
Eine Ukrainerin erzählt
„Sicherheit ist noch kein neues Leben.“
Nach ihrer Flucht aus Kiew kommen Tetiana Kalitchenko und ihre Tochter in Norddeutschland an. Was folgt, ist ein langer Weg durch Sprachkurse, Wohnungssuche und Anerkennung - und die Bedeutung helfender Hände.
Von Tetiana Kalitchenko Montag, 12.10.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Samstag, 10.10.2026, 17:25 Uhr Lesedauer: 7 Minuten |
Am 24. Februar 2022 gegen halb sechs Uhr morgens weckte mich ein Anruf. In der Ukraine hatte der Krieg begonnen. Und ich dachte an Steuerberichte.
Das klingt heute absurd. Aber mein Kopf funktionierte noch nach den Regeln meines bisherigen Lebens: Monatsende, Fristen, Buchhaltung. Ich versuchte, das Finanzamt des Bezirks Dnipro anzurufen. Schließlich mussten die Berichte pünktlich eingereicht werden. Niemand hob ab. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff: Die alten Regeln galten nicht mehr.
Ich habe Zahlen schon immer geliebt. Meine Mutter ist Buchhalterin, der Beruf lag mir gewissermaßen in der Wiege. Soll, Haben, Bilanz – Zahlen waren für mich verlässlich. Wenn man die Regeln kennt, hat man die Situation unter Kontrolle. Bis zu diesem Morgen.
Ich hatte in Kiew einen Beruf, den ich liebte, Kolleginnen und Kollegen, die mich schätzten, und ein Zuhause im Stadtteil Lisowyj. Meine Tochter und ich hatten uns dort unser Leben aufgebaut. Noch am 23. Februar hatte ich nach einem geschäftlichen Treffen mein Notizbuch geschlossen und damit gerechnet, am nächsten Morgen wie gewohnt meine Buchhaltung zu öffnen. Wenige Stunden später war nichts mehr wie gewohnt.
Wenn die alten Regeln nicht mehr gelten
Sehr schnell wurde der Kühlschrank leer. Direkt vor unserem Haus entstand ein Kontrollpunkt. Soldaten stapelten Sandsäcke, bis uns der graue Wall beinahe den Horizont versperrte.
Unser Schutzraum war das Badezimmer. Dort saßen meine Tochter und ich auf dem Fliesenboden zwischen Handtüchern und Waschpulver, teilten eine Tüte Chips und versuchten, nicht auf die Explosionen draußen zu hören.
„„Nur bis zum Sommer“, sagte ich zu meiner Tochter.“
Trotzdem wollte ich zunächst bleiben. Als wir schließlich doch unsere Sachen packten, redete ich mir ein, es sei nur vorübergehend. „Nur bis zum Sommer“, sagte ich zu meiner Tochter. „Im Juni trinken wir wieder Tee in unserer Küche.“
Ende März standen wir am Bahnhof Darnyzja. Es war kalt, Hunderte Menschen warteten auf einen Evakuierungszug. Wir fuhren nach Lwiw und legten von dort die letzten Kilometer bis zur polnischen Grenze zu Fuß zurück.
In Przemyśl sah ich ein Meer aus Menschen, Zelte von Freiwilligen und Helferinnen und Helfer, die Essen und heißen Tee verteilten. In einer Schulturnhalle standen Feldbetten dicht nebeneinander. Menschen warteten auf Kleidung und Dinge des täglichen Bedarfs.
„Wir sind Geflüchtete. Wir lebten im 21. Jahrhundert – und standen für eine Zahnbürste an.“
Dort traf mich zum ersten Mal der Gedanke mit voller Wucht: Wir sind Geflüchtete. Wir lebten im 21. Jahrhundert, im Zeitalter künstlicher Intelligenz und technischen Fortschritts – und standen für eine Zahnbürste an, weil Bomben auf unsere Heimat fielen.
Gleichzeitig erlebten wir eine Hilfsbereitschaft, die ich bis heute nicht vergessen habe. Freiwillige versorgten uns, deutsche Unternehmer stellten Fahrzeuge für die Weiterreise bereit. Ein junger Mann aus Kapstadt und eine Frau aus Italien brachten uns schließlich Richtung Deutschland.
Um vier Uhr morgens kamen wir in Hamburg an. Es waren null Grad. Eine Verwandte meiner Mutter nahm uns in Bad Oldesloe nahe Lübeck auf. Plötzlich gab es keine Sirenen mehr, keine Sandsäcke vor dem Fenster, keine Explosionen. Wir waren in Sicherheit. Aber Sicherheit ist noch kein neues Leben.
Zwanzig Quadratmeter Neuanfang
Die ersten Monate bestanden aus Behördengängen, Wohnungssuche und der immer gleichen Frage: Wie geht es weiter?
Zwischendurch gerieten wir in eine kleine Tier-Odyssee. Verwandte aus Charkiw kamen mit mehreren Katzen und einem Hund nach Deutschland. Eine Katze verschwand unterwegs Richtung Dänemark. Wir suchten nach ihr an der deutsch-dänischen Grenze und kamen dabei mit Tierschützern und vielen hilfsbereiten Menschen in Kontakt. Solche Begegnungen halfen uns, in der neuen Umgebung anzukommen.
„20 Quadratmeter. Für andere mag das winzig klingen. Für uns war es ein Stück Freiheit.“
Schließlich fanden meine Tochter und ich eine eigene Wohnung: 20 Quadratmeter. Für andere mag das winzig klingen. Für uns war es ein Stück Freiheit. Nach Wochen in fremden Räumen konnten wir zum ersten Mal wieder eine Tür hinter uns schließen und sagen: Das ist unser Zuhause.
