
10 Jahre nach der großen Räumung
Calais: Das Lager ist verschwunden, das Elend geblieben
Vor zehn Jahren räumte Frankreich das große Camp von Calais. Heute leben an der nordfranzösischen Küste erneut Tausende Geflüchtete unter prekären Bedingungen. Ihre Lager werden immer wieder aufgelöst. Während die Menschen keinen festen Platz zum Leben finden, investieren Frankreich und Großbritannien Millionen in die Grenzsicherung.
Donnerstag, 22.10.2026, 13:37 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 22.10.2026, 13:37 Uhr Lesedauer: 6 Minuten |
Das riesige Camp ist längst verschwunden. Wo vor zehn Jahren Tausende Geflüchtete in Zelten und selbst gebauten Hütten lebten, erinnert heute kaum noch etwas an die Siedlung, die als „Dschungel von Calais“ bekannt wurde. Doch die Menschen, die auf eine Weiterreise nach Großbritannien hoffen, sind nicht verschwunden. Ihre Unterkünfte sind heute kleiner, verstreuter und oft noch provisorischer. Und sie werden immer wieder geräumt.
Nach Schätzungen von Hilfsorganisationen leben derzeit zwischen 2.000 und 3.000 Menschen in informellen Camps entlang der nordfranzösischen Küste, von Dünkirchen bis Berck. Anlässlich des zehnten Jahrestags der großen Räumung haben rund 20 Organisationen erneut auf die menschenunwürdigen Lebensbedingungen aufmerksam gemacht. In einem gemeinsamen Appell kritisieren sie, dass sich an der grundlegenden Situation bis heute wenig geändert habe.
Im Oktober 2016 hatte die französische Regierung das große Camp auflösen lassen. Sie begründete die Räumung damals ausdrücklich mit der humanitären Notlage. Laut Angaben der französischen Regierung wurden 7.418 Menschen, darunter 1.952 Minderjährige, in Unterkünften untergebracht, die über das Land verteilt waren.
Für einen Teil der Betroffenen eröffnete sich dadurch tatsächlich eine Perspektive. Sie konnten in Frankreich Asyl beantragen und sich dort niederlassen. Andere wollten weiterhin nach Großbritannien. Schon wenige Wochen nach der großen Räumung entstanden in Calais erneut provisorische Schlafplätze. Über die Jahre kamen immer wieder neue Geflüchtete an die Kanalküste.
Räumungen im Dauertakt
Die französischen Behörden verfolgen seitdem eine Strategie, die sie „Zéro point de fixation“ nennen. Sinngemäß bedeutet das: Es sollen keine dauerhaften Ansiedlungen entstehen. Ein großes Camp wie 2016 soll sich nicht wieder bilden können.
Für die Betroffenen bedeutet diese Politik vor allem eines: Sie können sich kaum irgendwo dauerhaft niederlassen. Polizei und Räumdienste lösen provisorische Lager regelmäßig auf. Manche Schlafplätze werden im Abstand von nur 48 Stunden geräumt.
Wie systematisch diese Praxis geworden ist, zeigen Zahlen der Organisation Human Rights Observers (HRO). Allein 2025 dokumentierte sie im Raum Calais 143 Räumungseinsätze, bei denen insgesamt 518 Lagerplätze geräumt wurden.
Bei einer Anhörung vor der französischen Nationalversammlung im März 2026 schilderten Vertreter der Organisation den Ablauf solcher Einsätze. Polizisten räumen die Schlafplätze, anschließend beseitigen Reinigungskräfte Zelte und zurückgelassene Gegenstände. Nach Angaben der Beobachter werden dabei teilweise auch persönliche Sachen beschlagnahmt oder zerstört.
Bei größeren Räumungen kommen Bagger und andere Baumaschinen zum Einsatz. Flächen werden umgestaltet, Zäune errichtet oder Gräben gezogen, um eine erneute Ansiedlung zu verhindern. Die Bewohner müssen sich andere Schlafplätze suchen.
Wie weit das geht, zeigte sich im Januar 2026. In der Nähe des Krankenhauses von Calais ließen die Behörden einen großen Teil eines Camps räumen, in dem damals etwa 650 Menschen lebten. Nach Behördenangaben wurden 260 Menschen in Aufnahmezentren gebracht. Etwa die Hälfte des Camps wurde beseitigt. Der Präfekt des Départements Pas-de-Calais begründete den Einsatz damit, dass sich in solchen Lagern auch Schleuser betätigten. Die Räumung war Teil der fortgesetzten Strategie, größere Ansiedlungen zu verhindern.
Die Folgen solcher Einsätze reichen über den Verlust eines Zeltes hinaus. Wer ständig den Aufenthaltsort wechseln muss, hat Schwierigkeiten, regelmäßig medizinische Hilfe, Beratung oder andere Unterstützung zu erhalten. Hilfsorganisationen berichten außerdem über anhaltende Probleme beim Zugang zu Wasser, Duschen, Toiletten und Nahrungsmitteln.
