
Irritierende Bilder
IOM zeigt singende, tanzende, „freiwillige“ Rückkehrer
Die Internationale Organisation für Migration präsentiert die Rückkehr von Geflüchteten in ihre Herkunftsländer als Neuanfang. Doch hinter den Erfolgsgeschichten stehen oft andere Geschichten. Eine Spur führt zu europäischen Millionen.
Donnerstag, 22.10.2026, 16:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 22.10.2026, 16:34 Uhr Lesedauer: 9 Minuten |
145 Menschen, ein Flugzeug, eine Reise von Kairo nach Conakry. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) hat den Rückflug guineischer Staatsangehöriger organisiert und ein Video darüber veröffentlicht. Darin sind Frauen im Flugzeug zu sehen, die lachend, singend und tanzend zurückgebracht werden – vermutlich in das Land, aus dem sie einst geflohen sind. Und es sind lächelnde und lachende Kinder zu sehen, die sich herzlich umarmen. Die Bilder könnten von einem Ferienresort stammen, in die Urlauber fliegen. Die Botschaft dazu lautet: „Safe return. Dignified support.“ Sichere Rückkehr, würdevolle Unterstützung. Die Menschen seien freiwillig zurückgekehrt und würden Hilfe erhalten, um sich in ihrer Heimat ein neues Leben aufzubauen.
Es ist die Art von Geschichte, die die IOM gerne erzählt: Menschen verlassen eine schwierige Situation, reisen sicher in ihr Herkunftsland und bekommen die Chance auf einen Neuanfang. Die Organisation dokumentiert solche Rückkehraktionen mit Videos, veröffentlicht persönliche Erfolgsgeschichten und berichtet über Menschen, die nach ihrer Rückkehr wieder Fuß gefasst haben.
Doch zwischen einer gelungenen Heimreise und einem gelungenen Neuanfang liegt mitunter eine erhebliche Lücke. Denn während sich ein organisierter Rückflug mit Bildern und Zahlen dokumentieren lässt, ist die Frage, was aus den Menschen Monate später wird, wesentlich schwieriger zu beantworten.
Wie groß dieser Unterschied sein kann, zeigt eine Recherche der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) in Guinea und Gambia. Die Reporter trafen dort Menschen, die ebenfalls mit Unterstützung der IOM zurückgekehrt waren. Einige von ihnen warteten noch Monate nach ihrer Ankunft auf zugesagte Hilfen. Andere berichteten von Schulden, psychischen Belastungen und der Scham, mit leeren Händen zu ihren Familien zurückgekehrt zu sein.
Es sind andere Menschen als die Passagiere des Flugs von Kairo nach Conakry. Doch ihre Erfahrungen werfen eine Frage auf, die in den positiven Rückkehrgeschichten der IOM leicht in den Hintergrund gerät: Was geschieht eigentlich, wenn die Rückreise beendet ist?
Zurückgekehrt, aber ohne Perspektive
Einer der Menschen, die AP im September 2025 in Guinea traf, ist Oumar Bella Diallo. Der damals 24-Jährige hatte fast ein Jahr lang versucht, Europa zu erreichen. Auf seiner Reise durch mehrere afrikanische Staaten erlebte er nach eigenen Angaben Gewalt, Betrug und lebensgefährliche Situationen. Er berichtete von Menschen, die unterwegs an Hunger und Erschöpfung starben. Schließlich gab er seinen Plan auf.
Im Juli 2025 kehrte er mit Hilfe der IOM nach Guinea zurück. Dort wollte er sich mit einem eigenen kleinen Geschäft eine Existenz aufbauen. Doch nach seinen Angaben erhielt er lediglich eine Telefonnummer für einen Berater und einen fünftägigen Vorbereitungskurs. Auch die erbetene medizinische Unterstützung für seinen auf der Flucht verletzten Fuß sei ausgeblieben. Bei seinen Nachfragen habe es immer wieder geheißen, er müsse warten.
Diallo ist kein Einzelfall innerhalb der AP-Recherche. Die Nachrichtenagentur sprach mit sieben Rückkehrenden in Guinea und Gambia. Zudem erhielt sie Einblick in eine WhatsApp-Gruppe mit mehr als 50 Mitgliedern, die sich wegen ihrer Unzufriedenheit mit der IOM zusammengeschlossen hatten.
Hinzu kommt ein Problem, das auf keinem Flughafen gelöst werden kann: Viele Menschen haben für ihren Weg nach Europa erhebliche Summen aufgebracht, häufig mit Unterstützung ihrer Angehörigen. Wer ohne Einkommen zurückkehrt, steht deshalb nicht selten unter dem Druck, die Erwartungen der Familie enttäuscht zu haben.
Wie freiwillig ist eine Rückkehr ohne Alternative?
