Die Großmutter floh vor dem Krieg, die Tochter wuchs mit ihren seelischen Wunden auf. Erst Jahrzehnte später begann die Familie zu verstehen. Eine persönliche Geschichte über verdrängtes Leid, die Kraft der Erinnerung und die Frage, was die Erfahrungen früherer Generationen mit heutigen Geflüchteten verbindet.
Ich stehe in der Küche, in der meine Großeltern einmal gemeinsam gestanden und gekocht haben. Aus dem kleinen Küchenradio krächzt Tom Astor: „Hallo, guten Morgen Deutschland. Ich leb’ in dir, weil ich dich mag.“ Es war eines ihrer Lieblingslieder. Mein Großvater kam aus Süddeutschland, meine Großmutter aus Danzig, dem heutigen Gdańsk in Polen.
Auf alten Fotos schaut sie mit ihren grünen Augen direkt in die Kamera. Sie sprach ein klares Hochdeutsch, das nie ganz zu dem Dorf passte, in dem sie nach langer Flucht über die Ostseeküste am Ende des Zweiten Weltkriegs landete. Für viele blieb sie die Zugezogene. Die Fremde. Jemand, den man kannte, aber nie ganz aufnahm. Dabei wusste wohl jeder, dass sie eine schwere Geschichte mitbrachte. Früh zur Waise geworden, später Flüchtling, entwurzelt und auf sich allein gestellt.
Auf unserem Dorfplatz steht ein großes Denkmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs. In Stein gemeißelt sind die Namen der Männer, die ihr Leben gelassen haben. Dass auch Frauen dieser Generation wie meine Großmutter wortwörtlich ihr Leben gaben, findet dort keinen Platz. Keine Namen erinnern an Verlust, Flucht, Vertreibung oder den stillen Wiederaufbau danach. Und doch leben ihre Erfahrungen bis heute weiter. Nicht als Denkmal aus Stein, sondern in Familienbeziehungen, in Gewohnheiten, Ängsten und Erwartungen. Meine Mutter trägt beides in sich: die schönen Erinnerungen und die schwierigen. Sie sagt, vieles habe sie erst spät verstanden:
„Wir hatten große Schwierigkeiten miteinander. Ich hatte oft das Gefühl, dass ich ihr als Tochter nicht genug war, dass ich von ihr nicht wirklich gesehen wurde. Da war immer dieses Gefühl – ich kann es heute gar nicht richtig in Worte fassen –, aber es war kein gutes Gefühl. Es hat mich nicht darin bestätigt, dass ich ihr Kind bin, dass ich ihr nahestehe, dass sie mich liebt. Ich glaube, das ist der Punkt. Erst als ich älter wurde, habe ich angefangen, mich mit ihrer Geschichte und ihrem Leben zu beschäftigen. Und irgendwann hatte ich mit ihr zwei, drei richtige Aha-Momente. Plötzlich konnte ich manches, was zwischen uns passiert war, anders verstehen.”
Die Traumata der Generation meiner Großmutter wurden oft nicht aufgearbeitet, sondern weitervererbt. Die Forschung spricht von transgenerationaler Traumaweitergabe:
Trauma bedeutet, wörtlich aus dem Griechischen übersetzt, „Wunde“. Gemeint ist eine Erfahrung, die einen Menschen so stark erschüttert, dass er sie nicht einfach verarbeiten kann. Häufig entstehen solche Wunden durch körperliche oder psychische Gewalt. Ein Trauma ist damit auch eine Verletzung der Seele, deren Folgen bleiben können, lange nachdem das eigentliche Ereignis vorbei ist.
