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Ellen Kollender (r.) und Janne Grote (l.) © privat, bearb. MiG

Kolumne ohne Migrationshintergrund

Diskriminierende und rassistische Sprachgewohnheiten – eine Selbstbeobachtung

Die eigene Sprache überdenken, weil sie Rassismen transportiert? Ellen Kollender und Janne Grote sind im beruflichen und alltäglichen Umgang mit dieser Frage häufig auf Abwehr gestoßen. Zum Auftakt ihrer neuen MiGAZIN-Kolumne versuchen sie sich an einer Systematik 'weißer' Abwehrstrategien und schlussfolgern: Es fehlt an einer Haltung, in der sich die kritische Reflexion von Sprache mit der Frage nach damit verbundenen Diskriminierungsverhältnissen verbindet.

Von und Dienstag, 31.03.2015, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 01.04.2015, 17:28 Uhr Lesedauer: 8 Minuten  |   Drucken

Sprache ist machtvoll. Sie operiert auf einer Bühne der Unterscheidungen und teilt Menschen in Haupt- und Nebendarsteller 1 ein. Wir, die Autoren dieser Kolumne, befinden uns ebenfalls auf dieser Bühne. Anders jedoch als viele andere, die hier auf MiGAZIN schreiben, sprechen wir nicht aus einem „wir“ mit (offensichtlichem) Migrationshintergrund. Das heißt wir bekommen auf dieser Bühne selten die Herkunftsfrage gestellt bzw. man bedrängt uns nicht mit der Frage, wo wir „eigentlich“ herkommen. Auch wurde uns nie allein aufgrund unseres Nachnamens ein Job oder eine Wohnung verwehrt – von strukturellen Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen mal ganz abgesehen.

In unserer Arbeit, aber auch im Austausch mit Freunden und Bekannten diskutieren wir oft über folgende Fragen: Welche Vorstellungen von „wir“ und „den Anderen“ empfinden wir eigentlich als „normal“ und „gegeben“? Inwiefern spiegeln sich solche vermeintlichen Normalitäten in unserer Alltagssprache wider? Und wie werden über ein solches normales Sprechen möglicherweise gesellschaftliche Ungleichheits- und Diskriminierungsverhältnisse reproduziert?

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Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen löst oftmals Irritationen aus. Etwa dann, wenn wir darauf hinweisen, dass es sich bei den z.B. als „Ghanaer“ – häufiger noch als „Afrikaner“ – bezeichneten und hier lebenden Jugendlichen (auch) um Deutsche handelt. Oder dann, wenn wir zur Diskussion stellen, ob die nationale Etikettierung als „Türke“ wirklich ein sinnvolles bzw. „ganz normales“ Synonym für die Berufsbezeichnung „Gemüsehändler“ ist – wie es in einigen Regionen Deutschlands der Fall ist. Wir sind überzeugt, dass mit diesen und weiteren Zuschreibungen symbolische und faktische Ausschlüsse verbunden sind. Sie reduzieren Menschen auf ihr vermeintlich nicht-deutsches ‚Aussehen‘ und damit verbundene natio-ethno-kulturelle Zuschreibungen. Zudem werden in diesen Bezeichnungen (unbewusst) Überbleibsel eines völkisch-rassistischen Verständnisses von Deutsch-Sein mittransportiert, das vor allem durch Weiß-Sein und den Familienstammbaum bestimmt wird. Kurz: Einseitige sprachliche Kategorisierungen wie der Zwang zur nationalen Vereindeutigung machen einen Unterschied. Sie haben Konsequenzen auf Zugehörigkeitsdiskussionen, -praktiken und -gefühle.

Es fällt uns auf, dass besonders Angehörige einer weißen 2 Mehrheitsgesellschaft häufig mit Abwehr auf Fragen und Diskussionen dieser Art reagieren. Diese werden wahlweise als anmaßend oder kleinlich, als gängelnd oder auch als Gelegenheit empfunden, eigene rassistische und diskriminierende Positionen zu bestätigen. Im Folgenden wollen wir vier solcher Abwehrstrategien einmal nachgehen:

Abwehrstrategie Nr. 1: Die Diskussion wird kleingeredet.