Die IOM ist eine mit den Vereinten Nationen verbundene Organisation. Sie unterstützt Migranten unter anderem bei einer sogenannten freiwilligen Rückkehr in ihre Herkunftsländer. Dazu organisiert sie Reisedokumente, medizinische Betreuung und Transportmöglichkeiten. Je nach Programm und persönlicher Situation kommen Hilfen für die Wiedereingliederung hinzu, etwa Weiterbildungen, Unterstützung bei einer Unternehmensgründung oder psychosoziale Beratung.
Eine solche Rückkehr ist rechtlich und organisatorisch nicht mit einer staatlich zwangsweise durchgesetzten Abschiebung gleichzusetzen. Die Betroffenen erklären sich mit ihrer Rückreise einverstanden. Für Menschen, die in einem Transitland unter gefährlichen Bedingungen festsitzen, kann das Angebot tatsächlich eine wichtige Möglichkeit sein, sich in Sicherheit zu bringen. Doch wie frei ist diese Entscheidung?
In einer aktuellen Recherche von Human Rights Watch (HRW) wird dokumentiert, wie ein nach Kamerun überstellter Äthiopier wiederholt Rückkehrangebote der IOM erhielt, obwohl er nach eigenen Angaben eine Rückkehr aus Angst um sein Leben ablehnte. HRW fordert ausdrücklich, die IOM dürfe Rückkehr unter solchen Zwangsbedingungen nicht als freiwillig unterstützen.
Nach den eigenen Leitlinien der IOM setzt Freiwilligkeit voraus, dass Menschen ohne körperlichen oder psychischen Druck entscheiden können und ausreichend über ihre Möglichkeiten informiert sind. Gerade in nordafrikanischen Transitstaaten ist fraglich, ob diese Voraussetzungen immer gegeben sind. Besonders deutlich zeigt sich das in Tunesien.
Dort dokumentieren Menschenrechtsorganisationen seit Jahren rassistische Gewalt, willkürliche Festnahmen und Übergriffe auf Geflüchtete und Migranten aus anderen afrikanischen Ländern. Amnesty International berichtete im November 2025 über kollektive Abschiebungen in die Grenzgebiete zu Libyen und Algerien. Betroffene seien dort teilweise ohne Nahrung und Wasser zurückgelassen worden. Die Organisation dokumentierte außerdem Folter, sexualisierte Gewalt und rassistisch motivierte Festnahmen durch Sicherheitskräfte.
Im Juli 2026 warnte Amnesty erneut vor einer dramatischen Verschlechterung der Lage. Menschen, die Schutz suchen, könnten in Tunesien kaum noch auf ein funktionierendes Asylverfahren zurückgreifen. Hilfsorganisationen würden zunehmend an ihrer Arbeit gehindert.
Unter solchen Bedingungen kann eine organisierte Rückreise der einzige erkennbare Ausweg sein. Die Zustimmung zum Rückflug bedeutet dann nicht zwangsläufig, dass jemand aus freien Stücken in sein Herkunftsland zurückkehren möchte. Sie kann auch Ausdruck einer Situation sein, in der andere Möglichkeiten versperrt sind.
Tausende Rückreisen – und Millionen aus Europa
Die Dimension der Programme ist erheblich. Allein aus Tunesien unterstützte die IOM im Jahr 2025 nach eigenen Angaben die Rückkehr von 8.853 Menschen in ihre Herkunftsländer. Das waren 28 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Organisation berichtete von 22 Charterflügen und 368 Flügen im regulären Linienverkehr.
Für die IOM sind solche Zahlen ein Nachweis ihrer Arbeit. Doch sie sagen zunächst nur aus, wie viele Menschen bei ihrer Rückkehr unterstützt wurden. Wie viele von ihnen sich tatsächlich freiwillig entschieden haben, wie viele die versprochene Unterstützung erhielten und wie viele sich langfristig eine Lebensgrundlage aufbauen konnten, lässt sich daraus nicht ablesen.
Die Europäische Union spielt bei diesen Programmen eine wichtige Rolle. Sie unterstützt die IOM seit Jahren mit erheblichen finanziellen Mitteln. Für das von August 2022 bis März 2025 angelegte Programm zum Schutz, zur Rückkehr und Wiedereingliederung von Migranten in Subsahara-Afrika stellte die EU nach Angaben der Europäischen Kommission 330 Millionen Euro bereit.
Das Programm soll Menschen helfen, die auf gefährlichen Migrationsrouten gestrandet sind. Es finanziert Schutzmaßnahmen, Rückkehrhilfe und die Wiedereingliederung in den Herkunftsländern.
Solche Rückkehrprogramme sind Teil einer europäischen Migrationspolitik, die verstärkt darauf ausgerichtet ist, irreguläre Migration nach Europa zu begrenzen und Rückführungen zu erleichtern. Die EU zahlt dafür auch Millionen an nordafrikanische Staaten, damit sie ihre Grenzen schließen und so Geflüchtete an der Weiterfahrt Richtung Europa aufhalten.