Der katholische Hilfsverband Secours Catholique, der seit vielen Jahren in Calais tätig ist, kritisiert, dass die Menschen keinen verlässlichen Ort zum Ausruhen hätten. In einem Interview zum zehnten Jahrestag beschreibt der Verband die Räumungspolitik als anhaltende Belastung für die Betroffenen. Selbst grundlegende Versorgungsangebote hätten Hilfsorganisationen teilweise erst gerichtlich durchsetzen müssen.
Behörden verweisen auf Schutz und Unterkünfte
Die französischen Behörden verteidigen ihre Praxis. Große informelle Camps begünstigten menschenunwürdige Lebensbedingungen und böten Schleusernetzwerken Möglichkeiten, die Bewohner auszubeuten. Räumungen sollten solche Strukturen verhindern und die Menschen schützen.
Bei einer parlamentarischen Anhörung im April 2026 verwiesen die zuständigen Präfekten auf staatlich finanzierte Unterkünfte, medizinische Betreuung und Hilfsangebote. In den Départements Nord und Pas-de-Calais stünden rund 1.300 Unterbringungsplätze zur Verfügung. Allein 2025 seien damit mehr als 30.000 vorübergehende Unterbringungen ermöglicht worden – wobei Menschen, die mehrfach aufgenommen wurden, mehrfach gezählt wurden.
Viele Menschen verlassen diese Einrichtungen jedoch wieder oder nehmen die Angebote nicht an. Ein wesentlicher Grund ist, dass die Aufnahmezentren oft weit von der Küste entfernt liegen. Wer nach Großbritannien weiterreisen will, möchte in der Nähe des Ärmelkanals bleiben.
Damit entsteht ein Kreislauf: Die Behörden räumen die Camps und bieten Unterkünfte andernorts an. Ein Teil der Menschen kehrt an die Küste zurück und errichtet neue provisorische Schlafplätze. Diese werden erneut geräumt.
Hunderte Millionen für die Grenzsicherung
Während die humanitäre Situation ungelöst bleibt, haben Frankreich und Großbritannien ihre Zusammenarbeit bei der Grenzsicherung über Jahre erheblich ausgebaut.
Großbritannien finanziert umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen auf französischem Boden. Grundlage dafür sind bilaterale Vereinbarungen, die britische Grenzkontrollen bereits vor der Überfahrt ermöglichen. Seit einigen Jahren richtet sich die Zusammenarbeit zunehmend gegen Überfahrten mit kleinen Booten über den Ärmelkanal.
Für die Jahre 2023 bis 2026 sagte Großbritannien insgesamt 541 Millionen Euro zu. Im April 2026 vereinbarten beide Regierungen weitere 662 Millionen Pfund, umgerechnet rund 767 Millionen Euro, für die folgenden drei Jahre. Das Geld soll unter anderem in zusätzliche Polizeikräfte, Überwachungstechnik, Drohnen und Ermittlungen gegen Schleuser fließen, wie aus einem Bericht des britischen Unterhauses hervorgeht.
Zum Vergleich: Die französischen Behörden bezifferten ihre besonderen humanitären Ausgaben in den Départements Nord und Pas-de-Calais für 2025 auf insgesamt rund 29,6 Millionen Euro. Hinzu kommen allgemeine öffentliche Leistungen, etwa im Gesundheitswesen, sowie weitere Mittel zur Umsetzung gerichtlicher Entscheidungen.
Mit der stärkeren Sicherung von Fährhäfen und Eurotunnel haben sich auch die Wege verändert, über die Menschen nach Großbritannien gelangen wollen. Viele versuchen die Überfahrt inzwischen in kleinen, häufig überfüllten Booten. Diese Fahrten sind lebensgefährlich.
Zehn Jahre später: dieselbe Politik
Dass die Zustände nicht unveränderlich sind, zeigt ein Bericht aus dem französischen Parlament. Ein Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung beschäftigte sich monatelang mit den Folgen der französisch-britischen Grenzabkommen und der Situation der Geflüchteten an der Kanalküste.
In dem im Juli 2026 veröffentlichten Untersuchungsbericht formuliert die Berichterstatterin Elsa Faucillon 33 Empfehlungen. Eine davon betrifft unmittelbar die bisherige Räumungspolitik: Die Strategie, dauerhafte Ansiedlungen zu verhindern, soll beendet werden. Stattdessen empfiehlt Faucillon kleinere, dezentrale Unterkünfte entlang der Küste. Dort sollen die Menschen Schutz finden, medizinisch versorgt werden und Zugang zu Beratung und ihren Rechten erhalten.
Weitere Vorschläge betreffen eine bessere Versorgung und besondere Schutzangebote für Frauen und unbegleitete Minderjährige. Auch sichere und legale Möglichkeiten zur Einreise nach Großbritannien spielen eine Rolle.
Die Empfehlungen sind führten bislang zu keiner Neuausrichtung der französischen Regierung. Die Behörden halten weiterhin an ihrem bisherigen Vorgehen fest und verweisen auf Sicherheitsrisiken und die Gefahr, dass größere Camps erneut entstehen könnten. (mig) Aktuell Ausland
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