Diese Traumata können über verschiedene Wege weiterwirken: über die psychische Gesundheit der Eltern, über Erziehungs- und Beziehungsmuster, über Familienerzählungen und Schweigen – und auch über biologische Prozesse, die durch anhaltenden Stress beeinflusst werden. Das Max Planck Institut für Psychatrie zeigt in seiner Forschung beispielsweise, dass in den Genen von Kindern traumatisierter Eltern – etwa von Holocaust Überlebenden – die Stresshormonachse nachweislich verändert ist. Diese biologischen Veränderungen beeinflussen die Stressresilienz möglicherweise über mehrere Generationen hinweg. Der Sprecher des deutschen Zentrums für psychische Gesundheit Dr. Peter Falkai resümiert: „Transgenerationale Traumaweitergabe ist kein abstraktes Phänomen, sondern eine vielschichtige Antwort des Individuums auf molekularer und psychischer Ebene.“
Diese „Antwort“, die sich auf molekularer und psychischer Ebene recht gut beobachten lässt, bleibt auf gesellschaftlicher Ebene allerdings häufig unsichtbar. Denn über das, was Menschen im Krieg erlebt haben, wird oft nicht gesprochen. Gerade Frauen, die Gewalt, Verlust und Vertreibung erlebt haben, haben ihre Erfahrungen vielfach mit sich selbst ausgemacht. So erzählt auch meine Mutter über meine Großmutter:
„Sie war natürlich auch eine Meisterin im Verdrängen und hat wahrscheinlich vieles schön geredet, um sich selbst zu sagen, dass sie das aushalten konnte – als Kind, das nicht wirklich dazugehört, und dann auch noch in der Situation als Flüchtling. Irgendwann habe ich angefangen, darüber zu sprechen – mit Bekannten, mit Menschen aus meinem näheren und erweiterten Umfeld, auch im Freundeskreis. Und da habe ich gemerkt: Irgendwie haben ganz viele Frauen, Freundinnen und Bekannte ähnliche Themen mit ihren Müttern. Irgendwann war klar: Da redet niemand darüber.“
Für diese Verdrängung gibt es viele Gründe. Ein zentraler dürfte die Nachkriegssituation gewesen sein. Das, was die Kriegsgeneration an Kraft noch hatte, wurde in den Wiederaufbau gesteckt: Die Familie versorgen, arbeiten, Geld verdienen, ein Haus aufbauen, irgendwie weitermachen. Für die folgende Generationen der 60er und 70er Jahre (also die meiner Mutter) bedeutete das dann nicht selten, die seelischen Wunden der eigenen Eltern mitzutragen. Sie kümmerten sich um ihre Eltern und stellten die eigenen Sorgen und Bedürfnisse häufig ganz zurück.
Es wäre leicht, diese Prozesse als individuelle Familiendramen abzutun. Aber das greift zu kurz. Denn diese Geschichten haben nicht nur einzelne Familien geprägt, sondern eine ganze Gesellschaft mitgetragen. Gerade deshalb lohnt der Blick auf die Frauen – auf die Mütter unserer Mütter und unsere Mütter, die als Erzieherinnen und emotionale Anker der Familien ihre eigene Last oft still getragen haben: sich zurücknehmen, funktionieren, durchhalten, Gewalt aushalten und trotzdem weitermachen. Depressionen, Alkoholabhängigkeit und auch Suizid oder Suizidversuche tauchen in vielen dieser Familiengeschichten auf – wenn denn darüber gesprochen wird.
Die Frauen, die diese Last getragen haben, haben damit auch eine Gesellschaft mit aufgebaut, die lange davon profitiert hat, dass sie stillhielten, sich zurücknahmen und weitermachten. Und so wird aus individuellem Leid etwas, das über Generationen weiterwirkte. Karin Griese von der Organisation medica mondiale fordert deshalb, Erinnerung feministischer zu denken: Die Erfahrungen von Frauen, die Krieg und Gewalt überlebt haben, müssen sichtbar werden und Anerkennung und Unterstützung erfahren. Denn nur was erinnert und anerkannt wird, kann auch aufgearbeitet werden – und damit vielleicht aufhören, an die nächste Generation weitergegeben zu werden.
Ein solches kollektives, feministisches Erinnern wäre ein Schritt hin zu mehr intergenerationeller Versöhnung und vielleicht auch interkulturellem Verständnis. Denn Flucht und Vertreibung sind nicht nur auf die Nachkriegsgeneration – die „Kriegsenkel“ – beschränkt. Und trotzdem fällt auf: In der Forschung werden unterschiedliche Gruppen häufig noch getrennt betrachtet. Ein Review aus dem Jahr 2026 schloss etwa Studien zu Geflüchteten des Zweiten Weltkriegs ausdrücklich aus seiner Untersuchung anderer Flüchtlingspopulationen aus. Die Forschung zu den Folgen von Flucht und Krieg im Zweiten Weltkrieg und die Forschung zu außereuropäischen Geflüchteten laufen damit vielfach nebeneinander her.
Dabei wäre es spannend, diese beiden Forschungsfelder stärker zusammenzudenken. Nicht, um die Erfahrungen gleichzusetzen. Im Gegenteil: Gerade der Vergleich könnte sichtbar machen, was unterschiedlich ist und was sich über historische und geografische Grenzen hinweg ähnelt. Was wird innerhalb von Familien überhaupt weitergegeben? Wird über die Erlebnisse gesprochen oder geschwiegen? Wird Flucht zu einem Teil der Familienidentität? Und welche Rolle spielt es, ob eine Gesellschaft das erlittene Leid anerkennt, oder ob Menschen um die Anerkennung ihrer Erfahrungen kämpfen müssen?
Auch die Lebensbedingungen nach der Flucht sind entscheidend. Menschen, die heute als Geflüchtete nach Deutschland kommen, erleben oft zusätzlich Diskriminierung, unsichere Aufenthaltsstatus, ökonomische Unsicherheit oder soziale Ausgrenzung. Gleichzeitig stellt sich bei beiden Gruppen die Frage, welche Ressourcen ihnen helfen, mit dem Erlebten umzugehen und es nicht an die nächste Generation weiterzugeben. Und schließlich verändert sich auch die Bedeutung von Trauma mit zeitlichem Abstand: Was geschieht nach zwei, drei oder mehr Generationen? Was bleibt, was verschwindet und was wird vielleicht erst ganz spät erzählt?
