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Die Tür der Synagoge in Halle (Archivfoto)

Synagoge & Döner-Imbiss

Halle gedenkt des Anschlags vor drei Jahren

Vor genau drei Jahren erschoss der Rechtsterrorist Stephan B. in Halle an der Synagoge und beim Döner-Imbiss zwei Passanten. Politiker warnten beim Gedenken am Sonntag eindringlich vor Rassismus und Antisemitismus.

Sonntag, 09.10.2022, 17:08 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 10.10.2022, 16:12 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Um genau 12:03 Uhr am Sonntag standen große Teile des öffentlichen Lebens in Halle für gut eine Minute still. Zum dritten Mal jährte sich der Anschlag auf die Synagoge und auf den Döner-Imbiss, bei der am 9. Oktober 2019 – am jüdischen Feiertag Jom Kippur – der Rechtsterrorist Stephan B. versuchte, in das jüdische Gotteshaus einzudringen. Als ihm dies misslang zog er weiter zum Döner-Imbiss. Er erschoss zwei Passanten, Jana L. und Kevin S. Der Sonntag in Halle stand im Zeichen des Gedenkens an die beiden Getöteten und die vielen Betroffenen.

Busse und Straßenbahnen stoppten zum Tatzeitpunkt für rund eine Minute, die Fahrgäste wurden per Lautsprecherdurchsagen informiert. In der gesamten Stadt wurden zudem die Kirchenglocken geläutet. Zur gleichen Zeit begann im Hof der Synagoge eine Gedenkfeier, an der neben Vertretern der jüdischen Gemeinde auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff und Innenministerin Tamara Zieschang (beide CDU) sowie Halles Bürgermeister Egbert Geier (SPD) teilnahmen.

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„Der Anschlag war eine Zäsur und hat unser Land verändert“, sagte Haseloff in seiner Ansprache. „Es gab eine Zeit vor und gibt eine Zeit nach dem 9. Oktober 2019.“ Der Ministerpräsident warnte davor, den Anschlag als Tat eines isolierten Einzelgängers zu betrachten. Er sei vielmehr Ausdruck einer unter Rechtsextremen verbreiteten Judenfeindschaft.

Motiv: Antisemitismus und Islamfeindlichkeit

Haseloff warnte zudem eindringlich vor den Gefahren, die von rassistischen und fremdenfeindlichen Einstellungen ausgingen und rief zu einem Klima der Toleranz und gegenseitigen Achtung auf. „Wir alle tragen Verantwortung für uns selbst, für unsere Handlungen und Unterlassungen, aber vor allem für unsere Mitmenschen.“ Die Frage, ob sich die Schoah wiederholen könnte, solle man nicht leichtfertig mit „Nein“ beantworten. „Die Firnis der Zivilisation ist sehr dünn“, sagte der Ministerpräsident.

Der Täter hatte sich in seinen Aussagen ausdrücklich auf den Attentäter von Christchurch (Neuseeland) bezogen, der bewaffnet zwei Moscheen gestürmt und wahllos Muslime erschossen hatte. Auch er habe islamfeindliche Motive gehabt und eigentlich eine Moschee stürmen wollen, habe sich dann aber umentschieden und die Synagoge angegriffen. Das anschließende Aufsuchen der türkisch-muslimisch gelesenen Döner-Imbiss war demnach kein Zufall.

Scholz: „Nie wegschauen.“

Auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) meldete sich am Sonntag anlässlich des Gedenkens zu Wort. „Dieser Jahrestag mahnt uns, nie wegzuschauen“, schrieb der Kanzler auf Twitter: „Wir gedenken der Opfer und bekräftigen, Rechtsextremismus in jeder Form entschlossen zu bekämpfen.“

Während der Gedenkveranstaltung stellte die Künstlerin Lidia Edel ein von ihr gestaltetes Kunstwerk vor, bei dem ein Eichenstamm in Form einer Hand die Tür umfasst, die vor drei Jahren den Attentäter vor dem Eindringen in die Synagoge hinderte. Die beiden Einschusslöcher sind deutlich zu erkennen.

Täter lebenslänglich hinter Gittern

Halles Bürgermeister Egbert Geier griff dieses Symbol in seiner Ansprache auf. Die Tür als Bollwerk habe damals Menschenleben gerettet. „Die Antwort auf dieses schreckliche Verbrechen darf aber nicht Abschottung heißen“, so der Bürgermeister. Im Gegenteil: „Wir brauchen offene Türen.“ Die Türen des Döner-Imbisses indes mussten nach langem Kampf der türkeistämmigen Inhaber schließen. Sie hatten mangelnde Unterstützung vonseiten der Stadt beklagt und Insolvenz beantragt.

Der Anschlag in Halle hatte vor drei Jahren erneut eine Debatte über die Sicherheit jüdischer Gemeinden in Deutschland entfacht. An vielen Orten wurden Vorkehrungen verstärkt. Der Attentäter von Halle wurde vom Oberlandesgericht Naumburg im Dezember 2020 zu einer lebenslangen Haftstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. (epd/mig)

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