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Bundeskanzler Friedrich Merz im Oval Office © Michael Kappeler/AFP

Drecksarbeit, Stadtbild, 80 Prozent

Warum Merz’ Worte mehr sind als bloße Ausrutscher

Friedrich Merz produziert nicht nur peinliche Momente. Seine Aussagen zu Migration, Syrien und Sicherheit verschieben Debatten, bedienen harte Deutungen und zeigen, dass politische Wirkung oft wichtiger ist als spätere Korrekturen.

Dienstag, 07.04.2026, 13:31 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 07.04.2026, 13:31 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ist ein Freund klarer Worte – und schießt bisweilen übers Ziel hinaus. Immer wieder sorgt er mit seinen Äußerungen für kontroverse Debatten und diplomatische Verstimmungen – wie zuletzt mit seiner Ankündigung, dass 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrer binnen drei Jahren in ihr Heimatland zurückkehren sollten. Einfangen lassen sich die verbalen Ausrutscher später nur schwer. Ein Überblick:

Israel erledigt unsere „Drecksarbeit“

Im Juni 2025 begrüßt Merz israelische Angriffe auf iranische Atomanlagen mit den Worten: „Das ist die Drecksarbeit, die Israel macht für uns alle.“ Auf die Frage, ob er seine Wortwahl bedaure, antwortet der Kanzler später: „Nein“. Und er warnt: „Wenn wir die Dinge nicht beim Namen benennen, übernehmen das die Falschen für uns.“

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Rassistische „Stadtbild“-Äußerung

Rassismusvorwürfe hatte sich Merz in der Vergangenheit bereits eingehandelt, als er arabischstämmige Jugendliche als „kleine Paschas“ bezeichnete. Als Kanzler löst er im Oktober 2025 dann mit Äußerungen zu einer nach seiner Auffassung problematischen Auswirkung von Migration auf das „Stadtbild“ eine kontroverse Debatte aus. Kurz darauf legt er noch nach: „Fragen Sie Ihre Kinder, fragen Sie Ihre Töchter, fragen Sie im Freundes- und Bekanntenkreis herum: Alle bestätigen, dass das ein Problem ist – spätestens mit Einbruch der Dunkelheit.“

Später übt er in einer Talkshow Selbstkritik. Er hätte „vielleicht früher sagen sollen“, was er mit dem „Stadtbild“ konkret gemeint habe, sagt der Kanzler Anfang Dezember in der ARD-Sendung „Die Arena“. Er würde dies „heute anders machen“. Kritiker halten fest, dass Merz’ Satz einen von der extremen Rechten gepflegten Topos aufgreift, wonach Migranten eine besondere Gefahr für Frauen seien.

Fauxpas in Brasilien: Lästerei um Belém

In einer Rede beim Handelskongress in Berlin lästert Merz im November 2025 über den Austragungsort der Weltklimakonferenz in Brasilien: Er habe während seines Besuchs der COP30 in Belém die ihn begleitenden Journalisten gefragt, „wer denn gerne in Brasilien bleiben wolle“. Da habe „keiner die Hand gehoben“ und alle seien „froh“ gewesen, „von diesem Ort, an dem wir da waren“, wieder heimzukehren.

In Brasilien werden diese Worte als herablassend und überheblich kritisiert. Während Merz eine Entschuldigung ablehnt, reagiert Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva mit Humor: Wenn Merz im Bundesstaat Pará, dessen Hauptstadt Belém ist, eine Bar besucht, gespeist und getanzt hätte, hätte er die Vorzüge gegenüber Berlin kennengelernt. Im Onlinedienst X kündigt der Kanzler später an, er werde Belém bei seinem nächsten Besuch näher erkunden: „von Tanzschritten über lokale Spezialitäten bis hin zum Regenwald“.

Wirbel um Äußerung zu Syrien-Rückkehrern

Mit Äußerungen zur Rückkehr von Syrerinnen und Syrern sorgt Merz Ende März für Verwirrung. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa sagt er, es sei „auch der Wunsch“ des syrischen Präsidenten, dass in den nächsten drei Jahren 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrer zurückkehren. Tags darauf ergänzt Merz, die „Zahl von 80 Prozent Rückkehrern“ habe al-Scharaa selbst genannt. Doch der syrische Staatschef widerspricht: Die Zahl stamme nicht von ihm, sie sei vom Kanzler genannt worden.

Regierungssprecher Stefan Kornelius sagt dazu am vergangenen Mittwoch in Berlin, es tue „nichts zur Sache, wer welche Zahl in diesem Kontext genannt“ habe. Entscheidend sei, dass sich beide Seiten bei der Notwendigkeit der Rückkehr von Kriegsflüchtlingen einig seien. Er werde nun „keine Textexegese betreiben, welche Worte der Kanzler und welche der Präsident gesagt hat“.

Behauptung über Flüchtlinge beim Zahnarzt

Schon vor seiner Kanzlerschaft hatte Merz mit einer Äußerung über Geflüchtete heftige Kritik ausgelöst. Im September 2023 sagte der damalige CDU-Chef im „Welt-Talk“ mit Blick auf abgelehnte Asylsuchende, diese bekämen „die volle Heilfürsorge“, „lassen sich die Zähne neu machen“ und „die deutschen Bürger nebendran kriegen keine Termine“. Die Aussage sorgte parteiübergreifend für Empörung. Bundesinnenministerin Nancy Faeser sprach von „erbärmlichem Populismus“.

Ärzte- und Zahnärztevertreter widersprachen Merz damals deutlich. Nach dem Asylbewerberleistungsgesetz umfasst die Versorgung grundsätzlich die Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände; Zahnersatz wird nur übernommen, wenn er im Einzelfall medizinisch unaufschiebbar ist. (afp/mig) Aktuell Politik

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