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Antisemitismus © MiG

Jahresbericht

Mehr als 1.900 antisemitische Vorfälle 2020 in Deutschland

Die Corona-Pandemie hat die Zahl antisemitischer Vorfälle 2020 deutlich ansteigen lassen. Recherche- und Meldestellen registrierten rund 450 Fälle mehr als im Vorjahr. Sie gehen weiter von einer hohen Dunkelziffer aus.

Dienstag, 29.06.2021, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 28.06.2021, 15:04 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

Die Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) haben im vergangenen Jahr deutlich mehr antisemitische Vorfälle erfasst. Mit bundesweit 1.909 Vorfällen 2020 waren es rund 450 mehr als im Vorjahr, wie der Geschäftsführende Vorstand des Bundesverbands Rias, Benjamin Steinitz, am Montag in Berlin bei der Vorstellung der Zahlen sagte. Mehr als ein Viertel (489) der Taten hatte einen direkten Bezug zur Corona-Pandemie.

Auf Demonstrationen und Kundgebungen gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen registrierte Rias 284 Fälle, bei denen in Reden, auf Schildern oder auf der Kleidung antisemitische Stereotype verbreitet wurden. Die Corona-Krise habe zu einer bedrohlichen Normalisierung von Antisemitismus geführt, sagte Steinitz: „Juden und Jüdinnen wurden öffentlich zu Sündenböcken gemacht, Politiker, die für die Schutzmaßnahmen eintraten, wurden als jüdisch markiert.“

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Anstieg in Bayern um 30 Prozent

Regelmäßig wurde von Demonstranten auch die Schoah bagatellisiert. So wurde auf einer Kundgebung in Bamberg die Corona-Krise als ein „Holocaust 2.0.“ bezeichnet. Dazu kam eine sogenannte Selbst-Viktimisierung von Corona-Kritikern, indem sie sich mit den Opfern der nationalsozialistischen Judenverfolgung verglichen.

Drei der vier landesweiten Rias-Meldestellen, die sich im vergangenen Jahr an der bundesweiten Dokumentation beteiligten, registrierten laut Steinitz mehr antisemitische Vorfälle als im Jahr zuvor. In Bayern wurden 30 Prozent, in Berlin 13 Prozent und in Brandenburg drei Prozent mehr Vorfälle dokumentiert. Lediglich in Schleswig-Holstein konnte ein leichter Rückgang um fünf Prozent verzeichnet werden.

Meiste Vorfälle in Berlin

Die meisten gemeldeten Vorfälle gab es mit 1.000 in Berlin, wo das Netzwerk bereits seit 2015 aktiv ist. Aus Bayern wurden 239, aus Brandenburg 141 und aus Schleswig-Holstein 53 gemeldet. Auch Vorfälle aus anderen Bundesländern wurden erfasst, allerdings nicht systematisch, weil Rias derzeit noch nicht flächendeckend im Bundesgebiet vertreten ist. Vorstand Steinitz geht deshalb auch von einer hohen Dunkelziffer aus.

Konkret verzeichneten die Meldestellen im vergangenen Jahr 1.449 Fälle von sogenanntem verletzenden Verhalten. Dazu gehören Beschimpfungen, aber auch judenfeindliche Plakate und Aufkleber. Zudem registrierten die Meldestellen 167 Sachbeschädigungen, 157 antisemitische Massenzuschriften, 96 Bedrohungen und 39 Angriffe. Die brutalste Attacke war am 4. Oktober 2020 der Angriff mit einem Spaten auf einen 26-jährigen Studenten vor der Synagoge in Hamburg-Eimsbüttel.

Oft kein eindeutiger politischer Hintergrund

Von den Vorfällen waren 677 Personen und 679 Mal Institutionen direkt betroffen. Bei der Hälfte (52 Prozent) konnte kein eindeutiger politischer Hintergrund zugeordnet werden. Ein Viertel der Taten kam aus dem rechtsextremen und rechten Spektrum, 13 Prozent stammten aus dem verschwörungsideologischen Milieu.

Eine geringere Rolle spielte 2020 der sogenannte israelbezogene Antisemitismus. Das sei aber nur eine Momentaufnahme gewesen, sagte Steinitz. So zählte Rias während des Gaza-Konfliktes in Frühjahr dieses Jahres mehr als 250 Vorfälle allein zwischen dem 9. und 24. Mai. Dazu zählten Bedrohungen und Sachbeschädigungen. (epd/mig)

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