
Ukraine
Warum Menschen trotz Krieg nicht fliehen
Luftalarm, Angriffe, Angst: Für viele Menschen in der Ukraine gehört Gefahr zum Alltag. Dennoch wollen sie nicht fort. Die Bindung an Angehörige, Tiere und Zuhause kann schwerer wiegen als die Aussicht auf Sicherheit.
Von Tetiana Kalitchenko Montag, 26.10.2026, 16:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 26.10.2026, 16:20 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
Meine Schwester steht an der Kasse eines Supermarkts in Kyjiw. Sie will Lebensmittel für ihre Familie kaufen, der Kühlschrank zu Hause ist leer. Plötzlich ertönt der Luftalarm. Der Einkauf muss abgebrochen werden, die Menschen müssen das Geschäft verlassen. Vor Kurzem hat mir meine Schwester von dieser Situation erzählt. Bei solchen Alarmen geht ihr ein Gedanke durch den Kopf: Was, wenn jetzt eine Rakete einschlägt? Wer kümmert sich dann um meine Kinder?
Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in der ukrainischen Hauptstadt. Der ältere Sohn ist bereits erwachsen und verheiratet, der jüngere geht noch zur Schule. Jeden Tag muss die Familie mit der Gefahr eines russischen Angriffs leben. Trotzdem kommt es für meine Schwester nicht infrage, die Ukraine zu verlassen.
Von Deutschland aus erscheint eine solche Entscheidung schwer verständlich. Wenn das eigene Leben bedroht ist, warum bringt man sich nicht in Sicherheit? Diese Frage höre ich immer wieder. Und ich kenne Menschen, deren Geschichten zeigen, wie schwierig die Antwort ist.
Die Erde, die meiner Mutter Kraft gibt
Meine Mutter besitzt seit vielen Jahren ein kleines Grundstück von sechs Ar, etwa 600 Quadratmetern. Dort baut sie Kartoffeln, Gurken und anderes Gemüse an. Sie arbeitet viel und hart, aber sie liebt ihren Garten.
Schon früher haben meine Schwester und ich versucht, sie davon zu überzeugen, dass sich die Mühe wirtschaftlich kaum lohnt. Im Supermarkt könne sie Kartoffeln und Gurken schließlich viel einfacher kaufen. Meine Mutter hatte darauf immer dieselbe Antwort: „Die Erde gibt mir Kraft!“
„Sie kann sich nicht vorstellen, alles zurückzulassen.“
Seit dem Krieg bitte ich sie immer wieder, zu mir nach Deutschland zu kommen. Hier wäre sie in Sicherheit. Sie müsste keine Angst vor Angriffen haben. Doch ihre Antwort bleibt ein entschiedenes Nein. Für meine Mutter ist dieses Stück Land mehr als ein Garten. Es ist ihr Leben, ihre tägliche Arbeit, ein Ort, an dem sie gebraucht wird und der ihr Halt gibt. Sie kann sich nicht vorstellen, das alles zurückzulassen.
Auch in der frontnahen Region Charkiw gibt es Menschen, die trotz ständigen Beschusses bleiben. Eine Frau dort sucht täglich Schutz im Keller. Ihre Tasche mit dem Nötigsten ist längst gepackt. Sie weiß, dass sie jederzeit fliehen müsste. Doch sie hat Tiere, um die sie sich seit Jahren kümmert. Wenn es ganz schlimm kommt, sagt sie, könnte sie wenigstens ihre Ziegen freilassen. Aber was soll aus den Puten werden?
Es mag merkwürdig klingen, angesichts tödlicher Gefahr an Ziegen und Puten zu denken. Doch für diese Frau sind die Tiere nicht einfach Besitz. Sie sind Teil ihres Lebens und ihrer Verantwortung. Wegzugehen bedeutet für sie auch, Lebewesen zurückzulassen, die von ihr abhängig sind.
Zwischen Liebe und Sicherheit
Meine Freundin Viktorija hat lange auf ihren Mann gewartet, der an der Front kämpfte. Als er schwer verletzt zurückkehrte, kümmerte sie sich um ihn. Sie war an seiner Seite, während er langsam wieder auf die Beine kam.
