Anissa Kirch, MiGZAIN, Oman, Religion, Islam, Muslime
Anissa Kirch © privat, Zeichnung: MiG

Integration in Deutschland

Warum Ankommen nicht allein gelingt

Integration wird in Deutschland oft als Bringschuld von Zugewanderten beschrieben. Dabei gelingt Ankommen erst, wenn Nachbarn, Kollegen und Gesellschaft nicht nur Erwartungen formulieren, sondern im Alltag Zugänge schaffen.

Von Mittwoch, 20.05.2026, 10:07 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 20.05.2026, 10:17 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |  

Wenn in Deutschland über Integration gesprochen wird, drehen sich viele Debatten schnell um Sprache, Anpassung und Werte – und um die Frage, wer sich bemüht und wer nicht. Worüber deutlich seltener gesprochen wird, ist etwas anderes: Wer hilft eigentlich beim Ankommen?

Mir ist diese Frage erst begegnet, als ich selbst im Ausland gelebt habe – im Oman. Ich war aus eigener Entscheidung dort, für einen Job und unter vergleichsweise komfortablen Bedingungen. Nicht, weil ich fliehen musste oder aus wirtschaftlicher Not. Und trotzdem war ich fremd.

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Ich wusste nicht automatisch, wie Dinge funktionieren – weder im Alltag noch im sozialen Miteinander oder in den vielen kleinen Situationen, für die es keine Anleitung gibt. Wie man sich verhält, was angebracht ist und was nicht. Wann eine Einladung ernst gemeint ist, wie Behördengänge ablaufen, welche unausgesprochenen Regeln den Alltag strukturieren.

Dass ich mich dort trotzdem zurechtfinden konnte, lag nicht an besonderer Anpassungsfähigkeit. Es lag vor allem an den Menschen, die mir begegnet sind. An Einheimischen, die mir Dinge erklärt haben, ohne mich bloßzustellen. Die mich eingeladen, mitgenommen und korrigiert haben, wenn ich etwas nicht verstanden habe. Nicht von oben herab, sondern mit einer Selbstverständlichkeit, die vieles leichter gemacht hat.

Ohne diese Menschen hätte ich mich dort nicht integrieren können. Gleichzeitig wäre es zu einfach, Integration allein auf die Offenheit der anderen zurückzuführen. Auch ich selbst hatte Einfluss darauf, wie ich im Oman angekommen bin. Ich hatte mich vor meiner Reise mit grundlegenden kulturellen und religiösen Fragen beschäftigt und glaubte zu wissen, worauf ich achten muss. Im Alltag wurde trotzdem schnell deutlich, wie viel mir noch gefehlt hat.

„In Deutschland wird Integration oft eingefordert, aber im Alltag zu häufig dem Zufall überlassen.“

Genau deshalb irritieren mich viele Debatten über Integration in Deutschland. Sie kreisen um staatliche Maßnahmen und um die Erwartung, dass Menschen, die in ein neues Land kommen, sich anpassen müssen – und vieles idealerweise bereits mitbringen oder schon wissen, bevor sie überhaupt ankommen. Was dabei oft fehlt, ist der Blick auf den Alltag und auf die Rolle derjenigen, die bereits hier leben. Genau dort entscheidet sich aber, ob Ankommen gelingt.

Integration ist kein Automatismus und folgt keinem festen Schema, das man einfach lernen und anwenden kann. Wer in einem neuen Land lebt, muss nicht nur Formulare verstehen und eine Sprache lernen. Er oder sie muss auch soziale Codes entschlüsseln, Unsicherheiten aushalten, Fehler machen dürfen und Zugang zu dem finden, was für andere längst selbstverständlich ist. Genau hier liegt ein Problem: In Deutschland wird Integration oft eingefordert, aber im Alltag zu häufig dem Zufall überlassen.

Natürlich gibt es Integrationskurse, Beratungsstellen, Ehrenamtliche, kommunale Projekte und vielerorts auch Integrationslotsen. Sie bilden eine wichtige Grundlage. Aber es reicht oft nicht aus – gerade dort nicht, wo Strukturen überlastet sind oder persönlicher Kontakt fehlt. Vieles hängt davon ab, ob jemand neue Bekanntschaften macht, einen verständnisvollen Kollegen trifft, eine Nachbarin, die sich auf ein kurzes Gespräch einlässt, oder einen Lehrer, der mitdenkt. Menschen, die erklären, statt nur zu beobachten. Wer solche Menschen nicht trifft, bleibt oft auf sich gestellt.

