
Rias-Studie
Antisemitismus: Fokus auf Muslime trifft auf 1,8 Prozent
Islamistischer Antisemitismus sorgt seit Jahren für politische Aufmerksamkeit. Eine neue Rias-Auswertung zeigt: von mehr als 31.000 dokumentierten antisemitischen Vorfällen lediglich 1,8 Prozent einem islamistischen Hintergrund zugeordnet. Rias spricht von einem „vergleichsweise geringen“ Anteil.
Mittwoch, 30.09.2026, 18:26 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 30.09.2026, 18:26 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
In der Debatte über Antisemitismus in Deutschland richtet sich der Blick seit dem 7. Oktober 2023 verstärkt auf Musliminnen und Muslime sowie islamistische Milieus. Eine neue Auswertung des Bundesverbands der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) zeigt nun: Von mehr als 31.000 zwischen 2019 und 2025 dokumentierten antisemitischen Vorfällen konnten 564 eindeutig einem islamischen oder islamistischen Hintergrund zugeordnet werden. Das entspricht 1,8 Prozent.
Rias selbst bezeichnet den Anteil als „vergleichsweise gering“. Von den Fällen, bei denen überhaupt ein politisch-weltanschaulicher Hintergrund bestimmt werden konnte, entfielen vier Prozent auf die von Rias verwendete Kategorie „islamisch/islamistisch“. Bei mehr als der Hälfte aller 31.213 erfassten Vorfälle – 54,9 Prozent – blieb der Hintergrund unbekannt. Gründe dafür sind nach Angaben von Rias unter anderem unbekannte Täter bei Schmierereien und Sachbeschädigungen sowie anonyme Äußerungen im Internet.
Die Kategorie beschreibt dabei nicht die Religionszugehörigkeit eines Täters. Rias nimmt diese Zuordnung vor, wenn sich anhand des Vorfalls, seines Kontextes oder verwendeter islamischer Glaubensinhalte und Symboliken ein Bezug zum Islam oder Islamismus erkennen lässt. Religiöse und ausdrücklich islamistische Bezüge werden dabei gemeinsam erfasst, weil sie sich nach Angaben der Meldestelle häufig nicht eindeutig voneinander trennen lassen.
Rechtsextremer Hintergrund deutlich häufiger
Andere politisch-weltanschauliche Hintergründe wurden wesentlich häufiger festgestellt. 5.445 Fälle oder 17,4 Prozent ordnete Rias dem „antiisraelischen Aktivismus“ zu, 3.662 Fälle oder 11,7 Prozent einem rechtsextremen Hintergrund. Hinzu kamen 2.072 verschwörungsideologische und 1.127 links-antiimperialistische Fälle.
Bei den 564 von Rias der Kategorie „islamisch/islamistisch“ zugeordneten Vorfällen fällt dagegen der vergleichsweise hohe Anteil von Gewalt und Gewaltandrohungen auf. 85 der 564 Fälle waren Bedrohungen, Angriffe oder Fälle extremer Gewalt. Das entspricht 15,1 Prozent. Über alle dokumentierten antisemitischen Vorfälle hinweg lag dieser Anteil bei 6,1 Prozent.
Seit dem Terrorangriff der Hamas und anderer Gruppen auf Israel am 7. Oktober 2023 stieg die Zahl dieser Vorfälle stark an. Von den 564 Vorfällen des gesamten Untersuchungszeitraums wurden 447 zwischen dem 7. Oktober 2023 und Ende 2025 erfasst. Von Anfang 2019 bis zum 6. Oktober 2023 waren es 117.
Auf den Hamas-Angriff reagierte Israel mit einer großangelegten Militäroffensive im Gazastreifen. Seitdem wurden mehr als 73.000 Palästinenser getötet, darunter zahlreiche Zivilisten. Gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu besteht seit November 2024 ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH). Das Gericht wirft ihm mutmaßliche Verantwortung für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor.
Antisemitische Einstellungen kaum verändert
Ein ähnlicher Anstieg zeigt sich jedoch nicht bei antisemitischen Einstellungen unter Musliminnen und Muslimen. Eine ebenfalls in der Rias-Publikation vorgestellte Untersuchung der Wissenschaftlerin Sarah Demmrich basiert auf einer Befragung von 1.887 Musliminnen und Muslimen mit Migrationshintergrund zwischen Juli 2023 und April 2024.
Beim sogenannten tradierten Antisemitismus stieg die starke Zustimmung nach dem 7. Oktober von 29,6 auf 34,8 Prozent. Beim israelbezogenen Antisemitismus ging sie von 23,0 auf 18,7 Prozent zurück. Insgesamt seien die Veränderungen gering und nur schwach statistisch signifikant, heißt es in der Untersuchung.
Stärker geworden sei allerdings der Zusammenhang zwischen antisemitischen Einstellungen und radikalen Haltungen. Dazu zählen religiöser Fundamentalismus, Sympathien für islamistische Akteure sowie die Akzeptanz von Gewalt und Terror. Die Studie erklärt die gestiegene Wahrnehmung von Antisemitismus unter Musliminnen und Muslimen deshalb weniger mit einer Zunahme entsprechender Einstellungen als mit einer stärkeren öffentlichen Artikulation.
Israelbezug bei Mehrheit der Fälle
Eine besondere Rolle spielt in der Auswertung der sogenannte israelbezogene Antisemitismus. Von den 564 der Kategorie „islamisch/islamistisch“ zugeordneten Vorfällen rechnete Rias 79,8 Prozent auch dem israelbezogenen Antisemitismus zu. Über alle von Rias registrierten antisemitischen Vorfälle hinweg waren es 52,9 Prozent. Ein Vorfall kann dabei mehreren Erscheinungsformen gleichzeitig zugeordnet werden.
Die Abgrenzung zwischen Israelkritik, Antizionismus und Antisemitismus ist allerdings nicht einheitlich. Rias orientiert sich bei seiner Dokumentation an der Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Andere Ansätze wie die „Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus“ ziehen die Grenze teilweise anders. Sie bewertet etwa die Ablehnung des Zionismus, die Unterstützung anderer staatlicher Modelle für Israel und die palästinensischen Gebiete oder bestimmte Vergleiche mit Kolonialismus und Apartheid nicht für sich genommen als antisemitisch.
Wie viele der von Rias als israelbezogener Antisemitismus erfassten Vorfälle bei Anwendung einer solchen Definition anders bewertet würden, lässt sich anhand der veröffentlichten Zahlen nicht feststellen.
Rias weist zudem darauf hin, dass die eigenen Zahlen nicht repräsentativ sind. Die Meldestellen erfassten nur einen Teil des tatsächlichen Geschehens; von einer hohen Dunkelziffer sei auszugehen. Aus den Daten lasse sich daher nicht ableiten, wie viele Menschen in Deutschland antisemitisch denken oder handeln. (mig) Aktuell Panorama
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