Meine damals 14-jährige Tochter ging auf eine deutsche Schule. Für sie war das Ankommen besonders schwer. Vormittags besuchte sie hier den Unterricht, anschließend nahm sie online am ukrainischen Schulunterricht teil. Sie lebte in zwei Welten gleichzeitig. Trotzdem dieser Herausforderung lernte sie Deutsch bis zum Niveau B2. Für mich begann ein anderer Kampf: Ich wollte zurück in meinen Beruf.
„Sonnenhund“ statt Sonnenhut
Deutsch zu lernen war manchmal zum Verzweifeln – und manchmal ziemlich komisch. Einmal wollte ich von einem Sonnenhut sprechen und sagte „Sonnenhund“. Auch die Wörter Lebenslauf und Lebensmittel sorgten für Missverständnisse, über die wir später lachen konnten. Doch irgendwann wurde mir klar: Wenn ich in Deutschland wieder als Buchhalterin arbeiten wollte, musste ich die Sprache wirklich beherrschen.
Ich wartete auf einen Platz im Integrationskurs, bestand die B1-Prüfung und später B2. Vor allem die Vorbereitung auf B2 brachte mich an meine Grenzen.
„Momente, in denen vor allem Dankbarkeit und Gehorsam erwartet werden und die Sprachbarriere plötzlich zum Machtfaktor wird.“
Zum Glück begegneten mir immer wieder Menschen, die halfen. Meine deutsche Freundin Anja übte stundenlang mit mir Grammatik. Im Bella Donna Haus kamen ukrainische Frauen zusammen, wir organisierten Fitness- und Tanzangebote. Ehrenamtliche, Beraterinnen und andere Helferinnen und Helfer wurden Teil unseres neuen Alltags.
Es gab aber auch andere Erfahrungen. Ich erlebte Situationen, die ich für mich als „Gastgeber-und-Gast-Syndrom“ beschreibe: Momente, in denen vor allem Dankbarkeit und Gehorsam erwartet werden und die Sprachbarriere plötzlich zum Machtfaktor wird.
Für mich war das ein zusätzlicher Antrieb. Ich wollte sprachlich und beruflich wieder auf eigenen Füßen stehen.
Noch einmal Buchhalterin werden
Schließlich bekam ich die Möglichkeit zu einer Weiterbildung zur Steuerfach- und Lohnbuchhalterin. Plötzlich war ich wieder in meiner Welt. Excel, DATEV, Handelsgesetzbuch, Steuerklassen und Lohnabrechnung. Vieles war neu, manches brachte meinen Kopf zum Rauchen. Besonders die deutsche Lohn- und Gehaltsabrechnung verlangte mir einiges ab. Aber Zahlen waren wieder Zahlen.
Gemeinsam mit anderen ukrainischen Frauen arbeitete ich mich durch die Weiterbildung. Wir halfen uns gegenseitig und schlossen mit sehr guten Ergebnissen ab. Damit begann die nächste Herausforderung: einen Arbeitsplatz zu finden.
Ich schrieb Bewerbungen und bekam Absagen. Manche Angebote empfand ich angesichts meiner Berufserfahrung als entwürdigend. Es gab Momente, in denen ich mich fragte, ob mir die Rückkehr in meinen Beruf überhaupt gelingen würde. Dann kam das ersehnte Ja. Heute arbeite ich in der Steuerberatungskanzlei SHHB.
„Schritt für Schritt wurde aus einem fremden Arbeitsplatz mein Arbeitsplatz. Ich war wieder Buchhalterin.“
An meinen ersten Arbeitstag erinnere ich mich noch gut. Meine Kolleginnen und Kollegen schenkten mir Blumen. Eine kleine Geste, die mir viel bedeutete. Ich hatte Angst, etwas nicht zu verstehen oder wegen meines noch immer nicht perfekten Deutsch Fehler zu machen. Doch meine Kolleginnen und Kollegen erklärten mir vieles geduldig. Schritt für Schritt wurde aus einem fremden Arbeitsplatz mein Arbeitsplatz. Ich war wieder Buchhalterin.
Was am Ende in der Bilanz bleibt
Als ich nach Deutschland kam, hatte ich das Gefühl, fast alles verloren zu haben: mein Zuhause, meine Sicherheit, meinen beruflichen Status. Heute sehe ich meine Bilanz anders.
„Am Morgen des 24. Februar 2022 dachte ich noch, eine Bilanz müsse am Ende aufgehen.“
Der Weg war schwer. Es gab Angst, Absagen und Momente, in denen ich nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Aber immer wieder begegneten mir Menschen, die eine Hand reichten: Freiwillige an der Grenze, Menschen in Bad Oldesloe, meine Freundin Anja, Beraterinnen, Lehrer und schließlich meine Kolleginnen und Kollegen.
Materielle Dinge können von einem Tag auf den anderen verschwinden. Das habe ich erlebt. Am Morgen des 24. Februar 2022 dachte ich noch, eine Bilanz müsse am Ende aufgehen. Heute weiß ich: Das Leben ist keine Bilanz – und viel mehr als dass man sie in Zahlen ausdrücken könnte. Meinung
Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.
MiGGLIED WERDEN- Verwaltungsgericht Wiesbaden Baby soll ausreisen, Eltern dürfen bleiben: Richter…
- 25 Prüfungen, 25 Absagen Afghanen-Kurs unter Verdacht: Ignoriert Dobrindt Karlsruhe?
- EU-Außengrenze Ceuta Spanien räumt Flüchtlingslager und spricht von…
- „Wortbruch“ Deutschland kürzt Klimahilfen – und warnt vor Klimaflucht
- Halle-Gedenken Warum AfD-Politiker Tillschneider nicht in die…
- Benjamin Höhne im Gespräch Politologe fordert neue Form der Abgrenzung zur AfD

