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Die Akte Tommy Lee Walker: Hingerichtet per Todesstrafe trotz Unschuld

Todesstrafe

70 Jahre nach Hinrichtung: Schwarzer Mann entlastet

Eine weiße Jury verurteilte Tommy Lee Walker zum Tod, obwohl Zeugen ihn entlasteten. Fast 70 Jahre später bestätigt Dallas: Der Schwarze Vater wurde zu Unrecht hingerichtet. Immer noch drohen mehreren Männern in den USA nach umstrittenen Urteilen die Hinrichtung.

Von Montag, 11.05.2026, 12:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 11.05.2026, 12:20 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

An einem Frühlingstag, dem 12. Mai 1956, fesseln Gefängniswärter im US-Bundesstaat Texas den Afroamerikaner Tommy Lee Walker auf einen elektrischen Stuhl. Der 21-jährige Vater eines Sohnes wird hingerichtet. Begründung des Richters: Er habe eine Frau vergewaltigt und ermordet. Fast 70 Jahre später, im Januar 2026, erklärt der „Commissioners Court“ von Dallas, das oberste lokale Entscheidungsgremium unter Vorsitz eines Richters: Walker ist damals zu Unrecht zum Tode verurteilt worden. Alle Juroren beim Gerichtsprozess waren weiß. Beim Verhör sei Walker zu einem falschen Geständnis gezwungen worden. Seine Hinrichtung ist eine der wenigen in den USA, bei denen der Staat ein Fehlurteil eingesteht.

Das Schicksal von Tommy Lee Walker ist keine „alte Geschichte“: Auch heute befänden sich in den USA mehrere Menschen trotz überzeugender Beweise für ihre Unschuld in Todestrakten, warnt die Exekutivdirektorin des gemeinnützigen Todesstrafen-Informationszentrums in Washington, Robin Maher. Die Qualität der Verteidigung habe sich in jüngster Zeit verbessert, doch manche Umstände aus den 1950er Jahren seien noch heute präsent, erklärt sie. Dazu zählten rassistische Voreingenommenheit, unglaubwürdige Zeugenaussagen und Zwang bei der Vernehmung.

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5.000 Menschen bei Walkers Begräbnis

Zu Walkers Begräbnis in der St. John Baptistenkirche in Dallas seien rund 5.000 Menschen gekommen, berichtete damals der „Dallas Express“, eine schwarze Zeitung. Erst Jahrzehnte später wurde der Fall neu aufgerollt. Auslöser war ein investigativer Artikel, der 2016 im „D Magazine“ erschien, einer Zeitschrift für Dallas. Das Dallas der 1950er war weit entfernt von der modernen Metropole heute, so schrieb Autorin Mary Mapes, sondern in vieler Hinsicht eine „kleine Stadt im Süden“ der USA, in der Weiße ungestraft Bomben legten, um Schwarze aus ihren Wohnvierteln fernzuhalten.

Es war ein entsetzlicher Mord am 30. September 1953. Das Opfer war die 31-jährige Venice Parker, eine weiße Frau. Ein Autofahrer fand sie blutüberströmt in der Nähe einer Bushaltestelle. Venice Parker starb im Krankenhaus. „Ein Schwarzer“ habe sie unter eine Brücke gezerrt und ihr die Kehle durchgeschnitten, habe sie noch sagen können, behauptete ein Polizist. Das reichte den weißen Stadtbewohnern. Schusswaffenläden seien leer gekauft worden, und die Polizei habe junge schwarze Männer festgenommen, die ihr verdächtig erschienen, schrieb Mapes.

Geständnis widerrufen

Auch Walker wurde festgenommen. Er habe Angst gehabt auf der Polizeiwache, so Mapes, und er habe gesehen, wie Polizisten auf einen Schwarzen eingeschlagen hätten. Nach langer Vernehmung gestand Walker. Wenige Tage später widerrief er gegenüber dem Staatsanwalt Henry Wade. Wade war der starke Mann der Justiz in Dallas, der dafür sorgte, dass keine Schwarzen unter den Geschworenen waren.

Beim Prozess sagten Augenzeugen aus, Walker sei in der Tatnacht woanders gewesen. Journalistin Mapes schrieb, er habe unter anderem Zeit mit seiner hochschwangeren Freundin verbracht, die am frühen Morgen des folgenden Tages den gemeinsamen Sohn zur Welt gebracht habe.

Die Bedenkzeit der Geschworenen 1956 war kurz. Das Urteil: schuldig, Todesstrafe. Er würde gerne den Strom selbst einschalten, sagte Wade laut Medienberichten im Gericht.

Todesurteil wird aufgehoben

Nach Mapes‘ Artikel haben sich das „Innocence Project“, das Justizirrtümer aufklärt, und die Bürgerrechtsorganisation „Civil Rights and Restorative Justice Project“ mit dem Fall befasst. Sie recherchierten weiter, Augenzeugenberichte von Weißen über Walkers angebliche Präsenz in der Nähe des Tatorts erwiesen sich als unglaubwürdig. Der Chef der Mordkommission in Dallas sei früher Mitglied der weißen Terrororganisation Ku-Klux-Klan gewesen. Am Ende war auch der „Commissioners Court“ im Landkreis Dallas und der heutige Staatsanwalt von Walkers Unschuld überzeugt. Das Todesurteil gegen ihn wurde aufgehoben.

Walkers Sohn weint bei Aufhebung des Urteils

In einem Fernsehbericht über die Aufhebung des Urteils sieht man zwei Herren im Rentenalter: Joseph Parker, der vier Jahre alt war, als seine Mutter ermordet wurde, und Ted Smith. Er ist Walkers Sohn. Die beiden umarmen sich. Die Gesellschaft und die Justiz hätten einen riesigen Fehler gemacht, sagte Parker. Smith weinte. Er vermisse seinen Vater, sagte er. Der TV-Beitrag zeigt einen kurzen Ausschnitt aus dem Prozess 1956. Er sei ausgetrickst worden, auf Kosten seines Lebens, sagt Tommy Lee Walker dort.

Gewichtige Indizien für Unschuld – trotzdem im Todestrakt

Laut dem US-amerikanischen Todesstrafen-Informationszentrum sind seit den 1970er Jahren 202 Todesurteile aufgehoben worden. Man könne nicht mit Sicherheit sagen, wie viele Unschuldige hingerichtet worden seien, sagte Exekutivdirektorin Maher dem Evangelischen Pressedienst (epd). Sie wisse von drei Männern in Todestrakten, die gegenwärtig mit gewichtigen Indizien für ihre Unschuld um ihre Freiheit kämpften: Richard Glossip in Oklahoma, Robert Roberson in Texas und Toforest Johnson in Alabama. Bei der Berufung stünden verfahrenstechnische Fragen im Weg.

Henry Wade starb 2001. Er sei als Staatsanwalt für 20 Fehlurteile gegen schwarze Männer zuständig gewesen, schrieb das „Innocence Project“. In die Geschichtsbücher eingegangen ist Wade 1973 durch das als „Roe v. Wade“ bekannte Urteil des Obersten Gerichts gegen das Abtreibungsverbot in Texas. Wade verlor und der Schwangerschaftsabbruch wurde in den USA legalisiert. (epd/mig) Aktuell Panorama

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