
„Japanese First“
Japan verschärft Migrationskurs trotz Arbeitskräftemangel
Bevölkerungsschwund und Alterung verschärfen den Personalmangel in Japan. Trotzdem erhöht die Regierung die Anforderungen für einen dauerhaften Aufenthaltsstatus. Besonders die Einkommensregeln und die drastisch gestiegene Antragsgebühr sorgen für Kritik.
Mittwoch, 07.10.2026, 14:57 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 07.10.2026, 14:57 Uhr Lesedauer: 6 Minuten |
Migration wird auch in Japan zunehmend zum politischen Streitthema. Obwohl die alternde Gesellschaft dringend auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen ist, verschärft die Regierung von Ministerpräsidentin Sanae Takaichi die Bedingungen für Menschen, die dauerhaft im Land bleiben wollen. Seit Anfang Oktober gelten schrittweise strengere Anforderungen für eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis. Kritiker warnen, Japan erschwere damit ausgerechnet jenen Menschen die Integration, die längst im Land leben und arbeiten.
Wer dauerhaft in Japan bleiben will, muss künftig unter anderem ein Einkommen nachweisen, das über dem Durchschnitt vergleichbarer japanischer Haushalte liegt. Hinzu kommen Anforderungen an die Altersvorsorge, alltagstaugliche Japanischkenntnisse und Kenntnisse gesellschaftlicher Regeln. Zugleich wurde die Gebühr für einen Antrag auf dauerhaften Aufenthalt zum 1. Oktober von 10.000 auf 200.000 Yen (von aktuell etwa 55 Euro auf 1.130 Euro) erhöht.
Vor einer Einwanderungsbehörde in Tokio hatten deshalb noch kurz vor der Erhöhung Hunderte Menschen versucht, ihre Anträge einzureichen. Unter ihnen war der 22-jährige, in den USA geborene Student Yujie Chono, der seit zehn Jahren in Japan lebt. Er sagte der Nachrichtenagentur AFP, Japan müsse wegen seiner niedrigen Geburtenrate und der alternden Bevölkerung Menschen aus dem Ausland aufnehmen. Zugleich könne er nachvollziehen, dass die Veränderungen in Teilen der Bevölkerung Sorgen auslösten.
Immer mehr Menschen aus dem Ausland
Tatsächlich verändert sich Japan. Ende 2025 lebten nach Angaben der Einwanderungsbehörde rund 4,13 Millionen ausländische Staatsangehörige im Land – 9,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor und so viele wie nie zuvor. Auch die Zahl ausländischer Beschäftigter erreichte mit rund 2,57 Millionen einen Rekord. Besonders viele von ihnen stammen aus Vietnam, China und den Philippinen.
Gemessen an anderen Industriestaaten bleibt der Anteil der eingewanderten Bevölkerung dennoch vergleichsweise gering. Zugleich ist Japan besonders stark mit den Folgen des demografischen Wandels konfrontiert. Die Bevölkerung schrumpft, der Anteil älterer Menschen steigt, Unternehmen finden in vielen Branchen kaum noch Beschäftigte. Die OECD spricht von schweren Arbeitskräfteengpässen. Ohne Veränderungen bei Zuwanderung und Erwerbsbeteiligung könnte die japanische Erwerbsbevölkerung bis zum Ende des Jahrhunderts drastisch zurückgehen.
Japan hat darauf in den vergangenen Jahren durchaus mit mehr Arbeitsmigration reagiert. Neue Aufenthaltsprogramme ermöglichen Beschäftigung etwa in Pflege, Gastronomie, Landwirtschaft, Bau oder Verkehr. Für hochqualifizierte Fachkräfte gibt es erleichterte Zugangswege. Dauerhafte Niederlassung blieb jedoch vergleichsweise schwierig. Die OECD bezeichnete die Voraussetzungen für einen dauerhaften Aufenthalt bereits vor der jüngsten Verschärfung als streng.
Arbeitskräfte willkommen – Einwanderung umstritten
Besonders deutlich wird der Widerspruch beim Umgang mit geringer qualifizierten Arbeitskräften. Jahrzehntelang setzte Japan auf ein sogenanntes technisches Praktikantenprogramm. Offiziell sollte es Menschen aus anderen Ländern berufliche Fähigkeiten vermitteln. Tatsächlich entwickelte es sich zu einem wichtigen Instrument, um Arbeitskräfte für Branchen mit Personalmangel zu gewinnen.
Menschenrechtsorganisationen und Fachleute kritisierten das System wiederholt. Beschäftigte seien stark von ihren Arbeitgebern abhängig gewesen; dokumentiert wurden unter anderem zu niedrige Löhne, überlange Arbeitszeiten und Schwierigkeiten beim Wechsel des Betriebs. Das Parlament beschloss deshalb 2024, das Programm durch ein neues System zu ersetzen. Dieses soll ab 2027 stärker auf Beschäftigung und Qualifizierung ausgerichtet sein und Wechsel zwischen Arbeitgebern erleichtern.
