
Not erzwingt Pragmatismus
Thüringen erleichtert Jobstart für ausländische Absolventen
Ausländer haben nach Ende einer Ausbildung oft mit Bürokratie zu kämpfen. Das Land will das nun ändern. Ein Verfahrenshinweis soll Ausländerbehörden ermöglichen, den Jobstart früher zuzulassen. Der Schritt zeigt, wie Fachkräftemangel pragmatische Lösungen erzwingt.
Mittwoch, 20.05.2026, 11:40 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 20.05.2026, 11:40 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Ausländische Absolventen sollen nach einer Ausbildung oder einem Studium in Thüringen reibungsloser in den Arbeitsmarkt kommen. Sie sollen künftig nicht mehr wie bisher auf einen neuen Aufenthaltstitel warten müssen, wie das Migrationsministerium mitteilte. Stattdessen solle es nun möglich sein, schon vor dem formalen Wechsel des Aufenthaltstitels eine Beschäftigung aufzunehmen.
Dafür habe das Ministerium an die Ausländerbehörden einen sogenannten Verfahrenshinweis geschickt, der ab sofort berücksichtigt werden kann. Bislang werde die Arbeitsaufnahme zu oft durch bürokratische Abläufe verzögert. Grund sei, dass die Aufenthaltstitel der meisten Azubis oder Studierenden an den jeweiligen Aufenthaltszweck gebunden seien und der Wechsel in der Praxis viel Zeit in Anspruch nehme.
Ministerin: Thüringer auf internationale Arbeitskräfte angewiesen
Der Schritt steht vor dem Hintergrund eines wachsenden Fachkräftebedarfs im Freistaat. Nach der Fachkräftestrategie für Thüringen 2026 bis 2030 könnte die Zahl der Erwerbstätigen bis 2035 von derzeit rund einer Million auf rund 880.000 sinken. Auch die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung werde voraussichtlich deutlich zurückgehen. Gut 60 Prozent der befragten Unternehmen konnten demnach eine oder mehrere Fachkräftestellen nicht besetzen, rund die Hälfte der Betriebe hatte Schwierigkeiten bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen.
„Die Thüringer Wirtschaft ist auf internationale Arbeitskräfte angewiesen“, sagte Migrationsministerin Beate Meißner (CDU). Die Arbeitsaufnahme dürfe nicht an unnötiger Bürokratie scheitern. „Wir brauchen pragmatische Lösungen, damit gut qualifizierte Fachkräfte direkt nach ihrem Abschluss im Job durchstarten können“. Das Ziel sei klar: „Wer hier ausgebildet wird oder studiert, soll auch hier arbeiten können – schnell und reibungslos.“
Zwischen Bedarf und Begrenzung
Internationale Studierende gelten in Thüringen als wichtiges Fachkräftepotenzial. Nach Angaben des Landesamts für Statistik studierten im Wintersemester 2024/2025 an Thüringer Hochschulen 26.401 ausländische Studierende. Das waren 17,3 Prozent aller Studierenden. Besonders stark vertreten waren sie in Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie in Ingenieurwissenschaften.
Die Erleichterung steht zugleich in einem Spannungsfeld der aktuellen Migrationspolitik. Während der Zugang zum Arbeitsmarkt dort erleichtert wird, wo Fachkräfte fehlen, setzt die Bundespolitik an anderer Stelle stärker auf Begrenzung, Rückführung und restriktivere Zugänge. Der Sachverständigenrat für Integration und Migration beschrieb den Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD als Mischung aus Maßnahmen zur deutlichen Begrenzung von Migration einerseits und einem Bekenntnis zu Fachkräfteeinwanderung und Integrationsförderung andererseits. Im Koalitionsvertrag ist unter anderem vorgesehen, das Ziel der Begrenzung wieder ausdrücklich ins Aufenthaltsgesetz aufzunehmen.
Rechtsruck in Thüringen kontraproduktiv
Die Anwerbung internationaler Fachkräfte wird auch durch das politische Klima beeinflusst. In Thüringen wurde die AfD bei der Landtagswahl 2024 mit 32,8 Prozent erstmals stärkste Kraft; in der jüngsten INSA-Umfrage vom April 2026 kam sie auf 39 Prozent. Der Thüringer Verfassungsschutz stuft den Landesverband seit 2021 als erwiesen rechtsextremistisch ein.
Fachleute sehen darin ein Standortproblem: Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigen, dass fremdenfeindliche Einstellungen die Zuwanderung von Arbeitskräften bremsen und insbesondere Hochqualifizierte solche Regionen meiden. Das Institut der deutschen Wirtschaft verweist darauf, dass ostdeutsche Flächenländer wegen ihrer demografischen Lage besonders darauf angewiesen seien, Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen. (dpa/mig) Aktuell Panorama
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