Ein gemeinsamer Blick auf diese unterschiedlichen Familiengeschichten könnte deshalb mehr leisten als einen Vergleich von Traumafolgen. Er könnte helfen, einander besser zu verstehen. Und vielleicht auch dabei, die deutsche Erinnerungskultur um eine Perspektive zu erweitern, in der unterschiedliche Erfahrungen von Krieg, Flucht und Gewalt nebeneinander sichtbar werden, ohne sie gegeneinander aufzurechnen. Gerade darin könnte gesellschaftliches Potenzial liegen: mehr Verständnis füreinander und mehr Möglichkeiten für eine gemeinsame, auch generationsübergreifende Aufarbeitung.
Das Küchenradio ist mittlerweile verstummt. Ich schaue hinüber zum Küchentisch, von dem mein Großvater sonst aufgestanden wäre, um das Radio wieder abzuschalten. An diesem Tisch saß ich oft mit meiner Großmutter und habe mit ihr über Politik diskutiert. Sie hatte zu Lebzeiten oft nur dann einen wirklichen Zugang zu den Geschichten von Menschen, die heute fliehen, wenn sie an ihre eigene Flucht erinnert wurde, auch wenn sie sich selbst nie als „Flüchtling“ bezeichnet hätte. An die Angst, nicht dazuzugehören, irgendwo anzukommen und trotzdem fremd zu bleiben. Natürlich waren ihre Voraussetzungen andere. Mit Sprache, Zugang zum Arbeitsmarkt oder gesellschaftlicher Anerkennung hatte sie später weniger zu kämpfen als viele Menschen, die heute als Geflüchtete nach Deutschland kommen. Und trotzdem gab es Momente, in denen eine Erfahrung plötzlich wiedererkennbar wurde.
Gemeinsam mit meiner Mutter und meiner Schwester haben wir aus diesen ganzen Beobachtungen heraus das Projekt „Unsere Mütter, die Stimmen in uns“ begonnen. Das Projekt versucht, die Geschichten unserer Großmütter und Mütter sichtbar und erfahrbar zu machen. Nicht als Therapie und auch nicht als vollständige Dokumentation. „Ich bin keine Therapeutin, ich bin Künstlerin“, sagt meine Mutter immer wieder. Und doch passiert etwas, sobald die Geschichten erzählt werden. In der Entstehung des Projekts hat die alleinige Auseinandersetzung zwischen Müttern und Töchtern etwas in Bewegung gebracht. Verständnis ist entstanden, manchmal sogar Versöhnung.
Im März 2027, rund um den Internationalen Frauentag, soll das Projekt als multimediale Ausstellung in Freiburg im Breisgau zu sehen sein. Es wird um die Geschichten von Frauen gehen, die Krieg, Flucht, Gewalt und Nachkriegszeit erlebt haben und um das, was in Ihren Töchtern hinterlassen wurde. Sicherlich wird es am Ende jedoch um mehr gehen als um diese eine Generation. Denn während wir über die Mütter unserer Mütter sprechen und unsere eigenen Familiengeschichten langsam verstehen und aufarbeiten, sind längst wieder Mütter auf der Flucht. Wieder werden Kinder Zeugen von Krieg, Gewalt und Verlust. Wieder entstehen Geschichten, die irgendwann in Familien weiterleben werden.
Vielleicht beginnt kollektive Aufarbeitung nämlich genau dort: wo aus dem „Das war damals“ ein „Das betrifft uns noch heute“ wird.
Infos zum Projekt:Die Gesichter hinter dem Projekt: Drei Frauen aus zwei Generationen (Mutter und zwei Töchter): Susanna Hiss (Künstlerin), Helena Hiss (Kulturwissenschaftlerin), Sophia Hiss (Politikwissenschaftlerin)
Titel
Unsere Mütter – Die Stimmen in uns
Team
Drei Frauen aus zwei Generationen (Mutter und zwei Töchter). Susanna Hiss (Künstlerin), Helena Hiss (Kulturwissenschaftlerin), Sophia Hiss (Politikwissenschaftlerin)
Format
Partizipatives Kunstprojekt mit Ausstellung; Interviews, Tonspur, stille Videoporträts, Installation, ergänzendes Begleitprogramm, künstlerische Arbeiten und Erinnerungsstücke
Auftakt/Ausstellung
05.-21.März 2027, rund um den Internationalen Frauentag, Freiburg im Breisgau im Weingut Dilger
Frauen der Generationen Kriegskinder, Kriegsenkel und Enkel:innen; Kunst- und Kulturpublikum der Region; Multiplikator:innen aus Frauen-, Erinnerungs- und Bildungsarbeit
Förderer / Partner
Frauenbeauftragte der Stadt Freiburg, Kreativpioniere Freiburg e.V
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