Dieses Prinzip kennen wir aus anderen Bereichen. Wenn Kinder neu in eine bestehende Klasse kommen, wird ihnen oft gezeigt, wo sie sitzen, wie Abläufe funktionieren und an wen sie sich wenden können. Auch Mitschüler helfen, beantworten Fragen oder teilen Material. Niemand würde ernsthaft erwarten, dass ein Kind all das allein durch Beobachtung oder aus dem Bauch heraus sofort versteht. Warum tun wir dann oft so, als müssten Erwachsene, die in ein neues Land kommen, genau das leisten?

Dabei geht es nicht nur um organisatorische Hilfe. Es geht auch darum, ob Menschen überhaupt die Chance bekommen, das zu üben, was von ihnen erwartet wird – zum Beispiel Sprache. Ich habe das selbst erlebt. Ich hatte nur wenige Monate Zeit zur Vorbereitung und keine Möglichkeit für einen ausführlichen Arabischkurs. Deshalb habe ich mich auf mein Schulenglisch verlassen. Für einfache Situationen hat es gerade so gereicht, darüber hinaus nicht. Denn eine Sprache lernt man nicht nur im Kurs. Man lernt sie im Gebrauch, in der Wiederholung und in der Ermutigung durch andere.

„Ein Zeichen: Du gehörst dazu.“

Ich hatte jahrelang Englisch- und Französischunterricht: Grammatik, Vokabeln, Prüfungen. Als ich im Oman ankam, half mir das zunächst erstaunlich wenig. Ich konnte vieles theoretisch, aber kaum etwas wirklich sagen. Im Gespräch fehlte mir einfach die Übung. Trotz Unterricht war ich erst einmal sprachlos.

Noch deutlicher habe ich das beim Arabischen gemerkt. Meine omanischen Freunde haben mich immer wieder ermutigt, Dinge auf Arabisch zu sagen, auch wenn ich sie falsch ausgesprochen habe. Manche Wörter und Laute haben wir unzählige Male wiederholt, weil ich sie schlicht nicht hinbekommen habe. Aber sie haben nie signalisiert: Dann lass es eben. Im Gegenteil. Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass Fehler kein Beweis des Scheiterns sind, sondern Teil des Lernens. Hauptsache, ich probiere es.

Genau diese Fehlertoleranz erlebe ich in Deutschland oft als schwächer ausgeprägt – besonders beim Sprechen. Viele haben schnell das Gefühl, lieber gar nichts zu sagen, als etwas Falsches. Aber wer Sprache nur unter der Bedingung der Fehlerfreiheit benutzen darf, wird sie im Alltag kaum lernen. Vielleicht beginnt Integration nicht in großen Gesten, sondern in einer selbstverständlichen Zugewandtheit, die niemanden überfordert und doch etwas verändert.

In einer ganz anderen Situation ist mir das ebenfalls deutlich geworden – bei einer omanischen Hochzeit, zu der ich eingeladen war. Ich war aufgeregt und empfand es als große Ehre, dabei sein zu dürfen. Gleichzeitig wusste ich überhaupt nicht, wie alles abläuft.

Ich kam in meiner normalen westlichen Kleidung an und wusste nicht, ob das passend ist. Irgendwann sagte eine Frau zu mir: Ich habe hier eine Abaya für dich. Möchtest du die blaue oder die rote? Es war eine Einladung, keine Pflicht. Später bekam ich sogar ein kleines Krönchen aufgesetzt – kleiner als das der Braut, aber doch ein Zeichen: Du gehörst dazu.

„In Deutschland wird Integration dagegen oft vor allem als Bringschuld beschrieben.“

Ich wusste nicht, wo ich sitzen sollte, ob ich Fotos machen darf, wann man was macht und woran man sich orientiert. Ich war den ganzen Abend angespannt und habe ständig geschaut: Was machen die anderen? Und genau da passierte etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe.

Ich wurde nicht ignoriert, sondern ganz selbstverständlich einbezogen. Es war nicht eine einzelne Person, sondern viele, die mich immer wieder an die Hand genommen haben – Menschen, die ich vorher gar nicht kannte. Sie sagten mir: Jetzt musst du hierhin. Oder: Jetzt gehst du besser dahin. Oder: Das macht man jetzt so. Jeder hat ein kleines Stück dazu beigetragen. Und gerade dadurch lag die Last nicht auf einer einzigen Person.

Für mich war das viel. Es war schön und überfordernd zugleich. Ich war nervös, ich wollte nichts falsch machen – immerhin war es einer der wichtigsten Tage im Leben der Braut. Und gleichzeitig war ich unendlich dankbar, das überhaupt erleben zu dürfen. Vielleicht ist mir genau deshalb dieser Abend bis heute so klar in Erinnerung geblieben.

