
Zweierlei Gewalt
Generalverdacht, Einzelfallkunde und Assoziationskette
Der Zehn-Punkte-Plan der Bundesregierung reicht von Terrorabwehr bis zu härteren Strafen für gefährliche Messerangriffe. Über politische Reaktionen und gesellschaftliche Bilder – und was die Forschung dazu sagt.
Von Birol Kocaman Mittwoch, 16.09.2026, 16:15 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 16.09.2026, 16:30 Uhr Lesedauer: 7 Minuten |
Ein „Islamist“ fährt beim Berliner Christopher Street Day (CSD) in eine Menschenmenge, tötet eine Frau und verletzt mehr als 30 Menschen. Eine grauenvolle Untat. Keine zwei Monate später reagiert die Bundesregierung darauf mit einem Zehn-Punkte-Plan. Er soll den Schutz vor „islamistischem“ Terror verbessern, Gefährder stärker überwachen, Informationslücken schließen, Bewährungsentscheidungen verschärfen. Und: Besonders gefährliche Messerangriffe sollen künftig härter bestraft werden.
Moment. Messer?
Der Anschlag von Berlin wurde mit einem Auto verübt. Trotzdem dient er nun auch als politischer Anlass für eine allgemeine Verschärfung des Strafrechts bei Messerangriffen. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) weiß um diesen Sprung. „Natürlich geht es hier nicht um Messerangriffe, die ausschließlich einen ‚islamistischen‘ terroristischen Hintergrund haben“, sagte er bei der Vorstellung des Maßnahmenpakets am Mittwoch in Berlin.
Eben. Aber da war Drops schon gelutscht. „Zehn Maßnahmen für Schutz gegen islamistischen Terror“ titelte die Deutsche Presse-Agentur.
An diesem Punkt lohnt es sich, nicht nur über die geplanten Gesetze nachzudenken, sondern über die Geschichte, die wir mit ihnen erzählen.
„Der Islamist hier, der arme Kerl da.“
Denn sobald ein „Islamist“ mordet, bleibt seine Tat selten die Tat eines Einzelnen. Sie wird zum Beleg für ein größeres Problem. Dann geht es um „Islamismus“, um Migration, um Integration, um Asylpolitik, um Abschiebungen, um innere Sicherheit. Eine Tat bekommt einen gesellschaftlichen Resonanzraum, der weit über den Täter hinausreicht.
Wenn dagegen ein deutscher Täter Menschen tötet, verengt sich der Blick auffällig oft. Dann geht es um seine Psyche. Seinen Lebensweg. Seine persönliche Krise. Um einen Amokfahrer, einen psychisch Kranken, einen Einzelnen. Es wird im persönlichen Umfeld und in seiner Biografie gesucht und ergründet, wie er sich zu so einer Tat hinreißen lassen konnte, welche Faktoren ihn radikalisiert haben, ihn zum Extremismus getrieben haben – den armen Kerl.
Wie groß die Resonanz sein kann, zeigte sich im vergangenen Jahr beinahe wie in einem gesellschaftlichen Versuchslabor.
Am 13. Februar 2025 steuerte ein 24-jähriger Afghane in München sein Auto gezielt in einen Demonstrationszug. Eine Mutter und ihre zweijährige Tochter starben, Dutzende Menschen wurden verletzt. Die Ermittler gehen von einer „islamistischen“ Motivation aus.
Keine drei Wochen später raste ein 40-jähriger Deutscher in Mannheim mit einem Auto durch die Innenstadt. Wieder starben zwei Menschen, weitere wurden verletzt. Die Ermittler fanden keinen politischen oder religiösen Hintergrund, wohl aber Hinweise auf eine psychische Erkrankung.
„Zwei Autos. Zwei Menschenmengen. Je zwei Tote. Und doch zwei sehr verschiedene öffentliche Ereignisse.“
Zwei Autos. Zwei Menschenmengen. Je zwei Tote. Wenige Wochen Abstand. Und doch zwei sehr verschiedene öffentliche Ereignisse. Eine Medienauswertung zählte 951 Beiträge über München, aber nur 486 über Mannheim – nicht einmal halb so viele.
Natürlich sind zwei Taten niemals vollkommen gleich. Nachrichtenwert lässt sich nicht mit dem Lineal vermessen. Zeitpunkt, politische Lage, Motiv, Ermittlungsstand und viele andere Faktoren spielen eine Rolle. Aber München und Mannheim passen in ein größeres Muster.
Der Medienforscher Thomas Hestermann untersucht seit Jahren, wie deutsche Leitmedien über Gewaltkriminalität berichten. Für 2025 kam seine Untersuchung zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Wenn Fernsehsender die Herkunft eines Tatverdächtigen nannten, handelte es sich in 94,6 Prozent der Fälle um einen ausländischen Tatverdächtigen. Bei Zeitungen waren es 90,8 Prozent.
In der Polizeistatistik lag der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger bei der Gewaltkriminalität dagegen bei 34,4 Prozent.
Besonders auffällig: Rund 70 Prozent der in diesen Medienberichten genannten ausländischen Tatverdächtigen stammten aus überwiegend muslimisch geprägten Ländern. In der zum Vergleich herangezogenen Kriminalstatistik lag der entsprechende Anteil bei 15,8 Prozent.
„Wer seine Vorstellung von Kriminalität hauptsächlich aus Nachrichten gewinnt, sieht sieht eine Auswahl.“
Wer seine Vorstellung von Kriminalität hauptsächlich aus Nachrichten gewinnt, sieht also nicht einfach die Polizeistatistik in bewegten Bildern. Er sieht eine Auswahl. Und Auswahl schafft Wirklichkeit.
