
Brandmauerlogik
Das Dilemma hinter einem möglichen Merz-Abgang
Friedrich Merz hat die Migrationspolitik deutlich verschärft und mit seiner Rhetorik viele Migranten gegen sich aufgebracht. Ausgerechnet sein möglicher Abgang wirft für Minderheiten dennoch eine unbequeme Frage auf: Was kommt danach?
Von Birol Kocaman Montag, 21.09.2026, 14:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 21.09.2026, 17:53 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
Friedrich Merz kann sich über einen Mangel an Gründen für Kritik kaum beklagen. Erst das Desaster in Sachsen-Anhalt, dann der nächste Schlag: In Berlin stürzte die CDU auf 18,8 Prozent ab, in Mecklenburg-Vorpommern flog sie mit 4,9 Prozent erstmals überhaupt aus einem Landesparlament. Der Druck auf den Kanzler wächst.
Dass gerade Menschen mit Migrationsgeschichte seinem möglichen Abgang nicht unbedingt eine Träne nachweinen würden, überrascht kaum. Merz sprach von „kleinen Paschas“, behauptete, abgelehnte Asylbewerber ließen sich die Zähne machen, während Deutsche keine Termine bekämen – eine Darstellung, die sich in dieser Form nicht halten ließ –, und sprach später im Zusammenhang mit Migration von einem „Problem“ im „Stadtbild“.
Aus Worten wurde Politik. Die Bundesregierung spricht selbst von einer „Wende bei der Migration“: verschärfte Grenzkontrollen und Zurückweisungen, ausgesetzter Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte, das Ende der Einbürgerung nach drei Jahren, mehr Rückführungen, leichter bestimmbare sichere Herkunftsstaaten und „Return Hubs“ in Drittstaaten – ein menschenrechtliches Desaster.
Man muss Friedrich Merz also nicht zum Anwalt von Migranten erklären, um über seinen Rücktritt nachzudenken. Man muss nur einen zweiten Blick auf seine Partei werfen. Denn ausgerechnet jetzt, da Merz wegen seines Kurses unter Druck steht, wird in CDU und CSU eine ganz andere Kritik lauter. Nicht allen geht Merz zu weit nach rechts. Einigen geht er an einer entscheidenden Stelle nicht weit genug: beim Umgang mit der AfD.
Das Merz-Paradox
Darin steckt das Merz-Paradox. Migrationspolitisch ist der Kanzler längst kein Gegenentwurf zur AfD. Die Brandmauer hat ihn auch nie daran gehindert, Forderungen aufzugreifen, die sich mit Positionen der AfD überschneiden oder gar decken. Seit Januar 2025 gilt unter Merz sogar: Die Union bringt eigene Anträge ein, auch wenn diese nur mit Stimmen der AfD eine Mehrheit bekommen. Genau das geschah bei einem Antrag zur Verschärfung der Migrationspolitik im Bundestag. Merz erklärte anschließend, Zustimmung sei noch keine Zusammenarbeit.
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