Behörde, Ausländerbehörde, Amt, Warten, Dokument, Antrag, Akte, Mann, Bürokratie
Mann wartet in der Behörde (Symbolfoto)

Neue Studie

„Rassismus ist hierzulande Realität“

Für fast drei Viertel der Bevölkerung gehört Rassismus zur Realität in Deutschland. Doch bei der Frage nach Rassismus in Behörden und nach einer rassistischen Gesellschaft gehen die Meinungen auseinander. Eine neue DeZIM-Studie zeigt, wie unterschiedlich Menschen Rassismus wahrnehmen.

Sonntag, 01.11.2026, 11:33 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 01.11.2026, 10:30 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

___STEADY_PAYWALL___

Dass es in Deutschland Rassismus gibt, ist für die große Mehrheit der Bevölkerung unstrittig. 72,3 Prozent stimmen dieser Aussage zu, lediglich 6,1 Prozent widersprechen. Doch sobald es um Rassismus in staatlichen Behörden oder um die Gesellschaft insgesamt geht, fällt die Zustimmung deutlich geringer aus. Das zeigt eine neue Untersuchung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).

Für die am Donnerstag veröffentlichte Studie „Rassismus in Deutschland“ haben die Wissenschaftler Tae Jun Kim und Cihan Sinanoğlu Daten des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors (NaDiRa) ausgewertet. Grundlage ist eine repräsentativ gewichtete Befragung von 8.171 Menschen zwischen Oktober und Dezember 2025.

Forscher: „Rassismus ist hierzulande Realität“

Die Ergebnisse zeigen zunächst eine breite gesellschaftliche Übereinstimmung. Rassismus wird über Altersgruppen, Bildungsabschlüsse und Geschlechter hinweg mehrheitlich anerkannt. Besonders bemerkenswert ist, dass potenziell von Rassismus betroffene Menschen und Menschen ohne entsprechende Zuschreibungen nahezu gleich antworten: 71,8 Prozent der rassistisch markierten Befragten erkennen Rassismus als Realität an, unter den nicht rassistisch markierten sind es 73,1 Prozent.

„Rassismus ist hierzulande Realität, das ist für einen Großteil der Bevölkerung unstrittig“, erklärt NaDiRa-Leiter und Studienautor Cihan Sinanoğlu. Das sei ein zentraler Ausgangspunkt, „gerade in einer Zeit, in der rassistische Positionen wieder offensiver vertreten werden“.

Uneinigkeit bei Behörden und Gesellschaft

Deutlich weniger Einigkeit besteht, sobald die Befragten beurteilen sollen, wo und in welchem Ausmaß Rassismus vorkommt. Der Aussage, dass es rassistische Diskriminierung in deutschen Behörden gibt, stimmen 40,8 Prozent zu. Nur 38 Prozent teilen die Einschätzung, Deutschland sei eine rassistische Gesellschaft.

Auffällig sind dabei die vielen unentschiedenen Antworten: Bei der Frage nach Rassismus in Behörden wählen 32,5 Prozent die Antwort „teils/teils“, bei der Bewertung der Gesellschaft sind es 35,1 Prozent. Eine klare Ablehnung äußern dagegen jeweils nur rund 27 Prozent.

Wie unterschiedlich diese Fragen beurteilt werden, zeigt der Vergleich einzelner Bevölkerungsgruppen. Unter rassistisch markierten Menschen sieht etwa die Hälfte (50,1 Prozent) rassistische Diskriminierung in Behörden. Unter nicht rassistisch markierten Befragten sind es 37,7 Prozent. Als rassistisch markiert bezeichnet die Studie Menschen, die sich selbst beispielsweise als Schwarz, asiatisch, muslimisch oder osteuropäisch einordnen und aufgrund gesellschaftlicher Zuschreibungen potenziell von Rassismus betroffen sind.

