
Ort der Hilfe
Angezündet, bedroht, weitergemacht: Die Social Kitchen von Chios
Als Gastwirt Kostas Tanainis 2015 begann, Geflüchtete auf Chios mit Essen zu versorgen, ahnte er nicht, wie weit der Widerstand dagegen gehen würde: 2020 brannte das Lagerhaus seiner Hilfsorganisation, ein Fall von Brandstiftung. Heute zieht er Bilanz: über Solidarität, Hass und eine griechische Insel im Ausnahmezustand.
Von Paul-Philipp Braun Mittwoch, 30.09.2026, 12:19 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 30.09.2026, 12:21 Uhr Lesedauer: 6 Minuten |
Hier herrscht Schönheit. Während das Meer hellblau glitzert und Menschen es sich auf den Sonnenliegen am aufgeschütteten Sandstrand bequem gemacht haben, rennen einige Meter weiter hinten die Kellnerinnen und Kellner hin und her. Sie tragen Gemüse, Pommes, Fleisch und Fisch. Vor allem Fisch ist hier gefragt, im Restaurant Oasis im Örtchen Karfas auf Chios.
Doch das Oasis war nicht immer ein solcher Ruhepol, wie der Name es besagt. Wirt Kostas Tanainis erinnert sich an andere Zeiten. An jene, da die Schlösser zum Restaurant mit Silikon verklebt waren, man ihm Müll an seinen Strandabschnitt gekippt hatte oder die Terrasse, auf der eigentlich Gäste bewirtet werden, mit Katzenkadavern vollgelegt war. Das alles ist inzwischen recht lange her. Kostas Tanainis habe es stärker gemacht, sagt er rückblickend. Damals, Ende der 2010er-Jahre, war es dennoch eine Belastungsprobe..
Die eigene Fluchtgeschichte treibt an
Doch ganz zum Anfang. Alles begann mit ein paar Booten. In Karfas, wo die türkische Küste nur etwas mehr als sieben Kilometer weit entfernt ist, landeten 2015 die ersten Flüchtlingsboote an. Kostas Tanainis erinnert sich genau an diese Tage. Auch, weil sie in ihm ein Déjà-vu erweckten: „Meine Großeltern kamen nach ihrer Flucht zunächst auf Lesbos an und ließen sich erst später auf Chios nieder. Als nun wieder Menschen auf der Flucht hier ankamen, stand für mich sofort fest, dass man ihnen helfen muss.“ Während Tanainis über die Fluchtgeschichte seiner Familie im Rahmen des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustauschs spricht, stehen ihm die Tränen in den Augen. Bis heute sind die Entwicklungen nach dem Griechisch-Türkischen Krieg (1919-1922) und der sogenannten „Kleinasiatischen Katastrophe“ für viele Griechinnen und Griechen ein Wundmal im kollektiven Gedächtnis. Für Kostas sind sie aber auch ein Mahnmal: „Ich habe schon als Kind begriffen, dass wir alle irgendwie Flüchtlinge sind — oder von solchen abstammen.“
Es sei ihm daher ein inneres Bedürfnis gewesen, nach besagtem Déjà-vu sich an der Versorgung der Menschen zu beteiligen: „Aber ich bin Restaurantbesitzer und Koch, wie sollte ich helfen?“ Zunächst kochte er gemeinsam mit Freunden und Einheimischen zweimal pro Woche in einem großen Garten in der Stadt Chios für die Menschen in den Quarantäne- und später dann Flüchtlingslagern. „Aber die Töpfe waren zu klein, selbst für die anfänglichen wenigen Portionen, die wir machten. Wir brauchten also größere Töpfe und mehr Platz“, erinnert sich der heute 65-Jährige an die Zeit vor mehr als zehn Jahren. Kurz darauf machte er die private Kochgemeinschaft offiziell — gemeinsam mit dem Briten Iffty Patel, mit dem er die Organisation zusammen gründete. Er gründete die „Social Kitchen Chios“, scharrte Gleichgesinnte um sich und öffnete ein Lagerhaus in der Inselhauptstadt. „Es war egal, ob du links, konservativ oder liberal warst — Hauptsache wir konnten den Menschen in Not gemeinsam helfen.“
Geschäftsmann zwischen den Stühlen
Von da an ging es steil bergauf. Immer mehr Freiwillige sammelten sich, um die steigende Zahl an Menschen in den Camps auf der Insel mit Essen zu versorgen. „Wir hatten hier Teams aus der ganzen Welt. Es kamen Menschen aus Australien und Korea, Deutschland und auch einige aus Griechenland“, erinnert der Gastwirt sich. Doch die Griechen selbst waren vor allem zu Anfang gern bereit zu helfen. Je mehr Geflüchtete sich den Weg über das Mittelmeer kämpften, umso mehr wurden sie attackiert. Das Land, das seit Jahren von einer Krise in die nächste zu steuern scheint — von der gerade halbwegs überstandenen Wirtschaftskrise in die Flüchtlingsthematik und dann in die Corona-Pandemie — zeigte sich den Menschen in Not immer weniger aufgeschlossen. Das spürte auch Kostas Tanainis. „Ich befand mich auf einmal zwischen den Stühlen. Zum einen habe ich hier die Menschen, die ankamen, unterstützt, zum anderen war ich auf einmal von anderen Geschäftsmännern umgeben, die davon gar nicht begeistert waren und die Flüchtlinge für den Einbruch von Tourismus und Wirtschaft auf unserer Insel verantwortlich machten.“
