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Kiez-Döner in Halle (Saale) © Ronny Hartmann/AFP

Sieben Jahre nach Halle

Zwei Tatorte – und die Erinnerung an eine Holztür

Der Anschlag von Halle ist vor allem als Angriff auf eine Synagoge im Gedächtnis geblieben. Doch nachdem der antisemitische Massenmord scheiterte, griff der Täter gezielt einen Dönerimbiss an. Sein Motiv: Rassismus. Sieben Jahre später erinnern Überlebende daran, dass Antisemitismus und Rassismus zu derselben rechtsterroristischen Tat gehörten.

Mittwoch, 07.10.2026, 16:06 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 07.10.2026, 16:06 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Einen Tag vor dem siebten Jahrestag des rechtsterroristischen Anschlags von Halle beginnt das Gedenken an einem der Tatorte. Am Donnerstag versammeln sich Überlebende, Angehörige und Unterstützer vor dem TEKİEZ in der Ludwig-Wucherer-Straße. In den Räumen befand sich früher der Kiez-Döner, den der Attentäter am 9. Oktober 2019 angriff und in dem er einen 20 Jahre alten Mann erschoss.

„7 Jahre offene Fragen – wir hören nicht auf zu erinnern“ lautet das Motto der Kundgebung. Organisiert wird sie unter anderem von der Soligruppe 9. Oktober, dem TEKİEZ, dem Solidaritätsnetzwerk der Betroffenen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt sowie Halle gegen Rechts. Überlebende des Anschlags von Halle und Wiedersdorf wollen dort sprechen.

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Die Veranstalter nennen die Tat einen „antisemitischen, rassistischen und antifeministischen Anschlag“. Diese Beschreibung ist für sie Teil des Erinnerns. Denn während der Angriff auf die Synagoge zum zentralen Bild des Anschlags geworden ist, tritt der rassistisch motivierte Angriff auf den Dönerimbiss in vielen Rückblicken dahinter zurück.

Der Anschlag endete nicht an der Synagoge

Rückblick: Am 9. Oktober 2019, dem jüdischen Feiertag Jom Kippur, versuchte ein schwer bewaffneter Rechtsextremist, in die Synagoge von Halle einzudringen. 51 Menschen hielten sich dort auf. Der Täter wollte möglichst viele von ihnen ermorden. Doch die verschlossene Tür hielt seinen Schüssen und Sprengsätzen stand. Die Menschen im Gebäude überlebten. Vor der Synagoge erschoss der Täter eine 40 Jahre alte Passantin. Anschließend fuhr er wenige Minuten weiter zum Kiez-Döner.

Der Wechsel des Tatorts war nicht zufällig. Nachdem sein antisemitischer Anschlagsplan gescheitert war, suchte der Täter ein Ziel, an dem er Menschen vermutete, die er als Migranten wahrnahm. Der Dönerimbiss passte in dieses rassistische Weltbild.

Das islamfeindliche Weltbild des Täters

Zu diesem Weltbild gehörte auch Islamfeindlichkeit. In einem kurz vor der Tat im Internet veröffentlichten Text schrieb der Täter, er habe zunächst erwogen, eine Moschee oder ein linkes Zentrum anzugreifen – auch weil er solche Orte für schlechter geschützt hielt. Schließlich erklärte er jedoch Jüdinnen und Juden zu seinem vorrangigen Feind und wählte die Synagoge als Ziel. Den Zeitpunkt hatte er bewusst gewählt: An Jom Kippur hoffte er, dort besonders viele Menschen anzutreffen.

Ein Vorbild für seine Tat war der rechtsextreme Massenmörder von Christchurch. Dieser hatte am 15. März 2019 während des Freitagsgebets zwei Moscheen in der neuseeländischen Stadt angegriffen und 51 Menschen ermordet. Den Angriff übertrug er live ins Internet.

Antisemitismus und Islamfeindlichkeit standen in diesem Weltbild nicht getrennt nebeneinander. Der Täter verbreitete die rechtsextreme Verschwörungserzählung, Juden seien für muslimische Einwanderung nach Europa verantwortlich. Sein Judenhass verband sich demnach unmittelbar mit der Ablehnung von Muslimen und Migration.