Das heißt nicht, dass Medien ausländische Tatverdächtige verschweigen sollten. Selbstverständlich nicht. Herkunft kann für eine Tat relevant sein. Und das Motiv sollte auch benannt werden. Wer aus religiösem Extremismus heraus mordet, darf journalistisch nicht zu einem beliebigen „Einzeltäter“ entpolitisiert werden. Zur Schieflage kommt es aber, wenn aus Ismail ein „Islamist“ wird und aus „Christian“ ein aus religiösen Wahnvorstellungen getriebener Geisteskranker.
Aber: Warum funktioniert dieser Mechanismus so oft in eine Richtung?
Die Politikwissenschaftlerin Teresa Völker hat dafür sieben tödliche „islamistische“ und rechtsextreme Gewalttaten in Deutschland seit 2015 untersucht und mehr als 9.000 Aussagen in der anschließenden öffentlichen Debatte ausgewertet. Ihr Befund: Nach „islamistischen“ Anschlägen bezogen sich besonders viele Aussagen auf Muslime als größere Gruppe und Migration als Sicherheitsproblem. Die ideologische Einordnung der Tat beeinflusste also deutlich, welche gesellschaftlichen Gruppen anschließend ins Blickfeld rückten.
Darin steckt ein gewaltiger Unterschied.
„Denn wer nach einer Tat über einen psychisch Kranken spricht, redet über diesen Mann. Wer über Migration spricht, redet über Millionen.“
Denn wer nach einer Tat über einen psychisch kranken Deutschen spricht, redet über diesen Mann. Wer nach einer Tat über Migration spricht, redet über Millionen Menschen. Und wer nach einer Tat über Islam und Muslime diskutiert, bewegt sich in einem gesellschaftlichen Klima, in dem diese Verbindung längst eingeübt ist.
Eine Untersuchung der Freien Universität Berlin und des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung hat die Islamberichterstattung deutscher Zeitungen aus den Jahren 2014, 2019 und 2021 analysiert. 37 Prozent der Beiträge mit Islambezug handelten von Terrorismus, Krieg oder politischen Konflikten. Muslime selbst kamen vergleichsweise selten zu Wort und erschienen häufig als homogene Gruppe.
Das ist kein Vorwurf an den einzelnen Artikel, verdeutlicht aber das Problem. Ein Journalist kann hundertmal „Islamist“ schreiben und niemals „Muslim“ meinen. Ein Politiker kann hundertmal betonen, der „Islamismus“ dürfe nicht mit dem Islam verwechselt werden. Jeder einzelne Satz kann stimmen.
„Gesellschaftliche Wahrnehmung funktioniert nicht wie ein Wörterbuch. Sie entsteht durch Wiederholung, Nähe und Assoziation.“
Doch gesellschaftliche Wahrnehmung funktioniert nicht wie ein Wörterbuch. Sie entsteht durch Wiederholung, Nähe und Assoziation: Islamismus. Terror. Anschlag. Messer. Migration. Gefährder. Abschiebung. Sicherheit.
Immer wieder.
Niemand muss den Satz „Muslime sind gefährlich“ aussprechen, damit am Ende genau jene gedankliche Verbindung stärker wird, vor der anschließend gewarnt wird.
Dass dies mehr ist als eine Vermutung, zeigen Experimente der Kommunikationsforschung. Versuchspersonen, die Berichte über „islamistischen“ Terror lasen, in denen nicht klar zwischen Terroristen und Muslimen allgemein unterschieden wurde, entwickelten stärkere Terrorängste und negativere Einstellungen gegenüber Muslimen. Eine spätere Untersuchung mit 291 Teilnehmenden bestätigte den grundlegenden Zusammenhang: Undifferenzierte Terrorberichterstattung führte zu feindseligeren Einstellungen und ließ die gedankliche Grenze zwischen Terroristen und Muslimen unschärfer werden.
„Undifferenzierte Berichterstattung ließ die gedankliche Grenze zwischen Terroristen und Muslimen unschärfer werden.“
Der interessanteste Beleg kommt allerdings aus Sachsen. Die „Sächsische Zeitung“ änderte 2016 ihre Berichterstattung. Sie begann, die Herkunft von Tatverdächtigen systematisch zu nennen – also auch dann, wenn diese deutsch waren.
Ökonomen werteten anschließend mehr als 400.000 kriminalitätsbezogene Zeitungsartikel und Befragungsdaten aus. Das Ergebnis: Die Kriminalität deutscher Täter wurde sichtbarer. Gleichzeitig gingen bei den entsprechend erreichten Leserinnen und Lesern die Sorgen über Zuwanderung zurück. Die Forscher erklären dies damit, dass die bis dahin bestehende gedankliche Verbindung zwischen Einwanderung und Kriminalität geschwächt wurde.
Eine bemerkenswerte Gegenprobe. Die Kriminalität hatte sich nicht verändert. Die Täter hatten sich nicht verändert. Verändert hatte sich nur das Bild, das von ihnen sichtbar wurde.
Genau deshalb lohnt sich beim aktuellen Zehn-Punkte-Plan ein zweiter Blick. Es mag gute Gründe geben, gefährliche Messerangriffe härter zu bestrafen. Es mag ebenso gute Gründe geben, bekannte „islamistische“ Gefährder konsequenter zu überwachen und Informationen zwischen Sicherheitsbehörden und Justiz besser auszutauschen.
Doch warum muss ausgerechnet ein „islamistischer“ Anschlag wiederholt den politischen Resonanzboden für eine allgemeine Verschärfung des Strafrechts liefern? Anlässe ohne diesen Spin gab es jedenfalls genug – und viel häufiger. (mig) Meinung
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