Ausbildung, Jugendliche, Handwerk, Fabrik, Betrieb
Ausbildung im Betrieb © shixugang @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

IW-Studie

Jeder sechste Azubi ohne deutschen Pass

Ausländische Auszubildende werden für den deutschen Arbeitsmarkt immer wichtiger. Ihre Zahl hat sich seit 2004 mehr als verdreifacht. Eine neue Studie zeigt: Auch die Fluchtmigration hat dazu beigetragen, den Ausbildungsmarkt zu stabilisieren. Dabei bleiben viele Potenziale ungenutzt.

Sonntag, 01.11.2026, 13:06 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 01.11.2026, 12:24 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

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Der deutsche Arbeitsmarkt ist zunehmend auf ausländische Auszubildende angewiesen. Laut einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln sank die Zahl deutscher Auszubildender im Alter von 15 bis unter 35 Jahren von ihrem Höchststand von rund 1,7 Millionen im Jahr 2008 bis 2025 um 23 Prozent auf etwa 1,3 Millionen. Dagegen stieg die Zahl ausländischer Auszubildender dieser Altersgruppe von gut 71.000 im Jahr 2004 auf inzwischen rund 255.000.

Der Anteil ausländischer Azubis an allen Auszubildenden erhöhte sich damit von 5,3 Prozent im Jahr 1999 auf 16,3 Prozent im Jahr 2025. Ausländische Jugendliche und junge Erwachsene würden zunehmend dabei helfen, die demografiebedingte Lücke am deutschen Ausbildungsmarkt zu schließen, heißt es in der Studie. Zwar habe die Zunahme ausländischer Auszubildender den Rückgang deutscher Auszubildender nicht vollständig ausgleichen können. Sie habe die Entwicklung aber spürbar abgefedert und die Zahl der Auszubildenden in den vergangenen zehn Jahren auf einem vergleichsweise stabilen Niveau gehalten.

Auch Fluchtmigration stabilisiert Ausbildungsmarkt

Die Entwicklung hat mehrere Ursachen. Zunächst gewann die Anwerbung von Auszubildenden aus anderen EU-Staaten an Bedeutung. Ab 2015 kamen die Fluchtmigration und erleichterte Zuwanderungsmöglichkeiten für Menschen aus den Westbalkanstaaten hinzu. Die Studienautoren stellen ausdrücklich fest, dass auch die Aufnahme Geflüchteter seit 2015 zur Stabilisierung des deutschen Ausbildungsmarktes beigetragen hat.

Der Effekt zeigte sich allerdings erst mit Verzögerung. Viele Geflüchtete mussten zunächst Deutsch lernen, ihren Aufenthaltsstatus klären, sich beruflich orientieren und einen Ausbildungsbetrieb finden. Erst danach konnten sie eine Ausbildung beginnen. Während der Corona-Pandemie wurde die Entwicklung vorübergehend unterbrochen. Seit 2023 steigt die Zahl ausländischer Auszubildender wieder deutlich.

Forscher sehen ungenutztes Potenzial

Gleichzeitig sehen die Forscher weiteres Potenzial bei jungen Menschen ohne deutschen Pass, die bereits in Deutschland leben. So absolvierten 2025 rund 6,2 Prozent der ausländischen Bevölkerung im Alter von 15 bis unter 35 Jahren eine Ausbildung. Bei Gleichaltrigen mit deutscher Staatsangehörigkeit waren es 7,4 Prozent. Zwar hat sich der Abstand seit 2004 deutlich verringert. Damals lag die Ausbildungsquote unter jungen Menschen ohne deutschen Pass bei lediglich 2,6 Prozent.

„Wir müssen das Potenzial der ausländischen Jugendlichen, die schon hier sind, besser ausschöpfen – und zugleich Jugendliche aus Drittstaaten gezielt anwerben“, erklärte IW-Studienautorin Lydia Malin. Dafür seien unter anderem bessere Berufsorientierung, Sprachförderung und Unterstützung bei der Wohnungssuche notwendig.

Zehntausende Fachkräftestellen bleiben unbesetzt

Wie dringend die Wirtschaft auf qualifizierten Nachwuchs angewiesen ist, verdeutlichen weitere Zahlen der Studie. Zwischen Juli 2025 und Juni 2026 gab es in Deutschland gut 1,06 Millionen offene Stellen für qualifizierte Fachkräfte. Davon konnten nach Berechnungen des IW rund 340.000 rechnerisch nicht besetzt werden, weil bundesweit keine Arbeitslosen mit dem passenden beruflichen Profil zur Verfügung standen. Für gut sechs von zehn der offenen Stellen wurde eine abgeschlossene Berufsausbildung benötigt.

Gleichzeitig finden Ausbildungsbetriebe und junge Menschen nicht immer zueinander. Nach der Ausbildungsmarktbilanz der Bundesagentur für Arbeit waren Ende September 2026 noch rund 48.000 Ausbildungsstellen unbesetzt. Zugleich hatten etwa 46.000 Bewerberinnen und Bewerber weder einen Ausbildungsplatz noch eine Alternative gefunden. Die Bundesagentur verweist neben der schwachen Wirtschaftslage auf regionale Unterschiede und Schwierigkeiten, die Berufswünsche junger Menschen mit den Anforderungen der Betriebe zusammenzubringen.

Zuwanderung allein reicht für Fachkräftesicherung nicht aus

Die zunehmende Internationalisierung des Ausbildungsmarktes sei zu einem nennenswerten Teil eine Reaktion auf den demografischen Rückgang und die anhaltenden Fachkräfteengpässe, erklären die IW-Forscher. Allerdings reiche Zuwanderung zur Fachkräftesicherung allein nicht aus. Entscheidend seien verlässliche Rahmenbedingungen von der Anwerbung über Sprachförderung und Berufsorientierung bis zur Begleitung in Betrieb und Berufsschule. Auch klare Aufenthalts- und Verwaltungsverfahren seien notwendig.

Ein zunehmend wichtiger Weg werde deshalb die gezielte Anwerbung von Auszubildenden aus dem Ausland sein. Hierzu soll nach Ansicht der Studienautoren die von der Bundesregierung geplante Work-and-Stay-Agentur beitragen. Sie soll Einwanderungsverfahren vereinfachen und beschleunigen, um mehr Menschen aus dem Ausland für eine Ausbildung oder Beschäftigung in Deutschland zu gewinnen. Das Bundeskabinett hatte bereits im November 2025 Eckpunkte für ihren Aufbau beschlossen.

Zugleich fordern die Forscher Erleichterungen für ausländische Auszubildende, die nach erfolgreichem Abschluss in Deutschland arbeiten möchten. Der Wechsel vom Aufenthaltstitel für die Ausbildung zum Aufenthaltstitel für die Beschäftigung sei derzeit teilweise mit Unsicherheiten, Verzögerungen und hohem Verwaltungsaufwand verbunden. Eine Überleitungsregel nach bestandener Abschlussprüfung könnte diese Hürden abbauen und den direkten Berufseinstieg erleichtern. (mig/epd) Aktuell Wirtschaft

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