Während die Wirtschaft immer stärker auf Zuwanderung angewiesen ist, hat sich die politische Debatte verschärft. Bei der Oberhauswahl 2025 gewann die nationalistische Sanseito-Partei deutlich hinzu. Sie trat mit dem Slogan „Japanese First“ an und bezeichnete Einwanderung im Wahlkampf als „stille Invasion“. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters gewann die bis dahin kleine Partei 14 zusätzliche Sitze.
Auch in sozialen Netzwerken verbreiten sich einwanderungsfeindliche Botschaften. Dabei kursieren nach AFP-Recherchen unter anderem falsche Behauptungen, Menschen aus dem Ausland erhielten einen unverhältnismäßig großen Teil der Sozialleistungen oder machten Japan unsicherer.
Ministerpräsidentin Takaichi von der regierenden Liberaldemokratischen Partei greift die Sorgen über die steigende Zahl ausländischer Einwohner auf. Teile der Bevölkerung empfänden „Unbehagen“ und ein Gefühl mangelnder Fairness, erklärte sie. Ihre Regierung wirbt für eine „geordnete Koexistenz“ mit ausländischen Staatsangehörigen. Anfang 2026 verabschiedete das Kabinett dazu ein umfangreiches Maßnahmenpaket, das Aufnahme und Integration ebenso regeln soll wie eine strengere Kontrolle des Aufenthaltsrechts.
Kritik an neuen Hürden
Migrationsorganisationen halten Teile dieses Kurses für überzogen. Das landesweite Netzwerk Solidarity Network with Migrants Japan wandte sich im August ausdrücklich gegen die Verschärfung der Regeln für den dauerhaften Aufenthalt. Die Anforderungen an Einkommen, Rente und Sprachkenntnisse könnten vielen Menschen, die seit Jahren in Japan lebten, den dauerhaften Aufenthaltsstatus faktisch verwehren, kritisierte die Organisation. Mehrere zivilgesellschaftliche Organisationen, darunter die japanische YWCA und das Japan International Volunteer Center, schlossen sich der Erklärung an.
Kritiker bemängeln insbesondere, dass ein überdurchschnittliches Haushaltseinkommen nicht zwingend erforderlich sei, um dauerhaft selbstständig für den eigenen Lebensunterhalt sorgen zu können. Auch die Anforderungen an die künftige Rente könnten Menschen benachteiligen, die erst später im Leben nach Japan gekommen seien oder zeitweise geringere Einkommen hatten.
Aus der Wirtschaft kommen ebenfalls Forderungen nach einer offeneren Politik. Die Wirtschaftszeitung „Nikkei“ forderte zuletzt, Japan dürfe Menschen aus dem Ausland nicht lediglich als vorübergehend benötigte Arbeitskräfte betrachten. Stattdessen müsse das Land dauerhafte Niederlassung fördern, Sprachförderung ausbauen und die Lebens- und Arbeitsbedingungen verbessern.
Restriktiv auch bei Asyl
Noch restriktiver ist traditionell Japans Umgang mit Asylsuchenden. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben der Einwanderungsbehörde 11.298 Asylanträge gestellt. 187 Menschen wurden als Geflüchtete im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention anerkannt. Weitere 474 erhielten ergänzenden Schutz und 525 durften aus humanitären Gründen bleiben.
Menschenrechtsorganisationen kritisieren das japanische Asyl- und Abschiebungssystem seit Jahren. Human Rights Watch bezeichnet das Anerkennungssystem als stark gegen die Gewährung von Flüchtlingsschutz ausgerichtet. Amnesty International bemängelt unter anderem die Möglichkeit langwieriger Abschiebehaft. Seit einer Gesetzesänderung kann unter bestimmten Voraussetzungen zudem bei wiederholten Asylanträgen eine Abschiebung erfolgen, obwohl erneut Schutz beantragt wurde. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR sieht darin Risiken für den international geltenden Grundsatz, Menschen nicht in Staaten zurückzuschicken, in denen ihnen Verfolgung oder schwere Gefahren drohen.
Damit steht Japan vor einem Dilemma, das auch aus europäischen Einwanderungsdebatten bekannt ist: Die Wirtschaft braucht zusätzliche Arbeitskräfte und die Bevölkerung altert – gleichzeitig wächst der politische Druck, Migration stärker zu begrenzen und dauerhaftes Bleiben an höhere Hürden zu knüpfen.
Der Student Chono, der in Tokio stundenlang für seinen Antrag anstand, sieht darin einen Stimmungswechsel. In den vergangenen Jahren habe es einen starken Impuls für mehr kulturelle Vielfalt gegeben, sagte er AFP. Dieser Schwung sei inzwischen ins Stocken geraten. Zugleich sei für ihn klar: Japan brauche junge Menschen, die seine Zukunft mittragen. (mig) Aktuell Ausland
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