährige zu vergewaltigen und die Staaten ausplündert, bis der Sozialstaat nicht mehr finanzierbar ist, sind unübersehbar – für jede/n, der/die es sehen will.
Wie diese junge Generation darauf reagiert, kann man nicht nur an brennenden Rathäusern in Frankreich ablesen, sondern auch an den Reaktionen auf den Tod irgendwelcher Geldsäcke.
Als die Titan mit einer Handvoll nichtsnutziger Bonzen auf dem Weg zur Titanic implodierte, war das Netz voller Häme. Als Luigi Mangione beschuldigt wurde, den CEO einer privaten Krankenversicherung erschossen zu haben, wurde er nicht nur innerhalb kürzester Zeit zum Volkshelden, schnell machte auch die Behauptung die Runde, dass besagte Krankenversicherung in der Folge geneigter war, lebensnotwendige Medikamente und Operationen zu bezahlen und so Menschenleben zu retten, die ohne Mangione wohl zugunsten der Profiterwartungen der Aktionäre hätten sterben müssen.
Was, wenn noch einer jungen Französin von der Polizei die Hand weggesprengt wird, wenn italienische Polizisten friedliche Schüler krankenhausreif prügeln oder eine deutsche Schülerin durch einen Wasserwerfer ein Auge verliert? Ab wann wird sich die Gewalt der Proteste nicht mehr bloß gegen Sachen richten, sondern, wie die Gewalt der Polizei, gegen Menschen?
Und so macht es ja durchaus Sinn, dass unserer Regierung aus Union und SPD (letztere vergisst man gern, angesichts der Politik die diese Regierung macht) angesichts insbesondere der Bilder aus Frankreich die Hosen voll hat: Diese (weltweiten) Jugendproteste bedrohen nicht nur die seit Jahren vorbereitete Koalition aus Union und AfD, sie deutet nicht nur an, dass das Pendel mit Schmackes zurückzuschwingen beginnt, dieses Mal könnte es auch viel mehr sein: Die Folgen der Klimakatastrophe und der Fortschritt der Künstlichen Intelligenz erfordern eine radikale Transformation unserer Gesellschaft, um die diese Jugend besser weiß, als die meisten von uns.
„Allons enfent de la patrie.“
Für mich persönlich dürfte die dann auch gern ohne Guillotinen auf den Marktplätzen ablaufen. Aber: wat mutt, dat mutt Und wat mutt, das liegt auch daran, ob Personen wie Friedrich Merz und seine Gas-Kathi sich eher als – sehen, den man erst für verrückt erklärte und entmachtete, damit er sein Land nicht weiter ruiniert, und der kurz darauf im Starnberger See starb, oder doch eher als Otto Bismarck, der den modernen deutschen Sozialstaat einführte, damit die Sozialdemokraten nicht die Gelegenheit dazu bekamen.
Mit den Deutschen, so geht es auf Lenin zurück, sei keine Revolution zu machen. Aber wenn die 20 Millionen Deutschen, die der AfD und Friedrich Merz als „undeutsch“ gelten, auf die Straße gehen, dann reicht das am Ende ja auch.
Wie sagt der Franzose? „Allons enfent de la patrie“ – Auf geht’s, ihr Kinder dieses Landes. Meinung
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