Ob nun „Farbiger“ oder „Schwarzer“, ob „Ausländer“ oder „Deutsche mit Migrationsgeschichte“ – da gäbe es doch wirklich Wichtigeres als sich mit Begrifflichkeiten oder der (Selbst-)Bezeichnung einzelner Gruppierungen zu beschäftigen. Sicher scheint: Den „großen“ Problemen „unserer Gesellschaft“ könne man mit einer solchen Debatte nicht begegnen.

Interessant ist hier: Über die Relevanz einer solchen Diskussion über Bezeichnungen wird vor allem von jenen entschieden, die von den zur Debatte stehenden Zuschreibungen und damit verbundenen Diskriminierungen nicht betroffen sind. Es sind diejenigen, die sich selbstverständlich als „Deutsche“ fühlen und bezeichnen können – wenn sie denn wollen –, und denen dabei nicht mit Irritation begegnet wird. Es sind zugleich diejenigen, denen über Werbung, Fernsehserien, Schulbücher etc. eine selbstverständliche Zugehörigkeit zur Gesellschaft vermittelt wird.

Das Argument wird zudem meist von jenen angebracht, die selbst wenige oder keine Lösungsansätze für die von ihnen angemahnten „großen und eigentlichen“ Probleme benennen können, geschweige denn auf dieser Ebene aktiv sind.

Abwehrstrategie Nr. 2: Die Sprachdiskussion wird emotional aufgeladen.

Dies geschieht meist zunächst auf persönlicher Ebene. Entweder durch Empörung („Willst du mir jetzt etwa unterstellen, dass ich diskriminiere? Das muss ich mir ja wohl nicht anhören. Ich arbeite schon seit 25 Jahren im sozialen Bereich!“); durch lautstarke Unschuldsbekundungen („Früher haben wir immer N*küsse gesagt. Das haben wir doch nicht rassistisch gemeint!“); oder Trotz („Also wenn wir jetzt nicht mal mehr Ausländer sagen dürfen, dann dürfen wir bald gar nichts mehr sagen!“). Letzteres mündet oft im Ruf nach einer Grundsatzdiskussion über die „eigene“ und gesellschaftliche Meinungs- und Sprachfreiheit.

Diese Reaktionen zeigen, dass es in der Debatte um mehr geht als um Begriffe. Es geht auch um Identität und Machtansprüche einer Mehrheit gegenüber Minderheiten. Dabei schwingt die Annahme mit, man habe eine Art „Etabliertenvorrecht“ in Sachen „deutsche Sprachkultur“: In „seine“ Sprache lässt man sich von „Anderen“ nicht hineinreden – schon gar nicht, wenn diese Anderen vermeintlich nicht Teil des Eigenen sind (was sie nach dieser Logik jedoch auch nicht werden können). Es scheint in diesem Zusammenhang auch nichts auszumachen, dass mit dem Beharren auf die eigene Sprachfreiheit Anderen diese Freiheit abgesprochen wird. Eigene weiße Befindlichkeiten werden über die Tatsache gestellt, dass viele Menschen die gewaltvollen Auswirkungen bestimmter Begriffe tagtäglich zu spüren bekommen. Den Befindlichkeiten werden meist auch die Anstrengungen verschiedener Gruppierungen untergeordnet, die sich teils seit Jahrzehnten aufgrund eigener rassistischer und diskriminierender Erfahrungen für alternative (Selbst-)Bezeichnungen einsetzen (z. B. die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland).

  1. Diese Kolumne kann auch in gendersensibler Sprache auf elalemelalem.de gelesen werden. MiGAZIN verzichtet zu Gunsten der Leserfreundlichkeit auf diese Schreibweise.
  2. Weiß und schwarz bezeichnen hier nicht die Hautfarben von Menschen, sondern stehen für politische und gesellschaftliche Konstruktionen. Diese sind historisch gewachsen bzw. von einer Geschichte des Rassismus geprägt und beeinflussen die Position, die Menschen in der Gesellschaft einnehmen. Weiß verweist in dem Sinne auf dominante gesellschaftliche Positionen und damit verbundene Privilegierungen, die meist unausgesprochen bleiben. (vgl. glokal e.V. und brauner mob)

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