Brandanschläge und ein rechter Mob
Die verbale Ablehnung schlug zunehmend in Aggression um. In der Nacht vom 2. auf den 3. März 2020 erreichte diese ihren vorläufigen Höhepunkt. Unbekannte steckten das Lagerhaus der Organisation in Brand. Die Polizei bestätigte Brandstiftung, ermittelte aber keine Tatverdächtigen. Auch nicht für den zeitgleichen Versuch, das Auto freiwilliger Helfer vor dem Lagerhaus anzuzünden. Kostas Tanainis macht heute „Faschisten“ dafür verantwortlich. Parallel mehrten sich die Angriffe auf Helfende auf allen ostägäischen Inseln, zu denen neben Chios auch Lesbos und Samos gehören. Zeitgleich mit dem Brand auf Chios war das Schiff der Menschenrechtsorganisation Mare Liberum im Hafen von Skala Loutron auf Lesbos von einem mutmaßlich rechten Mob belagert und mit Benzin begossen worden.
Für Kostas Tanainis sind die Geschehnisse dieser Zeit bis heute unerklärlich. „Wieso kann man Menschen so hassen?“, fragt der Gastwirt, während er auf der Terrasse seines Lokals sitzt. Für ihn und seine Mitstreiter seien diese Angriffe aber auch ein Ansporn gewesen, weiterzumachen und sich zu engagieren. „Wir haben also ein neues Lagerhaus gesucht, gefunden und die Menschen mit dem Lebensnotwendigen versorgt“, sagt Tanainis. Bis zu 1500 Essen gingen zu diesem Zeitpunkt aus der sozialen Küche an die verschiedenen Einrichtungen für Geflüchtete auf der Insel. Parallel verteilten sie Kleidung und Trockennahrung wie Nudeln oder Mehl. Zwischenzeitlich hatte sich das Team der Social Kitchen verändert. Nicht nur ausländische und griechische Freiwillige engagierten sich, auch eine Gruppe von Geflüchteten beteiligte sich selbst an den Kochaktionen. „Damit hatten die Leute etwas zu tun und haben selbst etwas Sinnvolles gemacht“, resümiert Kostas Tanainis heute. Einige von ihnen arbeiteten auch im Restaurant Oasis in der Küche und kochten dort für Einheimische und Touristen. „Es war eine gute Zeit, die uns allen gezeigt hat, was man machen kann, wenn man möchte und an einem Strang zieht“, erzählt der Wirt.
Geas und Pushbacks lassen Zahlen sinken
In den vergangenen Monaten nimmt die Zahl der Geflüchteten auf die ägäischen Inseln stetig ab. Eine strengere Rückführungspolitik, Küstenwacheinsätze vor den griechischen Inseln, aber auch das seit Juni 2026 gültige Gemeinsame Europäische Asylsystem (Geas) führen nach Aussagen des griechischen Migrationsministeriums zu immer weniger Ankünften von Booten auf den Inseln. Hinzu kommen illegale Pushbacks, von denen Organisationen wie die NGOs Lighthouse Reports und Mare Liberum immer wieder berichten.
Zudem ist das aktuelle Flüchtlingscamp auf Chios, untergebracht in einer ehemaligen Aluminiumfabrik, seit 2022 als CCAC, also als „Geschlossenes, kontrolliertes Zugangszentrum“ eingestuft, was externen Organisationen die Arbeit nur noch unter hohen Auflagen ermöglicht. Die Versorgung wird durch staatliche Stellen und professionelle Cateringunternehmen sichergestellt. „Wir haben daher mit der Social Kitchen unsere Aktivität inzwischen ganz zurückgefahren. Ich widme mich nun wieder nur meinem Geschäft und behalte die Menschen, mit denen ich zu tun hatte, in wirklich guter Erinnerung“, sagt Kostas Tanainis und erzählt, dass er einige von ihnen an deren neuem Wohnort besucht habe. Er sei in der vergangenen Zeit immer wieder mal in Belgien, den Niederlanden und Deutschland gewesen, um sich dort mit seinen einstigen Schützlingen zu treffen. Einige hätten inzwischen eine Familie gegründet, alle würden in ihrer neuen Heimat arbeiten und sich ein Leben aufbauen, so wie Tanainis’ Familie nach ihrer Flucht aus Kleinasien. (mig) Aktuell Panorama
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