Auch zwischen den Altersgruppen zeigen sich große Unterschiede. Unter den 18- bis 24-Jährigen stimmen 58,9 Prozent der Aussage zu, dass es rassistische Diskriminierung in deutschen Behörden gibt. Bei den Befragten ab 65 Jahren sind es nur noch 30,1 Prozent. Während also fast sechs von zehn jungen Erwachsenen Rassismus in Behörden wahrnehmen, sind es unter den Älteren lediglich drei von zehn.

Forscher sieht Forschungslücke

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Frage, ob Deutschland eine rassistische Gesellschaft ist. Unter rassistisch markierten Befragten stimmen 48,2 Prozent dieser Aussage zu, unter nicht rassistisch markierten 35,4 Prozent. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle: 44,5 Prozent der Frauen, aber nur 30,8 Prozent der Männer bejahen die Aussage.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Bewusstsein für Rassismus nicht automatisch mit eindeutigen Einschätzungen seiner gesellschaftlichen und institutionellen Mechanismen einhergeht“, erklärt Studienautor Tae Jun Kim. Warum die Sichtweisen hier auseinandergehen, lässt sich den Forschern zufolge mit den vorliegenden Daten nicht abschließend beantworten. Kim sieht darin einen wichtigen Ansatzpunkt für weitere Untersuchungen: „Wir müssen besser verstehen, welche Vorstellungen von Rassismus hinter diesen Antworten stehen und wie Menschen unterschiedliche Formen und Wirkungsweisen von Rassismus wahrnehmen.“

Rassismus braucht keine Absicht

Bei einer anderen Frage herrscht dagegen wieder weitgehende Einigkeit: Kann sich ein Mensch rassistisch verhalten, ohne es zu beabsichtigen? Knapp zwei Drittel der Befragten (62,8 Prozent) bejahen dies. Lediglich 10,6 Prozent widersprechen.

Bemerkenswert ist auch hier die breite Übereinstimmung zwischen den Bevölkerungsgruppen. Unter rassistisch markierten Menschen stimmen 61,5 Prozent zu, dass rassistisches Verhalten ohne entsprechende Absicht möglich ist. Bei nicht rassistisch markierten Menschen sind es mit 64,7 Prozent sogar geringfügig mehr.

Jüngere sehen eher Rassismus ohne Absicht

Bei den Altersgruppen zeigt sich ebenfalls eine breite Zustimmung, wenn auch mit Unterschieden. Unter den 18- bis 24-Jährigen halten 72,1 Prozent rassistisches Verhalten ohne Absicht für möglich. Bei den Befragten ab 65 Jahren sind es noch 56,5 Prozent.

Die Ergebnisse zeichnen somit ein differenziertes Bild: Die meisten Menschen erkennen Rassismus an und halten rassistisches Verhalten auch ohne bewusste Absicht für möglich. Weitaus weniger eindeutig beurteilen sie jedoch seine Verbreitung in gesellschaftlichen Strukturen und staatlichen Institutionen.

Forscher sieht Politik in der Verantwortung

Für die Wissenschaftler folgt daraus, dass die gesellschaftliche Auseinandersetzung über Rassismus nicht bei der grundsätzlichen Feststellung seiner Existenz stehen bleiben darf. Entscheidend sei vielmehr, seine unterschiedlichen Erscheinungsformen und Wirkungsweisen sichtbar und verständlich zu machen.

NaDiRa-Leiter Sinanoğlu sieht dabei insbesondere die Politik in der Verantwortung. „Umso wichtiger ist es, dass die Politik den Einsatz gegen Rassismus verstärkt“, fordert er. „Dazu müssen politische Bildungs- und Präventionsangebote ausgebaut und die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Rassismus gefördert werden.“ Gleichzeitig müsse die Politik über Bildungs- und Aufklärungsangebote hinausgehen. Sinanoğlu fordert deshalb, „strukturelle Diskriminierungen und institutionelle Barrieren weiter abzubauen“. (mig) Gesellschaft Leitartikel

Zurück zur Startseite
MiGLETTER (mehr Informationen)

Verpasse nichts mehr. Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.

MiGGLIED WERDEN
Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)