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Afghanisches Generalkonsulat in Bonn (Archiv)

Abschiebe-Politik

Taliban suchen Praktikanten in Bonn – EU lädt ein

Um mehr Menschen nach Afghanistan abschieben zu können, gehen EU und Bundesregierung einen politisch hochumstrittenen Weg. Offiziell erkennen sie die Taliban-Regierung nicht an, de facto sieht es anders aus.

Donnerstag, 14.05.2026, 13:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 14.05.2026, 13:28 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Die EU hat Vertreter der Taliban-Regierung zu Gesprächen über Abschiebungen nach Afghanistan eingeladen. Die Generaldirektion Migration und Inneres der EU-Kommission habe zusammen mit dem schwedischen Justizministerium ein Schreiben an die De-facto-Behörden in Afghanistan gerichtet, „um die Möglichkeit eines Treffens auf technischer Ebene hier in Brüssel anzufragen“, sagte ein Sprecher der EU-Kommission am Dienstag Journalisten.

Der Schritt stelle „keineswegs eine Anerkennung“ der Taliban-Regierung dar, betonte er. Ein Datum für ein mögliches Treffen wurde nicht genannt. Auch die Frage, wer für die Reise der Taliban-Vertreter nach Brüssel bezahlen werde, blieb unbeantwortet.

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Der Besuch der Taliban-Vertreter folgt auf zwei Reisen europäischer Vertreter nach Afghanistan zu Sondierungen über mögliche Abschiebungen von Afghaninnen und Afghanen aus der EU in ihr Heimatland. Die EU erkennt die Taliban-Behörden nicht offiziell an. Aus Diplomatenkreisen verlautete, der Besuch solle vor allem dabei helfen, praktische Probleme bei der Abschiebung zu lösen.

Abschiebungen menschenrechtlich umstirtten

Derzeit streben rund 20 EU-Staaten streben Abschiebungen nach Afghanistan an. Dabei soll der Schwerpunkt auf Menschen liegen, die kein Aufenthaltsrecht in der EU haben oder ein Sicherheitsrisiko darstellen. Deutschland schob seit 2024 bereits mehr als hundert Afghanen ab. Obwohl auch die Bundesregierung die Taliban nicht als rechtmäßige afghanische Regierung anerkennt, führte sie zuletzt Gespräche mit Vertretern der Taliban – auf technischer Ebene, wie es hieß. Seit Februar wurden Dutzende weitere Afghanen in ihr Heimatland abgeschoben.

Diese Abschiebungen haben zahlreiche Bedenken ausgelöst. Menschenrechtsorganisationen zufolge steckt Afghanistan mitten in einer humanitären Krise, verschärft durch Dürre und drastische Kürzungen bei der Auslandshilfe. Auch die menschenrechtliche Situation im Land ist internationalen Beobachtern zufolge nicht gut.

Macht in Afghanistan an Taliban überlassen

In den Jahren von 2013 bis 2024 wurden nach Angaben der europäischen Statistikbehörde Eurostat rund eine Million Asylanträge von Afghaninnen und Afghanen in der EU gestellt. Rund die Hälfte davon wurde gewährt. Auch im vergangenen Jahr kamen die meisten in der EU gestellten Asylanträge von Afghanen.

Nach jahrelanger westlicher Militärpräsenz und einem übereilten Abzug wurde die Macht in Afghanistan der Taliban im August 2021 praktisch überlassen. Seither setzen sie eine strenge Auslegung ihrer religiösen Vorstellungen mit drakonischen Gesetzen durch. Grundrechte, insbesondere Frauenrechte, werden massiv eingeschränkt.

Einladung erntet scharfe Kritik

„Afghanen in ein Land zurückzuschicken, in dem fast die Hälfte der Bevölkerung sich nicht selbst ernähren kann, ist keine Migrationspolitik. Es ist eine Entscheidung, die Menschenleben kosten könnte“, sagte Lisa Owen, Landesdirektorin des International Rescue Committee für Afghanistan.

Die EU-Abgeordnete Melissa Camara von den französischen Grünen betonte, eine Einladung an die Taliban bedeute, „die Werte und Rechte aufzugeben, auf denen die Europäische Union beruht“.

Taliban suchen Praktikanten in Bonn

Wie weit die praktische Annäherung zu den Taliban inzwischen reicht, zeigt sich auch in Bonn. Auch wenn das Amt des Generalkonsuls dort weiter offiziell unbesetzt ist, sucht das Generalkonsulat von Afghanistan ab sofort Praktikanten. Das teilte es auf seiner Webseite mit. Zuvor hatten mehrere Medien berichtet.

In Bonn war es im vergangenen Herbst zu einem Eklat rund um das Personal des Generalkonsulats gekommen. Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hatte Berlin die Einreise von zwei mutmaßlichen Taliban-Diplomaten erlaubt, von denen einer in Bonn arbeiten soll. Der bisherige Bonner Generalkonsul Hamid Nangialay Kabiri ist inzwischen nicht mehr im Einsatz, die Belegschaft hatte aus Protest die Arbeit niedergelegt.

Auswärtiges Amt: „Konsul“ ist kein „Generalkonsul“

Aus dem Auswärtigen Amt heißt es dazu nun, einer der damals eingereisten Beamten sei als „Konsul“ am afghanischen Generalkonsulat in Bonn akkreditiert. Jedoch sei das nicht gleichzusetzen mit der Bezeichnung des Generalkonsuls, dem die Leitung des Konsulats unterliege. Diese Position sei den Angaben nach auch weiterhin nicht besetzt.

Zu der Stellenanzeige äußerte sich das Auswärtige Amt auf Anfrage zunächst nicht. Auch das afghanische Generalkonsulat in Bonn stand für Rückfragen bisher nicht zur Verfügung.

Praktikumsplatz für praktische und berufliche Erfahrung

Bewerben können sich laut Stellenausschreibung Studierende und Hochschulabsolventen, aber auch andere Interessierte, die „praktische und berufliche Erfahrung in einer diplomatischen Vertretung“ sammeln wollen. Das sei in verschiedenen Bereichen wie Passdiensten, Informationstechnologie, aber auch Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation möglich. Das Praktikum ist den Angaben nach unbezahlt.

Potenzielle Praktikanten dürfen sich unabhängig von ihrer Nationalität bewerben, solange ein gültiger Aufenthaltsstatus in Deutschland vorliegt. Wünschenswert seien lediglich ein naher Wohnort und verschiedene Sprachkenntnisse, zum Beispiel in Englisch oder den in Afghanistan üblichen Sprachen Dari und Paschtu.

Rechtlich saubere Stellenanzeige

In der Ausschreibung werden explizit auch „Bewerberinnen“ angesprochen. Auch das Bewerbungsportal ermöglicht es, ein weibliches oder diverses Geschlecht anzugeben. Allerdings ist die Chancengleichheit in Stellenanzeigen rechtlich verpflichtend.

Frauen und Mädchen werden seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan 2021 systematisch unterdrückt. Der Zugang zu höherer Bildung und zu vielen Berufen wird ihnen verwehrt. In Bonn aber wirbt das afghanische Generalkonsulat um Bewerberinnen – während EU und Bundesregierung weiter betonen, all das sei keine Anerkennung. (afp/dpa/mig) Aktuell Politik

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