Vermutlich aber auch, weil sich dort etwas Grundsätzliches gezeigt hat: Man wird nicht zu einem anderen Menschen, nur weil man sich auf etwas Fremdes einlässt. Man verliert weder den eigenen Lebensstil noch die eigenen Gewohnheiten. Man lernt dazu, sammelt neue Erfahrungen und entwickelt sich weiter. Für mich war genau das eine wichtige Erkenntnis. Ich war immer noch ich selbst – aber ich fühlte mich sicherer, mich auf Neues einzulassen und mich in den richtigen Momenten anzupassen.

In Deutschland wird Integration dagegen oft vor allem als Bringschuld beschrieben. Wenn Menschen dann in vertrauten Kreisen bleiben, wird das schnell als mangelnder Wille gedeutet. Dabei ist das erst einmal menschlich. Wer sich unsicher fühlt, sucht Halt dort, wo Anschluss bereits vorhanden ist. Sich in einer neuen Umgebung und in einer fremden Kultur zurechtzufinden, ist anstrengend. Wenn es die Möglichkeit gibt, sich dort zu bewegen, wo vieles vertraut ist, wird sie häufig genutzt.

„Der Blick auf das Kleine lohnt sich. Auf die Momente, die kaum Zeit kosten und trotzdem darüber entscheiden, wie sich ein Land anfühlt.“

Die eigentliche Frage ist deshalb nicht nur, warum Menschen unter sich bleiben, sondern auch, warum eine Gesellschaft, die Integration erwartet, oft zu wenig eigene Zugänge schafft.

Das bedeutet nicht, dass nun jeder in Deutschland stundenlang Integrationsarbeit leisten oder sich gezielt einen Freund mit Migrationsgeschichte suchen müsste. Viele haben genug mit ihrem eigenen Leben zu tun, und das ist eine Realität, die man nicht wegmoralisieren sollte.

Aber genau deshalb lohnt sich der Blick auf das Kleine. Auf die Momente, die kaum Zeit kosten und trotzdem darüber entscheiden, wie sich ein Land anfühlt. Ob man jemanden grüßt. Ob man kurz hilft, wenn jemand sichtbar überfordert ist. Ob man im Treppenhaus nicht sofort genervt reagiert, wenn ein Satz holprig formuliert ist. Ob man jemanden spüren lässt: Du störst hier nicht.

Wo Menschen fast nur unter sich bleiben, gibt es Nähe zum Vertrauten, aber wenig Austausch mit dem, was um sie herum ist. Dadurch fehlt oft die Grundlage für Weiterentwicklung – und letztlich für Integration.

Gerade dieser Austausch ist entscheidend. Nicht, damit am Ende alle gleich werden, sondern damit man überhaupt voneinander mitbekommt, wie der andere lebt, spricht, denkt und reagiert.

Integration entsteht weder allein durch Programme noch allein durch guten Willen. Sie entsteht in den vielen kleinen Situationen dazwischen – dort, wo Menschen sich nicht vollständig aus dem Weg gehen und sich Schritt für Schritt aufeinander einlassen.

Die Verantwortung liegt dabei nicht nur auf einer Seite. Menschen kommen aus unterschiedlichen Gründen in ein anderes Land – manche freiwillig, andere aus Not oder aus Umständen, die sie sich nicht ausgesucht haben. Das macht einen Unterschied. Aber es ändert nichts daran, dass Zusammenleben schwerer wird, wenn beide Seiten dauerhaft auf Abstand bleiben.

„Integration entsteht weder allein durch Programme noch allein durch guten Willen. Sie entsteht in den vielen kleinen Situationen dazwischen.“

Sich auf ein neues Land einzulassen, heißt nicht, die eigene Herkunft aufzugeben. Es heißt, die Wirklichkeit anzuerkennen, in der man lebt – auch wenn man sie sich nicht ausgesucht hat. Und das gilt genauso für die Gesellschaft, in der man ankommt: Auch sie kann diese Realität nicht einfach ausblenden oder rückgängig machen. Entscheidend ist, wie man damit umgeht.

Ich habe das im Oman gelernt. Nicht, dass man sofort vollständig dazugehört oder dass Unterschiede verschwinden. Aber ich konnte mit der Zeit besser mitreden, besser einordnen und besser verstehen, was um mich herum passiert. Und das wiederum hat mir das Gefühl gegeben, weniger fremd zu sein.

Am Ende geht es genau darum: Nicht alle müssen gleich werden. Entscheidend ist, dass man sich in einer Gesellschaft bewegen kann, ohne ständig Angst zu haben, alles falsch zu machen. Meinung

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