Dnjepropetrowsk, Stadt, Geschichte, Historie, Ukraine
Alte Aufnahmen der Stadt Dnjepropetrowsk © Alexander Volok @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

1945

„Ein zum Himmel schreiendes Unrecht“

1945 deportierten sowjetisch-rumänische Patrouillen bis zu 80.000 deutschstämmige Menschen aus Siebenbürgen in sowjetische Arbeitslager. Sie sollten für die Verbrechen der Nazis büßen. Vor 25 Jahren entschuldigte sich der rumänische Außenminister.

Von Donnerstag, 28.04.2022, 15:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 28.04.2022, 13:51 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Es ist bitterkalt am 13. Januar 1945, als Militär und Polizei die Zufahrten rumänischer Ortschaften abriegeln. Mit vorbereiteten Listen ziehen rumänisch-sowjetische Patrouillen von Haus zu Haus. „Meine Mutter war 18 Jahre alt, als Soldaten sie aus ihrem Haus abholten“, erzählt Ilse Beer. Wie viele der Deutschstämmigen in Siebenbürgen ist die Hermannstädterin nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Deutschland ausgewandert und lebt heute in Heilbronn.

Die Kindheit der 1956 geborenen Frau war von den Deportationserlebnissen der Mutter geprägt. „Wir haben damals unweit des Bahnhofs gewohnt. Jedes Mal, wenn ein Zug vorbeifuhr, ist sie zusammengezuckt. Sie hatte große Angst, dass sie ein weiteres Mal verschleppt werden könnte“, sagt Beer. Nach den Schilderungen ihrer Mutter wurden die Menschen in Viehwaggons gepfercht, einer neben dem anderen stehend. Zwei Wochen dauerte die Fahrt bis nach Dnjepropetrowsk (heute: Dnipro) im Südosten der Ukraine.

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Die UdSSR verschleppt zwischen 70.000 und 80.000 deutschstämmige Frauen und Männer aus Rumänien in den Ural, den Kaukasus und den Donbass. Fünf Jahre lang müssen sie Zwangsarbeit im Bergbau, in der Industrie oder der Landwirtschaft leisten. Es geht um Reparationsleistungen für den Zweiten Weltkrieg. Überall gibt es Wanzen, Flöhe und Ratten, zu essen oft nur eine Suppe aus gekochten Kartoffelschalen. Schätzungsweise zwölf Prozent der Deportierten sterben aufgrund von Hunger, Kälte und Krankheit.

Kein Raum für Aufarbeitung

Wegen der Kälte sei die Mutter an einer Mittelohrentzündung erkrankt, berichtet Ilse Beer. „Ihr floss Eiter aus den Ohren, aufgrund der Schmerzen hat sie die ganze Zeit geschrien.“ Die Lageraufsicht habe ihr daraufhin den Mund zugebunden. „Sie kam hörgeschädigt zurück. In der Familie mussten immer alle schreien.“ Unter dem Trauma der Deportation habe die Mutter bis zu ihrem Tod im Jahr 2013 gelitten.

Das Thema sei auch heute in den Familien nicht umfassend aufgearbeitet, bestätigt Angelika Beer. Sie wurde Anfang April in Malmkrog zur Pfarrerin der Evangelischen Kirche in Rumänien (EKR) ordiniert, stammt wie Ilse Beer aus dem siebenbürgischen Neppendorf, einem Stadtteil von Hermannstadt, aber die beiden sind nicht näher miteinander verwandt. „Für die Aufarbeitung hat es damals keinen Raum gegeben“, sagt sie. Die Generation der Kinder habe trotzdem gespürt, dass mit den Eltern etwas nicht in Ordnung war, etwa bei „Wutausbrüchen, wenn ein Kind mal einen Brotkrümel nicht aufgegessen hat“.

Traumata kommen im Alter hoch

„Das Typische für Kriegskinder und deren Kinder ist, dass sie hinterher sagen, ‚das war alles nicht so schlimm“, sagt Pfarrerin Birgit Hamrich mit Verweis auf die Autorin Sabine Bode („Die vergessene Generation“, „Kriegsenkel“). „Das ist eine Schutzfunktion. Doch gerade im Alter können unverarbeitete Traumata wieder hochkommen“, sagt sie.

Hamrich ist Referentin für Entwicklung und Partnerschaft am Zentrum Oekumene der beiden evangelischen hessischen Landeskirchen in Frankfurt und stammt ebenfalls aus Siebenbürgen. Gemeinsam mit der kurhessischen Bischöfin Beate Hofmann und Oberlandeskirchenrätin Claudia Brinkmann-Weiß hat sie Anfang April Siebenbürgen und die EKR besucht, mit der die kurhessische Kirche seit 2021 verpartnert ist.

Weitere Formen der Aufarbeitung

Auch Hamrichs Großvater gehörte zu den einst Verschleppten. „Mein Vater war zwei Jahre alt, als sein Vater deportiert wurde und anschließend gestorben ist. Er hat ihn nie kennengelernt“, erzählt sie. Vor zehn Jahren habe der Vater an einer Begegnungsreise in den Donbass teilgenommen. „Hinterher hat er berichtet, dass er sich während einer Andacht dort meinem Großvater sehr nah gefühlt hat“, sagt Hamrich.

Für die Aufarbeitung sei das ein wichtiger Schritt gewesen. Dennoch brauche es auch weitere Formen, beispielsweise auch kirchliche Angebote wie Erzählcafés. Das sieht Angelika Beer ähnlich. Im Jahr 2020, zum 75. Jahrestag der Deportation, hat sie verschiedene Gedenkgottesdienste mitgestaltet. „Healing of memories“ – heilen der Erinnerungen ist ein seelsorgerlich-therapeutischer Ansatz, auf den sie sich bezieht.

Entschuldigung vor 25 Jahren

Am 1. Mai 1997 entschuldigte sich der rumänische Außenminister Adrian Severin beim damaligen deutschen Außenminister Klaus Kinkel (FDP) für die Deportation. 2013 verabschiedete das Parlament in Bukarest ein Gesetz über Entschädigungszahlungen für die damals Deportierten, das 2020 auch auf deren Kinder ausgeweitet wurde.

„Dieses zum Himmel schreiende Unrecht ist mit Geld nicht wieder gutzumachen“, sagt Birgit Hamrich. Die Entschädigungen wertet sie als eine „späte und symbolische, zugleich aber auch wichtige Anerkennung“ des Geschehenen. Auch Ilse Beer hat den Bescheid über ihre Leistungen mittlerweile erhalten. „Natürlich ist das eine Art Genugtuung. Aber ich selbst kann mich an dem Geld nicht freuen. Am liebsten würde ich es den Menschen geben, die gerade vor dem Krieg in der Ukraine flüchten.“ (epd/mig)

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