„Ihr Mann ist in der Ukraine, und sie will bei ihm bleiben.“
Ich habe Viktorija eingeladen, wenigstens einige Wochen nach Deutschland zu kommen. Sich auszuruhen, Abstand vom Krieg zu gewinnen, wieder einmal ruhig schlafen zu können. Sie lehnte ab. Ihr Mann ist in der Ukraine, und sie will bei ihm bleiben. Für sie bedeutet das Zusammenleben mit dem Menschen, den sie liebt, mehr als die Aussicht auf einige Wochen Sicherheit.
Die Menschen haben Angst
Niemand sollte glauben, dass Menschen, die bleiben, keine Angst haben. Sie erleben dieselben Angriffe, dieselbe Unsicherheit, dieselbe Erschöpfung. Doch die Entscheidung, zu gehen, würde ihr Leben auf andere Weise zerreißen.
„Ihre Mütter sind in der Ukraine geblieben.“
Und auch diejenigen, die geflohen sind, lassen den Krieg nicht einfach hinter sich. Meine Freundinnen Anna und Olena leben und arbeiten inzwischen in Deutschland. Sie schätzen die Sicherheit und haben sich hier ein neues Leben aufgebaut. Doch ihre Mütter sind in der Ukraine geblieben.
Annas Mutter lebt in einer Stadt nahe der Front, in einem Haus, in das sie über viele Jahre ihre ganze Kraft gesteckt hat. Einmal besuchte sie ihre Tochter in Deutschland. Die lange Busreise und das stundenlange Warten an der polnischen Grenze waren für sie eine große Belastung. Seitdem halten Mutter und Tochter vor allem über tägliche Telefonate Kontakt.
Olena wiederum nutzt ihren Jahresurlaub nicht zur Erholung. Sie fährt mit ihren Kindern in die Ukraine, um ihrer allein lebenden Mutter zu helfen. Während andere Familien in den Ferien verreisen, führt ihr Weg zurück in das Land, aus dem sie geflohen ist.
Diese Frauen leben zwischen zwei Welten. In Deutschland finden sie Sicherheit, Arbeit und Zukunftsperspektiven. In der Ukraine sind Menschen zurückgeblieben, die sie lieben und um die sie sich sorgen.
Warum gehen nicht alle?
Wer aus der Ferne auf den Krieg blickt, sieht zerstörte Häuser, Luftalarm, Stromausfälle und Menschen in Schutzräumen. Es erscheint selbstverständlich, dass jeder, der kann, diesen Gefahren entkommen möchte.
Doch nicht jede Entscheidung ist frei. Manche Menschen können ihre Angehörigen nicht mitnehmen. Andere wollen ihre pflegebedürftigen oder verletzten Familienmitglieder nicht zurücklassen. Wieder andere hängen an ihrem Zuhause, an ihrer Arbeit, an allem, was sie sich über Jahrzehnte aufgebaut haben.
„Es gibt nicht die eine richtige Entscheidung.“
Ich lebe in Deutschland und weiß die Sicherheit hier zu schätzen. Aber ich denke jeden Tag an meine Familie und meine Freundinnen in der Ukraine. Ich wünsche mir, dass sie ohne Angst leben können. Deshalb werde ich meine Mutter wohl weiterhin bitten, zu mir zu kommen. Und wahrscheinlich wird sie mir wieder sagen: „Die Erde gibt mir Kraft.“
Es gibt nicht die eine richtige Entscheidung. Wer flieht, liebt seine Heimat nicht weniger. Und wer bleibt, ist deshalb nicht mutiger oder weniger ängstlich. Die Ukraine wird nicht nur von den Soldaten an der Front gehalten. Sie wird auch von Frauen und ihren Kindern im In- und Ausland gehalten – durch ihre Arbeit, ihre Treue, ihre Unbeugsamkeit und durch tiefste Wurzeln, die man nicht ausreißen kann. (mig) Meinung
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