
Buchvorstellung
Wie viel Feindschaft hält eine Freundschaft aus?
Die Geschichten führen nach Israel, Palästina, in die Ukraine, die USA und nach Deutschland – Isabel Schayani erzählt in ihrem neuen Buch „Unwahrscheinliche Freundschaften“ von Menschen, die Krieg, politische Gegensätze und persönliche Verluste trennen – und die trotzdem verbunden bleiben.
Von Robert Messer Donnerstag, 20.08.2026, 14:32 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 20.08.2026, 14:34 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Freundschaft endet dort, wo der andere zum Feind wird. Oder etwa doch nicht? Die WDR-Journalistin und „Weltspiegel“-Moderatorin Isabel Schayani geht in ihrem neuen Buch „Unwahrscheinliche Freundschaften“ genau an diese Grenze. Sie erzählt von Menschen, deren Sicht auf die Welt kaum gegensätzlicher sein könnte, die sich auf der vermeintlich falschen Seite befinden – und trotzdem aneinander festhalten und nicht auseinandergehen.
„Können Feinde Freunde werden?“ Diese Frage lässt Schayani nicht los. Sie will wissen, wie viel Nähe und Verständnis möglich sind, wenn politische Überzeugungen weit auseinanderliegen – und wo die Grenze verläuft, an der kein Verzeihen und kein „We agree to disagree“ mehr möglich ist.
In sechs Geschichten sucht Schayani nach Antworten. Sie erzählt von Menschen, die durch Krieg, politische Überzeugungen oder persönliche Schicksalsschläge auf unterschiedlichen Seiten stehen, sich aber dennoch nicht voneinander abwenden. Dabei wird deutlich, wie sehr Konflikte zwischen Staaten, Völkern, Religionen, politischen Lagern ins Persönliche gehen können.
Palästinenser und Israelin gelingt „unwahrscheinliche Freundschaft“
Ihre Suche führt die Journalistin nach Israel und in die palästinensischen Gebiete, in die Ukraine und in die USA. Aber auch in Deutschland geht sie ganz persönlich der Sache auf den Grund. Sie trifft einen AfD-Wähler. Politisch trennen sie Welten, persönlich verstehen sie sich gut, sie lachen miteinander.
Isabel Schayani, Unwahrscheinliche Freundschaften. Sechs Geschichten gegen den Hass, C.H. Beck, 173 Seiten, 18 Euro, ISBN: 978-3-406-85086-8
Besonders eindringlich ist die Geschichte des Palästinensers Yaakob, der seine geliebte Frau Aisha bei einem Anschlag radikaler Siedler verliert. Später lernt er die Israelin Elana kennen. Ausgerechnet zwischen zwei Menschen, die durch einen jahrzehntelangen Konflikt getrennt scheinen, entsteht Nähe – freundschaftliche Nähe. Doch dann kommt der 7. Oktober 2023, der Terrorangriff der Hamas. Elana verliert bei dem Massaker ihren Sohn.
Die Lage in der Region und die Polarisierung der israelischen und palästinensischen Gesellschaft spitzt sich zu. Und auch die Freundschaft von Yaakob und Elana steht vor „Herausforderungen einer schmerzhaften und komplexen Realität“, wie Yaakob es selbst auf den Punkt bringt. Die beiden bleiben aber Freunde, trotz aller extremen Widrigkeiten um sie herum.
Sechs Geschichten regen zum Nachdenken an
Schayani macht daraus keine einfache Versöhnungsgeschichte: Die Gräben bleiben bestehen, genau wie in den fünf anderen Geschichten des Buches, die Nähe aber auch. Gerade deshalb ist die Frage interessant, was eine Beziehung aushalten kann, wenn das Gegenüber plötzlich für eine feindliche Seite steht.
Und darin liegt die Aktualität von Schayanis Buch: In einer zunehmend polarisierten Welt, in der die Gräben immer tiefer werden, Debatten kompromisslos geführt werden, werden politische und gesellschaftliche Konflikte immer häufiger auch zu persönlichen. Fast jeder kennt die Frage aus dem Privaten: Hält unsere Freundschaft die politischen Differenzen aus?
Das Buch regt deswegen zum Nachdenken an. Denn in den Geschichten geht es nicht darum, wie Feindschaft verschwindet, sondern vielmehr, wie Menschen lernen können, trotz gegensätzlicher Standpunkte miteinander im Gespräch zu bleiben und sich nah zu sein.
Und so wird es am Ende fast ein kleiner Ratgeber: Schayani zählt hilfreiche Tipps für das Gelingen unwahrscheinlicher Freundschaften auf. (dpa/mig) Aktuell Feuilleton
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