
Willkommenskultur am Limit
Bürokratie und Gegenwind setzen Flüchtlingshilfe unter Druck
2015 meldeten sich vielerorts Dutzende Menschen, um Geflüchtete zu unterstützen. Heute sitzen in manchen Asylkreisen nur noch wenige am Tisch. Geblieben sind komplizierte Fälle, Behördenprobleme und die Frage, wie lange die Verbliebenen noch durchhalten.
Von Pat Christ Montag, 21.09.2026, 14:15 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 21.09.2026, 14:15 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
„Manchmal geschehen noch Wunder“, sagt Johannes Borgetto und lächelt. Ein solches Wunder sei kürzlich an seinem hessischen Wohnort Mühltal bei Darmstadt geschehen. Das dortige Netzwerk Asyl schaffte es, eine afghanische Familie zusammenzuführen: „Obwohl der Afghane nicht genügend Wohnraum und seine Frau keine Sprachkenntnisse vorweisen konnte.“
Solche Wunder geschehen zunehmend seltener. Denn, darauf weist Borgetto anlässlich der Interkulturellen Woche ab dem 27. September hin, weniger Menschen engagierten sich in Asylkreisen. Der 78-jährige Pädagoge und Theologe setzt sich für Aussiedler- und Flüchtlingsarbeit ein. „Schon Anfang der Siebzigerjahre habe ich in einem Aussiedlerlager mitgearbeitet“, sagt der ehemalige Caritas-Migrationsberater.
Ständiges Auf und Ab
1991 gründete Borgetto den Koordinationskreis Asyl Darmstadt (Kokas), dessen Motor er bis heute ist, mit. Kokas koordiniert und unterstützt benachbarte Asylgruppen und organisiert Mahnwachen. In den vergangenen 35 Jahren erlebte die Initiative ein ständiges Auf und Ab. Nach einer Flaute in den Nullerjahren blühte das Engagement um 2015 herum auf, als ab Sommer viele Syrerinnen und Syrer kamen. Zu den regelmäßigen Treffen des Darmstädter Koordinationskreises kommen heute höchstens noch fünf Leute
Dass es nachließ, habe viele Gründe, sagt Borgetto: „In Asylkreisen wird Kärrnerarbeit geleistet.“ Etwa darin, gegen Mühlen der Bürokratie anzukämpfen. Asylbewerber würden mit amtlichen Schreiben traktiert, die selbst Alteingesessene kaum verstehen. Einige Flüchtlinge müssten intensiv begleitet werden. Heute steht die Anmeldung für eine Kita an. Morgen die für eine Schule. Oder der älteste Sohn braucht dringend einen Ausbildungsplatz.
Es gleicht einem Teufelskreis: Bessere Unterstützung für Migranten wäre nötig, sagt Borgetto, stattdessen werde bei Integrationskursen gespart. Integration werde schwieriger, was Unmut in der Bevölkerung nähre. Resultat: weniger Unterstützung.
Gefühl des Ausgelaugtseins
In Tauberfranken engagiert sich Horst Hoffmann seit zwölf Jahren für den Arbeitskreis Asyl Bad Mergentheim. Täglich sei der 77-Jährige im Einsatz: „Inzwischen fühle ich mich ein bisschen ausgelaugt.“ Mit etwa 100 Freiwilligen ging der Arbeitskreis 2014 an den Start. Verblieben sind 18.
Der Bad Mergentheimer Verein hat immerhin das Glück, von zwei Hauptamtlichen unterstützt zu werden. Über den Paritätischen Wohlfahrtsverband und das Bundesinnenministerium wird ein Migrationsberater für Erwachsene in Vollzeit gefördert. Der Verein muss allerdings einen Eigenanteil leisten. Außerdem konnte, ebenfalls in Vollzeit, eine Inklusionsfachkraft für den vereinseigenen Basar angestellt werden.
Im Rückblick konstatiert Hoffmann, dass die Arbeit nicht nur mangels freiwilligen Engagements anstrengender, sondern auch komplexer geworden sei: „Man braucht wirtschaftliches und juristisches Denken, das überfordert viele.“ Seit Jahresbeginn belasteten Sanktionen durch das Jobcenter. Viele davon seien nicht gerechtfertigt, sagt Hoffmann, doch mitunter fließe schnell keine Miete mehr. Der Vermieter rufe dann beim Arbeitskreis an, der solle es bitte richten.
Wandel der Hilfsbereitschaft
Kai Weber, Geschäftsführer des Flüchtlingsrats Niedersachsen, berichtet: „Gegenüber 2015 ist die Zahl der Asyl-Arbeitskreise im Bundesgebiet deutlich zurückgegangen.“ Einen Hauptgrund sieht er in mangelnder politischer Unterstützung. 2015 hätten die meisten Politiker noch Flüchtlingen helfen wollen. Heute würden Schutzsuchende zu Illegalen umgedeutet. Flüchtlingshelfer müssten sich für ihr Engagement rechtfertigen. Für Andrea Harms, die sich im Landkreis Osnabrück im Ökumenischen Arbeitskreis Asyl Bad Iburg engagiert, ist das mit ein Grund für das nachlassende Engagement. „Die Fülle der Negativmeldungen schreckt Menschen ab“, sagt sie.
Auch Carmen Bartle, Sprecherin des Arbeitskreises Asyl in Bad Herrenalb im Schwarzwald, erzählt von gesellschaftlichem Gegenwind: „Vor allem Flüchtlinge aus arabischen Ländern erzählen uns von Diskriminierung.“ Bartle hilft Flüchtlingen, in Ausbildung oder Job zu kommen. Ein Ehrenamtlicher kümmert sich um die Kleiderkammer. Andere bieten Sprachkurse an. In Bad Herrenalb existiert eine nach wie vor lebendige Gruppe von 15 Asylhelfern. Gar nicht mal so viel weniger als die 20, die es bei deren Gründung waren. Wobei vor 10 Jahren mehr zu tun gewesen sei, beschreibt Bartle: „Wir sind ja damals alle überrumpelt worden.“ (epd/mig) Aktuell Gesellschaft
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