Dass diese Zusammenarbeit erhebliche menschenrechtliche Risiken birgt, kritisierten im Juli 2026 46 Menschenrechts- und Hilfsorganisationen in einer gemeinsamen Erklärung. Sie warnten, die EU trage durch ihre Unterstützung der tunesischen Migrationskontrolle dazu bei, ein System aufrechtzuerhalten, in dem Geflüchtete und Migranten schweren Rechtsverletzungen ausgesetzt seien.
Die IOM verweist auf ihre Hilfen
Die IOM weist die Darstellung zurück, ihre Programme ließen Rückkehrende grundsätzlich im Stich. Gegenüber AP erklärte ein Vertreter ihres Regionalbüros für Westafrika, mehr als 90.000 Menschen hätten im Rahmen des untersuchten Programms mit der Wiedereingliederung begonnen, 60.000 hätten den entsprechenden Prozess abgeschlossen.
Die Unterstützung werde auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten und könne von medizinischer Versorgung über berufliche Qualifizierung bis zu Zuschüssen für eine Unternehmensgründung reichen.
Zu den von AP geschilderten Problemen erklärte die Organisation, sie nehme solche Berichte ernst und sei bereit, den Fällen nachzugehen. Verzögerungen könnten unter anderem durch eine hohe Zahl von Hilfesuchenden oder fehlende Unterlagen entstehen. Medizinische Unterstützung sei zudem nicht in jedem Fall garantiert.
Der Europäische Rechnungshof stellte 2024 bei seiner Prüfung des EU-Treuhandfonds für Afrika fest, dass die erfassten Projektergebnisse teilweise ungenau oder überhöht waren. Außerdem ließen die bestehenden Kontrollsysteme nur eingeschränkt erkennen, ob die erzielten Verbesserungen dauerhaft Bestand hatten.
Gerade bei der Rückkehr von Menschen ist die Nachhaltigkeit einer Maßnahme entscheidend. Ein organisierter Flug, eine Beratung oder die Teilnahme an einer Schulung sind dokumentierbare Maßnahmen. Ob ein Mensch davon dauerhaft leben kann, psychisch stabil wird und wieder gesellschaftlichen Anschluss findet, steht auf einem anderen Blatt.
Eine Erfolgsgeschichte mit blinden Flecken
Vor diesem Hintergrund erhält die Öffentlichkeitsarbeit der IOM eine besondere Bedeutung. Auf ihren Internetseiten und in sozialen Medien veröffentlicht sie Porträts von Rückkehrenden, die eine Ausbildung beginnen, ein Geschäft eröffnen oder wieder mit ihren Familien zusammenleben. Solche Geschichten können authentisch sein und wichtige Erfolge dokumentieren.
Problematisch wird diese Darstellung dort, wo ausgewählte Erfolgsgeschichten den Eindruck vermitteln, sie seien typisch für die Rückkehr insgesamt. Denn eine öffentliche Erzählung, in der vor allem glückliche Ankünfte und gelungene Neuanfänge vorkommen, bildet die Schwierigkeiten und möglichen Fehlschläge nur unvollständig ab. Schließlich entscheidet die Organisation, welche Geschichten sie auswählt und welche Ausschnitte der Wirklichkeit sie damit sichtbar macht.
Für eine Organisation, die umfangreiche öffentliche Mittel erhält und deren Tätigkeit eng mit politischen Zielen verbunden ist, ist das mehr als eine Frage guter Öffentlichkeitsarbeit. Ihre Erfolgsgeschichten beeinflussen auch, wie Rückkehrprogramme von Geldgebern und Öffentlichkeit wahrgenommen werden.
Umso wichtiger wäre eine transparente Darstellung nicht nur der organisierten Rückreisen, sondern auch der Schwierigkeiten danach: Wie viele Menschen warten auf zugesagte Unterstützung? Wie viele brechen ihre Wiedereingliederungsprogramme ab? Wie wird überprüft, ob eine Rückkehr unter den jeweiligen Umständen tatsächlich freiwillig erfolgte? Und was geschieht, wenn die versprochene wirtschaftliche Perspektive ausbleibt?
Die Bilder eines Rückkehrflugs können zeigen, dass Menschen sicher angekommen sind. Ob sie dort auch wieder ein selbstbestimmtes Leben führen können, entscheidet sich erst danach.
Für Oumar Bella Diallo in Guinea war die Landung jedenfalls nicht das Ende seiner Schwierigkeiten. Als die Reporter von AP ihn Monate nach seiner Rückkehr besuchten, wartete er noch immer auf wesentliche Teile der erhofften Hilfe.
Die Reise war beendet. Der versprochene Neuanfang stand noch aus. (mig) Leitartikel Panorama
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