Halle – und Wiedersdorf

Dieses Weltbild bestimmte auch den weiteren Verlauf des Anschlags in Halle. Am Kiez-Döner warf der Täter einen Sprengkörper und schoss in und vor dem Lokal. Einen 20 Jahre alten Gast ermordete er, weitere Menschen entkamen. Das Oberlandesgericht Naumburg verurteilte ihn später wegen dieses Mordes sowie wegen versuchten Mordes an Gästen und Beschäftigten des Imbisses. Für den Angriff auf die Synagoge wurde er in 51 Fällen des versuchten Mordes schuldig gesprochen.

Auf seiner Flucht setzte der Täter die Gewalt fort. In Wiedersdorf im Saalekreis schoss er auf zwei Menschen und verletzte sie schwer. Betroffeneninitiativen sprechen deshalb heute häufig vom Anschlag von „Halle und Wiedersdorf“.

Mehr als ein „Synagogenanschlag“

Überlebende und Nebenkläger machten bereits im späteren Strafprozess deutlich, dass sie die verschiedenen Motive nicht voneinander getrennt sehen wollen. In einer gemeinsamen Erklärung beschrieben sie das Weltbild des Täters als geprägt von Antisemitismus, Rassismus, Islamfeindlichkeit und Frauenfeindlichkeit. Angegriffen worden seien Menschen, die in dieses Weltbild nicht passten.

Die Überlebenden wenden sich damit zugleich gegen eine Konkurrenz der Opfergruppen. Es gehe nicht darum, den Angriff auf den Dönerimbiss gegen den versuchten Massenmord in der Synagoge aufzurechnen. Es geht darum, die gesamte Tat zu erinnern.

Der Dönerimbiss als Erinnerungsort

Diese Auseinandersetzung hat inzwischen einen festen Ort. Aus dem früheren Kiez-Döner wurde das TEKİEZ. Überlebende und Unterstützer haben die Räume als Ort der Erinnerung, Begegnung und Solidarität erhalten. Dass das selbstorganisierte Gedenken zum siebten Jahrestag gerade dort beginnt, ist deshalb auch eine politische Botschaft: Der rassistische Teil des Anschlags soll nicht aus der Erinnerung verschwinden.

Rachel Spicker von der Soligruppe 9. Oktober und der Mobilen Opferberatung Sachsen-Anhalt hat sich wiederholt mit dieser Erinnerung beschäftigt. Nach ihrer Analyse prägen bis heute vor allem zwei Bilder die öffentliche Erzählung über Halle: der fehlende Polizeischutz der Synagoge und die Tür, an der der Täter scheiterte. Beide gehören zur Geschichte des Anschlags. Sie erzählen aber nicht die ganze Geschichte. Denn als die Tür der Synagoge standhielt, war die Gefahr für die Menschen in Halle nicht vorbei. Der Täter setzte seine Tat fort, wählte ein neues Ziel und tötete weiter.

Gegen eine verkürzte Erinnerung

Auch außerhalb Halles greifen Initiativen diese Perspektive zum Jahrestag auf. In Berlin lädt die Initiative „Antisemitismus und Rassismus gemeinsam bekämpfen“ am 8. Oktober zu einer Gedenkkundgebung ein. Sie erinnert sowohl an den Angriff auf die Synagoge als auch an den Kiez-Döner und warnt ausdrücklich davor, Antisemitismus und Rassismus gegeneinander auszuspielen.

Am 9. Oktober gedenkt auch die Stadt Halle der Opfer. Sie bezeichnet die Tat als „antisemitisch und rassistisch motivierten Terroranschlag“. Kränze sollen sowohl vor der Synagoge als auch am früheren Kiez-Döner niedergelegt werden. Um 12 Uhr beginnt das stille Gedenken an der Synagoge, um 12.03 Uhr folgt eine Schweigeminute. Weitere Veranstaltungen schließen sich an.

Ein- und dasselbe Weltbild

Die Synagoge erinnert an einen geplanten antisemitischen Massenmord, der nur knapp verhindert wurde. Der frühere Kiez-Döner erinnert daran, dass der Täter danach gezielt Menschen aus rassistischen Motiven angriff und einen von ihnen ermordete.

Sieben Jahre nach dem Anschlag kämpfen Überlebende noch immer dafür, beides zusammenzudenken. Nicht, um eine Form des Hasses gegen eine andere abzuwägen. Sondern weil erst die vollständige Geschichte erkennen lässt, wie rechter Terror funktioniert: Er kann unterschiedliche Feindbilder haben – und sich dennoch aus demselben menschenverachtenden Weltbild speisen. (mig) Aktuell Panorama

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